Quellenlage

Je weiter man in der Vergangenheit zurückgeht, desto dürftiger ist in der Regel die Quellenlage. Neben den Kirchenbüchern sind es Dokumente aus dem Staatsarchiv, z.B. zum «Weissen Rössli» in Hermiswil, zur Pulvermühle in Steffisburg oder Pfarrer-Berichte über die Schule von Tann und den Lehrer Felix Schlumpf. Als weitere Quellen standen mir Dorfchroniken und Geschichtsbücher zur Heimatkunde der Orte; Sagensammlungen; Jubiläumsschriften, z.B. zur Schulgeschichte eines Ortes, zur Verfügung. Auch in Gesprächen mit Lokalhistorikern habe ich wertvolle Informationen über das Leben der Menschen in den entsprechenden Dörfern bekommen. Hausinschriften, alte Stiche und Alltagsgegenstände der Vorfahren gaben Hinweise auf ihre Lebensweise. Z.B. befindet sich im Dorfmuseum von Bönigen (der Alten Pinte) ein Barockschrank von 1715 von Ulrich Mühlemann und Anna Buri und ein altes Familienwappen. Ulrichs Brief aus dem Zweiten Villmergerkrieg von 1712 an seine erste Frau fand man in einer Berner Privatsammlung. Eine Zinnkanne mit Monogramm von 1737 und alte Taufzettel befinden sich in meinem Besitz. In einzelnen Fällen: Mühlemann, Wehrli, Rentsch, Jaussi, Mühlethaler stehen die alten Häuser noch, in denen die Vorfahren gewohnt haben und geben Kunde von der Vergangenheit.

Die Quellen zu den historischen Persönlichkeiten aus der jüngeren Vergangenheit (2. Hälfte 19. Jh. u. 20. Jh.) sind zahlreicher: Es gibt Briefe, Lebensläufe, schriftliche Aufzeichnungen wie Tagebücher, Verträge, Zeitungsartikel, Fotos, mündliche Erzählungen, Kontoauszüge, Mobiliar, Spielsachen etc. Die Häuser, in denen sie gelebt haben, kann man heute noch besichtigen. Entsprechend dieser Fülle lassen sich die Biographien der Vorfahren in der jüngeren Vergangenheit differenzierter und farbiger gestalten.

Das Leben der Angehörigen der 8 Familien wurde stark geprägt durch die geographische Lage und die verkehrsmässige Erschliessung ihres Herkunftsortes. Es macht z.B. einen Unterschied für die Menschen, ob ein Dorf an wichtigen Verkehrsverbindungen liegt wie Bönigen und Hermiswil oder bis ins 20. Jahrhundert verkehrsmässig unerschlossen ist wie Gansingen. Wie das Beispiel Hermiswil zeigt, kann ein ehemals wichtiger Ort jedoch in die Bedeutungslosigkeit versinken, wenn die Hauptstrasse verlagert wird. Ich habe mich deshalb mit Hilfe von entsprechender Literatur mit der geographische Lage und den alten Verkehrsverbindungen der Heimatorte bzw. Wohnorte der Vorfahren auseinandergesetzt.

Bei der thematischen Vertiefung und der geschichtlichen Einordnung eines Ereignisses stütze ich mich auf entsprechende Fachliteratur und das Historische Lexikon.

Als Ausgangspunkt für die Nachforschung nach den Vorfahren dienten mir die Angaben von den Zivilstandsämtern. Es war nicht meine Absicht, Stammbäume zu erstellen, sondern ich wollte nur die früheren Generationen herausfinden. Das Zurückverfolgen der Vorfahren in den alten Kirchenbüchern ist sehr anspruchsvoll, abgesehen vom Entziffern der alten Schrift. Eine Schwierigkeit besteht darin, dass es oft im gleichen Zeitraum mehrere Menschen mit dem gleichen Vor- und Nachnamen gibt: z.B. gab es um 1750 mindestens 5 Andreas Mühlethaler im Kirchenbuch von Herzogenbuchsee. Auch fehlten Angaben über Berufe, Wohnorte etc. Noch extremer war es bei den Wehrli-Vorfahren: um 1799 hiessen in Küttigen 22 Personen Rudolf Wehrli. Wenn die Menschen nicht noch eine Zusatzbezeichnung hatten, wie im Fall von Wehrli z.B. Schmieds (Sohn des Schmieds) kann man kaum eine Zuordnung machen. Eine andere Schwierigkeit bei der Suche besteht darin, dass die Pfarrpersonen, welche die Rodel geführt haben, manchmal sehr frei und kreativ mit den Namen umgegangen sind, z.B. wurde ein Bernhard Schlumpf plötzlich zu einem Leonhard Schlumpf. Ich habe deshalb bei mehreren Familien die Hilfe von professionellen Ahnenforschern in Anspruch genommen. Selbst sie kamen manchmal mit ihrer Nachforschung nicht weit zurück. Wenn eine Zuordnung aufgrund von Wahrscheinlichkeiten erfolgte, z.B. Alter bei der Heirat, Geburt der Kinder etc. könnte zusammenpassen, habe ich diese Daten mit «vermutlich» bezeichnet und habe bei der Rückverfolgung der Vorfahren dort aufgehört. Mein ursprüngliches Vorhaben, bei allen Familien mindestens 8 Generationen zurückzuverfolgen, musste ich deshalb aufgeben. Es sind je nach Familie zwischen 5 (Mühlethaler) und 10 (Mühlemann) Generationen.

In manchen Familien hat man viel über die Vorfahren erzählt: z.B. hat sich meine Mutter gerne an ihre Erlebnisse bei ihren Grosseltern in Bönigen erinnert und hat oft darüber berichtet. «Nur durch Erinnern werden einstige Erlebnisse wieder lebendig, nur durch ihr Andenken gehen sie nicht verloren.» (Oral History) Für mich galt bei der mündlichen Erzählung, wie übrigens auch bei schriftlichen Quellen, dass ich einen Plausibilitätstest gemacht habe. Soweit ich herausgefunden habe, gibt es in 2 Fällen Familien-Narrative, die der Überprüfung nicht standhalten konnten: Das eine Beispiel war die Vaterschaft des unehelichen Sohnes meiner Grossmutter, und das andere die Besitzverhältnisse der Sägerei Gaugglern bei Wattenwil. Ich werde auf diese Beispiele im Text näher eingehen. Die mündliche Erzählung von Verwandten und von geschichtskundigen Kennern in den Dörfern war für mich dennoch eine wichtige Informationsquelle.

Im Gespräch mit alten Menschen ist mir aufgefallen, dass es so etwas wie ein kollektives Geschichts-Gedächtnis gibt. Z.B. wirkt das Trauma des 30-jährigen Krieges von 1618 – 1648 im Fricktal bis heute nach. Alte Menschen sprechen noch in unserer Zeit vom «Schwed» als Inbegriff des Bösen. Die frühere Zugehörigkeit des Fricktals zu Oesterreich ist noch immer im kollektiven Gedächtnis gespeichert. Alte Fricktaler sagen, wenn sie nach Aarau reisen. «I ga id Schwiz ine.»