3. Wehrli von Küttigen AG, ab Ende 16. Jahrhundert, Handwerker und Grossbauernfamilie

Mit der Sippe meiner Grossmutter väterlicherseits kam ich anlässlich einer „Benker-Zusammenkunft“ in Kontakt. Am Sonntag, den 20. Mai 1984 traf sich die Nachkommenschaft von Rudolf und Anna Wehrli-Hofer im Gasthof zum Kreuz in Küttigen AG.

Heimatberechtigt sind die Wehrli-Vorfahren in Küttigen AG. Der Name Wehrli ist eine Verkleinerungsform von Wern(h)er. Im Althochdeutschen hiess der Name Warinheri, Werinher. Werinher war ein Beiname für «einen tüchtigen Krieger». (1)

3.1. Herkunft

3.1.1. Das Dorf

Küttigen ist eine politische Gemeinde im Bezirk Aarau AG. Die Gemeinde besteht aus zwei Ortsteilen: aus der Hauptsiedlung Küttigen (414 m ü M) und dem Ortsteil Rombach. Küttigen liegt nördlich des Kantonshauptortes Aarau in einer Juramulde zwischen der Aare und dem Jurahauptkamm. Von hier aus führen die Pässe Benken (674 m ü M) und Staffelegg (621 m ü M) über die Jurakette. Küttigen hat sich im letzten Jahrhundert von einem Bauerndorf zu einer der grössten Vorortsgemeinde der Stadt Aarau entwickelt. Ende Dezember 2017 hatte die Gemeinde 6086 Einwohner. Der Ausländeranteil betrug 15,6 %. Küttigen besitzt eine alte Kirche. «Die Kirche Kirchberg wird erstmals 1036 erwähnt. Sie befindet sich rund einen Kilometer südöstlich des Dorfzentrums auf dem Kirchberg, einem Hügelsporn in der Nähe des Ufers der Aare. Der Kirchturm ist im romanischen Stil erbaut und stammt noch aus dem Hochmittelalter. Das Kirchenschiff und der Chor sind beide um 1500 im spätgotischen Stil entstanden.» (2) Früher war das Gemeindewappen eine gelbe Quitte (schweizerdeutsch: Chüttene) mit grünen Blättern auf weissem Grund. 1948 wurde das Wappen durch das historische Wappen der Herren von Kienberg ersetzt: «Schrägrechts geteilt von Schwarz mit weissem Schräglinksbalken und von Gelb.» (3) Besonderheiten von Küttigen sind u.a. der Küttiger Rebberg an einem Südhang gelegen. Dieser ist vor allem mit Blauburgunder und Risling-Silvaner-Reben bestockt. Daneben geniessen die «Küttiger-Chaise», ein robuster grosser Korbwagen, von dem später noch die Rede sein wird, und das «Küttiger-Rüebli» Bekanntheit über die Gemeindegrenze hinaus. «Das Rüebli hat eine Urform , die sich deutlich von den andern Karotten unterscheidet. Es ist leicht gelblich-elfenbeinfarbig und nach unten konisch.» (4)

3.1.2. Geschichte

Funde aus der Jungsteinzeit und der Bronzezeit lassen darauf schliessen, dass die Umgebung von Küttigen schon früh besiedelt war. Überreste einer grossen römischen Villa und eine Münze südlich der Kirche weisen daraufhin, dass der Gutshof in der zweiten Hälfte des 1. bis Ende des 3. Jahrhunderts bewohnt war. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Chutingun 1036. Der Ortsnamen stammt aus dem althochdeutschen Kuttingun und deutet auf eine alemannische Siedlung hin. Der Name heisst «bei den Leuten des Kutto». «1277 errichteten die Herren von Kienberg oberhalb der Benkerklus auf dem Egg-Grat die Burg Königstein, von der nur wenige Überreste erhalten geblieben sind. Von der Burg aus verwalteten sie ihre kleine Vogtei, die neben Küttigen auch Erlinsbach umfasste. Von 1335 bis 1535 war das Dorf im Besitz des Johanniterordens, bis die Ordensbrüder von der Stadt Bern zum Verkauf gezwungen wurde.» (5) Küttigen war nun ein Teil des Berner Aargaus und Untertanengebiet. 1528 führten die Berner die Reformation ein. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde an den Berghängen Gips und Alabaster abgebaut. Ab 1780 wurde am Hungerberg nach Bohnerz gegraben. Das Eisenbergwerk Küttigen bestand bis 1826. Nach dem Untergang der Alten Eidgenossenschaft und der Helvetischen Republik kam Küttigen 1803 zum neugegründeten Kanton Aargau. (6)

3.2. Lebensdaten der Wehrli – Angehörigen

Meine Cousine 3. Grades Anna Käser-Wehrli (frühere Gemeindeangestellte) hat mir einen Stammbaum der Wehrli-Sippe zur Verfügung gestellt. Ein Überblick über die Vorfahren findet sich im Kapitel 21.2. Die Kirchenbücher reichen bis anfangs 17. Jahrhundert zurück. Bis Ende 18. Jahrhundert war das Taufdatum angegeben und nicht das Geburtsdatum.

3.2.1. Ältester Vorfahre – Anzahl Generationen – Heiratsalter – Anzahl Kinder – Alter

Die ältesten Vorfahren (1. Generation) waren Hans Jogli Werli und Anna Bolliger geboren zwischen 1580 und 1590. Wehrli ist ohne h geschrieben. Hans Jogli Werli starb am 27.09.1638. Die Taufdaten der Kinder deuten daraufhin, dass die Heirat mit Anna Bolliger 1607 oder anfangs 1608 stattgefunden hat.

Es gab bis zu den Eltern meiner Grossmutter Bertha 8 Generationen Wehrli. In der Wehrli Familie scheint es neben Bauern auch Handwerker gegeben zu haben. So heisst es bei Andreas Wehrli, getauft 1660, gestorben 1723 (3.Generation) „Schmids“. Die Bezeichnung „Schmids“ weist darauf hin, dass er Sohn eines Schmieds war, bzw. dass ein Ahn Schmied gewesen war. In Frage kommen sein Vater Adam oder sein Grossvater Hans Jogli. Bei einem späteren Adam, getauft 23.04.1699 und gestorben 08.06.1765 (4. Generation) lässt sich der Beruf eindeutig zuordnen. Er war Wagner. Bei seinen Nachkommen heisst es: Wagners Jakoben Sohn (6. Generation); Wagner Ruedis Sohn (7. Generation). Auch bei Rudolf Wehrli (8. Generation) steht in einem Vertrag von 1911 Wagner Hansens.

Das Heiratsalter, soweit es sich berechnen lässt, war bei den Vorfahren in den meisten Fällen zwischen 20 und 30 Jahren. Ausnahmen: Adam Wehrli , geb. 1620 (2. Generation) war 18 Jahre alt. In der 4. Generation war Adam Wehrli (1699 – 1765) bei der Heirat 38 und seine Frau, Verena Blattner (1718 – 1753) 19 Jahre alt. In der 6. Generation war Rudolf Wehrli (1781 – 1856) bei der Heirat (1821) 40 und seine Frau Verena Iberg (1791 – 1822) 30 Jahre alt.

In den verschiedenen Generationen hatten Wehrlis unterschiedlich viele Nachkommen. In der 3. Generation waren es 10 Kinder, in der 7. Generation war nur 1 Kind: Johannes Wehrli (get.05.10.1822, gest. 3.01.1886). Seine Mutter, Verena geb. Iberg, get. 08.05.1791, ist bei seiner Geburt am 05.10.1822 gestorben. Die Vorstellung von grossem Kinderreichtum scheint auf die Küttiger Familien nicht unbedingt zuzutreffen. 1823 hatten 22,5 % der 303 Familien höchstens zwei Kinder. «Die grosse Mehrheit im Dorf gehörte zu den Familien, die drei bis sieben Kinder durchzubringen hatten. Die wirtschaftlichen Verhältnisse, hätten kaum genügt, um die Grundlage für noch kinderreichere Familien zu bilden. Gemessen am Einkommen war die durchschnittliche Kinderzahl immer noch zu hoch. Nur neun Familien hatten neun und mehr Kinder.» (7) Die Wehrli – Familien entsprachen bezüglich Anzahl Kinder in der Regel der Mehrheit im Dorf. Sie hatten 1 x 2 Kinder, 1 x 4, 2 x 5, 1 x 6, 1 x 7; und die zwei Extreme: 1 x 1 Kind und 1 x 10 Kinder.
Die Menschen der Wehrli Familie wurden sehr unterschiedlich alt. Zwei Frauen starben mit 31 bzw. 35 Jahren. Die übrigen Familien Mitglieder wurden, sofern ihre Lebensdaten bekannt sind, zwischen 64 und 77 Jahre alt.

3.2.2. Häufige Vornamen und Dorfgeschlechter

Die Anzahl der Vornamen war bei den Knaben auf 17 und den Mädchen auf 15 sehr beschränkt. «Die 221 zwischen 1781 und 1795 getauften Knaben verteilten sich vor allem auf folgende Namen: Johannes (52), Andreas (29), Rudolf (28), Heinrich (23), Jakob (23). Diese häufigen männlichen Vornamen trafen auch auf die Wehrli – Vorfahren zu, mit Ausnahme der 2. u. 4. Generation. Diese zwei Männer hiessen Adam. Bei den Mädchen war die Neigung zu einigen wenigen Namen noch ausgeprägter. Von den 222 Mädchen desselben Zeitraumes gehörten 85 % folgenden fünf Namen an: Elisabeth (53), Anna (49), Verena (34), Maria (32), Annamaria (22). (8) Bei den weiblichen Angehörigen gab es nur eine Ausnahme. Die Vorfahrin in der 2. Generation hiess Dorothea.

Die Eherödel aus der Zeit um 1800 (1781-1808) zeigen auf, dass der Name Wehrli in Küttigen weitaus am häufigsten vorkam. Es gab zu dieser Zeit ca. 14 Dorfgeschlechter. „Über Jahrzehnte vereinigte sich unter dem Namen Wehrli 40% der Dorfbevölkerung. Auch die Bürgerliste von 1823 bestätigt das Bild. Von den 303 Familien, die 12 Geschlechtern angehörten, trugen 124 den Namen Wehrli.“ (9) Die Nachforschung nach den Vorfahren wird durch das gehäufte Vorkommen der gleichen Vor- und Geschlechtsnamen erschwert. 1799 hiessen in Küttigen 22 Personen Rudolf Wehrli, darunter auch ein Vorfahre (6. Generation). Der Name Andreas Wehrli kam damals gleichzeitig 19mal vor. (10) Es erstaunt nicht, dass die Bewohner oft Beinamen hatten, die auf den Wohnort oder den Beruf der Vorfahren Bezug nahmen. Bei Wehrlis war der Beinamen die Berufsbezeichnung der Vorfahren: Schmieds und Wagners.

3.3. Das Leben von Landhandwerkern

Die Mitglieder der Wehrli Familie übten neben ihrer bäuerlichen Tätigkeit oft auch noch ein Handwerk aus. Ich möchte deshalb an dieser Stelle. etwas ausführlicher auf das Landhandwerk eingehen:

In den Städten hatte sich seit dem 12. Jahrhundert das Handwerk als eigenständige Berufsgattung entwickelt. «Es war nach den Kaufleuten die zweite innovative Berufsgruppe, die den Charakter der Städte in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht für Jahrhunderte prägte. Seiner Organisation der Zunft, verdankte das Handwerk schliesslich seine Erscheinungsform, die Definition der einzelnen Berufe und die Tatsache, dass sich der Handwerker, neben dem Kleriker, dem Bauern, dem Ritter (Berufskrieger) und dem Handelsherrn als Repräsentant eines neuen Standes gesellschaftlich und politisch durchsetzen konnte.»(11)

Das Handwerk auf dem Land blieb bis im 15. Jahrhundert im Schatten der Landwirtschaft, so auch das Konzessionsgewerbe (Ehafte) der Müller, Wirte, der Schmiede. «Das Bevölkerungswachstum des 16. Jahrhunderts setzte Leute aus der Landwirtschaft frei, die sich mangels eines eigenen Hofs als Handwerker etablierten.» (12) Berufe ohne Kapitalbedarf wie Schneider, Schuhmacher, Bauhandwerker und Weber erhielten Zulauf. Man muss unterscheiden zwischen den ortsgebundenen Handwerkern, und denjenigen, die ihr Handwerk am Ort ihres Auftraggebers ausführten. Zu der letzteren Gruppe gehörten z.B. Hafner, Kessler, Sattler, Schneider, Schuhmacher, Bauhandwerker. Sie gingen in der Regel auf die Stör, d.h. sie zogen von Hof zu Hof. Auf der andern Seite gehörten Müller, Wirte und Schmiede zum Konzessionsgewerbe (=Ehhafte). (13) Unter Ehafte(n) verstand man vom MA bis in die Neuzeit, die für das Gemeinwesen wichtigen konzessionspflichtigen Gewerbebetriebe. «Ehaft waren in der Regel Wasserwerke (v.a. Getreide-, Papier-, Pulvermühlen) sowie Betriebe mit Feuerrecht (Giessereien, Huf-, Sensen-, Hammerschmieden)…Sie waren an bestimmte Gebäude gebunden, an denen das Recht auch nach einer Betriebsaufgabe haftete…Ehafte hatten Anrecht auf Produktionsmittel (Wasserantrieb, Holzkohle, Bauholz usw.) und auf Rohstoffe (Getreide, Schlachttiere, Eisen, Farbstoffe)…Inhaber von Ehaften waren zum Dienst an der Allgemeinheit verpflichtet, zur verlässlichen Betriebsführung, zum ausreichenden Produkteangebot bei Qualität und festen Preisen (Servitute)…Ehafte galten als sichere wirtschaftliche Basis…Nach 1800 begann sich die Stellung der Ehaften zu ändern: Manche fielen der industriellen Fertigung (u.a. Geräteschmieden, Papiermühlen) und dem Wirtschaftswandel (Kundenmühle) zum Opfer. Da sie bis 1874 noch der kantonalen Gewerbegesetzgebung unterstanden, blieben sie obwohl mit Gewerbefreiheit unvereinbar, in vielen Kantonen bestehen…» (14) In gewissen Gebieten der deutschsprachigen Eidgenossenschaft, wie im Staate Bern und z.T. dem Bernischen Untertanengebiet Aargau gab es seit dem 16. Jahrhundert Landzünfte. Die Landhandwerker waren regional organisiert.(15)) Die Landzünfte in den reformierten Gebieten hiessen «Meisterschaft» oder «Handwerk».(16) Sie waren genossenschaftliche Verbindungen von Handwerkern. In der Zunftordnung wurde die Ausbildung mit Lehr-und Wanderjahren und die Meisterschaft (mit einem Meisterstück) geregelt. Die zünftigen Meister übernahmen auch gewerbepolizeiliche Aufgaben. Sie führten Qualitätskontrollen bei festen Preis- und Lohnansätzen durch und setzten sich gegen missliebige Konkurrenz ein.(17) Die Zunftmitglieder boten sich gegenseitig Beistand in Krankheit und Not.(18) Die kulturelle Bedeutung der Zünfte war auf dem Land viel weniger relevant als In der Stadt.

3.3.1. Dorfgemeinschaft aus Bauern und Handwerkern

Die Dorfgemeinschaft von Küttigen bestand im 18. und auch noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts vor allem aus Bauern. Von entscheidender Bedeutung für das wirtschaftliche Überleben der Bevölkerung waren die Erträge des Getreideanbaus. Da im Laufe der Jahrhunderte die Bevölkerung des Dorfes zugenommen hatte, versuchten die Bauern, die Erträge in der Landwirtschaft zu steigern. Auch steile Hänge, magere Böden und die Schachengebiete wurden für den Anbau erschlossen. Im 18. Jahrhundert hat man die Gemeinweide aufgehoben und intensiver genutzt. Als Getreide wurde Roggen, Dinkel (Fäsen) oder Korn auf der Winterzelg angepflanzt. Wenn Dinkel oder Korn entspelzt, d.h. geröllt war, hiess die Frucht Kernen. Auf dem Sommerfeld gedieh der robuste Haber, der zu einem grossen Teil nachweisbar schon im 16. Jahrhundert als Futter verwendet wurde. Die Bauern von Küttigen mussten der Obrigkeit, z.B. dem Obervogt von Biberstein, «Zehntabgaben» (Bodenzinse) in Form von Getreide entrichten. Das Getreide wurde in den Kornhäusern gespeichert und im Verlaufe der nächsten Jahre verkauft. Seit dem 16. Jahrhundert spielte für Küttigen der Rebbau eine gewisse Rolle. Der Wein diente vorwiegend der Selbstversorgung. Es gab Viehwirtschaft in Küttigen. Es gibt jedoch nur wenige Quellen darüber, weil bei den Zinsen und Zehntenabgaben tierische Produkte selten waren. Im 19. Jahrhundert nahm die Vieh- und Milchwirtschaft an Bedeutung zu. (19)

Nur wenige Ortsbezeichnungen erlauben Rückschlüsse auf den genauen Wohnort der Vorfahren. Zwei Frauen kommen von Horen: Anna Bolliger (1. Generation) und Anna Wehrli (3. Generation). Ich nehme an, dass sie in der Nähe der mittelalterlichen Burgruine Horen gewohnt haben. Samuel Wehrli, Adams (Sohn von Adam Wehrli, 2. Generation) hat 1677 Land im Hegi gekauft. Davon könnte die spätere Bezeichnung Wehrli, Hegi abgeleitet sein. (20)

Da die Bevölkerung stetig zunahm, mussten neue Erwerbsmöglichkeiten erschlossen werden. Zum Beispiel: Auswanderung in fremde Solddienste; Abwanderung als Bauern in entvölkerte Gebiete; Nebenverdienst mit einem Handwerk und einer Dienstleistung; Annahme von Taglöhnerstellen in einer benachbarten Stadt oder schliesslich die Heimarbeit. Die Anzahl der Handwerker und Gewerbetreibenden war in Küttigen seit dem Jahrhundert verhältnismässig hoch. Es waren in den meisten Fällen nur nebenberufliche Tätigkeiten als Ergänzung zu der viel zu schmalen landwirtschaftlichen Basis. «Wenn die Zerteilung der einstigen stattlichen Bauerngüter eine allgemeine Erscheinung ist, fällt in Küttigen auf, dass überhaupt keine behäbigen Höfe mehr bestanden, und dass es in diesem Sinne keine Dorfaristokratie gab. So war auch die Gewinnung von Bargeld sehr beschränkt.» (21)

3.3.2. Schmied(e)

Aus dem Beinamen «Schmids» bei Andreas Wehrli, 3. Generation (29.01.1660 – 02.07.1722) lässt sich herauslesen, dass sein Vater Adam und/oder sein Grossvater Hans Jogli im 17. Jahrhundert Schmied(e) gewesen sind. Ob Andreas selber auch als Schmied gearbeitet, ist nicht bekannt. Die Wehrli- Vorfahren der 1. und/oder 2. Generation, die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts als Schmied(e) tätig waren, betrieben einen konzessionspflichtigen Gewerbebetrieb mit einem festen Gebäude. «Die Erteilung einer Ehaft kostete den Gesuchssteller eine einmalige Gebühr und jährlich Zins. Jede Änderung: Betriebserweiterung, Standortwechsel usw. war konzessionspflichtig.» (22) Die Ehaft bot Schutz vor missliebiger Konkurrenz. Ob es zur Zeit der Wehrli-Schmiede in Küttigen noch eine andere Schmiede gab, entzieht sich meiner Kenntnisse. Es wäre aber durchaus denkbar. Ich gehe davon aus, dass Hans Jogli und/ oder Adam Wehrli Hufschmiede waren. «Ihr breit gefächertes Arbeitsgebiet umfasste neben dem Hufbeschlag, die Produktion und Reparatur aller Arten von Acker-, Garten-, Küchengeräte und Werkzeuge, die Nagelproduktion, sowie das Bereifen von Wagenrädern.» (23) Sie beschafften Eisen über den städt. Eisenhandel. Der Handel mit Alteisen bot den Schmieden ein Zusatzeinkommen, das sie sozial über die übrigen Dorfhandwerker hob. Viele köhlerten ihre Holzkohle selber und wirkten als Pferdeärzte. (24) Es könnte sein, dass die Schmiedewerkstatt der Wehrlis, wie dies häufig der Fall war, an einer Durchgangsstrasse lag. Ich vermute, dass sich das Gebäude an einem Wasserkanal oder in der Nähe des Dorfteichs befand. Im 16. und 17. Jahrhundert waren die meisten Häuser in Küttigen noch stroh – oder schindelgedeckt. Die ersten Gebäude mit harter Bedachung waren obrigkeitliche Bauten: das Zollhaus (1569), das Zehntenhaus (1577), die Mühle (1608) und das «Chrusehus» (1610). Erst im 19. Jahrhundert war die Mehrheit der Gebäude mit Ziegeln bedeckt. Es erstaunt nicht, dass es in Küttigen sehr oft zu schlimmen Dörfbränden kam. (25) Es wäre also denkbar, dass die ursprüngliche Wehrli -Schmiedewerkstatt aus Holz bestand und mit Schindeln gedeckt war. Wichtigster Einrichtungsteil der Werkstatt war die Esse, in der die glühende Kohle zur Erwärmung des Werkstücks mit Hilfe eines Blasebalgs auf maximale Temperaturen von ca. 1250°C gebracht wurde. Dann bearbeitete der Schmied mit dem Hammer das glühende Eisenstück auf dem Amboss. (26). Wahrscheinlich hatten die Wehrlis neben ihrer Schmiedewerkstatt noch einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb zur Selbstversorgung. Ich gehe davon aus, dass vor allem die Frauen sich um die Tiere, die Äcker und den Pflanzplätz gekümmert haben.

Vermutlich ein Nachfahre von Hans Jogli und Adam, Rudolf Wehrli, Hufschmied und Gerichtssäss reichte 1787 ein Gesuch ein, in dem er die Wiederherstellung einer Hammerschmiede aus dem 16. Jahrhundert forderte. Der Initiant wies in seinem Gesuch darauf hin, «dass die Wiederherstellung der einstigen Hammerschmiede zu Küttigen, keinem andern Unternehmen Konkurrenz bieten würde, vor allem nicht dem Grobschmied in Aarburg, deren Besitzer gegen die Küttiger Pläne opponiert hatte. Des weitern machte Wehrli geltend, er habe nur ein kleines Werk vorgesehen, mit einem oder zwei Hämmern, für deren Installation er gar keine neuen Gebäude zu errichten genötigt wäre. Der ganze Betrieb liesse sich in seiner bisherigen Hufschmiede unterbringen. Dem Gesuch legte Obervogt Stürler einen eigenen Bericht bei, in dem er das Begehren wärmstens unterstützte. Zu diesem gemeinnützigen Werk, wie sich der Obervogt ausdrückte, sei der demütige Bittsteller erst kürzlich durch die Vorsteher des Eisenbergwerkes, das sich ja im Besitz der Gnädigen Herren zu Bern selber befinde, ermuntert worden. Dies vor allem deshalb, weil man die schweren Eisenwerkzeuge, die man für den Bergbau benötige und die rasch abgenützt seien, mit Vorteil im eigenen Dorf herstelle.» (27) Trotz der Opposition der Hammerschmiede von Aarburg und Rued gegen die neue Konkurrenz wurde von den Gnädigen Herren die Konzession für Wehrlis Schmiede erteilt. (28)

3.3.3. Wagner

Andere Vorfahren waren Wagner. Adam Wehrli (get. 23.04.1699 – 08.07.1765), 4. Generation, übte als erster Vorfahre dieses wichtige Handwerk im Dorf aus.

«Ich mach Räder/ Wägen und Kärrn/
Roll und Reysswägen/ für gross Herrn/
Kammerwägen/ den Frauwen klug/
Auch mach ich dem Bauwren den Pflug/
Und dazu auch Schleyfen und Egn/
Thus als mit gutem Holz verlegn/
Ich arbeit hart bey meinen tagn/
Friges erfundn erstlich den Wagn.» (29)

Der Wagner stellte in seiner Werkstatt Räder, Wagen und Geräte aus Holz her, z.B. Leitern. Er fertigte neue Fahrzeuge an, wie Handwagen, Karren,(Brügi-) Wagen, Kufenschlitten und reparierte alte, kaputte. Geeignetes Holz für die Herstellung von Fahrzeugen ist nach einer Quelle Eiche, Esche oder Buche (30), nach einer andern: Ulmen-, Linden-, Kiefern-, oder Weidenholz. «Ulme wurde für Radfelgen und Naben genommen, Eiche für die Speichen, Esche für Deichseln, Buche für den Wagenkasten.» (31) «Der Wagner wusste, wo die einzelnen Holzarten am besten wuchsen und wählte selber die Bäume aus, die er für seine Arbeit am zweckmässigsten verwenden konnte. Dabei achtete er auf Wuchsform, Härte und Biegsamkeit.» (32) Neben dem Holz verwendete der Wagner auch Metall, z.B. für Beschläge. Oder er arbeitete mit andern Handwerkern zusammen. So mit Schmieden für eiserne Radreifen, Eisenteile des Pflugs, Beschläge; mit Schlossern für Scharniere, oder mit Sattlern für Lederriemen und Bänder zur Aufhängung des Wagenkastens. (33) Eine besondere Wagner-Kunst ist die Herstellung eines Rades. «Der Wagner schneidet zunächst das Holz zu. Sorgfältig drechselt er dann an der Drehbank die Naben für die Mitte des Rades. Anschliessend stemmt er Löcher für die Speichen in die Naben und bringt die bearbeiteten Speichen an. Schliesslich erhalten die Räder noch Holzfelgen und eine Ummantelung aus Eisen. Jetzt kann der Wagner sie montieren.» (34)

Adam Wehrli stellte in Küttigen vermutlich nur selten einen grossen Wagen her. Die Bauern brauchten eher Handkarren. «Steile Halden der Juraberge waren schuld, dass die Küttiger weniger den Wagen, als den Karren und auch Hutten (Tragkörbe) zur Bewirtschaftung ihres Landes gebrauchten. Mit der Hutte wurde die Erde in den Reben getragen, Dünger von daheim zu den entferntesten Äcker, Gras, und Heu zur Scheune gebracht und im Leset war das Bücki trumpf. Mit dem Karren schleppte man den reichen Ertrag an Kartoffeln, Klee, Rübli, Gerste-, Roggen-, Korn- und Weizengarben aus dem «Etzget», von der «Kuhrütti», vom Unterstockfeld und der Enden nach Hause. Küttiger Frauen waren weit umher berühmt durch die Kunst schwerste Körbe, Markzeinen mittels Ringkissen frei und sicher auf dem Kopf zu tragen und, stundenlang stehend zu plaudern.» (35)

3.3.4. Wagnermeister Adam Wehrli und Verena Blattner: eine Zinnkanne zur Hochzeit 1737

Bei seiner Heirat am 01.02.1737 mit Verena Blattner (1718 – 1753) war Adam schon 38 Jahre alt. Seine Frau war 19 Jahre jünger. Eine mögliche Ursache für das «reife» Heiratsalter von Adam könnte sein, dass er längere Zeit von Küttigen weg gewesen war. Es wäre denkbar, dass er nach einer zweijährigen Wagnerlehre als Geselle auf die Walz ging und vielleicht im Ausland Erfahrungen sammelte, und dass er dann als gestandener Wagnermeister zurückgekommen war und sich in Küttigen niedergelassen hatte. Es deutet einiges darauf hin, dass er relativ wohlhabend gewesen ist. Seine Frau Verena Blattner war die Tochter von Heinrich Blattner, Wirts Sohn und der Madleni geb. Basler. Dazumal gab es in Küttigen nur ein Wirtshaus, bzw. eine ehafte Taverne. Der Wirt und seine Familie standen in der sozialen Hierarchie des Dorfes weit oben. Verena stammte vermutlich aus einer angesehenen eher vermögenden Familie.

Zur Hochzeit 1737 bekamen Adam Wehrli und Verena Blattner eine hohe elegante Zinnkanne mit Monogramm und Datum und dazu sechs Zinnbecher. Die Becher sind nicht mehr in der Originalversion vorhanden. Der Konservator der Historischen Abteilung des Museums Zofingen schreibt mir über die Kanne. «Es handelt sich eindeutig um eine Stitze. Stitzen sind rohrförmige Kannen, die nach oben konisch verlaufen und unten direkt in den ausgeprägten Fuss münden. Es ist eine Aargauer Stitze: «Gekennzeichnet durch zwei Zierstreifen im oberen Drittel der Kanne und einem wulstigen Fuss; dazu kommt ein S-förmiger Henkel. Die Giessermarke auf dem Henkel ist als Stempel des Johann Arnold Beck nachzuweisen. Er lebte von 1626 – 1665 und war der bedeutendste Zinngiesser Aaraus. Ein Nachfolger hiess auch Johann Arnold Beck (1698 – 1766)… Alle Stempel der Kannen aus Becks Giesserei weisen den Namenszug Joh’arnold Beck auf» (36) Die Zinnkanne stammte also aus der Zinngiesserei Aarau. Ein weiteres Indiz ist die Rosette auf dem Kannengrund. An besonderen Anlässen wurde aus der Kanne Wein ausgeschenkt. Wer solch edles Zinngeschirr besass, brauchte einen geeigneten Raum und einen entsprechenden Ort, um es aufzustellen. Adam konnte als Wagner auch Tischlerarbeiten verrichten, und ich gehe davon aus, dass er ein Buffet oder eine Truhe gezimmert hat, damit das Prunkstück einen Ehrenplatz bekam. Meine Eltern bekamen die Zinnkanne zu ihrer Hochzeit 1946. Ihre Namen wurden unter die Anfangsbuchstaben A.W.+V.B. 1737 eingraphiert. Heute befindet sich die Kanne in meinem Besitz.

Adam und Verena Wehrli geb. Blattner hatten mindestens fünf Kinder. Ein Neugeborenes namens Jakob starb einen Tag nach der Geburt am 10.10.1743. Der nächstgeborene Knabe (Vorfahr 5. Generation) wurde wieder Jakob getauft. Verena starb als 35jährige. Adam lebte noch 12 Jahre länger und starb mit 66 Jahren.

3.4. Familie Wehrli-Hofer, eine Bauernfamilie auf Benken AG

Bis zur 7. Generation waren die Wehrli-Vorfahren sesshafte Handwerker in Küttigen gewesen. Vermutlich betrieben sie nebenher zur Selbstversorgung noch etwas Landwirtschaft. In der 8. Generation bewirtschaftete die Familie Wehrli-Hofer einen für damalige Verhältnisse grossen Bauernhof auf dem Benkenpass.

Die in der Einleitung erwähnten Stammeltern der Benken – Wehrli – Sippe waren Rudolf und Anna Wehrli-Hofer (8. Generation), meine Urgrosseltern. Auf dem Einladungsschreiben zum Verwandtentreffen ist ein altes Bauernpaar abgebildet. Beide stehen aufrecht: er mit Stock und weissem Haar; sie mit dunklem gescheitelten Haar und schwarzem Schultertuch. Es ist ein Ausschnitt aus einer Fotografie. Rudolf Wehrli und Anna Wehrli geb. Hofer wurden vor einem hölzernen Ökonomiegebäude ihres Bauernhauses aufgenommen. Ein grösserer Knabe, vermutlich ein Enkel steht mit einem Reisbesen daneben. Auf dem Hausdach und am Boden liegt Schnee. Im Hintergrund sieht man einen Holzwagen mit grossen hölzernen Rädern. Der Hof wirkt sehr ordentlich und aufgeräumt. Ich vermute, dass die Aufnahme in Küttigen gemacht wurde und nicht auf dem Benkenhof von dem später die Rede sein wird.

Rudolf Wehrli war der einzige Sohn des Johannes Wehrli und der Anna, geb. Bolliger. Er hatte vier Schwestern, drei ältere und eine jüngere: Maria (geb. 1846), Anna Maria (geb. 1848), Ursula Verena (geb. 1850), und Anna Maria (geb. 1858). Alle Schwestern haben geheiratet, zwei auch einen Mann mit dem Nachnamen Wehrli (Auszug aus dem Familienregister der Gemeinde Küttigen AG). Warum zwei Schwestern Anna Maria hiessen, ist mir nicht bekannt. Es muss ein häufiger Name gewesen sein. Schon eine frühere Vorfahrin hiess Anna Maria, wie ein alter „Tauf-Zedel“ für eine Annamaria Wehrli vom 29. März 1829 zeigt.

Am 10. Juni 1879 heiratete Rudolf (14. April 1853 – 26. Juli 1927) Anna Hofer (26. Juli 1855 bis – 2. April 1932) von Erlinsbach AG, Tochter des Hofer Jacob. Die Mutter von Anna Hofer taucht in den Dokumenten nicht auf; sie scheint früh verstorben zu sein. Nach der Heirat lebten Rudolf und Anna Wehrli – Hofer auf einem Bauernhof auf Benken bei Oberhof AG. Ihre Kinder kamen dort auf die Welt.

Rudolf und Anna Wehrli geb. Hofer hatten 4 Kinder: Bertha, geb. 1879 (meine Grossmutter) ; Anna Frieda, geb. 1882; Gottlieb, geb.1883, der den Hof später übernahm; und Karl, geb.1889. Das Ehepaar Wehrli zog später wieder nach Küttigen, ihrem Heimatort. Rudolf Wehrli-Hofer hat im Jahr 1914 den Hof an der Hauptstrasse 32 in Küttigen käuflich von Karl Dubs, Metzger geb, 1860 von Küttigen, in Aarau erworben. Später hat er den Benkenhof, den eine Zeitlang sein Sohn Gottlieb mit Familie bewirtschaftet hat, an Herrn Rohr, von der Burestube in Buchs AG, Wirt und Pferdehändler verkauft.

3.4.1. Der Benkenhof, ältestes Haus der Gemeinde

Wie kam es, dass Rudolf, der Wagner von Beruf war, plötzlich Grossbauer auf Benken wurde? Das hatte mit seiner Frau Anna zu tun. Dem Vernehmen nach soll Anna Hofer schon in jungen Jahren beim damaligen Besitzerpaar auf dem Benkenhof gelebt haben. Sie war vermutlich eine Verwandte und wurde von den Bauersleuten an Kindes statt angenommen.1886 wurden Rudolf und Anna Wehrli – Hofer Eigentümer des Bauernguts. Aus einem Vertrag vom 25.07.1886 geht hervor, dass die kinderlosen Eheleute Jakob Senn und Anna Maria Senn, geb. Wehrli, von Asp, Gemeinde Densbüren, auf dem Benken zu Oberhof ansässig, ihren Hof auf dem Benken den Eheleuten Rudolf und Anna Wehrli-Hofer am 25. Juli 1886 testamentarisch vermacht haben. Wenn ich den Vertrag, der in alter deutscher Schrift geschrieben ist, richtig interpretiere, war es eine Mischung zwischen Abtretung und Verkauf. Es gibt einen „Kauf-Forderungstitel um Fr. 24 000. Die Übernahmesumme ist den Erben nach dem Tod der oben benannten Witwe bar auszubezahlen“, steht im Vertrag. Die gesetzlichen Erben der Eheleute Jakob und Anna Maria Senn-Wehrli wurden mit einem Grundpfandrecht auf den Liegenschaften im Betrag von Fr. 24 000 gesichert. Das Ehepaar behielt das Nutz- und Wohnrecht. Im Vertrag stehen genaue Angaben über den Hof. (37) Die Liegenschaft umfasste das Wohnhaus (Brandversicherungs-Nr. 91); den Schopf mit Kellergebäude (Vers.Nr. 92); und die gesondert stehenden Scheunen und Ställe nebst Einfahrt (Vers. Nr. 93.) Die Fläche des Bauernhofes betrug 22 ha 12 a 73 m2; davon fast 6 ha Holz. Das war ein stattlicher Hof im Vergleich mit andern Betrieben. 1888 waren im Bezirk Laufenburg 91,6% der Betriebe kleiner als 5 ha. (38) Der Hof, auf dem die Familie lebte, liegt im Weiler Benken auf 579 m ü.M. Dort ging früher die alte Benkenstrasse durch, die über das 674 Meter hohe Benkerjoch führt. Heute gibt es eine Umfahrung. Das Benkerjoch ist einer der Juraübergänge zwischen dem Fricktal und dem weiter südlich gelegenen Aaretal.

Das Bauernhaus Benken ist ein historisches Haus, das noch heute steht. Im Online-Inventar der Kantonalen Denkmalpflege Aargau heisst es u.a.: „Der zweigeschossige Mauerbau im Benkenhof ist das älteste Haus der Gemeinde… „Der Befund an der noch bestehenden Bausubstanz, die einen gewissen städtisch-bürgerlichen Einfluss nicht ganz leugnen kann, lässt den Schluss zu, dass wesentliche Teile des Gebäudes noch auf das Baujahr 1574 zurückgehen, obwohl mehrere Umbauphasen das äussere Erscheinungsbild stark verändert haben.“ Als original werden gotisch profilierte Fenstergewände aus Hausteinen im „dickwandigen aufgehenden Mauerwerk von 1574“ bezeichnet…“.Bemerkenswert auch die Konstruktion eines Teils der Geschossdecken als Eichenbalkendecke mit dazwischenliegenden Mörteltonnen aus der Bauzeit.“ (39) Ursprünglich waren es zwei Höfe, die je von einem Bauern und einem Senn als Lehen bewirtschaftet wurden. Beide lagen westlich der Strasse. Der nördliche Hof, 1708 erbaut und 1969 abgerissen, wurde als „Sennhof“ bezeichnet, obwohl er eine Getreidemühle enthielt. “Heute steht von den alten Gebäuden nur noch das „Bauernhaus“ (der südliche Hof mit Vers. Nr. 91). Es gibt eine gesonderte Stallscheune östlich der alten Benkenstrasse. Das Steinhaus, in dem meine Vorfahren lebten, steht wie gesagt noch. „Das Wohnhaus wurde gemäss einer Urkunde von 1708 im Jahr 1574 von dem aus Rheinfelden gebürtigen, in Offenburg wohnhaften und in Freiburg als Regenz Herr amtierenden Ludwig Eggs erbaut“… Nach verschiedenen anderen Besitzern erwarb um 1800 ein Josef Meier aus Frick den Benkenhof, der ihn dann auch selber bewirtschaftete. (40)

Neben der historischen Bausubstanz, ist der Benkenhof auch aus rechtlicher und politischer Sicht interessant. Die zwei Benken Höfe haben nämlich politisch eine Sonderstellung eingenommen. Sie gehörten nicht zur Wohnortsgemeinde. «Dies rührte von den ehevorigen östreich. Gesetzen her, wo nebst der allgemeinen Unterthanenschaft keine besonderen Ortsbürgerrechte auf dem Lande verlangt wurden, und die Municipal Verhältnisse solcher Weiler oder Höfe sich grossentheils nur auf die Besteuerung beschränkten.» (41) Erst im Jahr 1820 trat das „Gesetz über die ortsbürgerlichen Verhältnisse der Kantonsbürger in Kraft», Paragraph 1 lautet: „Die Ortschaften und Höfe, die noch keinem Ortsbürgerschaft-Bezirk angehören und nicht beträchtliche genug sind, um einen solchen zu bilden, werden dem zunächst liegenden Bezirk zugeteilt.“ Aufgrund dieses Gesetzes kam es am 11. April 1827 zum Zusammenschluss von Oberhof und Benken. (42)

Das Leben der Familie auf dem Benkenhof werde ich im Kapitel «Bertha Wehrli» schildern.

3.4.2. Das Umfeld

Der Weiler Benken, der zur Gemeinde Oberhof gehört, liegt in einer Mulde unterhalb des Benkerjochs (674 m ü.M.) im Wölflinswiler Tal. Der Weiler wird von steil aufragenden Hügeln des Juras begrenzt. Südöstlich ist es die Asperstrihe (898 m ü.M), nordöstlich die Strihe (865 m ü.M.), südwestlich die Sommerholde (800 m ü.M.) und westlich ein Hügel bei Okert (ca. 665 m. ü.M) Die Hügel sind grösstenteils bewaldet. Im Umkreis des Weilers gibt es Matten und Äcker, die sanft geneigt sind. Wenn man durch das Tal, das sich verbreitert, in nordwestlicher Richtung gegen Oberfrick wandert, kommt man zuerst nach Oberhof 472 m ü.M. Es ist eine geschlossene Siedlung mit regionaltypischen (Bauern-)Häuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Das typische Bauernhaus hat einen Wohnteil, an den sich unter erhöhtem First der Scheunen- und Stalltrakt anschliesst. Weiter talabwärts heisst das nächste Dorf Wölflinswil. In südöstlicher Richtung kommt man nach dem Aufstieg zum Benkerjoch und dem steilen Abstieg zur Benkenklus nach Küttigen und Aarau.

Die Dörfer Oberhof und Wölflinswil waren Hofsiedlungen, das heisst Siedlungen mit Bauernhäusern, deren Land sich ausserhalb der Dörfer befand. „Bis ins 18. Jahrhundert bildeten die Anlagen von Einzelhöfen ausserhalb der Dörfer eine Ausnahme und bedurfte der obrigkeitlichen Bewilligung.“ (43) Benken war eine solche Ausnahme mit zwei Einzelhöfen in einem kleinen Weiler.

Das Wölflinswiler Tal war Teil des Fricktals und gehörte bis 1803 zum österreichisch-ungarischen Kaiserreich und war katholisch. Ich weise auf das hin, was ich über die frühere 400-jährige Zugehörigkeit zu Österreich schon bei der Senn-Linie geschrieben habe. „Südlich der Summerholden, in der Nähe von Benken, am Wanderweg vom Bänkerjoch zur Wasserfluh steht ein alter Grenzstein. Auf der südlichen Seite erkennt man noch das verwitterte Bernerwappen und auf der nördlichen Seite trug der Stein den österreichischen Doppeladler.“ (44).

Ähnlich wie im Mettauer Tal (Gansingen) haben die Menschen auch im Wölflinswiler Tal unter den Gräueln des Dreissigjährigen Krieges gelitten. Im Fricktal haben sich vor dem Hintergrund der Bedrohungen und Zerstörungen des Dreissigjährigen Krieges Sagen der Schwedenzeit herausgebildet. (45) Sagen sind Erinnerungsfragmente an frühere Zeiten: „Als die Schweden den Rhein überschritten hatten, zogen sie mordend und brennend durch das Fricktal. Eine Abteilung erreichte schliesslich auch Oberhof, dessen Bevölkerung jedoch schon vor der Ankunft des Feindes in den umliegenden Wäldern Zuflucht gesucht hatte. Nur in einem Bauernhof auf dem Bühl war ein Kind in der Wiege zurückgeblieben, das die Schweden erstachen, bevor sie das Haus in Brand steckten. Noch vor 40 oder 50 Jahren hörte man im Bühl das Kind gelegentlich weinen. – In Deischniders Haus fanden die Schweden einen alten Mann, den sie zwangen alle verbliebenen Vorräte zu zeigen. Als der alte Mann keinen Ort mehr zu bezeichnen wusste, gossen ihm die Schweden Öl über den Kopf, um ihn bei lebendigem Leib zu verbrennen. Doch der Soldat, der den alten Mann schon den ganzen Tag von Haus zu Haus geschleppt hatte, rief aus: “Was wollen wir riechen, wie der Hund stinkt“, versetzte ihm einen Tritt und jagte ihn gegen Dundischniders Rain weg. Die Schweden steckten dann alle Häuser in Oberhof in Brand. Nur der Bauerhof des Toniseppi blieb vom Feuer verschont, obwohl die Kriegsknechte das Gebäude an allen vier Ecken angezündet hatten. Dieser Umstand ging auf das Gelübde des Besitzers zurück, eine Kapelle zu errichten, wenn sein Haus nicht verbrenne. Die Kapelle, zu deren Unterhalt der Erbauer nach dem Dreissigjährigen Krieg ein Stück Land im Grabmätteli vergabte, steht noch heute im Oberdorf.“ (46) Die kleine Hauskapelle ist den 14 Nothelfern gewidmet.

Auch wenn die Familie Wehrli-Hofer erst später auf den Benken gekommen ist und die Gräuel des Dreissgjährigen Krieges nicht selber erlebt hat, gehe ich davon aus, dass diese Geschichten und das wirtschaftliche und geographischen Umfeld sie stark geprägt haben.

Quellenangaben:

1 «Auf den Spuren eures Namens», Radio SRF / Lexikon der Vornamen, Duden Taschenbücher
2 «Küttigen», Wikipedia
3 «Küttigen», Wikipedia
4 «Küttigen – Portrait», (www.kuettigen.ch/portrait/zahlen-fakten)
5 «Küttigen – Geschichte», Wikipedia
6 «Küttigen – Geschichte», Wikipedia
7 Lüthi Alfred, 1976 «Küttigen: Geschichte einer Vorortsgemeinde», S. 132
8 (s. 7),S. 126
9 (s. 7), S. 122
10 (s. 7), S.126
11 Dubler Anne-Marie, 1992 «Die Welt des Handwerks, Ein Rückblick auf das Handwerk der Schweiz» in Hugger Paul, Handbuch der Schweizer Volkskultur Bd. 3, Bern 1992; S. 1039
12 (s. 11), S. 1046
13 (s. 11), S. 106
14 Dubler Anne Marie, «Ehaften», Historisches Lexikon der Schweiz
15 (s. 11), S. 1047
16 (s. 11), S. 1043
17 (s. 11), S. 1045
18 (s. 11), S. 1040
19 (s. 7), S. 62 – 64
20 (s. 7), S. 138
21 (s. 7), S. 62/63
22 (s. 17) «Ehaft», Historisches Lexikon der Schweiz
23 Dubler Anne-Marie «Metallverarbeitende Handwerke», Historisches Lexikon der Schweiz
24 (s. 23)
25 Hunziker-Byland Jakob, 1934 «100 Jahre Ersparniskasse Küttigen – Beiträge zur Heimatgeschichte von Küttigen», S. 144
26 «Schmiede», Wikipedia
27 (s. 7), S. 96/97
28 (s. 7), S. 97
29 «Wagner» (wiki-de.genealogy.net/Datei:Wagner.png)
30 «Wagner» (BERUFENET)
31 «Wagner», Mittelalter-Lexikon
32 «Wagnermeister» (austria-forum.org/af/Heimatlexikon/Wagnermeister)
33 «Wagner», Mittelalter-Lexikon (www.mittelalter-lexikon.de/wiki/Wagner)
34 «Stellmacherei», Wikipedia / BERUFENET/ Bundesagentur für Arbeit «Wagner/in
35 (s. 25), S. 162
36 Sigrist Urs, «Aargauer Zinnkanne» (Brief), Konservator, Historische Abteilung, Museum Zofingen
37 Benkenhof-Vertrag vom 25.07.1886
38 Hugger Paul, 1977 «Fricktaler Volksleben», S. 258
39 Kantonale Denkmalpflege Aargau (INV-OBH907 Benken 91, 1574
40 (s. 39)
41 Fasolin Werner, 1984 in Dorfchronik Wölflinswil und Oberhof «Rückblende», S. 46
42 (s. 41) 1985, S. 55
43 Bircher Patrick, 1991 «Zwei Dörfer – ein Tal: Wölflinswil, Oberhof: eine heimatkundliche Betrachtung, S. 104
44 «Rückblende», 1975 – Dorfchronik der Gemeinden Wölflinswil und Oberhof
45 (s. 43), S. 27
46 Rochholz Ernst Ludwig, 1856 «Aargauische Sagensammlung» in (s. 43) S. 30