11. Rentsch von Trub BE, ab ca. 1600, Bauern, Taglöhner, Pächter

Die Rentsch-Familie meines Mannes ist heimatberechtigt in Trub BE. Die Rentsches gehörten nicht zu den einflussreichen Truber Familien. Sie waren Lehensleute, Tauner (Taglöhner), Knechte oder (Klein-)Bauern. Rentsch ist eine Kurzform des Vornamens Raginhard = Reinhard oder Laurentius = Lorenz. (1) Der Familienname kommt im Emmental nur in Trub vor. Das Familienwappen ist in Blau auf goldenem Dreiberg eine gestürzte silberne Pflugschar, oben begleitet von zwei goldenen Sternen (2)

11.1. Herkunft

11.1.1. Die Gemeinde Trub

„Trub liegt im oberen Emmental an der Trub, im Napfbergland, ist landwirtschaftlich geprägt und weist ein sehr grosses Streusiedlungsgebiet auf. Flächenmässig gehört sie mit 6201 Hektaren zu den grössten Gemeinden im Kanton Bern. Rund 50% der Gemeindefläche ist bewaldet. Der höchste Punkt liegt auf dem Napf bei 1408 m. Zur Gemeinde gehören auch die Weiler Fankhaus und Kröschenbrunnen. Die Einwohnerzahl betrug im Jahr 1900 noch 2606. Seitdem ist sie kontinuierlich rückläufig (1396 im Jahr 2010). Trub ist ein klassisches Auswanderungstal. Dies zeigt die Zahl von rund 50`000 Leuten, die in Trub ihren Bürgerort haben.“ (3)

Das Truber Wappen ist blau mit einem goldenen T. «Auf den ersten Blick scheint das Truber Gemeindewappen einfach und offensichtlich lesbar zu sein. T wie Trub. Das goldene Zeichen auf blauem Hintergrund stellt aber nicht den Buchstaben T, sondern das Antoniuskreuz dar. Die lateinisch als «crux commissa» (= zusammengefügtes Kreuz) bezeichnete Kreuzform wurde bereits in der Antike als heiliges Zeichen verehrt.» (4) Die Bezeichnung Antoniuskreuz geht auf den Vater des Mönchtums Antonius zurück. «Wie das Kloster Trub – und damit in der Folge die politische Gemeinde – zum Antoniuskreuz im Wappen kam, ist nicht bekannt.» (5) Der Name Trub scheint vom Althochdeutschen «truoba», die Trübe, die Aufgewühlte herzukommen. «Trub ist ein ursprünglicher Bachname, welcher sekundär auf die Siedlung übertragen worden ist. Die Ortschaft liegt an der gleichnamigen Trueb.» (6) Es liegt nahe, Trub als Gegenstück zum Namen der luzernischen Nachbargemeinde Luthern anzusehen (trüb und lauter). «In Trub gibt es Stimmen, welche behaupten, bei Gewittern würden die Truber Gewässer viel schneller und stärker trüb als jene in der Luthern.» (7)

Das Emmental wird von Jeremias Gotthelf (1797-1854), der in Lützelflüh Pfarrer war, wie folgt beschrieben:
„Eng begrenzt ist sein Horizont von waldigen Hügeln, an deren Fuss sich unzählige Täler ziehen, von rauschenden Bächen bewässert, die in stillem Murmeln ihre Geschiebe wälzen, bis sie den Schoss der Emme finden.“ (8)

Über die Bewohner sagt Gotthelf:
„Seinem Lande ähnlich ist der Emmentaler. Weit ist sein Gesichtskreis nicht, aber das Nächste sieht er klug und scharf an; rasch ergreift er das Neue nicht…aber was er einmal ergriffen, das hält er fest mit wunderbarer zäher Kraft. Viel spricht er nicht, Lärm treibt er nicht; aber wo er einmal Hand anlegt, da lässt er nicht ab, bis alles in Ordnung ist…“ (9)

11.1.2. Geschichte des Oberemmentals

Im 12. Jahrhundert entstanden im Emmental Dörfer z.B. Langnau, Schangnau, Eggiwil, Signau etc. und Streusiedlungen und Einzelhöfe. Im Mittelalter gehörten zu einem Dorf eine Mühle und eine Taverne. Früh gab es auch Gewerbebetriebe wie Schmieden, Sägereien, Gerbereien und Stampfen. Auch das Trub -Tal wurde in dieser Zeit besiedelt; zu diesem Zweck wurde Wald gerodet. 1125 wurde das Kloster Trub gegründet. Es war eine Benediktinerabtei gestiftet von den Herren von Lützelflüh. Das Kloster Trub besass Stammhöfe, die von Lehenmännern bewirtschaftet wurden. Die Gutswirtschaften der Klöster Trub und Röthenbach übernahmen die Funktion des dörflichen Gemeinwesens. Dem klösterlichen Gutshof waren die unentbehrlichen Gewerbebetriebe angegliedert. Die Besitzer der andern Höfe waren im Mittelalter oft einheimische Freiherren und einige grosse Adelshäuser (Zähringer, Kyburger, Habsburger). Auch sie bestellten die Äcker nicht selber, sondern hatten Lehenmänner. Ursprünglich waren Weiler und Dörfer oft Flurgenossenschaften. Die Äcker, Wiesen und Wälder waren im Gemeinbesitz und wurden gemeinsam bearbeitet. Der Einzelhof bildete eine abgeschlossene Betriebseinheit. Im 13. Jahrhundert war das grundlegende Netz der Dörfer, Weiler und Einzelhöfe ausgebreitet und Wald auf die Kappen und Schattseiten zurückgedrängt.

Nach dem Sempacher Krieg 1386 war die Stadt Bern im Oberemmental die gebietende Macht. Die Habsburger waren aus ihren Burgen verjagt worden. Die Stadt Bern hatte das Recht, die Untertanen der weltlichen und geistlichen Herren zum Kriegsdienst aufzubieten und zu Steuern heranzuziehen. Die Unfreien wurden losgekauft. Sie bekamen die Rechte
und Pflichten (Wehrdienst, Steuern) der Freien.

Die Reformation verfügte 1528 die Aufhebung der Klöster. Die Truber Herrschaft ging an die Stadt Bern über. Bern übte im ganzen Umkreis der Emme die oberste Militär-, Gerichts-, Polizei- und Religionsgewalt aus. Landvogteien wurden errichtet. Trub gehörte zur Landvogtei Trachselwald. Der Staat bekam mehr Macht im Alltag. Er organisierte die Armenpflege und die Schule. Er wachte über die Sittenzucht. Es gab Mandate von der Regierung gegen das Reislaufen, Fluchen, Degenzücken, Zutrinken, Geldspielen, geschlitzte Kleider etc. Die Obrigkeit duldete keine Abweichung. Die Täufer wurden verfolgt. (10)

Auch nach der Reformation gab es eine ständische Ordnung in der bäuerlichen Gesellschaft:
Zuoberst waren die Bauernaristokraten. Sie bewirtschafteten den Hof nicht selber sondern hatten Regierungsämter inne, wie Chorrichter, Säckelmeister etc. Die nächsten in der Hierarchie waren die Lehenmänner. Wirte und Müller galten dem Bauernstand als ebenbürtig. Dann kamen die Küher und Sennen, und schliesslich die Tauner (Taglöhner) und Knechte. Die Handwerker waren zuunterst in der sozialen Hierarchie. Nach Hans Minder, Lokalhistoriker, war es undenkbar, dass ein Emmentaler Bauernsohn ein Handwerk erlernte. Er wäre geächtet worden.(11). Dies ist für mich erstaunlich, denn die Handwerker besassen aus meiner Sicht eine rechtlich geschützte Stellung; sie verfügten vermutlich auch über etwas Bargeld. Die Handwerker waren in Landzünften organisiert. Dadurch schützten sie sich vor fremden Berufsgenossen (Konkurrenten). Die Landzünfte machten Vorschriften über Lehrzeit, Wanderschaft und Meisterprüfung, Anzahl von Lehrlingen und Löhne. (12)

11.2. Lebensdaten der Rentsch – Angehörigen

Ich beziehe mich auf die Angaben vom Zivilstandsamt Emmental. Sie gehen zurück bis 1764. Von Hans Minder, Lokalhistoriker, Genealoge habe ich den Stammbaum der früheren Vorfahren bis ca. 1600 erhalten (s. Kp. 21.5. «Rentsch – Vorfahren im Überblick» ). Die Kinder wurden in der Regel rasch nach der Geburt getauft. Ich gehe davon aus, dass die Geburtsdaten der Rentsch -Vorfahren, die ich von Herrn Minder erhalten habe, eigentlich die Taufdaten waren. Die Angaben in den alten Pfarrrodeln sind sehr unvollständig. Da oft nur die Taufdaten stehen, lassen sich kaum Aussagen über die Kindersterblichkeit machen. Kinder, die vor der Taufe starben, wurden in der Regel im Taufrodel nicht erwähnt. Die Kindersterblichkeit war vermutlich sehr hoch. Nur wenn die Söhne geheiratet haben und eine eigene Familie gegründet haben, gab es später wieder einen Eintrag im Rodel.

11.2.1. Älteste Vorfahren – Anzahl Generationen – Heiratsalter – Anzahl Kinder – Vornamen – Todesfälle – Alter der Vorfahren

Die ältesten nachgewiesene Vorfahren hiessen Christian Rentsch, geb. ca. um 1600 und Anna Haldimann. Sie wohnten im „Rentschhüsli“ (Räntschhüsli) in Fankhaus bei Trub BE. Bis heute gibt es 12 Generationen Rentsch. Der jüngste männliche Spross heisst Matthias Rentsch, geboren am 17.08.2011, Sohn des Samuel Rentsch geb. 1977 und der Silvana Ulian. Seine Schwester Daria Rentsch wurde am 15.08.2014 geboren. Die zwei Mädchen unserer Tochter Beatrice Rentsch und ihres Ehemannes David Barraud: Ella geb. am 17.04. 2013 und Luisa geb. am 29.07 2017 heissen Barraud und gehören deshalb nicht zur Rentsch-Linie. Auch die Tochter Lilou geb. 20.05.2020 von Lorenz Rentsch und Lea Ruprecht heisst nicht Rentsch, sondern Ruprecht.

Im Ersten Teil dieser Arbeit schildere ich die Lebensgeschichten bis und mit der 9. Generation.

Das Heiratsalter der Männer war zwischen 24 und 45 Jahren. In der 6. Generation hat Jakob Rentsch zweimal geheiratet. Die Frauen waren bei der Heirat zwischen 19 und 30 Jahre alt.

Die frühen Vorfahren hatten 10, 11, 12 Kinder, zwischenhinein aber auch nur 5 oder 6. In der 7. Generation gab es nur 2, in der 9. Generation 3 Kinder. Immer dort, wo in der gleichen Familie 2 Kinder den gleichen Vornamen trugen, ist davon auszugehen, dass das ältere Kind mit diesem Vornamen früh verstorben ist und ein nachgeborenes Kind den gleichen Vornamen erhielt. Das ist in der 1. Generation der Fall, wo es 2 Knaben mit dem Namen Ulrich und 2 Mädchen mit dem Namen Katharina gab. In der 4. Generation hiessen sogar 3 Knaben Ulrich. Der dritte Ulrich Rentsch hat überlebt und war verheiratet. Oft steht hinter dem Namen und dem Taufdatum: «Keine weiteren Angaben». Das bedeutet, dass der Betreffende entweder früh verstarb oder dass er ledig blieb.

Über die Todesursache findet man meistens keine Angabe. In der 5. Generation ist der Sohn von Johann Rentsch und Magdalena Beer mit 32 Jahren an einem Unfall verstorben: «Der Sohn Niklaus Rentsch, geb. 1806, erlitt am 20.11.1838 beim Holzen im Goldbachgraben einen Unfall. durch eine umstürzende Tanne wurde er an Aug und Stirn verletzt. Er starb am 21.11.1838 kurz nach Mitternacht.» (13) In der 6. Generation starb die erste Frau von Jakob Rentsch, Magdalena Zaugg (1819 – 1846) mit 27 Jahren. Es ist möglich, dass sie im Kindbett verstarb. Von ihren 4 Kindern haben 2 das erste Lebensjahr nicht überlebt. Jakob Rentsch ging 1849 in Trub mit Magdalena Eichenberger eine neue Heirat ein. Aus dieser zweiten Ehe entstammten 3 Kinder, die alle das Erwachsenenalter erlebten und heirateten. Die Männer wurden, soweit die Daten bekannt sind, zwischen 71 und 80 Jahre alt. Bei den Frauen war die Spannbreite der Lebensalter zwischen 61 und 86 Jahren, mit Ausnahme von Magdalena Zaugg, die mit 27 Jahren verstarb.

Bei den Männern waren häufige Vornamen: Christian (7), Ulrich (6) und Johann (5). Bei den Frauen waren beliebte Vornamen: Anna (6), Katharina (4), Magdalena (4).

11.2.2. Wohnorte

Bis zur 6. Generation lebten die Rentsch-Vorfahren in der Umgebung von Trub. Christian Rentsch und Anna Haldimann (1. Generation) und Ulrich Rentsch und Anna Aeschlimann (2. Generation) lebten im «Rentschhüsli» in Fankhaus bei Trub. In der 3. Generation ist der Wohnort nicht bekannt. Der jüngere Bruder von Daniel Rentsch (3. Generation) hatte das «Rentschhüsli» geerbt. Daniel musste einen andern Wohnort suchen. Es fällt auf, dass die Rentsch-Vorfahren, 4.- 7. Generation, wohl der Not gehorchend, sehr oft umgezogen sind. Die verschiedenen Höfe in der Gemeinde Trub auf denen sie Knechte, Tauner, Pächter oder Besitzer waren, liegen alle in der Nähe von Fankhaus, Gemeinde Trub in einem Umkreis von ca. 1 km. Auch die Besitzverhältnisse auf den Höfen haben oft gewechselt. Es waren ursprünglich im Mittelalter sehr grosse Höfe, die zum Kloster Trub oder die Adeligen gehörten. Sie wurden von Lehensleuten bewirtschaftet. Zu diesen grossen Höfen gehörten Alphütten und kleine Heimwesen, die an einen Küher oder einen Unterpächter vermietet wurden. Diese Unterpächter waren dem „Stammhof“ abgabepflichtig (s. „Rentschhüsli“ dem Zürcherhusgut). Im 16./17. Jahrhundert wurden dann die Güter häufig geteilt und kamen in den Besitz der herrschenden Familien wie Baumgartner, Zürcher, Fankhauser. Später wurden die Bauernhäuser oft verkauft und gekauft, z.B. für einen „überzähligen“ Sohn.

In der 4. Generation werden als Wohnort zwei Höfe in Trub angegeben: «Schnepfennest» und «Breiten Folz». Auch die 5. Generation, Johann Rentsch und Magdalena Beer haben an verschiedenen Orten gewohnt: Zuerst in der «Häuslimatt», ab 1793 im «Brandösch», ab 1805 in der «Milchmatt» und ab 1820 im «oberen Schwarzentrub». Die 6. Generation lebte auf «Schwarzentrub», erwarb aber irgendeinmal im Laufe der Zeit einen Bauernhof in Schmidigen, Gemeinde Walterswil. Die 7. Generation, Friedrich Rentsch geboren in Schmidigen, kaufte einen Bauernhof in Untersteckholz in Kleinroth, in der Nähe von Langenthal. Eduard Rentsch und Maria Rosalie Mühlethaler (8. Generation) bewirtschafteten einen Bauernhof in der Gommenmatte in Huttwil. Bis und mit der 8. Generation waren die Rentsch-Vorfahren Bauern.

11.3. Das Alltagsleben von Taglöhnern, Pächtern und Bauern

11.3.1. Das Rentschhüsli

Das „Rentschhüsli“ war das Stammhaus der Familie Rentsch. Ursprünglich gehörte es zum «Zürchershusgut» (=Stammhaus der Baumgartner), es war aber ein eigenständiges Heimwesen. Zu dieser Zeit mussten „Rentsches“ nicht dem Staat Bern direkt Steuern bezahlen, sondern den Besitzern vom „Zürchers Haus“. Steuern wurden damals in Form von Naturalien bezahlt, z.B. Getreide. Rentsches waren damals nach mittelalterlichem Recht Unterpächter. Es war eine Erbpacht: Wenn sie die Abgaben bezahlen konnten, übertrug sich die Pacht auf die Erben. (14)

Der Besitzer des «Zürchershus», Hans Baumgartner musste z.B. seinerseits nach Urbar (Abgabeverzeichnis) 1576 folgende Abgaben an die Schaffnerei Trub leisten: «Bargeld: 3 Pfund 10 Schilling; an Naturalien: 2 Mäss feisser Ziger, 1 Käse (Alpkäse),3 alte und 4 junge Hühner, 1 Fuder Heu…in Bar 3 Pfund in Geld. Zudem erwarte der Schaffner noch 1 Tagwerk als Schnitter, 1 Tagwerk als Mäher und den Kornzehnten sowie den Primizhaber von 2 Mäss: Die ersten Garben auf dem Haferfeld gehörten dem Pfarrer oder dem Staat. Der Ehrschatz (Handänderungsabgabe) war mit 12 Pfund festgelegt worden.“ (15)

Christian Rentsch, geb. ca. 1600, 1. Generation war Unterpächter und musste den Bodenzins dem Stammhof bezahlen. „Streng genommen waren alle Truber Pächter des Klosterlandes. Fast alle mussten ja auch den Bodenzins bezahlen, entweder an den Staat direkt oder an den Stammhof.“ (16) Das „Rentschhüsli“ muss später, -vermutlich nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung – in den Besitz der Familie Rentsch übergegangen sein. Der Nachfahre Bernhard Rentsch hätte das geerbte Heimwesen sonst nicht „1819 an Christian Baumgartner vom Oberen Zürcherhus verkaufen“ können. „Es bestand 1819 aus einem Wohnhaus mit einer Jucharte Land. Im Anlagebuch wurde es nur mit 1’000 Pfund bewertet.“ Später als die Gemeinde Trub ein neues Schulhaus bauen wollte, verkaufte es der neue Besitzer 1859 zu diesem Zweck an die Gemeinde. Das „Rentschhüsli“ gibt es also heute nicht mehr. An seiner Stelle steht ein Schulhaus, ein Lehrerhaus und ein Holzscherm.» (17)

11.3.2. Das Leben einer Bauernfamilie im 17. Jahrhundert (1. Generation)

Die Familie von Christian Rentsch und Anna Haldimann waren Bauersleute. Sie bauten Getreide an: Dinkel, Gerste und Hafer, vor allem zur Selbstversorgung. Es war damals noch weitgehend eine Tauschwirtschaft. Das Leben war sehr einfach, eintönig und anstrengend. (18) Das zu bebauende Land war hügelig. Als Kleinbauern hatten Rentsches keine Pferde, vermutlich hatten sie nicht einmal eine Kuh oder einen Ochsen mit dem sie ihren Acker pflügen konnten. Sie mussten mit dem Karst den Boden aufhacken, um das Getreide zu säen. Bei Bedarf kamen Störhandwerker, z.B. Schneider, Schreiner, „Chacheliflicker“etc. auf den Hof. Beim Krämer haben sie vor allem Salz und Stoff für Kleider eingekauft. Der Staat hatte das Salzmonopol. (19) Gegessen wurde nur, was über der Erde wächst, also keine Rüben oder Kartoffeln. Die Menschen ernährten sich vor allem von Getreidebrei, Hülsenfrüchten und Gemüse. «Erbsen, oder auch Acker- oder Saubohnen waren in der Ernährung der Bewohner des Emmentals immer wichtig gewesen. Fleisch war früher eher selten auf dem Tisch, und Erbsen und Ackerbohnen waren wichtige Eiweisslieferanten. Im Alten Bern gehörten die Erbsen zu den abgabepflichtigen Erträgen, auf denen die Bauern den Zehnten abzuliefern hatten.» (20) Wer Erbsen zu essen hatte, der litt keine Not. Im Märchen aus dem Emmental «Das Erbsensäcklein» schenkt ein Zwerglein für seine Rettung einem armen Korber ein Säcklein voller Erbsen: «Nimm hier diese Erbsen und koche dir und deiner Familie ein Mus davon. Aber gibt acht, dass stets wenigstens zwei davon übrigbleiben.» …»Das Mus schmeckte so wunderbar, dass sie am liebsten jeden Tag davon essen wollten. Und tatsächlich: Am nächsten Tag war das Säcklein wieder voll und so ging das alle Tage. Das Erbsenmus hielt den Korbmacher, seine Frau und die Kinder gesund…» «Das Geheimnis von dem Erbsensäcklein wurde von den Kindern auf die Kindeskinder weitergegeben, bis einmal ein unachtsames Mädchen, als es das Mus kochen sollte, alle Erbsen auf einmal zum Kochen verwendete. Von da an blieb das Säckchen leer.» (21)
Die Haltbarmachung von Lebensmitteln für den Winter war anspruchsvoll. Alte Konservierungsmethoden waren: Trocknen: z.B. Getreide, Erbsen und Bohnen; Einsalzen und Räuchern von Fleisch und Milchprodukten; Einsäuern und Fermentieren: z.B. Chabis; Zuckern und Einkochen: Früchte. Der Zucker blieb bis in 19. Jh. auf begüterte Haushalte beschränkt. Im 17. Jahrhundert wurde im Emmental Käse nur auf den Alpen hergestellt. (22) Kartoffeln wurden erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts angepflanzt. „Einen Verbreitungsschub erfuhr die Kartoffel nach der Hungerkrise 1770-71. Grossflächiger Anbau war erst im Zuge einer Agrarrevolution möglich. Die Kartoffel fand Eingang in die Fruchtwechselwirtschaft. Nach der Hungerkrise 1816-1817 etablierte sich die Knolle als Grundnahrungsmittel in ganz Europa.“ (23)

Auf dem Land hatten die Vorfahren wenig Gelegenheit, sich nach getaner Arbeit zu vergnügen. „Zwar feiert man im Dorf die Feste, wie sie fallen – Taufen, Hochzeiten, Grebten -, doch erlassen die gnädigen Herren…einen Haufen Vorschriften gegen „Üppigkeit“….“Etwas ausgelassener geht es jeweils am Langnauer Märit zu und her: Jedenfalls sind die obrigkeitlichen Sittenwächter hier stets auf der Suche nach Dirnen und nach Glückshäfen (Lotterien), welche sehr viel Anklang finden. Hier warten auch die Werber; viele junge Emmentaler verdingen sich als Söldner dem König von Frankreich. So kriegt man etwas von der grossen weiten Welt zu sehen.“ (24) Auch der Besuch einer Pintenschenke oder Taverne gehörte zum Freizeitvergnügen. Ob Christian und Anna Rentsch geb. Haldimann und später im Erwachsenenalter ihre 10 Kinder auch in den berühmten Emmentaler Bedli (Bäder) gebadet haben, entzieht sich meinen Kenntnissen. Es wäre aber möglich: Auch einfachere Leute besuchten im 17. und 18. Jahrhundert die Bäder, z.B. auch Knechte und Mägde: „ Ein wahres Vergnügen für die Jugend sind die zahlreichen Bedli . Eigentlich sind sie zur Gesundheitspflege gedacht – ein jeder sollte alle paar Monate zumindest so ein Bad aufsuchen und den verschwitzten Körper ins gesunde, warme Quellwasser tauchen, wenn es nach dem Willen der Ärzte ginge…Dort kann man reichlich essen und trinken, jauchzen und singen; wer keine lustigen Lieder zum besten geben kann, singt in der fröhlichen Stimmung einfach die Psalmen, die er aus der Kirche und vom Schulmeister her kennt (was die Obrigkeit aber ganz und gar unpassend findet). Je abgelegener das Bedli, desto weniger Kontrolle durch die Obrigkeit, desto ausgelassener das Treiben: Manchmal haben Spielleute zum Tanz aufgespielt, oder es gab ein Schiesset. „Ein rechter Heiratsmarkt sind diese Bedli geworden, ein Ärger für die Predikanten und die sittenstrengen älteren Leute.“ (25) Das nächste Bedli von Trub aus, wäre das wenig bekannte Aspibad in der Gemeinde Langnau gewesen oder die Badestube in Langnau, die bereits im 16. Jahrhundert im Ratsmanual erwähnt wird. (26) Gang und gäbe war im Emmental das „Fensterlen“. „Die Burschen (die Kilter) machen dabei abends vor dem Fenster des Mädchens mit allerlei Sprüchen auf sich aufmerksam, bis die Tochter des Hauses schliesslich in einen Besuch einwilligt. Weil sich die Mädchenzimmer meist hoch oben in den Bauernhäuser befinden, haben die Kilter nun eine mehr oder minder wagemutige Kletterpartie vor sich (es sei denn, sie fänden eine Leiter…) Üblicherweise muss das Mädchen die Kilter oben bewirten…Da kommt eine ganze Clique zusammen. Im Sommer wird die Fete oft in den Wald hinaus verlegt, wo Hackbrett und Geige zum Tanz aufspielen.“ (27) Wenn es zu einer Liebesbeziehung kommt und das Mädchen schwanger wird, dann ist die Heirat ein Muss. „Trotz allen Sittenmandaten sind Schwangerschaften vor der Ehe recht häufig. Die Hochzeit legalisiert das Kind, aber etwas bleibt doch hängen: Am Fest darf die entjumpferte Braut keinen Brautkranz im Haar tragen: so erfährt die ganze Kilchöri von der Sache.“ (28) Ein Höhepunkt im Landleben war das „Wettschiessen“, auch im hintersten Krachen. „Das ganze Amt ist auf den Beinen, die Schützen haben ihre eigene Muskete umgehängt, versuchen sich in ihrer Kunst, fachsimpeln über die neuesten Modelle und Tricks. Selbstverständlich war das Wettschiessen per Mandat reglementiert. Nach alter Gewohnheit erscheint sogar der Landvogt zum Fest und spendet den Besten grosszügig Preise.“ (29)

11.3.3. Der Schweizerische Bauernkrieg von 1653 (2. Generation)

Ulrich Rentsch (2. Generation) wurde am 14.02.1636 in Fankhaus bei Trub als Sohn von Christian Rentsch und Anna Haldimann geboren. Das Datum seines Todes ist unbekannt. 1661 heiratete er Anna Aeschlimann. Ihre Lebensdaten sind ebenfalls nicht bekannt. Ulrich hatte als überlebender jüngster Sohn, wie es im Bernbiet üblich war, Anspruch auf den väterlichen Hof. Seine Familie war wohnhaft im „Rentschhüsli“ im Fankhaus. Sie waren Kleinbauern.

Es sind schwierige Zeiten: Der Dreissigjährige (1618-1648) Krieg tobt. Es gibt in der Folge eine offene Wirtschaftskrise, die Preise zerfallen. 1650 wütet im Bernbiet die Pest. 1651 ist ein nasser trüber Herbst. Im Oktober gibt es eine grosse Wassernot: Die beiden Emmen, die Aare, die Reuss, die Limmat und der Rhein treten über die Ufer. Die geldgierigen Vögte Samuel Tribolet auf Schloss Trachselwald und Rudolf Zehnder auf Schloss Signau drangsalieren ihre Untertanen durch hohe Bussen, die sie in den eigenen Sack stecken. Kommt dazu, dass die Batzen abgewertet werden. Das heisst, dass man für die staatlichen Abgaben (Bodenzins, Bussen) plötzlich das Doppelte bezahlen muss. Viele Bauern verarmen. Die Landbevölkerung ist unzufrieden. Der Widerstand gegen das Münzmandat wächst zu einem Sturm gegen die Aristokratie in den Städten an, zum Schweizerischen Bauernkrieg von 1653. (30)

Unter der wirtschaftlichen Not, der Geldabwertung und den Schikanen der Landvögte leidet auch die Familie Rentsch. Ulrich Rentsch war damals 17 jährig. Da er und seine Familie sicher nicht zu den Privilegierten der Landvögte gehörten, drohten auch sie gänzlich zu verarmen. Ich gehe deshalb davon aus, dass er und seine Angehörigen die Anliegen der Aufständischen geteilt haben. In den Tavernen und Schenken im ganzen Emmental gab es hitzige Diskussionen. Ob sich Ulrich Rentsch offen gegen die Obrigkeit aufgelehnt hat, ist mir nicht bekannt. Viele Emmentaler waren aber am Aufstand beteiligt. Aus Trub werden u.a. namentlich erwähnt Hans Wüthrich von Brandösch, Hans Siegentaler, Peter Tanner und Peter Baumgartner u.a. (31)

Die Führer der Landbevölkerung versuchten vorerst an Landsgemeinden, z.B. von Langnau (März 1653) mit einer Deputation des Berner Rates zu verhandeln. Der bekannte Bauernführer Ueli Galli (1589- 1653) von Eggiwil nahm teil, aber auch der Schaffner Peter Jakob von Trub, der die Landsgemeinde leitete. – Er macht später einen Kniefall vor der Obrigkeit, verliert das Vertrauen der aufständischen Bauern und wird später von der Obrigkeit freigesprochen. – Auf dieser Landsgemeinde wurde eine Bittschrift an die Gnädigen Herren von Bern verfasst, u.a. wurden folgende Forderungen aufgestellt:

  • „Dass man die Bauern bei ihren alten Freiheiten und Gerechtigkeiten schützen und dieselben handhaben solle.“
  • „Freier Kauf von allem.“
  • „Dass sie mit dem Salpetergraben grossen Schaden leiden, und dass man auch auf dem Lande (Schiess-) Pulver kaufen dürfe.“
  • „Dass die Bernbatzen wieder ihren alten Wert haben oder der Schaden ihnen in den Reisgeldern (für Söldnerdienst) ersetzt werde, da man ihnen bei der Erlegung des Reisgelds versprochen: Batzen werden Batzen bleiben, so lang Bern besteht.“
  • „Was man an Zinsen nicht bar entrichten könne, dafür soll man Getreide zur Bezahlung bieten können.“
  • „Dass die Lehengüter nach Absterben des Lehensmannes unter den Erben verteilt werden dürfen…“
  • „Dass bei Ausleihung des Geldes in bar geliehen werde.“
  • „Dass ihnen erlaubt werde, im Falle der Not Landsgemeinden zu halten.“ (32)

Da die Obrigkeit nicht auf die Forderungen der Bauern einging, kam es zum Aufstand und zu Belagerungen:
„Der Volksaufstand ging von Bewohnern aus dem Emmental und dem Entlebuch aus. Auslöser war eine Abwertung der Berner Währung, die eine Folge rasch wechselnder wirtschaftlicher Voraussetzungen nach dem Ende des Dreissigjährigen Krieges war. Die Bevölkerung im Emmental und im Entlebuch verweigerte die Steuern. Der Konflikt weitete sich nach Solothurn, Basel und in den Aargau aus. Die Landbevölkerung forderte von der städtischen Obrigkeit steuerliche Entlastung. Als die Forderungen zurückgewiesen wurden, drohten die Untertanen mit einer Blockade der Städte. Die Vertreter der ländlichen Regionen schlossen sich in Huttwil zu einem Bauernbund zusammen. Der Huttwiler Bund betrachtete sich als gleichwertig gegenüber den Städten und übernahm die Souveränität, in dem von ihm kontrollierten Gebiet. Die Aufständischen belagerten Bern und Luzern, worauf die Städte mit dem Bauernführer Niklaus Leuenberger einen Friedensvertrag abschlossen. Als das Bauernheer sich zurückzog, entsandte die Tagsatzung der Alten Eidgenossenschaft von Zürich aus eine Armee, um den Aufstand endgültig niederzuschlagen. Nach der Schlacht von Wohlenschwil wurde der Huttwiler Bauernbund aufgelöst. Die siegreichen Städte gingen mit harter Hand gegen die Aufständischen vor. Die Obrigkeit liess die Bauernführer Niklaus Leuenberger aus Rüderswil und Chrstian Schybi aus Escholzmatt hinrichten… Auch Truber Aufständische wurden exekutiert,….“(33) Das «Strafen und Bussenverzeichnis Bauernkrieg 1653» weist daraufhin, dass im Vergleich zu andern Gegenden ausserordentlich viele Truber darin erwähnt werden. Aus der Sicht der Obrigkeit werde folgende Truber Rebellen aufgeführt: Christian Blaser ein Fuhrmann von Trub, der am 20. Juni 1653 gehängt wurde; Baumgartner Niklaus im Buchschachen bei Trub; Blum Hans, Kilchmeier in Trub (der höchste Beamte der Kilchhöri); Kreyenbühl Hans, zur Schmitte in Trub – Er war zum Hauptmann gewählt worden und hatte versucht, dem Truber Volk das Kriegshandwerk beizubringen – ; der schon erwähnte Wüthrich Hans, der Seckelmeister «des Landes Aemmenthal» zu Brandösch bei Trub. (34) Auch Der „Rebell vom Eggiwil“ Ueli Galli wurde am Galgen hingerichtet. (35) Viele aufständische Emmentaler verloren ihre Güter, mussten hohe Bussen bezahlen und wurden zu „Ehr- und Wehrlosigkeit“ verurteilt. (36) Im 17. Jahrhundert gelang es den Bauern und den Landgemeinden nicht, ihre urdemokratischen Anliegen gegenüber der Machtkonzentration einiger weniger städtischer Patrizierfamilien und ihrer Repräsentanten auf dem Land, Vögte, Pfarrherren durchzusetzen. Ihr Traum von einem partizipatorischen Landsgemeindemodell nach dem Vorbild der Innerschweizer Stände erfüllte sich nicht.

Obwohl die herrschenden städtischen Eliten einen vollständigen militärischen Erfolg errungen hatten, zeigte der Bauernkrieg jedoch auf, dass sie von ihren ländlichen Untertanen abhängig waren. Bald nach dem Krieg kam es zu einer Reihe von Reformen und Steuersenkungen, womit die Obrigkeit den ursprünglichen fiskalischen Forderungen der Aufständischen entgegenkam. Langfristig gesehen verhinderte der Schweizer Bauernkrieg eine exzessive Auslegung des Absolutismus wie beispielsweise in Frankreich.“ (37)

Die Kluft zwischen der ländlichen Bevölkerung und der städtischen Obrigkeit blieb jedoch bis zum Untergang der Alten Eidgenossenschaft bestehen. Die Emmentaler haben den Franzoseneinfall von 1798 begrüsst. Sie waren angetan von den Freiheits- und Gleichheitsideen der französischen Revolution. Die Landbevölkerung war gegen die Patrizier und die Landvögte eingestellt. Die Landvögte haben die einfachen Landbewohner oft schikaniert. Die Emmentaler waren für die Franzosen, nach dem Motto „der Feind meines Feindes ist mein Freund“. Nach der Niederlage der Berner Truppen bei Fraubrunnen und im Grauholz plünderten 1798 Emmentaler Truppen die Landvogteischlösser Signau und Trachselwald. Zahlreiche Emmentaler leisteten später im Napoleonischen Heer Dienst. Im Russlandfeldzug starben viele von ihnen.(38)

11.3.4. «Überzählige» Söhne

Daniel Rentsch, Sohn des Ulrich Rentsch und der Anna Aeschlimann wurde am 25.02.1670 geboren (3. Generation). Sein Tod muss vor 1764 gewesen sein. Er heiratete 1705 in Eggiwil Barbara Aeschbacher. Sie starb am 15.03.1764 als Witwe, also nach seinem Tod. Da sein jüngerer Bruder Christian das „Räntschhüsli“ geerbt hatte, war Daniel überzählig und musste wegziehen.

Der Wohnort von Daniel Rentschs Familie ist nicht bekannt. Sie hatten 6 Kinder. Daniel und seine Frau arbeiteten vermutlich als Tauner auf verschiedenen Bauernhöfen. Was geschah mit den älteren Söhnen, die keinen Hof hatten? Nach Hans Minder (Lokalhistoriker) gab es für „überzählige“ Söhne folgende Möglichkeiten:

  • Ledige Brüder hatten das Recht, auf dem väterlichen Hof Knecht zu sein.
  • Sie heirateten eine Erbtochter: „Einweiben“ und konnten einen Hof übernehmen.
  • Der Vater kaufte dem Sohn einen Hof.
  • Der Vater kaufte dem Sohn eine Mühle oder einen Gasthof.
  • Der Sohn pachtete einen Lehenhof. Emmentaler Bauernsöhne waren gern gesehene Pächter, z.B. in SO und BL. Oder sie pachteten im Ausland einen Hof.
  • Der Sohn wurde Tauner bei einem Grossbauern.
  • Der Sohn wurde Knecht bei einem Grossbauern und wohnte auf dessen Hof.
  • Der Sohn trat in fremde Kriegsdienste ein.
  • Der Sohn wanderte mit seiner Familie aus.
  • Der Sohn wurde Küher oder Senn. Dies war ein „Unternehmerjob“, denn der Küher bewirtschaftete auf eigene Rechnung eine Alp. Meist hatte er eigene Kühe. Es war eine Familientradition. Bei den Rentsch-Vorfahren gibt es keine Hinweise auf eine Sennen- oder Küher-Tradition.

Offenbar kam eine Tätigkeit als Landhandwerker für Emmentaler Bauernsöhne nicht in Frage. (38)

11.3.5. Das Leben als Tauner (3. und 4. Generation)

Hans Ulrich Rentsch, der von 1719-1795 gelebt hat (4. Generation), heiratete mit 45 Jahren die 21jährige Anna Salfinger (1743-1804). Es ist denkbar, dass Hans Ulrich aus wirtschaftlichen Gründen so spät geheiratet hat. Das Paar hatte 11 Kinder, wovon mindesten 2 im Kindesalter starben. Es war eine Taunerfamilie:
„Tauner waren Schweizer Kleinbauern. Der Name Tauner oder Tawner geht auf das Mittelhochdeutsche tagewan, tagewen oder –won zurück, das einerseits den Taglohn und andererseits ein Flächenmass bezeichnet, nämlich so viel wie man in einem Tag im Frondienst bestellen kann. Die Tauner waren keine landlosen Proletarier, sondern sie besassen eigene Felder. Allerdings war die Fläche nicht gross genug, um sich und ihre Familien durchbringen zu können. Sie hielten neben anderem Kleinvieh häufig auch Ziegen, die sie auf der Allmend weideten. Um aber ihr Auskommen zu sichern, mussten sie sich bei den Grossbauern verdingen und arbeiteten für sie im Taglohn. Rechtlich waren die Tauner den Bauern in der Dorfgemeinschaft zwar gleichgestellt, doch nutzten die Grossbauern ihren Besitz und ihre Macht aus, um ihre Vormachtstellung durchzusetzen. Sie waren aber auch auf die Tauner als Arbeitskräfte angewiesen. Nebst Naturalien entlöhnten sie diese mit Zugdiensten etc., etwa beim Ernten und Heuen. Sehr selten wurden sie mit Geld bezahlt. Die Tauner lebten vorwiegend in kleineren Häusern, den Taunerhäusern.“ (40)

Bis 1779 wohnten Hans Ulrich Rentsch und Anna geb. Safliger im «Schnepfennest», Trub, in der Nähe des „Rentschhüslis“. Dies scheint ein sehr kleines Heimwesen gewesen zu sein innerhalb des «Zürcherhusgutes». Im Schnepf hatte es höchstens Land für eine Kuh. Der Schnepf oder das «Schnepfennest» existiert heute nicht mehr. (41) Ab 1779 war Hans mit seiner Familie im «Breiten Folz»,Trub wohnhaft. „Der Fouz und die Alp Hohstullen gehörten ursprünglich zum Vordern «Fankhausgut» und mussten dem Trägerhof jährlich 20 Batzen,100 Pfund fetten Käse und ½ Mäss fetten Zieger beisteuern.“ (42)

Hans Ulrich und Anna Rentsch hatten 11 Kinder. Wie konnte die Taunerfamilie alle ihre Kinder ernähren? Welche Möglichkeiten hatten Hans Ulrich und Anna Rentsch geb. Safliger, um ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern?

  • Wichtig war die weitgehende Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln auf dem kleinen Taunerhof. Der «Pflanzplätz» lieferte Gemüse und Hülsenfrüchte. Wahrscheinlich wurde auf einem kleinen Acker Getreide für den Eigengebrauch angepflanzt. Es gab vielleicht eine Kuh oder Ziegen und andere Kleintiere.
  • Die Mithilfe der Kinder in der Landwirtschaft war eine Selbstverständlichkeit.
  • Die ältesten Kinder waren schon ausgeflogen, als die jüngeren auf die Welt kamen, so dass nicht mehr so viele Mäuler gestopft werden mussten.
  • Oft wurden Kinder von Taunerfamilien an reiche Bauern verdingt. Es gibt jedoch keine Hinweise, dass dies bei der Familie Rentsch der Fall war.
  • Angehörige der Unterschicht fanden oft, namentlich in den schlechten Jahreszeiten, wenn sie auf dem Bauernhof nicht ausgelastet waren, einen Nebenverdienst im Leinwandgewerbe: in der Heimspinnerei und der Heimweberei. Die höchste Blüte des Leinwandgewerbes gab es im Emmental um 1790. Die Kleinbauern zogen auf ihrem Land den Flachs selber. Dieser war auf dem Einzelhof in der zweiten Hälfte des 18. Jhs. in die Wechselwirtschaft eingegliedert. In besonderen «Pflanzplätzen» baute man im ersten Jahr Kartoffeln und Kohl, im zweiten Flachs und im dritten Jahr säte man auf dem gleichen Stück Winterkorn und Gerste Jedesmal wurde das Land kräftig gedüngt. Darauf nützte man es während einiger Jahre als Wiese. «(43)
  • Ärmere Leute, wie z.B. Knechte und Mägde konnten oft aus wirtschaftlichen Gründen nicht heiraten. Oder sie konnten erst spät heiraten. Hans Ulrich Rentsch war 45 Jahre alt, als er zum ersten Mal Vater wurde. Vielleicht musste Hans Ulrich vor der Heirat sparen, d.h. „Geld auf die hohe Kante legen“, bevor er eine Familie gründen konnte. Dieser Ausspruch «auf die hohe Kante legen», kommt daher, dass das ersparte Geld im Zwischenraum zwischen Balken und Dach aufbewahrt wurde. (44)
  • Eine andere Möglichkeit, um zu Geld zu kommen – ein Glücksfall – war, eine Erbschaft zu machen. Dies traf im Falle der Familie Rentsch zu. Es gibt einen Erbteilungsvertrag der Tante Katharina Salfinger von 1808 (45). Davon profitieren konnten die Kinder von Hans Ulrich und Anna: Johann und 7 von seinen Geschwistern, 3 waren verstorben.

11.3.6. Vom Knecht – zum Pächter – zum Bauernhofbesitzer (5. Generation)

Die 5. Generation, Johann, genannt Hans, Rentsch (30.03.1764-16.08.1843) Heirat 1793 in Trub mit Magdalena Beer (1794-25.2.1835) stieg aus der Unterschicht zum Bauernhofbesitzer auf. Dieser soziale Aufstieg ging langsam von statten.

Als lediger Mann war Hans Knecht, zuerst auf der «Häuslimatt», Trub. „Die Hüslimatte gehörte zum Heimwesen Hintere Hütte…Das Hüttengut gehörte zum Schlossgut von Trachselwald und hatte die Abgaben dort zu machen…Der Hof war mit kurzen Unterbrechungen immer im Besitz der Familie Fankhauser…Die „Hintere Hütte“ ist eines der ältesten noch erhaltenen Bauernhäuser in Trub (Baujahr 1608). Auf diesem Hof befindet sich noch das einzige erhaltene „Täuferversteck“ im Emmental. (46)

Hans Rentsch hat den Franzoseneinfall 1798 als 34-jähriger Mann miterlebt. Es ist davon auszugehen, dass er, wie seine Emmentaler Zeitgenossen, den Sturz der Alten Eidgenossenschaft begrüsst hat. Inwiefern der politische Umbruch sein Leben beeinflusst hat, lässt sich nicht feststellen. Er und die Seinen waren vor allem von den wirtschaftlichen Folgen betroffen.

Ab 1793, dem Jahr seiner Eheschliessung, lebten Hans Rentsch und Magdalena geb. Beer auf «Brandösch», Trub. Sie hatten für eine grösser werdende Familie zu sorgen; am Schluss war es eine 12-köpfige Kinderschar. „Die Hofgruppe «Brandösch» befindet sich auf einem weiten Schwemmland-plateau östlich über dem gleichnamigen Graben und setzt sich aus drei Gehöften zusammen. Die stattlichen Haupthäuser, die zwischen 1786 und 1883 entstanden sind, stehen mit dem First mehr oder weniger parallel zur Talachse (Seitental des Brandöschbaches) und sind mit ihren Fronten nach Südosten gerichtet… Das älteste Bauernhaus datiert von 1786 ist das Stammhaus der Familie Wüthrich. Der prächtige und äusserst repäsentativ ausgebildete Bau zählt zu den wertvollsten Vertretern dieser Gebäudegattung auf dem Gebiet der Gemeinde Trub…. Auf der Giebelfront steht in Fraktur-Inschrift: „Abraham Wüthrich u. Elisabeth Blaser Sein Ehegemahl Haben Dieses Haus lassen Bauen Auff Gott steht Ihr Vertrauen Lasset die Neider Neiden und die Hässer Hassen Was uns Gott Beschert dass Müssen Sie Unss lassen. Zimmermeister Ullerich Hapbegger von Trub Anno 1786 Jahr.“ (47) Dieser Abraham Wüthrich scheint der Arbeitgeber von Hans Rentsch gewesen zu sein. Ich vermute, dass Hans auf Brandösch als Tauner gearbeitet hat, und dass er dort Land für die Selbstversorgung bebauen konnte.

Hans Rentsch und die Seinen hatten noch weitere Wirkungsstätten: Ab1805 waren sie auf der «Milchmatt». Diese war bis 1845 ein Teil des Heimwesens «Hintere Hütte». (48). Es ist denkbar, dass Hans mit seiner Familie das „Milchmatthüsli“ gepachtet hatte. Dies ist ein Kleinbauernhaus, das auf einer schmalen und sanft geneigten Geländeterrasse über dem
Hüttengraben liegt. (49)

Ab 1820 wohnten Hans und seine Familie auf dem «oberen Schwarzentrub». War Hans damals Pächter des relativ grossen Bauernhofes? „Es lässt sich nicht feststellen, da die Pachtverträge nirgendwo eingetragen wurden.“ (50) 1833 wurde er jedoch Mit-Besitzer des Hofes. «Hans übernahm zusammen mit seinem Bruder Peter den oberen Hof «Schwarzentrub» durch Kauf. Hans Habegger vom «hintern Fankhauser» verkaufte den Hof 1833 an Peter und Hans Rentsch von Trub. Die Familie Rentsch blieb Eigentümerin des Hofes bis 1952.“ (51) Ich vermute, dass die Gebrüder Hans und Peter Rentsch den Hof u.a. dank der Erbschaft von Tante Salfinger kaufen konnten.

Anlässlich eines Besuches beim Bauernhaus „Oberer Schwarzentrub“ haben wir festgestellt, dass das jetzige Haus ungefähr zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut wurde. Von 1738 gibt es noch einen Speicher mit einer schönen Rundung und einer leider nicht mehr vollständig entzifferbaren Inschrift. Das ursprüngliche Bauernhaus wurde vermutlich im 18. Jahrhundert gebaut. Alte Schliffscheiben, die wohl anlässlich des Hausbaus geschenkt wurden, deuten darauf hin. Sie werden noch irgendwo im Haus aufbewahrt. Der jetzige Besitzer, Herr Wüthrich hat uns Fotos davon gezeigt. Alle Scheiben wurden von der Familie Jakob, einer sehr angesehenen und reichen Familie, gespendet. Die Inschriften lauten:

  1. Schliffscheibe: «Peter Jakob, alt Hauptmann zu Trub und Verena Burgdorfer sein egm. 1779»,verziert mit 2 Familienwappen und mit dem Spruch „ Gott hat Jakob mehr geliebet dann Esau“. –
  2. Schliffscheibe: «Hans Jakob zu Trub u. anna Beer sein Ehgm», mit Familienwappen ohne Jahrzahl. –
  3. Schliffscheibe: «Peter Jakob zu Trub der Jung u. Elsbeth Haueter, sein Egm. 1779», mit 2 Familienwappen.
  4. Schliffscheibe: «Christen Jakob „Chirurgus und Gerichtssäss“. Auf der Schliffscheibe ist ein runder Kreis mit aussen herum Text und in der Mitte ein Bild: Ein stehender Chirurg lässt einem sitzenden Mann zu Ader. Der Text lautet: “Gib Herr Jesu zum Arzneien deinen Segen und Gedeijen, auch Glück und Segen dem Aderlassen in allwegen“ Unten steht der Name: «Christian Jakob Ch(irurgus) von Trub und ?» seitlich im Kreis sind 2 Familienwappen. Diese Scheibe ist unten zerbrochen, deshalb lässt sich dort die Schrift nicht mehr entziffern.

Nach meiner Einschätzung deuten die Schliffscheiben darauf hin, dass das Bauerhaus im 18./19. Jahrhundert ein stattlicher Hof war. Es scheint Brauch gewesen zu sein, dass bei einem Hausbau, Nachbarn und reiche Gemeindeglieder eine Spende in Form einer Schliffscheibe oder einer Türe gemacht haben. Die Familie Jakob war damals die einflussreichste Familie in Trub. (52)

Es gibt einen «unteren» und einen «oberen» Hof «Schwarzentrueb». Ursprünglich gehörten sie zu einem Gut. Sie liegen an steilem Gelände vis-à-vis vom „Rentschhüsli“. Ein Sohn von (Johann) Hans Rentsch, Johann Ulrich Rentsch (geb. 1813) Bruder von Jakob Rentsch (1816) hat 1856 den Hof «untereren Schwarzentrueb», auf dem er schon Pächter
war, gekauft. (53)

Trotz Bauernhofbesitz war das Leben der Familien Rentsch vermutlich nach wie vor nicht einfach. Der Hof musste zwei Familien (Hansens und Peters) ernähren. Das Land auf dem Schwarzentrub ist steil und bucklig und warf sicher nicht so grosse Erträge ab. Bis ins 19. Jahrhundert wurde im Emmental Ackerbau betrieben, trotz der steilen Hügel. Für den Staat Bern war das Emmental die Kornkammer gewesen. Das Brotgetreide war wichtig für die Ernährung der Stadtbewohner. Zwischen 1820-1840 fand im Emmental die Umstellung von der Getreidewirtschaft auf die Milchwirtschaft statt. Dank neuer Weidebepflanzungen, z.B. durch Klee, Esparsette etc. konnten höhere Erträge erzielt werden. Es wurden erste Talkäsereien errichtet: 1822 im Amtsbezirk Signau und 1828 in Trubschachen. Der berühmte Emmentaler Käse wurde von jetzt an vorwiegend in den Tälern hergestellt. Im 19. Jahrhundert fand der Käse auch im Ausland guten Absatz. Die Bauern wurden aber mehr vom Markt abhängig. Witterung, Gesundheitszustand der Milchtiere, Zollpolitik, Kriege bestimmten den Preis. (54) Hans Rentsch und sein Nachfolger Jakob Rentsch (5. und 6. Generation) haben diese Umstellung in der Produktionsweise miterlebt. Für sie war die Umstellung auf Milchwirtschaft von der Arbeit her eine Erleichterung, aber zugleich auch mit Risiken behaftet: Sie waren jetzt mit den Milchpreisen dem freien Markt ausgeliefert.
Die Zeiten waren schwierig. Im 19. Jahrhundert gab es eine „Armennot“ im Emmental. Wegen einer Überbevölkerung kam es zu einer starken Abholzung und in der Folge zu Erosionen. Es gab periodisch Überschwemmungen. Bei der Überschwemmung von 1837 wurden sämtliche Brücken weggerissen. Nachher wurden gedeckte Holzbrücken gebaut. Der Staat gebot der Waldrodung Einhalt. Der Wald wurde künstlich aufgeforstet (55). Jeremias Gotthelf schildert in seinem Buch „Die Wassernot im Emmental“ die verheerende Katastrophe im Emmental im Jahr 1837. Er kritisiert den Holzhandel und weist auf den Zusammenhang zwischen Waldzerstörung und Wasserkatastrophen hin. (56)

11.3.7. Verändertes Umfeld für Landwirte (6. und 7. Generation)

Jakob Rentsch (22.03.1816 – 4.12.1887) und seine Familie gehörten der 6. Generation an. Das 19. Jahrhundert, in dem sie lebten, brachte neben den erwähnten wirtschaftlichen Schwierigkeiten auch positive Entwicklungen. Die liberale Verfassung von 1831 garantierte die Markt- und Gewerbefreiheit, die Ablösung der Feudallasten und die freie Verfügung über den Boden. (57) 1831 entstand ein Volksstaat mit Rechtsgleichheit und direkter Volksbeteiligung (Frauen ausgenommen). Der Handel wurde gefördert durch Vereinheitlichung von Mass und Gewicht (1838). Das Münzwesen wurde vereinheitlich (Münzregal beim Bund). Die Binnenzölle wurden aufgehoben. (58) Die Strassen wurde ausgebaut: Im Emmental entstand weitgehend ein neues Strassennetz. Früher benutzten die Talwege noch streckenweise das Bett der Emme oder sie waren den Talflüssen ausgewichen und führten über die Höhen. (59) 1834 wurden die Kantonalbank und 1840 die Ersparniskasse im Amtsbezirk Signau in Langnau (auf genossenschaftlicher Grundlage aufgebautes Institut mit gemeinnützigen Zwecken) gegründet. Für letztere galt: „Alle Einwohner des Amtsbezirkes, namentlich Dienstboten, Tagelöhner, arme Eltern und Kinder sollten ihre Ersparnisse auf dieser Bank sicher und zinstragend anlegen können und der unverschuldet in Not geratene Hausvater sollte bei der Kasse Beistand finden, ohne Gefahr zu laufen, Opfer des Wuchers zu werden.“ (60) Der Bau der Eisenbahn in den 60er und 70er Jahren des 19. Jahrhunderts brachte eine bessere Verkehrsanbindung an die Zentren. (61)

Jakob Rentsch, der von 1816 – 1887 lebte (6. Generation), war 2 Mal verheiratet. Er heiratete in erster Ehe am 14. Juni 1839 Magdalena geb. Zaugg von Trub (1818-1846). Von ihr hatte er 4 Kinder, wovon 2 im Kleinkinderalter verstarben. Nach dem Tod seiner Ehefrau (mit 28 Jahren) heiratete Jakob 2 ½ Jahre später am 2.2.1849 Magdalena geb. Eichenberger (1824-1910) des Christians von Trub, Von der 2. Ehefrau hatte er 3 Kinder, 2 Knaben und ein Mädchen. Friedrich war das mittlere Kind. Alle Kinder wurden in Trub geboren.

Zusammen mit seinem Bruder Peter war Jakob Rentsch Landwirt auf «Schwarzentrub». Wie schon erwähnt brachten die neuen Bedingungen mehr unternehmerische Freiheiten und Möglichkeiten für die Bauern aber auch grössere Abhängigkeiten vom Markt und mehr wirtschaftliche Risiken. Der Hof «oberer Schwarzentrub» bot vermutlich nicht für 2 Familien eine genügende Existenzgrundlage. 1850 hat Jakob seinen Anteil am Hof «Oberer Schwarzentrub» verkauft. Im Historischen Lexikon von Trub heisst es zwar, dass Hans Rentsch 1850 seinen Anteil an seinen Bruder Peter verkauft habe. (62) Es kann aber nicht Hans gewesen sein, denn der war damals schon 7 Jahre tot. Ich vermute, dass es sein Nachfolger Jakob Rentsch war; er war der Jüngste und somit erbberechtigt. Nach 1855 – der jüngste Sohn Christian geb. 14.2.1855 kam noch in Trub auf die Welt – hat Jakob in Schmidigen, Walterswil BE (Unter-Emmental) einen Bauernhof gekauft. Der Verkaufserlös von seinem Bauernhofanteil in Schwarzentrub und die Möglichkeit bei einer Bank ein Darlehen zu bekommen ermöglichten ihm den Kauf. Jakob ist am 4.12.1887 in Schmidigen gestorben.

Der heute noch intakte Weiler Schmidigen liegt in einem Geländesattel mit einem Baubestand der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, dazu zählen der Gasthof zum wilden Mann und 2 Bauernhäuser, es gehören auch ein Speicher und ein Stöckli dazu. (63)

«Grundlegend wandelte sich 1870 – 1910 im Kanton Bern die Beschäftigungsstruktur. Der Anteil der Landwirtschaft ging von 49% auf 33% zurück, derjenige der Industrie stieg leicht von 38% auf 44%. Einen starken Aufschwung von 13% auf 23% erfuhr der Dienstleistungssektor, darin vor allem die kant. und eidg. Verwaltung, die 1888 – 1910 um 162% zunahmen.» (64) Im Emmental war bis Mitte des 20. Jahrhunderts 50% der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Das Unteremmental war nach wie vor Getreideland. (65) Die Landwirtschaft erlebte in den Jahren zwischen 1850 und 1915 einen Wandel: «Trotz leicht rückläufigem Arbeitskräftebestand gab es namhafte Produktionsgewinne im Futter- (+90%) und Kartoffelbau (+56%) sowie in der Milch-(+145%) und Fleischproduktion (+170%). Ab 1890 setzte eine Mechanisierung der pferdegezogenen Geräte ein (u.a. Maschinenfabrik Aebi), sowie eine Anwendung von Dünger und Hilfsstoffen zur Ertragssteigerung ein. (65) Für die Bauern bedeutete dies, dass man nicht mehr wie die Vorfahren wirtschaften konnte. Die jungen Bauern brauchten Informationen und Anleitungen, z. B. für die neuen Dünger- und Anbaumethoden. In dieser Zeit entstanden «landwirtschaftliche Genossenschaften, welche die Innovationen verbreiteten.» Der 1897 gegründete Schweizerische Bauernverband (SBV) war die politische Organisation der Bauern.

Auch Friedrich Rentsch (7. Generation) war von diesem Wandel betroffen. Er wurde am 26.08.1852 in Schmidigen, Walterswil geboren. Gestorben ist er am 3.07.1931 in Untersteckholz (Oberaargau). Sein jüngerer Bruder Christian Rentsch übernahm den Hof in Schmidigen. Friedrich war überzählig. Er heiratete am 28.04.1876 in Walterswil Sommer Marianna (22.7.1854 – 8.10.1931) von Sumiswald BE. Marianna wurde in Wynigen BE geboren und starb im Untersteckholz. Die Familie bekam 2 Söhne: Eduard (27.07.1876 – 12.05.1956) und Gottfried (7.04.1878 – 16.05.1938) Die Söhne wurden noch in Schmidigen geboren. Friedrich hat später, einen Hof im Untersteckholz in Kleinroth BE, in der Nähe von Langenthal und dem Kloster St. Urban gekauft. Woher er das Geld hatte, um den grossen Hof zu kaufen, ist mir nicht bekannt. Brachte event. Marianna geb. Sommer Geld in die Ehe? Auf der mir vorliegenden Foto ist der Hof Untersteckholz ein grosses hölzernes Bauernhaus mit mindestens 3 Stockwerken und einem Krüppelwalmdach mit Ründe. Die Familie Friedrich Rentsch betrieb Feld-und Viehwirtschaft. Wie die Urenkelin Katharina Jaggi-Rentsch erzählt, hatte die Familie Angestellte: u.a. Melker, Karrer, Herdknecht, Mägde. Friedrich Rentsch soll ein sehr zackiger, befehlsgewohnter Mensch gewesen sein. Es gibt 2 Fotos von ihm: Auf einer sitzen Marianna und Friedrich Rentsch als stattliches altes Paar auf einer Bank vor dem Haus. Beide haben weisse Haare, er trägt einen Bart und eine halbleinene Kleidung mit Doppelverschluss. Auf dem zweiten Bild steht Friedrich, etwas jünger breitbeinig im Garten. Die Goldkette, die Krawatte, die Fez artige Kappe, die selbstbewusste Körperhaltung und der strenge Blick weisen darauf hin, dass er ein stolzer Bauersmann war, der gewohnt war zu befehlen. Später ging der Hof an den jüngeren Sohn Gottfried. Er ist noch heute im Besitz von dessen Nachkommen.

Quellenangaben:

1 Minder Hans, Lokalhistoriker mdl. Info.
2 Familienwappen, Vorschlag StAB 1933
3 «Trub», Wikipedia
4 Beer Annemarie «Das ehemalige Benediktiner-Kloster Trub und sein Erbe», Lizentiatsarbeit im Fach Historische Theologie, S. 48
5 (s. 4) S. 49
6 Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen in Beer S. 50
7 (s. 4) S. 50
8 Gotthelf Jeremias «Die Armennot», 1840, «Emmental», Wikipedia
9 (s. 8)
10 Häusler Fritz «Die alten Dorfmärkte des Emmentals», 1986, Dubler Anne-Marie «Emmental», Historisches Lexikon
11 Minder Hans «Handwerker auf dem Land», mdl. Info
12 (s. 10)
13 Auszug aus dem Totenrodel 1838
14 Minder Hans «Erbpacht», mdl. Angabe
15 Minder Hans «Historisches Lexikon Gemeinde Trub», 2013, S. 413
16 Minder Hans «Bodenzins», mdl. Info.
17 (s. 15) «Gebäude_Nr. 219, 219B, 219C»,S. 427
18 Minder Hans «Anbau im 17. Jahrhundert» mdl. Info.
19 Häusler Fritz (s. 10), / Minder Hans «Salzmonopol»
20 Minder Hans «Der Erbsen-Zehnte», im Märchenforum, 2020 85. Ausgabe, S. 47
21 «Das Erbsensäcklein», Märchen aus dem Emmental, Märchenforum (s. 20) S. 46
22 Minder Hans/ Häusler Fritz (s. 10) «Käse»
23 Peter Roger «Kartoffel», Historisches Lexikon
24 Hostettler Urs, 1991 «Der Rebell vom Eggiwil» Aufstand der Emmentaler 1653, S. 34
25 Hostettler Urs (s. 24) S. 34/35
26 Bohnenblust Emil. O. 2004 «Bärner Bedli – einst und heute»,
27 (s. 24) S. 34/35
28 (s. 24) S. 35
29 (s. 24) S. 39
30 (s. 24) S. 157 – 173
31 (s. 24) S. 341
32 (s. 24) S. 264
33 Suter Andreas «Schweizer Bauernkrieg», Historisches Lexikon
34 Steiner Walter/Roth Alfred G. 1978 «Trubschachen-Trub» S. 21-23
35 (s. 24) S. 681/682
36 (s. 24) S. 657
37 (s. 33) «Schweizer Bauernkrieg» , Wikipedia
38 Minder Hans, mdl. Info.
39 Minder Hans, mdl. Info.
40 «Tauner», Wikipedia
41 (s. 15) S. 440/441
42 (s. 15) S. 358
43 (s. 10) S. 41
44 Minder Hans, mdl. Info.
45 Verträge GA Trub
46 (s. 15) S. 374 und S. 351
47 Gerber Michael/Zaugg Karin «Trub im Emmental», S. 42/43, S. 45
48 (s. 15) S. 356
49 (s, 15) S. 356
50 Minder Hans, mdl. Info.
51 (s. 15) S. 434
52 Minder Hans, mdl. Info.
53 (s. 15) S. 433
54 (s. 10) S. 40
55 (s. 10) S. 34, S. 40
56 Gotthelf Jeremias «Die Wassernot im Emmental»
57 Pfister Christian/Messerli Paul «Landwirtschaft, Industrie und Diesntleistungen im 19. und 20. Jahrhundert im Kanton Bern» S. 8 Historisches Lexikon der Schweiz
58 (s. 10) S. 44
59 (s. 10) S. 48
60 (s. 10) S. 45
61 (s. 10) S. 49
62 (s. 15) S. 434
63 Schweizer Jürg «Kunstführer Emmental», 1982, S. 197
64 (s. 57) S. 9, Junker Beat, Dubler Anne-Marie «Kanton Bern», Historisches Lexikon
65 Baumann Werner, Moser Peter «Landwirtschaft im 19./20. Jahrhundert», Historisches Lexikon