10. Vreneli (Vreni) Elisabeth Senn geb. Mühlemann (30.3.1922 – 2.10.2012), KV- Lehre, Sekretärin, Hausfrau (11. Generation)

Meine Mutter, Vreneli Elisabeth Mühlemann wurde am 30.03.1922 in Zollikofen geboren. Ihr Vater war dort als Polizist stationiert.

10.1. Häufiger Wohnortwechsel in der Kindheit und Jugend

Sie hat 1982 einen Lebenslauf verfasst. Darin schreibt sie:
„Im ersten Lebensjahr erkrankte ich lebensgefährlich an Diphtherie. Daraus resultierte ein Herzschaden, der mich im Erwachsenenalter zwang,»leichte» Medizin bis zum heutigen Tag zu nehmen und mich das ganze Leben lang etwas zu schonen.» Diphtherie, auch Bräune genannt, ist eine vor allem im Kindesalter auftretende akut ansteckende Krankheit, die durch eine Infektion der oberen Atemwege hervorgerufen wird. Heute gibt es gegen diese Krankheit eine Impfung. Früher gab es oft lebensbedrohliche Komplikationen, die zu Spätfolgen führen konnten. (1) Dies war bei Vreni der Fall.

Die einfache Bevölkerung verfügte damals kaum über Wissen über ansteckende Krankheiten. Die ärztlich empfohlenen vorbeugenden Massnahmen wurden oft auch nicht umgesetzt: Vreni hat von einem Mädchen erzählt, das an einer offenen Tuberkulose litt. Diese Tochter des Hausbesitzers war im Rollstuhl im Garten. Vreneli und die andern spielenden Kinder haben das Kontaktverbot nicht eingehalten und gingen zur Kranken. Das junge blühende Mädchen sei bald darauf gestorben. «Tuberkulose traf eher die ärmere Bevölkerung, die wegen Mangelernährung, fehlendem Hygienewissen und Alkoholismus anfälliger war, sowie die junge Bevölkerung im Alter von 15 bis 35 Jahren.» (2) Erst ab 1943 wurde mit der Entwicklung des Antibiotikums Streptomycin neben der Prävention die aktive Behandlung der Krankheit möglich. (3)

Ein anderes Erlebnis aus ihrer frühen Kindheit, das Vreni erzählt hat: «Wir hatten in all den Jahren verschiedene Hunde. Mit einem, dem Wolfshund Flory habe ich aus der gleichen Schüssel Milchbrocken gegessen. Meine Mutter liess mich gewähren, weil sie froh war, dass ich nach der Diphterie-Erkrankung zum ersten Mal wieder etwas gegessen habe.» Später hatte die Familie Airedale Terrier. Vreni hat die Hunde sehr geliebt und viel über sie erzählt. «Einmal sass ich als Zweitklässlerin in der Schule, da hat es an der Türe gekratzt. Als ein Schüler die Tür öffnete, schoss unsere Hündin Alice herein. Mit ihrer guten Spürnase hatte sie meine Spur in die Schule verfolgt.»

In ihrem Lebenslauf heisst es weiter: «Ca. im Jahr 1924 übersiedelten wir in das grosse Seeländerdorf Lyss. Zuerst wohnten wir an der Bahnhofstrasse, dann an der Bielstrasse im Haus der Familie Schnegg. Im Jahr 1926 wurde meine Schwester Ruth geboren. Wir verbrachten wunderschöne Jahre der Kindheit in Lyss in kinderfreundlicher Umgebung. Früher waren die Wohnverhältnisse noch nicht so gut wie heute, wo jedes Kind sein eigenes Zimmer haben muss. Meine Schwester Ruth und ich schliefen etliche Jahre im gleichen Bett. Die Spiele auf dem Areal der Zementwarenfabrik, bei Bürgis und bei Hossmanns sind mir unvergesslich.

Schuleintritt war im Jahr 1929. Erste Lehrerin war die geliebte Frau Fisch. Sie hat es verstanden, uns in spielerischer Form das Nötige beizubringen. Kindergarten gab es damals noch nicht. Unvergesslich der „Mottentanz“, an dem ich mitbeteiligt war. Frau Fisch hat ihn erfunden und uns in vielen Proben beigebracht. Aufgeführt haben wir ihn im Hotel Kreuz anlässlich eines Festes. In dem 3. Schuljahr unterrichtete Frau Wüthrich und im 4. Schuljahr Herr Büttikofer. Ich sang als einzige Schülerin zweite Stimme. Später soll Herr Büttikofer den Schülern gesagt haben: „me merkt, dass z’Mühlima nümme da isch.“ Eintritt in die Sekundarschule im Jahre 1933. Z.T. fürchtete ich mich vor den strengen Lehrern. Ich war sehr scheu. In den Fächern kam ich aber gut mit. Als ich in der 7. Klasse war, wurde unser Vater zum Postenchef befördert. Wir mussten nach Bern ins Amtshaus ziehen. Ich kam in die Mädchensekundarschule Monbijou. Ich war in dieser Mädchenschule nicht besonders glücklich, das ganze Strebertum gefiel mir nicht.“(4)

Die Familie war in der Stadt nicht glücklich. Sie zog von Bern nach Wimmis. In der mehrklassigen Sekundarschule, wo es nicht so streng zu und her ging wie in Bern und der Lieblingslehrer seine Füsse mit den genagelten Bergschuhen während dem Unterricht auf das Lehrerpult legte, gefiel es Vreni sehr gut. Sie hat oft über den Schulbetrieb und die derben Streiche der Mitschüler erzählt: Z.B., dass ein ungeliebter Lehrer, der zugleich Feuerwehrkommandant war, an der Landesausstellung, wo er mit der Klasse einen Besuch machte, wegen einem angeblichen «Grossbrand» im Lautsprecher ausgerufen wurde, er müsse sofort nach Hause kommen. Dem gleichen Lehrer haben Schüler in der Garderobe den Hut an die Wand genagelt. Über die Zeit im Schloss Wimmis habe ich schon früher berichtet. «Alle Familienmitglieder blühten auf. „… Es gab ein Burgverlies und ein (Schloss-)Gespenst. Mutter hat darunter gelitten, wenn Vater nicht da war. Meine Schwester und ich schliefen in einem grossen Zimmer mit Blick auf den Friedhof und die Simmenfluh. Im Winter war es oft so kalt, dass uns das Wasser im Krug und das Waschplätzli „Stei und Bei“ gefroren sind. Ich weiss noch, dass ich unter 2 Duvets lag, eine grosse Bettflasche hatte, eine Bettjacke und Bettsocken anhatte.» In der Familie wurde viel gesungen. Beim täglichen Abwaschen und Abtrocknen des vielen Geschirrs, auch desjenigen der Gefangenen, haben die Mutter und ihre zwei Töchter Volkslieder gesungen, Vreni immer die 2. Stimme. Am Sonntag, vor allem bei Regenwetter haben die zwei Mädchen gerne gezeichnet. Auch die Briefe, die ich später gefunden habe, waren oft mit Bleistiftzeichnungen illustriert. Wenn das Briefpapier fehlte, wurde einfach eine Seite aus einem Heft herausgerissen.

«1938 wurde ich bei Herrn Pfarrer Wellauer konfirmiert. Mein Konfirmationsspruch lautete: “Wachset in der Gnade und in der Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus! Ihm gebührt die Ehre jetzt sowohl als am Tag der Ewigkeit.“ II Petr. 3/18. Anschliessend machte ich einen Welschlandaufenthalt in einer Familie mit Schulbesuch am Nachmittag in Echallens VD.“(5) Vreni wäre gerne Kindergärtnerin oder Lehrerin geworden; aber ihr Vater wünschte, dass sie eine Verwaltungslehre auf der Amtsschreiberei Niedersimmenthal in Wimmis mache. In einem Brief von ihrem zukünftigen Lehrbetrieb, heisst es über die Vertragsbedingungen: “Bedingungen sind die bisher üblichen, nämlich 3 jährige Lehrzeit, 2 Monate Probezeit, Entschädigung Fr. 25.- pro Monat im ersten Halbjahr, dann alle Halbjahre Fr. 5.- mehr, so dass im letzten Halbjahr Fr. 50.- pro Monat ausbezahlt werden.“ (6) Vreni schreibt über diese Zeit: „Es waren schwere Kriegsjahre. Den Jungen waren alle Türen versperrt: keine Reisen oder Auslandaufenhalte etc. Die Arbeit für die abwesenden Wehrmänner musste von den Alten, den Jungen und den Frauen gemacht werden. Oft waren sämtliche Mitarbeiter vom Amt im Militärdienst, ich war allein mit dem Chef, der Notar war. Sehr wenig Lehrlingslohn. Zum Vergleich: ein Paar Schuhe kosteten ca. Fr. 30.-, ein nettes Röcklein gegen Fr. 100.-.“ (7) Vreni hat erzählt, wie sie Verträge von Hand in schöner Schrift in ein Buch eintragen musste. Radieren und korrigieren war nicht erlaubt. Wenn sie sich verschrieben hatte, musste sie die Seite herausschneiden und neu beginnen. Vreni hat in Spiez die Berufsschule besucht. Sie hat berichtet: „Wenn ich abends in der Dunkelheit mit dem Velo nach Hause gekommen bin, hat meine Mutter nach dem Velolichtlein Ausschau gehalten und sobald sie seiner ansichtig geworden ist, hat sie die geraffelten Kartoffeln in der Bratpfanne gebacken. Bei meiner Ankunft zu Hause hat sie mir eine goldgelbe Rösti serviert. Rösti haben wir während den Kriegsjahren schon zum Frühstück gegessen. Während der nächtlichen Verdunkelung habe ich einen Handschuh über das Velolicht gezogen.“

Im Frühling 1942 erhielt Vreni das Fähigkeitszeugnis als Verwaltungsangestellte. Von ihrem Lehrbetrieb erhielt sie folgendes Zeugnis: „Fräulein Vreni Mühlemann, Hansens Tochter von Bönigen, geb. 1922, … hat sich während dieser Zeit durch ihr gutes Betragen und ihren Lerneifer ausgezeichnet. Da sie zudem intelligent und arbeitsam ist, hat sie sich während dieser Lehrzeit zu einer guten Angestellten herangebildet, welcher ich das beste Zeugnis ausstellen und welche ich Privaten und öffentlichen Amtsstellen bestens empfehlen kann.“ (8)

10.2. Erwachsenenjahre während des Zweiten Weltkrieges

„Nach meiner Lehre wurde mein Vater nach Zweisimmen versetzt und ich hatte eine Stelle auf der Militärversicherung gefunden. Unterkunft fand ich bei lieben Verwandten, Onkel Jakob und Tante Frieda, sowie der kleinen Cousine Hedy an der Moserstrasse 35 im Breitenrainquartier.“ (9) Vreni arbeitete bei einem Arzt, der u.a. abklären musste, ob die Militärangehörigen Anspruch auf Versicherungsleistungen hatten.

Auf der Militärversicherung, die im SUVA-Gebäude in Bern untergebracht ist, hat Vreni ihren zukünftigen Ehemann, Eugen Senn kennen gelernt. Das muss ca. 1942 gewesen sein. Er wohnte auch im Breitenrainquartier und die beiden haben den Arbeitsweg 4 x am Tag gemeinsam zu Fuss zurückgelegt. Meine Mutter hat erzählt, wie sie während des Krieges, wenn Fliegeralarm war, sich sputen mussten, um die Kornhausbrücke, die als gefährdet galt, so schnell wie möglich zu verlassen.

Ab 6. Nov 1942 gibt es einen regen Briefwechsel zwischen Vreni und Eugen. Zu Beginn haben sie sich noch gesiezt. Eugen war monatelang im Militärdienst im Wallis. Er hat sich über die Eintönigkeit und Einsamkeit beklagt. Sie war stolz darauf, einen Wehrmann zum Freund zu haben: „Ich freue mich, Sie bald wieder zu sehen und zudem noch in der Uniform! Man spricht hier von einem Defilee, das am 26. XI hier in Bern stattfinden soll. Seid Ihr da etwa auch dabei?“ (10)

Die lange durch den Militärdienst bedingte Trennung machte den Beiden zu schaffen. Neben ihren Sehnsüchten, kommen auch alltagspraktische Themen in den Briefen zur Sprache, z.B. die Rationierung und die Coupons, die man brauchte, um Lebensmittel und Kleider kaufen zu können. Es wurde z.T. auch mit diesen Coupons gehandelt. Vreni schreibt in einem Brief aus Saas-Balen, wo sie mit ihren Eltern im Juli 1943 den Ferien war zu diesem Thema: „Heute hatten wir mit Frau Kalbermatten (Bergbäuerin) eine Unterredung wegen Textilcoupons (die diese vermutlich nicht selber brauchte)“…. „Die Milch bekommen wir ohne Coupons! Für das andere, wie Butter, Käse und Fleisch müssen wir Coupons geben:“ Beilage: Einige Milchcoupons“ (für Dich). (11) Die zusätzlichen Textilcoupons brauchte Vreni, um nach und nach, die Aussteuer anzuschaffen.

Vreni und Eugen machen Zukunftspläne während dem Krieg: „Bald haben wir ja schon unsere Nestchen (=Betten)….. Einmal wird dann auch ein 3. Nestchen den Einzug bei Senns halten. Wenn es unser Herrgott so will natürlich! Es ist aber mein innigster Wunsch. Erst dann hätte ich mein Ziel im Leben erreicht. Hoffentlich werden wir vom Krieg verschont und hoffen wir, dass keine rauhe Hand diese unsere Zukunftspläne zerstören wird.“ (12)

An Weihnachten 1943 haben sie sich offiziell verlobt und dies mit einer Karte mitgeteilt: „Vreny Mühlemann/ Eugen Senn freuen sich, ihre Verlobung anzuzeigen.“

Offenbar erhielt Eugen im Aktivdienst nur selten Urlaub, und Vreni sehnte sich sehr nach ihm und machte sich oft grosse Sorgen um ihn: „Ich bin froh, dass ich endlich dieses Lebenszeichen von Dir erhalten durfte! Weiss ich nun doch, dass Du gesund bist und dass ihr nicht in Zelten zu schlafen braucht. Wenn ihr nur nicht so nahe bei der Grenze wäret. Man hört gegenwärtig so allerlei; mir ist einfach ein wenig Angst. Sei ja immer vorsichtig und denke an deine Mutter und an Dein“ Fraueli“ die daheim mit Sehnsucht auf Deine Rückkehr warten.“ (13)

Der Krieg war in den Briefen allgegenwärtig. Gegen Ende des Krieges gab es auch sehr humorvolle Berichte. Ruth hat ihrer Schwester Vreny 1945 aus der Luftschutz R.S.1 geschrieben:…“Nun muss ich Dir aber noch etwas Schauriges berichten. Denke Dir, wir tragen Mannshosen, die bekanntlich nicht auf der Seite sondern etwas nach vorne zuzuknöpfen sind. Was wir gelacht haben, das kannst Du Dir gar nicht vorstellen. Doch haben wir uns in das Unabänderliche gefügt und laufen nun eben so herum.“ (14)

Auch nach dem Kriegsende war Eugen noch oft im Militärdienst. Er hat nicht so häufig geschrieben, wie es sich Vreni gewünscht hätte. Der Aufenthaltsort im Militär war oft geheim und gab Anlass zu Spekulationen. „Sie möchten (die Mitarbeiter auf der Militärversicherung) alle wissen wo Du bist? Was muss ich sagen? Dr. Rufer sagte, dass Du ganz sicher im Tessin seiest wegen den Schmugglern!“ (15)

In Vrenis Briefen kurz vor der Hochzeit 1946 kühlt sich der Tonfall etwas ab. Vielleicht hatte sie da realisiert, dass Eugen, sich gegenüber seiner Mutter verpflichtet fühlte und, dass er sich auch nach der Hochzeit nicht von ihr trennen würde. In einem Brief vom Februar 1946 ärgert sich Vreni, weil er eine Karte statt an ihre Adresse an die Adresse seiner Mutter geschickt hat. „Lange hast du mich warten lassen, ich hatte beinahe schlaflose Nächte! Deine Karte ging beinahe verloren und wenn ich nicht heute Abend schnell zur Mutter (deiner Mutter) gekommen wäre, hätte ich sie noch nicht. Meine Adresse lautet immer noch „Moserstrasse 35“ und nicht „Mezenerweg 8“ wie Du offenbar irrtümlicherweise geschrieben hast….. Hast du mich etwa vergessen! Aus den Augen aus dem Sinn?…. Über meine Gefühle und Gedanken kann ich Dir heute nichts schreiben…. Der Mond, welcher auch Dir scheint und zulächelt, stört gegenwärtig meinen Schlaf.“ (16)

Meine Mutter hat mir erzählt, dass mein Vater ihr kurz vor der Heirat eröffnet habe: „Ich habe mich entschlossen, ein Haus zu kaufen, meine Mutter wird zu uns kommen; ich kann sie schliesslich nicht auf die Strasse stellen.“ Der Hauskauf erfolgte eigentlich gegen den Willen von Vreni. Sie hatte sich auf das Wohnen in einer Wohnung gefreut und sie wollte vor allem nicht mit ihrer dominanten Schwiegermutter zusammenleben. Offen gewehrt dagegen hat sie sich nicht. Es fällt auf, dass in den Briefen vor der Hochzeit der Hauskauf kaum erwähnt wird.

In den nächsten Briefen tönt es wieder versöhnlicher. Die bevorstehende Mandeloperation, die Aussteuer und die Hochzeitsvorbereitung stehen jetzt im Vordergrund. Die Möbel für das Schlaf- und Wohnzimmer (in Nussbaum) hat Vreni bei einer Firma Burkhardt und Häberli (Fabrikation moderner preiswerter Wohnungseinrichtungen in Bern) machen lassen. Die Kosten von Fr. 4657.30 hat ihr Vater übernommen. Bei Rüfenacht und Heuberger wurden noch Vorhänge für Fr. 165.- bestellt. (17)

10.3. Zurück an den Herd: Heirat und Familiengründung

Vreni hätte gerne nach der Hochzeit weiter als Sekretärin gearbeitet. Das war aber damals für eine Frau aus dem Mittelstand nicht üblich. Eugen hätte einer Berufstätigkeit seiner Frau nicht zugestimmt. Man hätte ja meinen können, er sei nicht in der Lage, eine Familie zu ernähren. Vreni war stolz darauf, dass sie an ihrem letzten Arbeitstag im Bundeshaus während der Session im Nationalrat die Reden mit-stenographieren konnte. Nach ihrer Erzählung war dies sehr anspruchsvoll, die Sekretärinnen wurden nach kurzer Zeit abgelöst. Sie hatten für ihre Arbeit ein eigenes Kämmerlein.

Vreni und Eugen Senn-Mühlemann haben am 24. Mai 1946 auf dem Zivilstandsamt der Stadt Bern geheiratet. Die kirchliche Trauung in der Kirche Bremgarten bei Bern war am 25. Mai 1946. Pfarrer W. Hiltbrand hat das Paar getraut. Der Text der Traurede lautete. „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen.“ (Psalm 37.5) Brautführer und Trauzeugen waren der ältere Bruder von Eugen, Karl und die Schwester von Vreni, Ruth. Karls Frau Luise ist nicht unter den geladenen Gästen. Da meine Grossmutter väterlicherseits mit ihr Streit hatte, wurde sie vermutlich auf deren Geheiss nicht eingeladen. Es war eine kleine Festgesellschaft von insgesamt 13 Personen. Ein Saurer-Car führte die Gesellschaft zum Hochzeitsessen zu einem Gasthof zum «Weissen Rössli» in einem mir unbekannten Dorf.

Das gemeinsame Interesse von Vreni und Eugen war ihre grosse Liebe zu den Bergen. Eugen war Mitglied des SAC und des AVB. Nach Möglichkeit fuhren Vreni und Eugen am Samstag nach getaner Arbeit in die Berge und übernachteten in einer Berghütte. Auch die Ferien verbrachten sie im Berner Oberland oder in den Walliser Alpen. Es existiert eine Unmenge von kleinen schwarz-weissen Fotos von Bergtouren und Hüttenaufenthalten. Sogar in den Ferien scheint Eugens Mutter manchmal auch dabei gewesen zu sein, sicher nicht zur Freude von Vreni. Es gab noch kaum Bergbahnen, also musste man zu Fuss auf die Alp oder den Berg steigen. Heute kann man z.B. bequem mit der Gondelbahn auf die Bettmeralp fahren; damals musste man vom Tal mühsam auf einem Säumerweg den steilen Berghang über das Dorf Betten auf die Alp wandern. Im besten Fall haben Maultiere das Gepäck und die Lebensmittel hinaufgetragen. Meine Mutter hat mir erzählt, wie sie halbtot oben ankam. Bedingt durch ihren erworbenen Herzfehler hatte sie beim Aufwärtsgehen Mühe mit dem Atmen.

Von Anfang an lebte das junge Paar im eigenen Haus an der Gurtengartenstrasse 1 im Spiegel bei Bern. Es ist ein grosses zusammengebautes Eckhaus, Baujahr 1922 mit einem grossen Garten. Die Vorgänger hatten Dienstboten. Es gab in mehreren Zimmern Klingeln, um dem Dienstmädchen zu läuten. Meine Grossmutter bewohnte im ersten Stock 2 Zimmer. In einem 3. Zimmer war für sie eine Küche eingerichtet worden. Gegessen haben sie nicht zusammen, aber mein Vater ging nach der Arbeit als erstes zu seiner Mutter, was Vreni je weilen sehr geärgert hat.

Am 19. November 1948 wurde ich, Therese Katharina, im Engeriedspital geboren. In Vrenis Lebenslauf heisst es: „1948 wurde uns unser Sonnenschein Theresli geboren.“ Meine Mutter hat erzählt, dass die spätere Frau von Bundesrat Gnägi die Hebamme war, die mir auf die Welt geholfen hat. Obschon es eine normale Geburt war, ist meine Mutter 11 Tage im Spital gewesen. Die Verpflegungskosten betrugen 13.50 pro Tag, dann gab es noch einen Aufschlag von 40%, weil sie in einem Einzelzimmer war. Die Geburt inkl. Verbandsmaterial kostete Fr. 50.- zuzüglich die Narkose von Fr. 32.95. Ich besitze noch die Rechnung der Privatklinik Engeried Bern. Insgesamt kostete der Spitalaufenhalt Fr. 418.35, zuzüglich Fr. 40.- Trinkgeld für die Hebamme. (18) Meine Eltern waren bei der Krankenkasse für den Kanton Bern versichert, die einen Teil der Kosten übernahm.

Vreni war später während Jahren im Vorstand der Krankenkasse für den Kanton Bern Sektion Spiegel tätig. Bis zur Einführung der obligatorischen Grundversicherung 1996 beruhten die Krankenversicherungen auf Freiwilligkeit. (19) Meine Eltern waren in diesem Bereich fortschrittlich: Wir waren alle drei krankenversichert.

Seit ihrer Kindheit hat Vreni gerne gesungen. Sie sang im Kirchenchor Wabern mit. Die Proben fanden in Wabern statt. Der nächste Weg führte durch den Wald der Gurtenbahn entlang nach Wabern. Nach der Probe ging sie meistens mit einer Kollegin, die ebenfalls im Spiegel wohnte einen andern Weg zurück.

10.4. Überfall am Gurten

Am Montag, 29. Juni 1953 stand im Bund eine Meldung unter dieser Überschrift «Überfall auf eine Frau am Gurten»: „Beim Restaurant „Schweizerhaus“ am Gurten, auf dem Gebiet der Gemeinde Köniz wurde in einer der letzten Nächte eine heimkehrende Frau von einem jungen Burschen, der von einem Hunde begleitet war, überfallen. Er schlug ihr mit der Faust ins Gesicht. In diesem Moment kamen ein Bahnbeamter u. ein Anwohner hinzu, die die Hilferufe der Frau hörten und sofort zum Tatort eilten. Der junge Bursche ergriff nun die Flucht. Er konnte jedoch bald durch die alarmierte Polizei gefasst werden.“(20)

In einer weiteren Zeitungsnotiz hiess es: „Wabern. Mit grosser Beruhigung nimmt die hiesige Bevölkerung zur Kenntnis, dass es dem Kantonspolizisten gelungen ist, des Sittlichkeitsverbrechers habhaft zu werden, der seit einiger Zeit die Gegend unsicher machte. Der Verhaftete, ein Bewohner Waberns, ist geständig.» (21)

Die überfallene Frau war meine Mutter. Sie war in der Pause der Chorprobe am 25. Juni 1953 vorzeitig nach Hause gegangen, weil sie und ihre Familie am andern Tag in die Ferien nach Kandersteg verreisen wollten. Der Täter (Hilfsarbeiter, mit dem gleichen Jahrgang wie sie) wollte sie vergewaltigen. Sie hat sich aber gewehrt und geschrien, da hat er ihr mit der Faust vorn die Zähne eingeschlagen. Auf ihre Hilfeschreie hin eilten ein Bahnbeamter von der Gurtenbahn und ein Anwohner zu Hilfe. Die Männer haben sie zur Talstation hinunterbegleitet. Der Täter war ein Wiederholungstäter. Für meine Mutter war es ein Schock, zudem hatte sie starke Schmerzen. Sie hat unter den polizeilichen und später gerichtlichen Einvernahmen sehr gelitten und sich unverstanden gefühlt. Es gab damals noch keine Opferhilfe. – Das Bundesgesetz über die Hilfe an Opfer von Straftaten (ausgelöst durch eine «Beobachter» Initiative) ist erst am 1. Jan. 1993 in Kraft getreten. Es sieht eine Beratung der Opfer von Straftaten und eine finanzielle Entschädigung und Genugtuung vor. (22) – Meine Eltern hatten grosse Geldsorgen, wegen der hohen Zahnarztkosten. Vreni musste unzählige Male zum Zahnarzt gehen und sich Stiftzähne einsetzen lassen. Dafür hatte sie keine Versicherung. Es gibt aus dieser Zeit einen Briefwechsel mit der Kirchgemeinde Wabern, wo meine Eltern angefragt haben, ob der Kirchgemeinderat eine Versicherung habe. Von Kirchenseite erhielt sie grosse Anteilnahme und auch finanzielle Unterstützung. Von deren Versicherung erhielt sie einen freiwilligen Betrag von Fr. 500.- (23)

In einem andern Zeitungsartikel steht unter der Überschrift „Angriffe auf Frauen“: „ Im ersten Halbjahr 1953 ereigneten sich in Wabern bei Bern mehrere schwere Angriffe auf Frauen, die am Abend nach Hause zurückkehrten. Die beiden Verbrecher konnten festgenommen werden…… Der …. Täter erblich belastet und in ungefreuter Jugend als Verdingbub aufgewachsen, ist nach dem Zeugnis seines Arbeitgebers ein guter und fleissiger Arbeiter. Aber er war ins Trinken gekommen, lebte auch in keiner harmonischen Ehe und verlor nach und nach alle moralischen Hemmungen. Daher überfiel er im April und dann wieder im Juni, als er im angetrunkenen Zustand war, zwei Frauen, die eine zudem in brutaler Weise, indem er ihr einen Fausthieb ins Gesicht versetzte. Nachher konnte er sich an nichts mehr erinnern. Nach einem psychiatrischen Gutachten steht der noch junge Mann an der unteren Grenze der Intelligenz. Teils wegen seiner vererbten Veranlagung, teils wegen der krankhaften Entwicklung während der letzten Jahre sei er nur in vermindertem Grade zurechnungsfähig, doch müsse er als gemeingefährlich betrachtet werden. Immerhin sei eine Besserung seines Geisteszustands möglich; der Experte empfahl daher die Versorgung in einer Heil-und Pflegeanstalt gemäss den Artikeln 14 und 15 StGB. Staatsanwalt Bähler und die Kriminalkammer schlossen sich diesen Erwägungen an, wogegen der amtliche Verteidiger versuchte, für den Angeklageten die bedingte Verurteilung zu erwirken mit der Weisung, sich des Alkohols zu enthalten und sich ärztlich ambulant behandeln zu lassen.
Das Urteil lautete, in Berücksichtigung der verminderten Zurechnungsfähigkeit, nicht auf Zuchthaus, sondern nur auf zwei Jahre Gefängnis. Der Vollzug wird aufgeschoben und der Angeklagte in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen.“ (24)

Für Vreni war das Gerichtsverfahren sehr belastend. Sie hatte nur wenig moralische Unterstützung durch Eugen. Einmal nahm sie mich mit zu einer Befragung auf dem Gericht, weil sie keine Hüte-Möglichkeit hatte. Ich war damals knapp fünf Jahre alt. Die Erwachsenen haben viel über den Überfall gesprochen, z.B. beim Zahnarzt, wohin ich sie regelmässig begleitet habe. Ich habe nur begriffen, dass da ein böser Mann im Spiel war. Jahrelang hatte ich Alpträume. Vreni hatte im Verlauf des Gerichts-Verfahrens den Eindruck, dass dem Täter von Seiten der männlichen Gerichtsbehörden zu viel Verständnis entgegen gebracht werde. Als Privatklägerin bekam sie für den 9. Februar 1954 eine Vorladung. Sie wollte dem Täter vor Gericht nicht begegnen und hat darauf verzichtet, sich am Verfahren als Privatklägerin zu beteiligen. Sie schreibt: „…ich stelle nicht Strafantrag und verzichte darauf gegen K. Zivilansprüche geltend zu machen, dies im Hinblick darauf, dass der mir durch K. zugefügte Schaden teilweise durch Versicherung gedeckt worden ist.“ (25)

10.5. Haushaltgeräte – Hüttenromantik – Häusliches Glück

Früher gab ein Haushalt viel mehr zu tun als heute. Es standen noch nicht so viele technische Hilfsmittel zur Verfügung. Als ich klein war, haben meine Mutter und die Grossmutter in Gummistiefeln oder in Holzschuhen und mit Wachstuchschürzen und Kopftüchern bekleidet alle paar Wochen zwei oder drei Tage in der dampfenden Waschküche verbracht. Die Wäsche wurde in grossen Bottichen im heissen Wasser mit Waschmittel eingeweicht, z.T. auf einem Waschbrett mit Kernseife gerubbelt und mit einem Stössel („Stüngu) im Wasser zusammengepresst. Mit länglichen, flachen „Holzarmen“ wurde dann die schwere nasse Wäsche herausgefischt und in den Waschhafen, der zuvor eingeheizt worden war, gelegt und gekocht. Dann wurde die heisse Wäsche in einem Trog mit kaltem Wasser gespült. Zuletzt wurden die Wäschestücke in die Zentrifuge befördert, wo das Wasser ausgewrungen wurde. Für kleine Kinder lauerten in der Waschküche viele Gefahren, deshalb war ich nicht erwünscht und sollte oben in der Wohnung bleiben. Von Zeit zu Zeit kam die Mutter nachschauen, ob alles in Ordnung sei. Einmal, ich war etwa 4 Jahre alt, wurde es mir langweilig in meinem Zimmer. Ich stieg die Treppe hinunter und wollte die Waschküchentür öffnen. Versehentlich drehte ich den altmodischen Schlüssel um. Nun war ich im grossen Haus eingeschlossen; denn die Haustüre im Parterre war nämlich ebenfalls abgeschlossen. Trotz Anweisungen der Mutter konnte ich den Schlüssel nicht mehr umdrehen. Meine Mutter musste nun in Holzböden und in ihrer Waschkleidung ums Haus herum zur Nachbarin gehen, um meinen Vater anzurufen. Der kam so rasch als möglich mit dem Bus nach Hause und hat mit seinem Schlüssel die Haustür geöffnet. Nun war ich wieder befreit. Mich hat die Geschichte nicht besonders beeindruckt; für die Erwachsenen war es viel aufregender gewesen. Wenn die Wäsche gewaschen war, musste sie noch zum Trocknen aufgehängt werden. Im Garten wurde mit Hilfe eines Seils, das von einem Holzgestell abgewickelt wurde, zusätzliche Wäscheleinen aufgespannt. Wenn die Wäsche mit Holzklammern aufgehängt worden war, musste die Leine mit Holzstangen gestützt werden. Später haben meine Eltern eine halbautomatische Waschmaschine für den Wäschetag gemietet, bis dann endgültig eine vollautomatische Waschmaschine gekauft wurde.

Von Anfang an gab es im Haus eine Zentralheizung. Es wurde mit Kohle geheizt. Mit einer Kohleschaufel mussten die Kohlenstücke im Kohlenkeller geholt werden. Dies war für meine Mutter schwere Arbeit. Vor allem nach den Ferien, wenn sie wieder neu einheizen musste, das Feuer nicht richtig brennen wollte und es geraucht hat. Da hat sie sich beklagt, dass Eugen sich zu gut sei für diese schwere Arbeit und er sich nicht die Hände schmutzig machen wolle. Später wurde eine Oelheizung installiert. Am Anfang hatten wir weder ein eigenes Telefon, noch einen Staubsauger oder einen Kühlschrank. Wenn es einen dringenden Telefonanruf zu tätigen gab, ging meine Mutter zu den Nachbarn, die schon ein Telefon hatten. Meine Mutter hat viel genäht und gestrickt. Ich trug eigentlich immer selbst gemachte Kleider. In der Migros-Clubschule hat sie Nähkurse besucht. Sie besass eine elektrische Nähmaschine.

1959 hatten wir das erste Auto, einen VW-Käfer. Ähnlich wie in einem Kurzfilm an der Expo 1964, wo eine Familie jeden Sonntag Ausfahrten durch die Schweiz macht, fuhren auch wir des Sonntags über Pässe durch die halbe Schweiz. Das war für mich nicht unbedingt ein Vergnügen, für meine Mutter aber schon. Ab jetzt fuhren wir ab und zu ins Ausland in die Ferien. Den ersten Fernseher hatten wir 1968.

Glücklich war die ganze Familie über das Landleben im «Hüttli». Seit Januar 1961 hatten wir das Bauernhäuschen Margritli auf dem Silberbühl in Oberwil im Simmental gemietet. Die Besitzerin, die ledige Bäuerin Helene (Leni) Bühler wohnte in einem alten kleinen Bauernhaus daneben. Sie hatte Kühe, zog Kälbchen auf, hatte Hunde und Katzen und zeitweilen Pferde, Fohlen und Ziegen. Der Mietpreis für das Hüttli war äusserst bescheiden, zu Beginn Fr. 360.- pro Jahr, zuzüglich Fr. 32.- für das Brennholz. Das Hüttli bestand aus zwei Räumen und einer Küche. Das Wasser musste beim Brunnen geholt werden ca. 50 Meter vom Haus entfernt. Draussen auf der rückwärtigen Laube befand sich das Plumpsklo. Die Küche war sehr primitiv und im Winter bitterkalt. Wir verbrachten alle 14 Tage das Wochenende; je1-2 Wochen in den Frühlings-, Sommer-und Herbstferien und immer die Zeit über Silvester Neujahr im «Margritli». Obschon meine Mutter viel Arbeit hatte, hat sie das einfache Landleben genossen, z.B. wenn sie beim Rüsten die Küchenabfälle einfach über die Laube auf den Miststock werfen konnte. Auch der Kontakt zu den Einheimischen hat ihr sehr gefallen und auch die vielen Erlebnisse mit den Tieren. Stundenlang wurde auf der Laube mit der Familie Bühler„gedorft“ (geklatscht). Es gab immer viel zu erzählen von all den Tiergeburten und Erlebnissen und den Geschehnissen im Tal. Die alten Bühlers wohnten auf einem Bauerngut im Tal. Vor allem der Vater war ein Original. „Dr Her isch im Himu“, sagte der alte Bühler und wollte nicht, dass man ihn mit Herr ansprach. Er hatte immer eine Zipfelmütze auf dem Kopf und seine Kleider standen vor Dreck. Als wir ihm einmal unsere Schildkröte gezeigt haben, war er fasziniert. Er hatte noch nie ein solches Tier gesehen. Er hat sie von allen Seiten gut angeschaut, ihr auf den Panzer geklopft und dann voll Staunen gesagt: „Was het doch dr Herrgott aues für Tier g’macht.“ Bühlers waren Halbnomaden und zogen mit ihren Tieren von einer Hütte zur andern, auch im Winter. Es gab den Talhof, wo die Alten und der ledige Sohn lebten; den Silberbühl etwa auf halber Höhe zum Rossberg, wo Leni zu Hause war, die Rossberghütte auf Allmend-Land und noch weiter oben die Alphütte „Schüpfen“. Auf Schüpfen hat die Bauernfamilie die eigenen und noch fremde Tiere gesömmert. Meine Mutter und ich haben beim Heuen und beim Emden geholfen. Auch bei den Alpaufzügen waren wir dabei. Wenn die Kühe zur Viehschau mussten, haben wir beim Waschen der Kühe und beim Treiben ins Tal geholfen.
Wie so ein Alpaufzug von statten ging, hat meine Mutter im Hüttenbuch vermerkt. Da war das älteste Grosskind, Sämi mitbeteiligt: „Gegen 9 Uhr machten wir uns mit Rucksack und Stecken bewaffnet auf den Weg zur Rossberghütte. Zum Glück nahm uns der Pfarrer im Auto mit – mir schwante nämlich etwas! Auf dem Rossberg fanden wir Leni in Aufregung, denn noch nichts war parat und schon bald kam der Helikopter. Sämi half, wo er konnte, spitzte die Ohren und hielt Mund und Ohren offen. Es gab zwei Flüge, bei dem ersten wurde sogar der Horischlitten am Netz angehängt. Jetzt hiess es mit dem Vieh hinaufzusteigen. Sämi und ich hatten den Auftrag die Ziegen hinaufzubringen (7 St.) Sämi bekam an einem Seil die Jüngste namens Natascha und ich die Aelteste-Grosse mit Hörnern. Die Kühe marschierten in flottem Tempo – Leni voraus,… die Helfer verteilt weiter hinten. Sämis Geisslein ging zuerst flott voran und die Mama schon «verlechnet» und schnaufend bei brütender Hitze zuhinterst. Schon bald musste ich meine Schöne fahren lassen und machte mir Sorgen, wie das weiter gehen solle. Jetzt war Sämis Natascha auch auf der Nase. Immer hörte ich ein Stimmlein sagen: „Chum Natascha, chum!“ Die Geiss legte sich auf den Boden und war nicht mehr zu bewegen weiter zu gehen. Wir zwei streckten buchstäblich die Zunge heraus….Nun plötzlich waren wir drei: Sämi, die Geiss und ich allein, weit und breit sahen wir keinen Knochen mehr. Schritt um Schritt unter Stossen und Ziehen haben wir es zuletzt doch noch geschafft.“ (26)

Vreni war sehr tierliebend. Sie hat die Schildkröte namens Valentine, die ich 1957 von meinem Lehrer bekommen hatte, 50 Jahre lang gut gepflegt. Im Frühling und im Herbst wurde das Tier gewogen und gebadet. Vreni hat ein Valentinen-Journal geführt. Als wir Valentine bekamen, wog sie 1 kg 150g. Im Herbst 2007 vor dem Winterschlaf war Valentine 2 kg 400 g schwer. Valentine hatte Auslauf im ganzen Garten, sie war aber damit nicht zufrieden. Stundenlang lief sie dem Gartenzaun entlang und ab und zu konnte sie abhauen. Auf abenteuerliche Art und Weise kam sie immer wieder zurück, bzw. wurde sie zurückgebracht, z.B. einmal im Postwagen des Briefträgers. Neben den Schnecken und den hinuntergefallenen Beeren und Früchten, erhielt Valentine noch spezielles Schildkrötenfutter. Den Winterschlaf verbrachte sie in einer Kiste gefüllt mit Torf und dürren Blättern im Gemüsekeller. Meine Mutter hat das Laub von Zeit zu Zeit mit etwas Wasser benetzt. Wir hatten auch Katzen, zuerst den schwarzen langhaarigen Lord, der sich am Abend beim Maikäferjagen im Lichtkegel der Strassenlampe vergass und vom Bus überfahren wurde. Später hatten meine Eltern während 13 1/2 Jahren den getigerten Pascha. Zweimal pro Woche ging meine Mutter auf den Markt, um für Paschi Fleisch zu kaufen. Paschi wurde immer ins Hüttli mitgenommen.

Sehr grosse Freude hatten meine Eltern an den Grosskindern: Samuel (1977); Beatrice (1981) und Lorenz (1984). Einmal pro Woche ging ich mit den Kindern in den Spiegel. Die Freude von Grosseltern und Grosskindern war gegenseitig: Helfen im Garten und nachher Znüni essen, das Mama an einem Körbchen heruntergelassen hatte; Iglu bauen im Winter; Bädele und draussen spielen im Sommer. Auch im Hüttli gefiel es den Kindern gut. An Ostern 1979 vermerkt Vreni im Hüttenbuch: „Leni hat am Nachmittag extra die jungen lebensfreudigen Zicklein für Sämeli aus dem Stall genommen… Es war ein schönes Bild…. alle inmitten der jungen Gitzi auf der sanft grünenden Wiese! Das sind Augenblicke, die wohl nie mehr wiederkehren.“(27) Im Sommer 1986: „Zusammen auf dem „Brätelplatz“ auf dem Rossberg haben wir schöne Stunden verbracht. Chris hat feine Coteletts gegrillt, und alle assen wir Pommes Chips, Salat etc. … Die Kinder waren in ihrem Element, bauten Brücken und badeten im Bergbach.“ (28)

10.6. Kommt Zeit – kommt Rat

„Plötzlich ist alles anders…“ Mit diesen Sätzen endet am 19. Juli 1993 das Hüttentagebuch. (29) Was war geschehen? Eugen hatte 1991 wegen einem Krebsleiden eine Operation mit einer anschliessend lebensbedrohlichen Infektion. Später war er wegen Embolien im Spital. Im Sommer 1993 erhielt mein Vater den niederschmetternden Bericht, dass die Krebskrankheit weit fortgeschritten sei und er Metastasen habe. Dennoch fuhren die Eltern im Juli nach Brail im Engadin, wo sie seit 1972 regelmässig die Ferien im Hotel Post verbrachten. Am 3. Jan. 1994 waren Vreni und Eugen das letzte Mal im Hüttli. Eugen war nicht gut „zwäg“ (Schwäche, Medikamente). Auf der Heimfahrt kamen sie in Ringoldingen von der Strasse ab, demolierten einen Weidezaun, fuhren eine kleinere Böschung hinunter, dann durch morastige Wiese bis an einen Baum der abknickte. Sie hatten noch Glück im Unglück: Sie erlitten Quetschungen von den Sicherheitsgurten, und Vreni eine Fraktur am rechten Mittelfuss. Nun war das Kapitel „Autofahren“ abgeschlossen. Von nun an „schwachte“ Eugen ab. Vreni hat ihn sehr geduldig und aufopferungsvoll gepflegt. Am 10. Juni 1994 verstarb Eugen an einer Lungenentzündung im Zieglerspital. Vreni kam nie ganz über den Verlust hinweg.

Sie hat sich oft gefürchtet allein im grossen Haus. Als ein Nachbar am Abend des 24. Juli 2001 spät anrief und sagte, bei ihr brenne seit Tagen im Estrich Licht, hat sie sich so in eine Sache hineingesteigert, dass sie Angst bekam und sich an den Polizeinotruf wandte. Junge Polizisten, ein Mann und eine Frau, haben das ganz Haus durchsucht, ohne Ergebnis. Licht hat auch nicht gebrannt. Es war eine Fata Morgana auch seitens des Nachbarn. In einem Brief an die Polizei schildert meine Mutter am andern Tag den Vorfall. Als Dank an die Helfer hat sie noch etwas gedichtet: „Wer so wie Sie den Laden schmeisst und Energie und Charme beweist, ja der verdient von Zeit zu Zeit ein Zeichen echter Dankbarkeit!“ (30)

Vreni hatte auch noch gute Zeiten: Sie hat das GA ausgenützt und ist viel in die Berge gefahren. Sie hatte Freude an den Blumen im Garten und hat viel gestrickt. Ihre Züpfen und Gugelhöpfe waren auch in der Nachbarschaft sehr beliebt. Sie hat alte Freundschaften gepflegt und war angetan vom Höck ihrer Lysser Sekundarklasse. Zu ihrem 80. Geburtstag hat sie ihre Familie und weitere Verwandte in das Hotel Hirschen in Langnau mit folgenden Worten eingeladen: „Man kann es drehen wie man will, die Zeit vergeht und steht nie still. Vor „80“ Jahren, ich frage mich: wo bleiben diese nur, fing an zu ticken auch meine Lebensuhr. Und wie’s so geht im Leben… mal geht es rauf, mal geht es runter, doch ich bin heut noch „purli“ munter!? Drum lad’ ich ein zu diesem Feste und bitte Euch, seid meine Gäste. Was ich mir wünsche an diesem Tag – und schreibt schon heut Euch hinters Ohr – bescheiden ist’s… viel Fröhlichkeit und auch etwas Humor!!“ (31)

Schlimm war, als im Juni 2005 bei ihr eingebrochen wurde. Sie erlitt einen Schock und musste notfallärztlich behandelt werden. Ich habe den Eindruck, dass diese traumatische Erfahrung und anonyme Telefonanrufe aus dem Ausland zu jeder Tag- und Nachtzeiten während Monaten den Verlauf ihrer Demenzerkrankung beschleunigt haben. Vreni wollte aber keine Hilfen annehmen. Sie lehnte einen Übertritt in eine Seniorenresidenz ab und wollte auch nicht mit der Spitex kooperieren. Mein Mann und ich, aber auch Nachbarn sind immer wieder eingesprungen, wenn etwas mit der Waschmaschine, beim Insulinspritzen oder beim Geldabheben etc. nicht mehr klappte. Lange Zeit wollte ich nicht wahrhaben, dass meine Mutter nicht mehr allein im Haus leben konnte. Erst anlässlich eines Aufenthaltes im Zieglerspital, wo die Ärzte und das Pflegepersonal mich darauf hingewiesen haben, dass jetzt der Zeitpunkt für einen Heimeintritt gekommen sei, sah ich mich gezwungen zu handeln. Obschon Vreni das Zimmer mit Balkon im Alterszentrum Viktoria besichtigt hatte und gesagt hatte „das nehme ich“ hat sie es wieder vergessen. Ich musste sie «gegen ihren Willen» dorthin bringen. Sie trat am 1.3. 2008 im AZ Viktoria ein. Ich habe Tagebücher von meiner Mutter aus dieser Zeit gefunden: „Neuer Lebensabschnitt! Was erwartet mich? On verra! Fühle mich unsicher! Bin auch etwas traurig!… Ich habe Mühe mich zurecht zu finden… Ihr erlaubt euch allerlei. Hier sehe ich keine Zukunft… Warum hat man mich vom Spiegel fortgerissen. Ich fühle mich einsam. Kommt Zeit, kommt Rat“.(32) Es ist berührend zu sehen, wie sie um Orientierung im inneren Chaos gerungen hat. Sie schreibt, dass sie gerne mit ihrer Schwester Ruth eine kleine Wohnung gemietet hätte. Ihre Schwester starb bald darauf und sie hat nicht mehr davon gesprochen und ihre Schwester bald vergessen.

Ich habe sie bis zum Schluss 1-2 x pro Woche besucht. Am Anfang haben wir noch Ausflüge in die Stadt gemacht. Sie hatte auch Freude, wenn wir mit ihr eine Fahrt mit dem Auto unternahmen. Sie fand eine gute Kollegin auf ihrem Stockwerk und hat eifrig an den Aktivierungstätigkeiten teilgenommen. Z.T. sang sie bis zu Schluss die zweite Stimme von Liedern, die ihr bekannt waren. Lange war sie körperlich noch in einer sehr guten Verfassung. Die gemeinsame Kommunikation wurde aber zunehmend schwieriger. Sie ist aufgeblüht und hat lichte Momente gehabt, wenn sie draussen im Park war; wo sie die Blumen und die hohen Bäume bewundert hat und jedes Blatt aufheben wollte. Sehr gefreut hat sie sich aber auch, wenn sie die Heimkatze sah oder wenn der kleine Urenkel Matthias auf Besuch kam. Ich habe den Eindruck, dass sie mich bis zum Schluss erkannt hat. Deshalb war es für mich umso schmerzlicher, dass ich sie in ihren letzten Stunden nicht begleiten konnte. Ich war mit meinem Mann in Rumänien, als die Nachricht kam, meiner Mutter gehe es schlecht. Die Heimreise mit Mietauto, Inlandflug und Flug ab Bukarest dauerte zu lange und ich habe sie nicht mehr lebend angetroffen. Am Morgen früh des 2. Oktobers 2012 entschlief sie.

„Die Blätter fallen wie von weit
wir alle fallen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
Unendlich sanft in seinen Händen hält.“
Nach R. M. Rilke (33)

Quellenangaben:

1 «Diphtherie», Wikipedia
2 Corti Francesca «Tuberkulose», Historisches Lexikon der Schweiz
3 «Tuberkulose», Wikipedia
4 Lebenslauf
5 (s. 4)
6 Brief vom 11.01.1939
7 (s. 4)
8 Zeugnis 1942 unterzeichnet vom Amtsschaffner vom Niedersimmental
9 (s. 4)
10 Brief vom 6.11.1942
11 Brief vom 4.08.1943
12 Brief vom 8.07.1943
13 Brief vom 17.09.1943
14 Brief vom 7.03.1945 unterzeichnet mit Soldat Ruth
15 Brief vom Februar 1946
16 Brief vom 14.02.1946
17 Korrespondenz und Rechnungen zur Aussteuer
18 Rechnung für Geburtskosten von der Privatklinik Engeried Bern vom 19.11. bis 30.11.1948
19 Degen Bernhard «Krankenversicherung», Historisches Lexikon der Schweiz
20 «Überfall auf eine Frau am Gurten», Bund vom 29. Juni 1953
21 «Bern Land -Wabern», Emmenthaler Blatt vom 29. Juni 1953
22 Schweizerische Eidgenossenschaft, «Opferhilfetagung 8. Sept. 2017»
23 Korrespondenz mit der Kirchgemeinde Köniz, Pfarramt III Wabern im Juli und August 1953
24 «Gerichtssaal», Zeitungsartikel ohne nähere Quellenangabe
25 Absageschreiben von Vreni Senn auf die Vorladung zur Hauptverhandlung vom 9.02.1954 vor der Kriminalkammer
26 Hüttenbuch, Eintrag vom 2.08.1986
27 (s. 26) Eintrag Ostern 1979
28 (s. 26) Eintrag vom 3.07.1986
29 (s. 26) Eintrag vom 19.07.1993
30 Brief an die Polizei vom 25.07.2001
31 Einladung zum 80. Geburtstag, 30.03.2002
32 Notizen in ihrer Agenda 2008
33 Todesanzeige, nach Rilke Gedicht «Herbst»