20. Ottilie Rentsch geb. Schenk (28.05.1910 – 20.12.1981), Lehrerin, Hausfrau (7. Generation)

20.1. Eine Fotografie im Heimatmuseum Adelboden

Ottilie, genannt „Ottili“, kam am 28. Mai 1910 in Adelboden auf die Welt. Sie war die Tochter von Friedrich und Martha Schenk geb. Jaussi. Ihr Vater führte in Adelboden ein gut besuchtes Coiffeurgeschäft. Ein Jahr später, am 2. August 1911 wurde ihre Schwester Ellen geboren. Hatte die aussergewöhnliche Vornamenwahl der Mädchen damit zu tun, dass der Vater während seiner Wanderjahre in Deutschland gewesen war? Oder hatte Martha, die sehr belesen gewesen sein soll, „die Wahlverwandtschaften“ von Johann Wolfgang von Goethe gelesen, wo eine der beiden weiblichen Hauptfiguren Ottilie hiess? Wie auch immer, mit Sicherheit sind die Mädchen mit diesen „deutsch“ klingenden Vornamen im Dorf aufgefallen. Ottilie und Ellen verbrachten eine frohe Jugendzeit in Adelboden. Es gab damals im aufstrebenden Tourismusort noch viele ungepflasterte Strassen, Plätze und Winkel, wo die Dorfkinder spielen konnten. Ottilie und Ellen waren mit einem Schwesternpaar aus dem Dorf befreundet, mit Friedi und Hedy Amschwand, mit denen sie oft zusammen waren. Diese Freundschaft pflegten sie bis ins Erwachsenenalter.

Aus der Jugendzeit von Ottilie liegen mir zwei Fotografien vor: Aus der Sekundarschulzeit eine Klassenfoto mit 30 Kindern und 2 Lehrern. Vermutlich wurden zwei Jahrgänge 1910 und 1911 zusammen unterrichtet. Man erkennt Ottilie auf der linken Seite (vom Betrachter aus) stehend ca. 12 Jahre alt und ihre ein Jahr jüngere Schwester Ellen in der Mitte sitzend. Die zwei Schenk-Mädchen tragen helle karrierte Kleider und weisse Trägerschürzen. Beide haben das Haar auf der linken Seite zu einem langen Zopf geflochten. Sie sind, wie einige andere Mädchen auch, herausgeputzt. Andere Kinder sind eher bäuerisch gekleidet. Vermutlich wird hier das unterschiedliche soziale Umfeld der Kinder der Gewerbler-Familien aus der Tourismusbranche und der Kinder aus bäuerlichen Verhältnissen sichtbar. Die Sekundarschule im Dorf Adelboden war neu gegründet worden. Friedrich Schenk hatte sich mit andern Persönlichkeiten zusammen für die Gründung einer Sekundarschule eingesetzt. (1) Aus Erzählungen ist überliefert, dass die Schenk-Töchter im Geschäft mithelfen mussten. Ich stelle mir vor, dass sie vor allem im Kiosk Karten, Zeitschriften und andere Artikel verkauft haben oder manchmal auch Handreichungen im Coiffeursalon machen mussten.

Beim Besuch des Dorfmuseums in Adelboden ist uns eine Fotografie in Grossformat aufgefallen. Mein Mann hat darauf sofort seine Mutter Ottilie, als junges Mädchen erkannt. Auf dem Bild sieht man eine Siegesfeier von zwei Adelbodner Skigrössen. Ottilie (16-jährig) steht als Zuschauerin in der Fangemeinde. In grossen Lettern prangt ein Willkommensgruss über dem Dorfplatz: „Willkommen Skimeister Sepp“. Die zwei Skistars sind die Gebrüder Sepp und Peter Schmid. Anlass war der Sieg von Sepp Schmid 1926 in Wengen zum Schweizerischen Skimeister. Sein Bruder Peter wurde als Vierter klassiert. Dieser Meistertitel beinhaltete von 1905-1933 eine Kombination von Langlauf und Sprunglauf. Jeder Amateur, auch ausländische Teilnehmer, durfte an dieser Meisterschaft teilnehmen. Dass es sich noch wirklich um Amateursportler handelte, zeigt nachfolgende Schilderung des Siegers: “Am tief verschneiten Hang steht in Adelboden das Haus der Familie Schmid, die uns schon zwei schweizerische Skimeister stellte – Peter und Sepp – und noch jüngere, wohl ebenso hoffnungsvolle Skisprösslinge nachschickt. Ihnen allen hat der Wildbach ein rauhes Wiegenlied gerauscht. Sepp Schmid, der diesjährige Skimeister, ist ein junger, weidenschlanker, sehniger Bursche, mit blauen Augen, gesunden Backen und einer kohlschwarzen Mähne. Harte Arbeit in Wald, Weide und Bergen haben seine Muskeln gekräftigt und gestählt. Als Knabe musste Sepp im Winter täglich zweimal weit hinauf ins Wintertal steigen, um das Vieh zu besorgen. Was lag da näher, als Ski an die Schuhe zu schnallen und den mühsamen, steilen Abstieg in fröhlicher Fahrt zu nehmen? Die Bauern im Boden schauten damals oft hinauf an die weisse Egg, wenn Sepp vom Stafel losfuhr, mit der Brente auf dem Rücken stiebend um die Waldecken fegte, in steiler Schussfahrt durchs schmale Türchen des Bergzaunes sauste und sicher über den Steg des Wildbaches glitt, um vor der Haustüre in keckem Schwunge zu enden…“ (2)

Auch Ottilie hat dem Wintersport gefrönt. Sie ist in ihrer Freizeit mit Gleichaltrigen Ski gefahren und Schlittschuh gelaufen. Als Jugendliche hat sie anlässlich einer Skitour auf das Albrishorn bei der Abfahrt das Bein gebrochen. Sie musste ins Spital Frutigen eingeliefert werden. Ottilie war sehr schlank und zierlich. Aufgrund von mehreren schweren Kinderkrankheiten wie Diphterie, Scharlach, doppelte Lungenentzündung hatte sie zeitlebens eine zarte Konstitution. Zusätzlich machte sich ein schwaches Rückenleiden schon damals bemerkbar. Schon früh zeigte sich bei ihr eine besondere musikalische Begabung. Sie hatte eine rasche Auffassungsgabe beim Klavierspielen und war eine gute und begeisterte Sängerin. Am Ende der Sekundarschule bestand sie die Aufnahmeprüfung in das Staatliche Lehrerinnenseminar Thun. Sie gehörte der 36. Promotion an. Mit 18 Jahren verlor Ottilie ihren Vater. Er verstarb nach längerer Krankheit, jedoch unerwartet am 4.09.1928. Dies war eine Zäsur für die Familie. Die Mutter verkaufte das Haus mit dem Coiffeursalon und übersiedelte mit ihren Töchtern ins neu erbaute Einfamilienhaus in Thun.

20.2. Lehrerinnenüberfluss

Nach der Patentierung am Lehrerinnenseminar war es für Ottilie schwierig eine Stelle zu finden. „In den 1930er Jahren war ein grosser Lehrer- und Lehrerinnen Überfluss. Es bedurfte manches Bewerbungsschreibens und vieler Läufe und Gänge, bis man irgendwo unterkam. Schliesslich bot eine längere Stellvertretung im Schulhaus Boden zu Adelboden ihr die Gelegenheit, eine“ richtige“ Adelbodnerin zu werden. Dazu gehörte, dass Ottilie mit andern zusammen das Wildhorn, den Wildstrubel, die Pleine morte, den Grosslohner und andere Bergriesen bezwang.“ (3) Sie machte weitere Stellvertretungen im Dürrenast, im Schloss Biberstein im Kanton Aargau und in der Blindenanstalt Spiez. Schliesslich fand Ottilie eine Festanstellung im Lerchenbühl bei Burgdorf für schwachbegabte Kinder im Schulalter. Sie muss eine engagierte Lehrerin gewesen sein; u.a. waren die jährlichen Weihnachtsspiele für die Kinder eindrückliche Erlebnisse. Eine ehemalige Schülerin, die sehr anhänglich war, hat Ottilie bis an ihr Lebensende regelmässig besucht.

20.3. Stellvertreterin während dem Zweiten Weltkrieg – Bambusflötenlehrerin nach dem Krieg

Im Herbst 1935 heiratete Ottilie Schenk den Lehrer Hans Rentsch in Köniz und bezog dort das neu erbaute Heim an der Landorfstrasse 57. Das Paar hatte sich im Lehrergesangsverein kennen gelernt.

Damals war es bei mittelständischen Paaren üblich, dass die Frau nach der Verehelichung ihre Stelle aufgab. Am 21.07.1937 kam die Tochter Annemarie auf die Welt. Zwei Jahre später, am 16.06.1939 wurde Hans geboren (genannt Hanes). Mit Christoph, geboren am 23.09.1943 war die Familie komplett. Ottilie gebar ihre Kinder mit Hilfe der Hebamme und des Hausarztes Dr. Bélart zu Hause. Vater Rentsch hat erzählt, wie er spät am Abend des 23. Septembers 1943 mit der blau abgedeckten Taschenlampe ins Dorf gegangen ist, um der telefonisch aufgebotenen Hebamme zu begegnen. Es war Krieg rund um die Schweiz und in der Nacht brannten keine Strassenlampen und alle Häuser waren verdunkelt, damit eventuelle Flugzeuge mit Bomben die Städte und Dörfer nicht sehen konnten. Es brauchte Mut während der Ungewissheit und Bedrohung durch den Zweiten Weltkrieg, Kinder in die Welt zu setzen.

In den Kriegsjahren wurde Hans Rentsch zum Oberlehrer gewählt und seine Frau machte Stellvertretungen. Verheiratete Lehrerinnen waren gefragt. Sie mussten einspringen, weil ihre männlichen Kollegen wegen Militärdienst abwesend waren. Dank dem, dass die Grossmutter, Martha Schenk bei der Familie wohnte und sich um die Kinder kümmern konnte, war eine zeitweilige Berufstätigkeit von Ottilie möglich. Nach dem Krieg wurde Ottilie wieder vor allem Hausfrau. Man brauchte die verheirateten Lehrerinnen nicht mehr, sie waren für die Lehrer eine unerwünschte Konkurrenz. Damals galt noch der Mann als Ernährer der Familie. Das Doppelverdienertum war zudem verpönt.

Die Zeiten nach dem Krieg waren karg. Christoph durfte als Jüngster im Winter im Wohnzimmer schlafen, wo ein Kanonenofen etwas Wärme produzierte und über Nacht mit einem Briquet die Glut in den Morgen hinein gerettet wurde.
Das grosse Haus und der Garten gaben viel Arbeit. Alle 3 – 4 Wochen verschwand Ottilie für 2 – 3 Tage in der Waschküche und in dichtem Dampf; die Kinder durften nicht hinein, weil es zu gefährlich war. Es gab damals noch keine Waschmaschine, welche die Arbeit erleichtert hätte. An der Gartenarbeit beteiligte sich auch der Ehemann. Auch die Kinder mussten mithelfen. Das Gemüse, das im Garten selber gezogen wurde und die Beeren, die zu Konfitüre verarbeitet wurden, entlasteten das Familienbudget. Ein Lehrerlohn war damals bescheiden. Ottilie musste das Haushaltgeld gut einteilen. Aber auch so wurde es Ende Monat manchmal knapp. Mein Mann kann sich erinnern, wie seine Mutter und eine Nachbarin sich manchmal mit einem Fünfliber gegenseitig ausgeholfen haben.

Die Musik spielte in der Familie Rentsch eine wichtige Rolle. Im Musikzimmer stand ein schwarzer Steinway Flügel und ein Klavier. Hans Rentsch erteilte dort Schulkindern aber auch Erwachsenen am Samstagnachmittag und nach der Schule Klavierunterricht. Mein Mann hat erzählt, dass es ihm als Kind gar nicht aufgefallen sei, dass dauernd Klavier gespielt wurde; nur wenn ein Schüler immer an der gleichen Stelle einen Fehler gemacht habe, sei er darauf aufmerksam geworden. Auch in der Familie wurde viel musiziert und gesungen. Vor Verwandten wurden z.B. im Musikzimmer Ausschnitte aus der Zauberflöte vorgetragen. Christoph musste, bevor er den Stimmbruch hatte, die hohe Koloraturarie der Königin der Nacht singen. Gemäss seiner Angaben hatte er vor Anspannung vor der höchsten Stelle fast regelmässig einen „Nervenzusammenbruch“.

Für das Ehepaar Rentsch war die gemeinsame Chortätigkeit im Kirchenchor und im Berner Kammerchor ein wichtiges verbindendes Element. Ottilie sang im Kirchenchor Köniz, der von ihrem Mann geleitet wurde mit. „Sie war ein führendes Mitglied im Sopran. Bei einem Gesangspädagogen in Basel und im Lehrergesangverein Thun hatte sie ihre Stimme ausbilden lassen und konnte so manches kleine und grössere Solo zur Aufführung bringen. Im Kirchenchor wirkte sie während 38 Jahren treu mit. Reiche musikalische Betätigungen boten ihr die Singtreffen in Thun und Bern unter der Leitung von Fritz Indermühle und Willy Burkhard, ferner die Singwochen in Münchenwiler und Fürigen und namentlich die Mitgliedschaft im Berner Kammerchor während 33 Jahren.“ (4) Ottilie liess sich noch zur Bambusflötenlehrerin ausbilden. Zu Hause unterrichtete sie Kinder und am Kindergärtnerinnenseminar der Neuen Mädchenschule angehende Kindergärtnerinnen. Unter ihrer Anleitung bauten die Kinder und die Seminaristinnen ihre Instrumente selber und lernten gleichzeitig Schritt für Schritt damit zu musizieren. Wie bei den Blockflöten, können Bambusflöten in allen Tonlagen gebaut werden, vom Sopranino bis zum Bass. Auch der jüngste Sohn hat bei seiner Mutter, allerdings, wie er sagt ohne Begeisterung, eine Bambusflöte hergestellt. Ottilie musizierte mit andern Erwachsenen in einer Bambusflöten-Gruppe (Gilde). Die öffentliche Anerkennung, wie sie ihr Mann erhielt durch seine Arbeit als Dirigent des Kirchenchors und als Organist, blieb ihr aber versagt. Die Bambusflöte wird als Instrument für Anfänger betrachtet und geniesst in Musikerkreisen kein hohes Ansehen. Ottilie fühlte sich gegenüber ihrem tatkräftigen Mann benachteiligt.

Damals war es nur für wenige verheiratete Frauen möglich z.B. in der Musik oder auch in andern Gebieten eine gleichwertige Karriere, wie ihre Männer zu machen. In den 1950er und 60er Jahren wurde von den Frauen des Mittelstandes erwartet, dass sie sich dem Haushalt und den Kindern widmeten. Es wurde das Dreiphasenmodell propagiert: Erstens die Ausbildungs- und Berufsphase, dann die Mutterschaft und anschliessend die zweite Erwerbsphase, der Wiedereinstieg ins Erwerbsleben. Wie schon erwähnt, fühlte sich Ottilie durch diese Rollenverteilung benachteiligt. Im Vergleich zu andern Frauen in ähnlichen gesellschaftlichen Verhältnissen war sie bezüglich Freiräume jedoch privilegiert, denn ihre Mutter lebte im gleichen Haushalt und konnte sich in ihrer Abwesenheit um die Kinder kümmern. Zudem standen ihr schon früh Hilfsgeräte, wie Waschmaschine und später Abwaschmaschine zur Verfügung, die den Haushalt erleichterten.

20.4. Frauen und Karriere

Schon in den 1950er Jahren gab es jedoch Frauen, die Karriere machten. Meistens waren diese Frauen ledig oder zumindest kinderlos, oder aus begüterten Schichten, die sich Hausangestellte leisten konnten. Ottilies Cousine Nelly Jaussi (geb. 7.03.1900), mit der die Familie Rentsch-Schenk eine enge Beziehung pflegte, war eine solche Frau. Sie hatte ein Jusstudium gemacht und mit einer Dissertation abgeschlossen. Nelly Jaussi setzte sich für die Frauenbewegung ein und war 1928 und 1958 für die SAFFA (Schweiz. Ausstellung für Frauenarbeit) tätig. Sie war Präsidentin der Untergruppe „Industrie“. Für die SAFFA 1928 schrieb sie eine Monographie mit dem Titel „Der wirtschaftliche Aufstieg der Frau“. (5) Nach dem Studium arbeitete Nelly auf der Schweiz. Zentralstelle für Frauenarbeit in Zürich. Sie war mit sehr vielen Frauen befreundet, die sich für die Frauenrechte (Stimmrecht) einsetzten. Ab 1933 war sie für das Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit tätig (BIGA). Da erfuhr sie mehrmals Beförderungen, erhielt zwei Mitarbeiterinnen und war eine Zeitlang höchste Bundesbeamtin. Die Beförderung 1948 zur höchsten Bundesbeamtin löste ein grosses Medienecho aus. Ihr Bild erschien in den Zeitungen mit dem Untertitel „Die höchste Bundesbeamtin/ Der Bundesrat hat Fräulein Dr. jur. Nelly Jaussi, juristische Beamtin I. Klasse zur II. Adjunktin im Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit befördert.“ In einem Artikel „Wir besuchen die höchste Bundesbeamtin“ heisst es: „Ein Strom von Freude und Arbeitskraft geht von unserer ersten Bundesbeamtin aus. Sofort spürt man: hier ist eine Frau die aus ihrem Beruf keinen nüchternen Brotverdienst gemacht hat. Sie will mit idealistischem Schwung helfen, fördern, zum Rechten sehen. So ist Fräulein Dr. Jaussi, die kürzlich zur zweiten Adjunktin des Bundesamtes für Indusrie, Gewerbe und Arbeit befördert wurde….alles andere als das, was sich manche Leute unter einer verknöcherten Bundesbeamtin vorstellen…Vor allem beschäftigt sie sich mit dem Problem der Arbeitsmarktpolitik, die in Krisenzeiten äusserst komplizierte Umschulungsprozesse und vor allem ein ungewöhnliches Mass an Menschenkenntnis erfordert. Man denke nur etwa daran, wie schwierig es ist, arbeitslose Frauen, die vordem in der Uhrenindustrie beschäftigt waren, in einen anderen Berufszweig einzuordnen!…“(6)
1961 wurde sie zur Adjunktin I befördert. Zur Beförderung erhielt Nelly Jaussi viele schriftliche Gratulationen von bedeutenden Persönlichkeiten, u.a. aus Frauenrechtskreisen. Z.B. von der Präsidentin des Bundes Schweizerischer Frauenvereine Frau Dora J. Rittmeyer-Iselin; von der Präsidentin des Schweizerischen Verbandes der Berufs-und Geschäftsfrauen, die zugleich Präsidentin der International Federation of Business and Professonal Women war Frau Elisabeth Feller; von der Präsidentin des Schweizerischen Verbandes der Akademikerinnen Frau Dr. Helene Thalmann-Antenen. Dieser Umstand weist darauf hin, wie gut die engagierten Frauen miteinander vernetzt waren. Nelly Jaussi war ledig und kinderlos. Ihre „mütterliche“ Seite lebte sie aus, indem sie in den Ferien Kinder aus der Verwandtschaft und auch Flüchtlingskinder einlud, z.B. nach Trachsellauenen BE ins Berghotel. Noch heute erzählt mein Mann begeistert von diesen Bergferien.

20.5. Offenes Haus

Ein Einblick in den Alltag von Ottilie Rentsch und ihrer Familie ergibt sich durch die Tagebuchaufzeichnungen ihrer Mutter, Martha Schenk (1962), die im selben Haushalt lebte. Tochter Annemarie, Primarlehrerin, war damals verlobt, heiratete im Sommer 1962 und zügelte nach Gunten. Die beiden Söhne lebten noch zu Hause: Hanes war Student und bestand die Griechisch-Prüfung für das Theologiestudium. Christoph machte im Herbst 1962 die Matura und nahm danach das Chemie-Studium auf. Ottilie führte ein sehr aktives Leben. Neben ihrer Lehrtätigkeit als Bambusflötenlehrerin und den vielen Chorproben und Konzerten war sie vor allem für das sehr gastliche Haus zuständig. Gemäss der Aufzeichnungen war es ein Kommen und Gehen: Verwandte; Bekannte der Familie und der erwachsenen Kinder; „griechische Gastarbeiter“, vermittelt durch die Tochter, die in Griechenland in einem Aufbaulager gewesen war; ausländische Chorbesucher zum Übernachten etc. Zitate aus Marthas Tagebuch (7): „Die Griecheninvasion nimmt zu.“ (So, 28. Januar) Die Familie beherbergte ein griechisches Mädchen, das von vielen Landsleuten besucht wurde.- „Hier geht es ein und aus wie in einem Bienenhaus.“ (So. 7. Okt.)- “Die Invasion hielt an. Heute waren wir 11 zum Mittagessen.“ (Do. 11. Okt.)- „Ottilie hat grosse Wäsche, viel Bettwäsche von der ewigen Einquartiererei. Mir würde das Leben verleiden, immer ein solcher Betrieb.“ (Mo.22. Okt.) – Zu ihrer Entlastung beschäftigte Ottilie gelegentlich eine Bügelhilfe und eine Putzfrau. Die Lehrerlöhne waren zum Glück gestiegen. Das Griechenmädchen und später eine Deutschschweizerin hätten eigentlich im Haushalt mithelfen sollen. Aber die „Perlen“ waren, wie mir scheint, keine grosse Hilfe, weil sie entweder frei hatten, unpässlich waren oder emotional schlecht drauf waren, wie Martha mokierend in ihrem Tagebuch festhält.

Ottilie besuchte gerne mit ihrem Mann Theateraufführungen und Konzerte. Sie machte im Kreis der Kirche mit und später nahm sie nach Möglichkeit an den Veranstaltungen des Seniorenclubs Köniz teil. Ich habe sie als „unruhiger Geist“ wahrgenommen: ständig war sie unterwegs, aber meistens irgendwie nicht ganz zufrieden. Sie hatte Freude an ihren Enkelkindern; von den Insgesamt 8 hat sie noch 7 erlebt.

20.6. Zarte Gesundheit und früher Tod

Zeitlebens hatte Ottilie eine zarte Gesundheit. Sie litt u.a. unter Verdauungsproblemen. Es hiess, sie habe eine schwache Leber. Wie Christoph erzählt, hat seine Mutter immer wieder Diäten ausprobiert. Besonders in Erinnerung geblieben, ist ihm die Trennkost. Diese Ernährungsform brachte keine gesundheitliche Verbesserung, deshalb wurde sie wieder aufgegeben. Schon früh nahmen Ottilies Kräfte ab. „Vor Jahren hatte sie sich durch eine nicht genügend beachtete Lungenentzündung Narben auf der Lunge zugezogen, welches einen merklich geschwächten Körperzustand zur Folge hatte. Atemkurse, Kuren im Tessin, auf dem Beatenberg, in Mammern und in Heiligenschwendi nützen nicht viel. Der Zustand verschlimmerte sich zu zunehmend grösserer Schwäche. Ärztliche und pflegerische Hilfen vermochten nicht mehr entgegen zu wirken. Still, bewusst, gefasst und ohne Kampf erlag sie schliesslich der Macht der auflösenden Kräfte und ging am Sonntagabend heim in das Reich des Ewigen.“ (8) Ottilie ist am 20. Dezember 1981 um 20 Uhr in ihrem Heim an der Landorfstrasse 57 in ihrem 72. Lebensjahr verstorben. Am 24. Dezember 1981 fand die Trauerfeier in der Kirche Köniz statt.
„Wie das letzte Blatt im Spätherbst zur Erde fällt, wie die letzte Kerze am Weihnachtsbaum still und friedlich erlischt, wie die blühende Natur sich zur Winterruhe zurückzieht, so hat Frau Rentsch ihr irdisches Ziel erreicht.“ (9) Text der Ansprache Römer 8, 38: „Ich weiss, dass nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes.“

Quellenangaben:

1 Schenk Friedrich, Nachruf in Berner Woche vom 29.09.1928
2 Jahrbuch des schweizerischen Skiverbandes, Band 21, 1926, S. 123/124
3 Rentsch Hans, Verfasser des Lebenslaufs von Ottilie
4 (s. 3)
5 SAFFA, Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit: Jaussi Nelly, 1928 «Der wirtschaftliche Aufstieg der Frau»
6 «Wir besuchen die höchste Bundesbeamtin» in Meyers Frauen – und Modeblatt vom 21.02.1948
7 Martha Schenk- Jaussi, aus ihren Tagebuchnotizen
8 (s. 3)
9 Pfarrer H. Kaiser, Text der Trauerfeier Römer 8.38