6. Mühlemann (Chäneller) von Bönigen, ab 1580, Amtsträger z.B. Säckelmeister, Landesstatthalter; Bergbauern

Meine Mutter war eine «Geborene Mühlemann», heimatberechtigt in Bönigen BE. Ihre Vorfahren lassen sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Im Kapitel 21.3. befindet sich ein Überblick der Mühlemann-Vorfahren. Zu Beginn wohnten die Mühlemanns vermutlich in Wilderswil bei Interlaken. Ab Anfang des 17. Jahrhunderts sind sie Burger von Bönigen.

Die Herkunft des Namens deutet auf eine Berufsbezeichnung hin. Demnach wären frühe Vorfahren Mühlebetreiber gewesen, oder hätten in einer Mühle gearbeitet.

6.1. Herkunft

6.1.1. Das Dorf Bönigen

Das Dorf Bönigen liegt im Berner Oberland am Südufer des Brienzersees.»Die Nachbargemeinden von Norden beginnend im Uhrzeigersinn sind: Iseltwald, Gündlischwand, Gsteigwiler, Matten bei Interlaken, Wilderswil und Interlaken.» (1) Die von der Lütschine verursachte flache Schwemmebene zwischen Brienzer-und Thunersee, auf der das Dorf liegt, wird Bödeli genannt. Bönigen ist umgeben von steilen Berghängen, an dessen Spitzen sich das Loucherhorn (2230 m. ü. M.), die Roteflue (2296 m. ü. M.) und die Schynige Platte (2076 m. ü. M.) befinden. Obschon Bönigen nur 568 m ü. M. liegt, hat man wegen der Bergketten den Eindruck von einem Bergdorf.

Dem Brienzersee entlang führte der St. Jakobsweg nach Santiago de Compostella (Spanien): herkommend von Einsiedeln, über den Brünigpass nach Giessbach, Iseltwald und Bönigen; und von dort weitergehend zum Kloster Interlaken, zur Klause des Beatus am Thunersee, weiter zum Kloster Rüeggisberg, dann nach Fribourg, Waadt und Frankreich. Vor der Reformation stand in Bönigen eine Wegkapelle. Der Pilgerweg wird heute wieder begangen.

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts hatte das Dorf keine eigene Kirche. Früher besuchten die Bewohner von Bönigen den Gottesdienst in Gsteig. Bönigen gehört zur Kirchgemeinde Gsteig bei Interlaken. Am 1. Dez. 1957 wurde die neue Kirche in Bönigen eingeweiht.

Das Gemeindewappen ist geteilt: Oben in Gold ein schwarz gekrönter Adler. Unten in Silber ein halber schwarzer Steinbock. Der Adler steht als Symbol für das ehemalige Reichsdorf Bönigen, der Steinbock, das Wappentier der alten Landschaft Interlaken, steht für die Zugehörigkeit zum Amtsbezirk Interlaken. (2)

Bönigen hat 2512 Einwohner (Stand 31. Dez. 2017). Die Bevölkerungszahl hat sich seit dem 18. Jahrhundert versiebenfacht. (3)

6.1.2. Geschichte

Die ersten sesshaften Siedler sind vermutlich alemannische Bauern. Sie dürften um 700 bis 900 n. Chr. auf dem Gebiet des heutigen Dorfes anzutreffen sein. Zur Entstehung des Namens schreibt der Schweizer Namensforscher Paul Zinsli 1956: «So muss Bönigen einst «bei den Leuten des Bôno» althochdeutsch «ze den Bôningun» bedeutet haben.» (4)

1261 wird Bönigen erstmals urkundlich als „villa boningen“ erwähnt. Walther III von Eschenbach – Oberhofen überträgt sein Reichslehnen in Bönigen an das Kloster Interlaken. Er verzichtet 1275 auf die Vogtei und alle Rechte. In der Folgezeit lehnten sich die Bewohner von Bönigen immer wieder gegen die Herrschaft des Klosters Interlaken auf. 1348 nahmen Leute von Bönigen am Bündnis der Gotteshausleute von Interlaken teil mit den Landleuten von Unterwalden gegen das Kloster Interlaken. Sie mussten sich dann jedoch 1349 dem Kloster und der Stadt Bern unterwerfen, aber der Streit ging weiter. 1445 beteiligten sich die Böniger am «Bösen Bund» der Oberländer gegen die Klosterherrschaft und die Stadt Bern.

Die Bevölkerung von Bönigen lehnte 1527 nach mehrmaliger Befragung die Einführung des neuen, reformierten Glaubens ab. Durch das Reformationsmandat vom 7. Februar 1528 wurde das Kloster Interlaken aufgehoben und am 14. März den Abgesandten der Stadt Bern übergeben. Die Leute von Bönigen versuchten daraufhin, die ihnen lästig gewordenen Bodenzinsen, Tagwerke und Schulden loszuwerden. Sie machten einen Aufstand gegen Bern. Niklaus Manuel unterwarf die Aufständischen mit bernischen Truppen. (5)

«Neben der Viehwirtschaft im Tal – und Alpbetrieb entwickelte sich die Zimmerei. Nach dem Bau des Lütschinenkanals 1835 siedelte sich Gewerbe an, u.a. Holzschnitzerei, um 1900 von ca. 100 Schnitzern betrieben. Mit Hotelbauten ab 1829 und einer Quaianlage (1907) entwickelte sich Bönigen zum Luft – und Molkenkurort am See.» (6)

«Die Gemeinde im heutigen Sinn entsteht mit der Bernischen Staatsverfassung von 1831…Bis zum neuen Gemeindegesetz von 1852 laufen in Bönigen alle Geschäfte über die Burgergemeinde. Die Einwohnergemeinde fristet ein Schattendasein. Durch die Vergabe und den Verkauf von Bauplätzen bestimmen die Burger sowohl die wirtschaftliche, als auch die bauliche Entwicklung…Bis nach 1945 bleiben sie die prägende Kraft im Dorf.» (7)

Die Anbindung ans öffentliche Verkehrsnetz erleichterte die touristische Entwicklung. Von 1874 bis 1969 war Bönigen mit einer 2,2 km langen normalspurigen Eisenbahnstrecke von Interlaken Ost aus erschlossen (Bestandteil der Bödelibahn). Heute fährt ein Autobus nach Interlaken. (8)

6.2. Lebensdaten der Mühlemann – Angehörigen

Über die Herkunft des Namens Mühlemann gibt es in der Familien noch eine alternative Theorie: Nach dieser Deutung könnten die Vorfahren Walser gewesen sein, die mit «Müli» (Maultieren) vom Lötschental über die Wetterlücke nach Wilderswil gekommen sind. Dort hätten sie gemäss der Theorie als Fuhrleute mit Maultieren gearbeitet und sich Mülimann genannt. Ich erachte diese Herkunftstheorie des Namens als wenig plausibel.

Der Mühlemann-Zweig von unseren Vorfahren trägt den Sippennamen «Chäneller». Der Name leitet sich vom Wohnort eines Vorfahrens ab. Peter Mühlemann (1764-1838) wohnte am «Chänel», an einer offene Wasserleitung. Seine Nachkommen hiessen «Chäneller».. (9)

Das Familienwappen der Familie Mühlemann ist eine weisse Lilie mit drei gelben Sternen auf violettem Grund. Das Wappen ist erstmals 1712 als Siegelabdruck auf einem Brief von Ulrich Mühlemann (1687-1763) nachgewiesen. Das Familienwappen findet sich auch als Malerei an zwei Bauernhäusern von 1715 und 1772. Es erscheint später auf weiteren Siegelabdrucken, auf Wappentüchern und auf einer Schliffscheibe.

Der Wahlspruch der Mühlemann-Sippe lautet: „Tout bien ou rien“. Er geht auf Peter Mühlemann (1845-1910) zurück.(10) Die Familiendevise: „Alles (gut) oder Nichts“ verstehe ich im Sinne von: «Mach es gut, oder lass es bleiben».

6.2.1. Älteste Vorfahren – Anzahl Generationen – Amtsträger – Heiratsalter – Anzahl Kinder – Alter der Vorfahren – Vornamen

Die ältesten eindeutig belegten Vorfahren hiessen Hans Mühlemann, getauft 1580 in Gsteig und Gret Balmer. Ihr Wohnort war vermutlich noch Wilderswil. Ihr Sohn Hans getauft am 31. Oktober 1619 in Gsteig lebte mit seiner Familie schon in Bönigen.

Die Vorfahren – Liste umfasst bis und mit meinem Grossvater, Johann (Hans) Mühlemann (1897–1978), zehn gesicherte Generationen. (s. Kp. 21.3.) Bei drei Vorfahren aus dem 16. Jahrhundert sind die Daten nur dürftig, deshalb habe ich sie nicht in die Liste aufgenommen. Einer von ihnen, Hans Mühlemann geboren um 1500 soll 1528 Landweibel geworden sein. Er war ein Amtsträger der Obrigkeit.

Es gab in späteren Generationen noch weitere Mitglieder, die ein öffentliches Amt bekleidet haben. Zum Beispiel war Christian Mühlemann getauft am 1. Januar 1650 Landesseckelmeister. Der Säckelmeister (Seckelmeister) war ein wichtiger Beamter des Landvogts. Er war für das Eintreiben der Steuern und Gebühren verantwortlich. (11) Der Säckelmeister musste auch dafür sorgen, dass das «Reisgeld» (eine Kriegssteuer) für die Auszüger eingezogen wurde und jederzeit bereit lag für einen allfälligen Feldzug. Ulrich Mühlemann (1687-1763), von dem später noch die Rede sein wird, bekleidete verschiedene öffentliche Ämter. So war er der Reihe nach Lieutenant 1715, Siechenvogt 1718, Landesvenner 1730/31 und Landesstatthalter ab ca.1751.

So weit mir bekannt ist, waren die «Chänellers» entweder Amtsträger oder in der Landwirtschaft tätig.

In der Regel waren die Vorfahren bei der Verehelichung zwischen 20 und 30 Jahre alt. Es gibt drei Ausnahmen: Anna Mühlemann geb. Burri (1696-1738) heiratete mit 19 Jahren. Peter Mühlemann (1764-1838) war bei der Heirat 17 Jahre alt und Ulrich Mühlemann (1687-1763) war bei seiner 3. Heirat 52 Jahre alt.

Die Familien waren gross, z. T. hatten sie 9 -11 Kinder. In den Kirchenbüchern wurde früher das Taufdatum des Kindes angegeben und nicht das Geburtsdatum. Wenn ein Kind also kurz nach der Geburt ungetauft starb, dann wurde es gar nicht registriert. Das bedeutet, dass die Frauen vermutlich noch mehr Kinder geboren haben. In zwei Generationen ist der Vater bzw. der Hausvorstand in jungen Jahren verstorben (mit 35 bzw. 38 J.). Das hatte zur Folge, dass es in diesen Familien weniger Kinder gab, nur 3 od. 4 und dass es wohl auch zu einem sozialen Abstieg kam. Die wirtschaftliche Existenz der Restfamilie war gefährdet.

Ob Frauen im Kindbett gestorben sind, lässt sich nicht so leicht feststellen. Bei drei Frauen fehlen die Todesdaten. Bei Elisabeth Ritschard (Empfängerin des Briefes aus dem Zweiten Villmergerkrieg) wäre ein Tod im Kindbett möglich. Sie verstarb mit 25 Jahren und hatte erst 1 Kind. Einige Vorfahren wurden über 70 und sogar über 80 Jahre alt.

Bei den Mühlemann Angehörigen und ihren Kindern tauchen immer die gleichen Vornamen auf. Bei den Knaben sind die häufigsten Vornamen: Christen und Christian (9) gefolgt von Hans/Johann (5), Peter (5) und Jakob (4). Bei den Mädchen sind es Anna (9), Elisabeth/Elsbeth (7), Gret/ Margaretha, Margaritha (5), Susanna (4).

6.3. Ulrich Mühlemann (1687-1763), das Leben eines Landesstatthalters

6.3.1. Das Dorf im 18. Jahrhundert

Das alte Dorf Bönigen kann man noch heute besichtigen. Der reichgeschmückte Häuserbestand des Dorfes ist einzigartig. Von 1549 an sind hier auf engem Raum aus jeder Bauperiode zahlreiche Gebäude ehemaliger zierfreudiger Zeiten erhalten… „Wer vom See herkommt, findet linkerhand der Hauptstrasse im sanft zum bewaldeten Berg ansteigenden Gelände das ursprüngliche Dorf. Dicht gedrängt steht hier Gebäude an Gebäude neben den engen Gassen, welche einst vom zentral gelegenen weiten Brunnenplatz strahlenartig in die Felder hinausführten.“ (12)
1764 hatte Bönigen 346 Einwohner, aber noch keine Schenkstätte. Schon seit mehr als 200 Jahren versuchten die Böniger zu einer Konzession für eine Pintenschenke zu gelangen. 1759 stellten sie ein Gesuch nach Bern: „Die demühtig-gehorsamsten Untertanen in der Gemeind Bönigen unterwinden sich in tiefster Ehrfurcht bei den gnädigen Herren um die Conzession eines Pintenschenk-Rechtes in ihrem grossen Dorf anzuhalten.“ Sie brachten drei Gründe vor: 1. Stärkungsmöglichkeit auf dem langen Kirchweg von Iseltwald nach Gsteig. 2. Zur Auffrischung und Erquickung der Arbeiter, die bei Überschwemmungen der Lütschine die Wehre und Schwellen instand stellen mussten. 3. Den alten und kranken Menschen aus den Bergen wäre gedient, wenn sie in Notfällen einen Trunk Wein zu Bönigen haben könnten.“ (13) Das Gesuch wurde abgelehnt. „1797 hatte der Hauptmann Michel, welcher zu den massgeblichen Kreisen der Hauptstadt enge Beziehungen pflegte und allgemein grosses Ansehen genoss, mehr Glück. Ihm wurde am November dieses Jahres die begehrte Konzession „um jährlich ein halbes Määs Haber“ ausgestellt. (14) Im „Housihuus“ betrieb Christian Michel die erste Gastwirtschaft in Bönigen.

Anhand der Bauernhäuser lässt sich feststellen, dass es bei den Mühlemann – Vorfahren (Chäneller) reiche, einflussreiche Amtsträger gab, aber auch arme Bergbauern. Ich werde im Folgenden das Leben von zwei Vorfahren beschreiben. Ihre wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse waren sehr unterschiedlich.

6.3.2. Das historische Haus von Ulrich Mühlemann von 1715

Wenn man in Bönigen auf einem Dorfrundgang die schönen historischen Bauernhäuser aus dem 17. oder 18. Jahrhundert betrachtet, stellt man fest, dass einige «Chäneller» Vorfahren, wie z.B. Ulrich Mühlemann (get. 6.2.1687 – gest. 15.12.1763) sehr begütert waren und sich ein stattliches Haus leisten konnten. Die Innschrift an der Frontseite seines Hauses lautet: „Durch Gottes Gnad, hillf und bystand diss Hauss hier aufgeBauen Hand Im 1715 JAR ULRICH MÜHLIMANN UND ANNA BURI. DIE war sein Ander Ehgemal. Gott segne sie fyn und alle die da gahn auss und yn. Alle Nachkömmling von Geschlecht zu Geschlecht..“ Das sogenannt „Chäneller Christi Huus“ liess Ulrich Mühlemann mit seiner zweiten Ehefrau Anna Buri 1715 erbauen. Es ist ein grosses Wohnhaus mit einem Pferdestall. An der Holzfassade hat es viele eingeschnittene und in verschiedenen Farben angelegte Schriftzeilen. Zum Teil verzierte Antiqua, zum Teil variierte Frakturformen. Die vorversetzten Balken werden von Konsolen gestützt, von welchen mehrere zu Fratzen ausgebildet sind. Die Inschrift auf der Seite Schulhausgasse lautet: „Wer bauet an die Strassen, muss sich von manchem tadlen lassen. Muss Hasser las hassen und Nyder lan nyden. Was Gott eim gibt und gönt, das wirt ihm dennoch bleiben.“ (15) Die Bezeichnung „Chäneller Christis Huus“ kommt daher, dass Ulrich „Chäneller Christis“ Sohn war.

Wer war dieser Ulrich oder Uli Mühlemann? Er wurde am 6.2.1687 in Gsteig getauft und war das 3. Kind von Christen Mühlemann (1650–1726) und der Anna Balmer. Sein Vater war Landessäckelmeister, ein begüterter Mann und ein angesehener Dorfbewohner. Über Ulrichs Kindheit und Jugendzeit ist nichts bekannt. Im Erwachsenenalter war er Offizier in der Bernischen Armee. Er machte später Karriere und hatte verschiedene öffentliche Ämter inne. Ulrich Mühlemann gehörte der ländlichen Oberschicht an.

6.3.3. Ein Liebesbrief von 1712

In einer Berner Privatsammlung fand man einen Brief von Ulrich Mühlemann, den er 1712 aus dem Zweiten Villmergerkrieg an seine erste Frau Elisabeth geb. Ritschard (1688 – 1713) geschrieben hat (16).

„Näben meinem 1000 fäldigen Gruss an Dich meine aller Härtz geliebtestest Wibli Elssbet Ritschhart und alle mit einander. Sagen Eüch härzlich (?) Danck wägen Eüer überschickten mitlen (Lebensmittel) mit diseren Männern. Jch hab verstanden in deim schreiben ehss näm dich wunder wie fill ich zum thag sold hab. So ist ehss zum thag 4. bz. Und ich manglen zimlich 8.bz. dan hier ist zimlich thür. Weder (übrigens) gält hab ich noch gnug. Sagen dier Danck für dein früntlichst anehrbieten dess Gältss halben.
Härtzigess Schatzeli. Hab nur kurtze Zeit und lasse den Mut nit sinken. Dan ehss get mier noch alle Zeit Gottlob gantz wohl. Der liebe Got wohle unss beide und alle mit einandren in gutter gesundheit ehrhalten. Und bät flisig für dich und mich so würts unss alle Zeit wohl gehen. Jch habe nit gwüsst wo du daheimen bist. Zu Underseen oder Benigen. So gehör ich wohl du blibst bey deinem Rächt. Ich wünschen nüt mer dann salat. Hier ist nit ein Studa und anderss schier nüt (?). Wann mier wend zu ässen kouffen so müsen wier gan Läntsburg. Witerss weiss ich nüt nöüss zu schriben. Dann du seigest nochmalen früntlich gegrüsst mit samtb dem folch und der Obhut Gottes wohl befohlen.
d.18.ten Mey 1712 Ulli Mühlimann.»

Diese Zeilen verfasste Ulrich Mühlemann während des Zweiten Villmergerkrieges 1712 als Angehöriger des Regiments Oberland aus dem Feldlager der Berner in der Nähe von Lenzburg, kurz vor der entscheidenden Schlacht bei Villmergen. Gerichtet ist der Brief an seine junge Ehefrau, Elisabeth Ritchard (1688-1713) von Aarmühle, frühere Bezeichnung für Interlaken. Elsbeth war damals mit ihrem ersten Kind schwanger. Am 29.05.1712 kam der Sohn Christen (Christian) auf die Welt (1712- 1789), also noch während des Krieges. Der zärtliche Ton im Brief: „1000 fäldigen Gruss an Dich meine aller Härtz geliebtestes Wibli, Elssbet Ritschhart»…. «Härtzigess Schatzeli“ lässt darauf schliessen, dass es sich bei Ulrich und Elsbeth um eine Liebesheirat gehandelt hat. Geheiratet hatten sie am 5. Feb. 1711 in Unterseen.

Es ist interessant, dass Ulrich in seinem Brief die Schwangerschaft und die bevorstehende Niederkunft seiner Frau nicht anspricht. Er weiss auch nicht genau, wohin er seine Brief senden soll: nach „Underseen“ oder „Benigen“. Vermutlich ist die junge Frau für die bevorstehende Geburt zu ihren Verwandten nach Unterseen gegangen. Der Brief gibt über das Private hinaus auch noch Einblick ins Soldatenleben. Ulrich beklagt sich darüber, dass er täglich nur 4 Batzen Sold erhält; eigentlich würde er 8 Batzen benötigen. Offensichtlich mussten die Soldaten und Offiziere auf eigene Kosten Lebensmittel kaufen. Im alten Staate Bern waren die Gemeinden verpflichtet, eine Kriegssteuer zu entrichten, das sogenannte Reisgeld. Es musste soviel Reisgeld zusammengelegt werden, dass es für die Besoldung und Verköstigung der Auszugspflichtigen für 3 Monate ausreichte. Das Geld, 18 Kronen pro Mann, wurde in einem Sack nach Bezirk gesondert in den Amtshäusern aufbewahrt, damit es im Kriegsfall sofort bereit lag. (17) Von diesem Geld wurde der Sold ausbezahlt und die Soldaten verköstigt. Nach dem Villmerger Krieg von 1712 übernahm die bernische Obrigkeit die Besoldung aller Regimenter. (18) Die Verpflegung im Feldlager bestand für die Soldaten aus einer Art Grütze bestehend meist aus in Butter geröstetem Hafermehl, dazu gab es manchmal getrocknetes Fleisch. Brot wurde in Feldbäckereien gebacken. (19) Ulrich Mühlemann war sich offensichtlich an besseres, gesünderes Essen gewöhnt, ihn verlangte nach Salat; aber der war nicht aufzutreiben. Salat wurde schon im 16. Jahrhundert oder sogar noch früher mit Öl, Essig und Salz gegessen. „Kraut mit salz besprengt, das man in Italien noch monestier heisst, wir heissend es salat.“ Es gab Kopf-(Häuptli-), Lattich-, Nüssler-, Wiesenblumen-, Löwenzahn-, Spinat-, Federkohlsalat etc. (20)

Die zivile Bevölkerung ernährte sich auf dem Land im Alltag sehr einfach, in der Regel von Getreidebrei, Kohlsuppe und Hülsenfrüchten. Fleisch gab es nur selten. Die Tafeln der Patrizier und der reichen Oberschicht war schon damals reich gedeckt: Da gab es unter anderem Pasteten, Geflügel, Lachse, Aprikosen, Quitten, süsses Gebäck, Waffeln, Blätterteigkrapfen, Züpfen, Käse, Wild, Nüsse Gurken, Salate, Spargeln…Flusskrebse, Singvögel, …Zitronen, Melonen, Oliven etc. (21)

6.3.4. Der Zweite Villmergerkrieg, 1712

Der Zweite Villmergerkrieg (1712) auch Toggenburgerkrieg oder Zwölferkrieg genannt, war ein militärischer Konflikt zwischen den reformierten Orten Zürich, Bern, Genf und Neuenburg einerseits und den katholischen Orten Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Wallis und dem Fürstabt von St. Gallen andererseits. Im Verlauf des Konflikts, der als überkonfessioneller Untertanenaufstand der Toggenburger gegen ihren Landesherrn begann, vermengten sich Rivalitäten um die Hegemonie in der Eidgenossenschaft, konfessionelle Spannungen und aussenpolitische Fragen. Der Krieg endete mit der Niederlage der Katholiken und dem am 11.8. 1712 in Aarau abgeschlossenem 4. Landfrieden. (22)

Ulrich Mühlemann wurde vermutlich mit den andern Bernern in der zweiten Hälfte des Monats April 1712 eingezogen. Am 26.4. 1712 überquerten Berner Truppen bei Stilli die Aare und schlossen sich mit den Zürchern zusammen. Die reformierten Streitkräfte besetzten den Thurgau. Am 21. Mai rückten Zürcher und Berner von Dietikon gegen Mellingen vor, gleichzeitig marschierten 7000 Berner von Lenzburg aus nach Mellingen und besetzten es am 22. Mai. Ich vermute, dass Ulrich Mühlemann einer von diesen 7000 war. In einem Gefecht bei Bremgarten (AG) am 26. Mai der sogenannten Staudenschlacht, siegten die reformierten Streitkräfte. Baden und die Freien Ämter waren nun in der Hand Zürichs und Berns. Ein erster Friedensschluss wurde von den katholischen Truppen nicht eingehalten. Nach einer langwierigen zermürbenden Zeit mit militärischen Geplänkeln und erfolglosen Verhandlungen kam es am 25. Juli zum entscheidenden Treffen der Innerschweizer und Berner Truppen bei Villmergen, der mit dem Sieg der besser ausgerüsteten und ausgebildeten Bernern endete. Die Schlacht forderte über 3000 Tote und 500 Verwundete bei den Katholiken. Die Berner hatten 200 Tote und 400 Verwundete zu beklagen. Der 4. Landfriede (von Aarau) war ein Machtfrieden der Berner und Zürcher. Er beendete, die seit 1531 bestehende Vorherrschaft der katholischen Orte. An der Tagsatzung und in der Besetzung der Landvogteistellen in den gemeinen Herrschaften galt nun konfessionelle Parität. Baden und die unteren Freien Ämter kamen unter die alleinige Herrschaft von Zürich, Bern und Glarus, um die strategisch wichtige Achse zwischen den beiden mächtigsten Orten zu sichern. (23)

Die Moral der Berner Soldaten und Offiziere war in der beinahe zweimonatigen „Wartezeit“ (zwischen dem 26. Mai und dem 25. Juli) immer schlechter geworden. „Der Sommer von 1712 hatte sehr unfreundliches und regnerisches Wetter, dessen Unbill die Mannschaft um so mehr ausgesetzt wurde, als die Administration….nicht gehörige Sorge für die Bequemlichkeit der Soldaten trug. Es fehlte bis gegen Ende des Juni noch für die halbe Armee an Zelten und andern Feldbedürfnissen.“ (24) Die Soldaten verlangten Beurlaubung für dringende Geschäfte, z.B. um Feldarbeiten zu Hause zu verrichten. Ich stelle mir vor, dass auch Ulrich Mühlemann ein Beurlaubungsgesuch gestellt hat: Er wünschte sicher dringend, seine junge Frau und den neugeborenen Sohn zu sehen. Dass der Krieg so lange gedauert hat, war unter anderem eine Folge der unschlüssigen Haltung der Berner Regierung, der schlechten Ausrüstung der Zürcher und, dass die Führung der Berner Streitmacht in der Hand von vier burgerlichen Generälen und einem Oberbefehlshaber aus der Waadt lag. Die Berner Generäle waren sich oft nicht einig und verfolgten nicht eine vorausschauende konsequente Strategie. Es waren: Johann Rudolf Manuel (1669-1715), Niklaus von Diesbach (1645-1721), Niklaus Tscharner (1650-1737) und Johann Samuel Frisching (1638-1721). Man kann im Historischen Museum Bern die vier Generäle auf goldgerahmten Ölgemälde betrachten und das Bild von Jean de Sacconay. Sacconay, ein Waadtländer war zusammen mit Niklaus von Diesbach Oberbefehlshaber des Berner Heers. (25) Möglicherweise hatten die Bernburger Generäle Mühe, sich Sacconay einem Oberbefehlshaber aus dem Untertanengebiet Waadt unterzuordnen und vielleicht war dies ein Grund, dass das Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Befehlshabern bei den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Mai und dem 25. Juli 1712 nicht so gut funktioniert hatte.

Ulrich Mühlemann war 1715 laut Kirchenbuch Lieutenant. Welchen Rang hatte er im Villmergerkrieg 1712? Was trug er für eine Uniform? War er schon Offizier oder noch Unteroffizier? War er vielleicht Fähnrich? Dies war der unterste Offiziers-Dienstgrad. Nach einer Wappenscheibe (Historisches Museum Bern) trägt ein Fähnrich der Landschaft Interlaken 1714 eine graue Kasake mit roten Aufschlägen, roten Strümpfen und den breitrandigen schwarzen Hut. Es ist die älteste bisher bekannte Darstellung der ersten bernischen Uniform. (26) Es wäre denkbar, dass Ulrich Mühlemann eine solche Uniform getragen hat.

6.3.5. 3 Frauen und 11 Kinder

Ulrich Mühlemann war dreimal verheiratet. Im Ganzen hatte er 11 Kinder. Seine geliebte erste Frau, Elsbeth Ritschard starb im Jahr nach dem Zweiten Villmergerkrieg, am 3. Juni 1713. Verstarb sie im Kindbett, an einem Unfall oder an einer Infektionskrankheit? Der Eintrag im Totenrodel gibt keine Auskunft. Neben Christen sind keine weiteren Kinder aus der ersten Ehe bekannt. In zweiter Ehe vermählte sich Ulrich Mühlemann, Lieutenant von Bönigen am 12. Dez. 1715 mit Anna Buri von Ringgenberg. So wie ich den Eintrag unter den Heiratsdaten verstehe (cum Magna Solennite et Greqtia plusque 200. – psonarum) hat das Paar zur Feier der Vermählung 200.- (Dukaten, oder Louis d`or= die häufigsten Zahlungsmittel im 18. Jahrhundert) für den Almosenfond gespendet. Die Hochzeit fand in der Kirche Gsteig statt. Es sollen 200 Gäste eingeladen gewesen sein. Im selben Jahr 1715 liessen Ulrich und Anna Burri das repräsentative „Chäneller Christi Huus“ erbauen, wie die Inschrift bezeugt: „Durch Gottes Gnad, hilff und bystand diss Hauss hier aufgeBauet Hand im 1715 Jar Ulrich Mühlimann und Anna Buri. Die war sein Ander Ehgemal. Gott segne sie fyn und alle die da gahn auss und yn. Alle Nachkömmling von Geschlecht zu Geschlecht…“ Anna Buri ist die „Stamm-Mutter“ unserer Vorfahren. Ulrich und Anna hatten zusammen 4 überlebende Kinder: Margaret get. 21.3.1717; Ulrich get. 1.7.1718; Hans get. 1722 und Peter 16.12.1731. Neben dem schönen Haus deutet ein herrschaftlicher Schrank von 1735 daraufhin, dass es sich um eine sehr wohlhabende Familie gehandelt haben muss. Man kann den grossen 2-türigen Barock-Schrank mit den in 4 Kassetten eingelegten Intarsien noch heute im Museum in der „Alten Pinte“ Bönigen besichtigen. Vermutlich wurde der Schrank zum 20-jährigen Hochzeitstag von Ulrich und Anna von einem Kunstschreiner hergestellt. Die Inschrift am Schrank lautet:„Ullrich Mülimann und Anna Buri sein HF im 1735 jar.“ Ulrich war seit 1718 Siechenvogt und seit 1731 Landesvenner. Er war eine angesehene Persönlichkeit im Dorf. Das lässt sich daraus schliessen, dass der Landesvenner Ullrich Mühlemann im Taufrodel oft als Pate von Kindern aufgeführt wird. Am 17. Sept.1738 verstarb Anna Burri. Am 12.11.1739 erfolgte die dritte Heirat mit Elsbeth Seiler von Bönigen. Ulrich war damals Landesvenner. Aus dieser dritten Ehe stammten 6 Kinder: Elsbeth, Anna, Jakob, Susanna, Barbara, Mathäus. Ulrich Mühlemann wurde ca.1751 Landesstatthalter. Am 15. Dez.1763 starb Ulrich im Alter von 76 Jahren.

6.3.6. Landesstatthalter als Höhepunkt der Karriere

Bönigen gehörte zur Landvogtei Interlaken. Der Landvogteisitz befand sich in der ehemaligen Augustiner-Chorherren-Propstei Interlaken. Nach der Reformation 1528 war das Kloster und die ihm zugehörigen Güter an Bern übergeben worden. Ein Teil der Probsteigebäude wurde als Amtssitz der Vogteiverwaltung benutzt; in einem anderen Teil wurde 1532 ein Spital eingerichtet. In diesem wurden unverschuldet in Armut geratene Personen versorgt. Der Chor der Kirche wurde in ein Kornhaus und in einen Weinkeller umgebaut. Von 1746-1750 wurde der Westflügel abgebrochen und unter Landvogt Samuel Tillier das Neue Schloss errichtet. (27) Ulrich Mühlemann hat diesen Umbau miterlebt und dort als Landesstatthalter seinen Amtssitz gehabt. Auch sein ältester Sohn Christen Mühlemann (1712-1799), der Verwaltungsbeamter war, gehörte später zum Mitarbeiterstab des Landvogts.

Schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts verfügte die Stadt Bern über ein Untertanengebiet von gut 9000 Quadratkilometern Das gesamte Untertanengebiet war in über 80 Verwaltungseinheiten aufgeteilt: 50 Landvogteien, daneben Schultheissenämter, Tschachtlaneien, Baillages, aber auch private Twing-und Freiherrschaften. Im Oberland gab es 9 Landvogteien. Interlaken war eine davon. Der Landvogt vertrat die Obrigkeit in seinem Sprengel, indem er die Naturalabgaben und event. Steuern einzog, militärische Aufgebote organisierte und Recht sprach. Vögte verfügten über die niedere und die hohe Gerichtsbarkeit. Bei Blutsgerichtfällen wurde in der Regel der Kleine Rat aus Bern beigezogen. Die Landvögte hatten eine Residenzpflicht und mussten den Amtssitz unterhalten und verteidigen. Sie stammten aus den regimentsfähigen Patriziergeschlechtern von Bern. Der Landvogt stand höchstens 6 Jahre einer Verwaltungseinheit vor. Das Verwaltungspersonal stammte fast ausschliesslich aus der lokalen Bevölkerung. (28)

Ulrich Mühlemann war ab 1718 Siechenvogt. Er war der Verantwortliche für das Spital. Dieses befand sich in einem Teil des Propsteigebäudes von Interlaken. Dort wurden unverschuldet in Armut geratene Personen versorgt und gepflegt.(29). Der nächste Schritt in seiner Karriere war ab 1731 das Amt des Landesvenners. Der Landesvenner hatte die Aufsicht über das Wehrwesen. Neben der militärischen Führung des Auszugs hatte der Venner an vielen Orten auch Polizei-und Verwaltungsfunktionen. Es war eines der höchsten Ämter der Staatsverwaltung.(30) Als Krönung der Laufbahn wurde Ulrich Mühlemann ca. 1751 Landesstatthalter. Er war der höchste, nicht – patrizische Beamte der Landvogtei Interlaken und Stellvertreter des Landvogts. Ich gehe davon aus, dass Ulrich Mühlemann von der Landsgemeinde gewählt oder zumindest vorgeschlagen wurde, denn im Oberland genossen die Landschaften Eigenleben und Eigenorganisationen. Sie hatte oft gesetzgeberische und administrative Befugnisse und wählte die Landschaftsvorsteher: Landesstatthalter, Landesvenner, Landessäckelmeister und Landschreiber, die sich mit dem Landvogt in die Erfüllung der Verwaltungszwecke teilten. (31) In seiner Funktion als Landesstatthalter war Ulrich Mühlemann Mittler zwischen der Dorfbevölkerung und der Obrigkeit.

Ulrich Mühlemann gehörte bezüglich Einkommen, Vermögen, Macht, Ansehen und Ämtern zu der ländlichen Oberschicht. Er besass seit 1712 Siegel und Wappen. Wie der Spruch an seinem Haus ausdrückt, hatte er ein gutes Selbstvertrauen und war sich seiner bevorzugten Stellung bewusst: „Wer bauet an die Strassen, muss sich von manchem tadlen lassen. Muss Hasser las hassen und Nyder lan nyden. Was Gott eim gibt und gönnt, das wirt ihm dennoch bleiben:“ Dieser Spruch ist zwar nicht nur an seinem Haus zu finden, sondern er steht auch an andern stattlichen Bauernhäusern. Die Inschrift drückt aus, dass sich der Erbauer nur Gott gegenüber verantwortlich fühlt und er sich nicht um die Meinung der andern Menschen kümmert.

Der älteste Sohn Christen (1712-1789) aus der ersten Ehe mit Elsbeth Ritschard stammend, scheint in Vaters Fussstapfen getreten zu sein. Er hatte auch verschiedene öffentliche Ämter inne. Er war Landesseckelmeister, Landschreiber; Landesstatthalter. Christen (Christian) war mit Anna Sterchi verheiratet. Auf dem historischen Häuserweg in Bönigen steht ein Käsespeicher „Christi`s Spycher“, den Christen 1746 bauen liess. Der Speicher wird heute noch benützt. Er ist doppeltürig. Im Giebel hat es eine Inschrift und Friesschnitzereien. Die Inschrift lautet: „MIR CHRISTEN MÜHLIMANN ALLS DER ZEIT LANDSECKELMEISTER WIE AUCH ANNA STERCHI SEIN HAUSFRAU DISEN Speicher Bauen Har im 1746, Jahr..“ (32)

Von meinem direkten Vorfahren Peter, 5. Kind, aus der Ehe von Ulrich Mühlemann mit Anna Buri stammend, get. 16. Dez. 1731 ist wenig bekannt. Er war mit Barbara Seiler von Bönigen verheiratet. Die Heirat erfolgte am 4. Aug. 1757. Sie hatten 4 Kinder: Anna (1756 – ?) Margret; Elsbeth und Peter (1764-1838). Ihr Vater Peter Mühlemann (5. Generation) starb am 5. Juni 1766. Er war damals 35 Jahre alt. Er hinterliess eine Frau mit 4 unmündigen Kindern. Der Jüngste war 2 Jahre alt. Es gab damals keine Witwen- und Waisenrente. Wie kam die junge 29-jährige Witfrau wirtschaftlich über die Runden? Wurde sie von ihren reichen Verwandten unterstützt? Ihr Schwager Christen Mühlemann war Landessäckelmeister, Landschreiber und Landesstatthalter. Der frühe Tod des Ehemanns und des Ernährers der Kinder war für Barbara Mühlemann-Seiler ein Armutsrisiko und bedeutete vermutlich einen sozialen Abstieg. Sie hat nicht ein zweites Mal geheiratet. Am 24. Mai ist sie als Witwe mit 51 Jahren gestorben. Es wäre denkbar, dass die Witwe und ihre Kinder, falls sie unter Armut litten, von der Gemeinde mit Mehl und Brot unterstützt wurden. „Von alters her war die Obrigkeit dafür besorgt, dass auch die ärmsten Dorfgenossen zu ihrem Brot und zu Mehl kamen. Die Verteilung von diesem sogenannten „Spendmehl“ und „Spendbrot“ besorgten die Kirchgemeinden auf Vorschlag der örtlichen Vorgesetzten.“ (33) Ich gehe davon aus, dass Barbara Mühlemann-Seiler den Burgernutzen hatte und z.B. Holz gratis erhielt.

Der Sohn (6. Generation) von Barbara Mühlemann-Seiler, Peter Mühlemann (1764-1838) lebte am «Chänel». «Das Wasser für den Dorfbrunnen auf dem Dorfplatz wurde in einem Chänel (offene Wasserleitung) vom Houetenbach heruntergeleitet. Weil im Fäld (Schuttkegel) oberhalb des Dorfes keine Quelle ist, musste das Wasser weit oben im Rootmoos vom Houetenbach gefasst werden. Der Unterhalt des Chänels war sicher eine Gemeindeaufgabe, zu vergleichen mit den Bissen im Wallis.» (34) Ob Peter Mühlemann nur am Chänel wohnte, oder ob er beim Unterhalt mitwirkte, oder event. sogar Chänel herstellte, konnte ich bis jetzt nicht herausfinden. Die Nachkommen von Peter z.B. Jakob Mühlemann (1801-1884) hiessen «Chäneller».

6.4. Christian Mühlemann (1868-1944) Fuhrmann und Elisabeth geb. Zürcher (1867-1947) Kleinbauernfamilie

6.4.1. Das kleine Bauernhaus mit 2 Wohnteilen

Das Haus meiner Urgrosseltern steht heute noch in Bönigen. Es ist ein kleines Bauernhaus mit zwei Wohnteilen, wovon nur ein Teil der Familie gehörte. Die zwei Häuser der Vorfahren Ulrich (18. Jh.) und Christian Mühlemann (19./20. Jh.) könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie sagen viel aus über die ökonomischen Verhältnisse und die soziale Stellung ihrer Bewohner. Dort das stattliche Haus des Landesstatthalters, hier das einfache Haus einer Bergbauernfamilie. Das Ehepaar Christian Mühlemann und Elisabeth Zürcher lebten mit ihren 7 Kindern in sehr einfachen Verhältnissen auf engem Raum.

6.4.2. Fuhrmann und Bergbauer

Christian, geb. 16. Dez. 1868, war der Sohn von Christen Mühlemann und der Susanna Seiler von Bönigen. Als sein Vater mit 38 Jahren 1872 starb, war der kleine Christian gerade 4 Jahre alt. Er hatte nur eine um 1 Jahr ältere Schwester. Ein älterer Bruder, der auch Christian geheissen hatte, war als Bébé verstorben und ein jüngerer Bruder starb kurz nach der Geburt ungetauft. Die Mutter war 30 Jahre alt, als sie Witfrau wurde. Wie schon früher erwähnt, war der frühe Tod des Hausvaters ein Armutsrisiko und führte in den meisten Fällen zum sozialen Abstieg. Susanna Mühlemann geborene Seiler musste um das wirtschaftliche Überleben ihrer kleinen Familie kämpfen. Vielleicht konnte sie in einem der entstehenden Hotels am See ein Auskommen als Zimmermädchen oder als Kellnerin finden. Dies wäre denkbar, denn die Familien Michel, Mühlemann, Seiler und Urfer (Böniger Burgerfamilien) waren sowohl in Bönigen, als auch in Aarmühle, dem späteren Interlaken als Hotelgründer und Gewerbetreibende tätig. „Hatten sie seit der Reformation die wichtigsten Ämter in der Verwaltung in der Landschaft Interlaken innegehabt, gehörten sie nun im 19. Jahrhundert zu den führenden Tourismus- und Verkehrspionieren im Berner Oberland.“ (35)

Der erste bekannte Hotelprospekt stammt von 1850 und zeigt das Hotel „Bönigen“. Zum umfangreichen Besitz gehörte ein Seebad, eine Kegelbahn und ein Schiffscherm mit zahlreichen Booten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden in Bönigen weitere Pensionen und Hotels gebaut: u.a. die Pension „Urfer“ erbaut zwischen 1830 und 1840; eine Fremdenpension „Chalet du Lac“ 1857; Hotel „Bel Air“. Falls die Mutter, Susanna Mühlemann-Seiler, wirklich ausser Haus gearbeitet hat, mussten die zwei Kinder schon früh mithelfen. Ich vermute, dass die Familie eine Landwirtschaft zur Selbstversorgung betrieb. Mir ist nicht bekannt, dass die Kinder verdingt wurden, wie es in ähnlichen Fällen bei prekären finanziellen Verhältnissen oft der Fall war.

Christian, der Sohn von Susanna Mühlemann-Seiler, heiratete ca. 1896 Elisabeth Zürcher von Frutigen. Das genaue Heiratsdatum ist nicht bekannt. Sie hatten zusammen 7 Kinder: 5 Knaben und 2 Mädchen, wobei die dritten in der Reihenfolge Maria und Alfred Zwillinge waren. Mein Grossvater Hans (Taufname: Johann) Mühlemann (24.12.1897 – 9.6.1978) war das zweitälteste Kind. Sein älterer Bruder Fritz (Friedrich) starb mit 20 Jahren am 29. Dezember 1916 bei einem Arbeitsunfall in Schaffhausen. Im Schaffhauser Intelligenzblatt vom 30. Dezember 1916 findet sich eine Notiz unter der Rubrik Aus Stadt und Land: „Ein Unglücksfall, wie man uns mitteilt, ist gestern abend in der Kleingiesserei im Werk III der Eisen- und Stahlwerke vormals Georg Fischer ein Brand ausgebrochen, verursacht dadurch, dass Teeröl beim Transport verschüttet wurde und Feuer fing. Der Brandschaden an und für sich ist nicht von Bedeutung und die in dem betreffenden Shed arbeitenden Leute werden während der durch die Reparaturarbeiten benötigten kurzen Spanne Zeit anderweitig beschäftigt werden. Dagegen ist sehr bedauerlicherweise dem Brande ein Menschenleben zum Opfer gefallen. Der betreffende Arbeiter hatte an dem in der Nähe des Daches im Innern angebrachten Oelgefäss zu tun und stürzte – wohl infolge des Schreckens – mit der Leiter um, wobei er sich einen Schädelbruch zuzog. Das Opfer ist ein 20- jähriger, aus dem Kanton Bern stammender junger Mann.“ (36)

Christian hat als Fuhrmann bei der Eisen-und Kohlen AG gearbeitet. Er brachte mit Ross und Wagen Kohle in die Hotels von Interlaken und Umgebung und in Privathaushalte. Im Militär war er Dragoner. (38) Die Urgrossmutter war Hausfrau und Bäuerin. Die Familie hat eine Kuh oder vielleicht zwei gehabt und einen Garten zur Selbstversorgung. Weideland für die Kuh/ die Kühe hatten sie auf dem Bühl, dem Moos und dem Rüti. Wie schon erwähnt, waren die Platzverhältnisse sehr eng. Die grosse Familie hat nur einen Hausteil bewohnt: unten war eine dunkle Küche und ein kleines Stübli, oben 2 Gaden zum Schlafen. Eine Zeitlang soll noch ein alleinstehender Mann zur Untermiete in einem der Gaden gewohnt haben. Als die Platzverhältnisse schliesslich beim Heranwachsen der Kinder doch zu eng wurden,hat der Urgrossvater diesem Mann gekündigt, so erzählt man, und zwar kurz und bündig. Er schrieb auf einen Zettel: „Du kannst gehen.“ (37) Tatsache ist, dass die Familie in einem sehr bescheidenen Hausteil unter prekären Platzverhältnissen gelebt hat.

6.4.3. Erinnerungen meiner Mutter an ihre Grosseltern

Meine Mutter hat ihre Ferien oft bei ihren Grosseltern in Bönigen verbracht. Sie hat mir Folgendes über deren Leben erzählt:
„Die Grosseltern waren einfache Leute. Der Grossvater hat als Arbeiter auswärts gearbeitet und war im Nebenerwerb Kleinbauer. Zur Selbstversorgung hatten die Grosseltern ein „Chueli“. Zum Essen hat es Kartoffeln und Gemüse aus dem eigenen Garten gegeben und sonntags Speck oder etwas Geräuchertes dazu. Täglich hat die Grossmutter in der Bibel gelesen. Zu diesem Zweck hat sie mit einer Stricknadel seitlich in die Bibel gestochen und dann den Text an der entsprechenden Stelle laut gelesen. Die Grossmutter genoss im Dorf grosses Ansehen. Sie ist oft gerufen worden, wenn es darum gegangen ist, Kranke zu pflegen, Tote zu waschen oder bei Geburten beizustehen. Sie war kräuterkundig aber auch etwas abergläubisch: Z.B. hat sie daran geglaubt, dass die Tiere in der Weihnachtsnacht sprechen können. Deshalb hat Bäri, der Hund am Weihnachtsabend eine doppelte Portion zum Fressen bekommen. Der Grossvater war friedliebend und gutmütig und hat zu Hause alles Geld abgegeben, das er verdient hat. Er kam je weilen am Wochenende mit einem im Taschentuch eingeknüpften Fünfliber nach Hause. Den hat er dann herausgeklaubt und der Grossmutter als Haushaltgeld gegeben. Am Sonntag ist der Grossvater mit mir nach Gsteig in die Kirche zum Gottesdienst gegangen. (In Bönigen stand damals noch keine Kirche.) Der Grossvater, ein grosser Mann hat lange Schritte gemacht; ich musste die ganze Zeit rennen, um mit zukommen. Die Kirchenglocken sind schon verklungen, wenn wir endlich in der Kirche angelangt sind. Der Grossvater hat dann sich und seine langen Beine in eine Kirchenbank gezwängt, den Hut vor das Gesicht gehalten und ist sofort eingeschlafen. Wenn später beim Mittagessen die Grossmutter gefragt hat, über welche Bibelstelle der Pfarrer gepredigt habe, dann hat der Grossvater keine Antwort geben können. In der Stube hing ein Guggerzytli. Der Grossvater träumte ein Leben lang von einem“ Müli“ (Maultier). Schliesslich hat er einmal ein Maultier nach Hause gebracht. Er ist aber übers Ohr gehauen worden. Das „Müli“ hat gebissen, so dass er es wieder hat weggeben müssen. Ein Leben lang ist die Grossmutter nicht über den tragischen Tod von ihrem ältesten Sohn Fritz (1896-1916) hinweg gekommen. Sie hat des Nachts die Türe nie abgeschlossen, damit Fritz nach Hause kommen könne. Sie war davon überzeugt, dass er eines Tages heim kommen werde….»Einmal habe ich mich im Dorf verirrt und den Weg zum grosselterlichen Haus nicht mehr gefunden. Ich habe angefangen zu weinen. Da hat eine Frau zu einem Fenster hinausgeschaut und gefragt, wie ich heisse und zu wem ich gehöre. Ich habe aber in der Aufregung den Nachnamen der Grosseltern nicht mehr gewusst. Schliesslich habe ich gesagt: “Me seit ne, gloub i, Chänelers.“ Die Frau hat sehr gelacht, hat mir aber dann den Weg zeigen können…. «

6.4.4. Bönigen wird ein Fremdenkurort

Zu Urgrossvaters Zeiten war Bönigen verkehrstechnisch schon gut erschlossen: Das erste Dampfschiff auf dem Brienzersee fuhr 1839; 1859 entstand die Eisenbahnlinie von Bern nach Thun; 1861 wurde die Fortsetzung Thun – Scherzligen realisiert; 1872 entstand die Bödelibahn von Därligen nach Interlaken; 1874 wurde die Strecke von Interlaken nach Bönigen verlängert; 1888 wurde die Brünigbahn Brienz – Luzern eingeweiht und 1890 die BOB Interlaken – Grindelwald/ Lauterbrunnen. (38)

Diese gute Verkehrsanbindung begünstigte das Aufkommen des Tourismus. Um 1900 war Bönigen ein Bauerndorf und ein Fremdenkurort zugleich. Die Begeisterung der reichen Städter aus dem In- und Ausland für die Berge und die Natur war seit Beginn des 19. Jahrhunderts unter dem Einfluss von Rousseau («zurück zur Natur») und von Albrecht von Haller (Gedicht «die Alpen») gewachsen. Einen schwärmerischen Bericht über die Schönheit des Hirtendorfes Bönigen gibt ein Sigmund Wagner 1805: „Hat Arkadien je die Wirklichkeit gehabt, die ihm die Dichter gegeben haben, so müssen seine Hirten-Dörfer ausgesehen haben wie Bönigen. In einem Hain von Obstbäumen, durch dessen reinlichen feingrasigen Boden ein heller Bach in manchen Krümmungen sich windet, stehen hundert ländliche Hütten, jede mit einem Garten umgeben, wo Blumen ihre balsamischen Düfte aushauchen. Bey vielen stehen laufende Brunnen, die durch ihr Geräusch ein sanftes Murmeln verursachen und Kühlung verbreiten. Schön gebildete Menschen wandeln in diesem Hain ihren Geschäften nach, besorgen ihre Gärten oder arbeiten sonst vor ihren Wohnungen. Muntere Kinder spielen im Grase und jagen sich durch den Labyrinth der früchteschweren Bäume.“ (39).

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts waren in Bönigen verschiedene Hotels am See entstanden. Lange Zeit war Bönigen als Fremdenort bedeutender als Interlaken, das früher Aarmühle hiess. Der Kurarzt von Bönigen preist um 1900 die Vorzüge des Luftkurorts Bönigen: „Interlaken und Bönigen sind einen Rock wärmer als in Thun und zwei Röcke wärmer als in Bern. Selbst im Hochsommer herrscht aber eine gemässigte Temperatur wegen den Seen und den morgendlichen und abendlichen Luftströmungen.» (40) Als Kurmittel wurden vom Kurarzt die frische kräftige Alpenluft; die ruhige staubfreie Lage; die unverfälschte Kuh-und Ziegenmilch; sowie die kräftigende Wirkung von Bädern im See oder in der Wanne angepriesen. Auch für Unterhaltung für die Gäste war gesorgt.

Es bestand sicher ein Spannungsfeld zwischen dem einfachem bäuerlichen Leben und dem Luxusleben der reichen Städter. Ich gehe davon aus, dass die Vorteile des Tourismus überwogen haben und auch die einfachen Bauersleute davon profitieren konnten. Die Einwohnerzahl in Bönigen war sprunghaft angestiegen. Von 1776 (346 E.) bis 1880 (1519 E.) hatte sie sich mehr als vervierfacht. (41) Die neuen Arbeitsplätze im Tourismusbereich waren sehr willkommen. Auch Kinder konnten einen Batzen dazuverdienen. Aus Erzählungen ist mir bekannt, dass der Grossvater als Kind mit seinen Geschwistern in den langen Sommerferien in den Wäldern Beeren gepflückt und diese dann in den Hotels verkauft hat. Das verdiente Geld mussten sie in die Familienkasse legen. Ganz gewiss mussten die Kinder auch sonst im Stall und auf dem Feld tüchtig zupacken. Ihr Vater ging ja tagsüber auswärts zur Arbeit und konnte nicht alle Arbeiten am Abend erledigen.

6.4.5. Ein Brand im Bauerndorf um 1947

Trotz Tourismus- und Fremdenkurort war Bönigen auch noch im 20. Jahrhundert ein Bauerndorf. Eine Feuersbrunst in den Gassen mit den Holzhäusern im Dorfkern war gefährlich. In einem undatierten Brief hat meine Grossmutter (Luise Mühlemann-Schlumpf) eine Feuersbrunst geschildert, die tagsüber ausgebrochen war:

„Ich war beim Metzger…..als ich plötzlich ein Horn hörte…. Wir sprangen auf die Strasse, worauf ich sofort dicken schwarzen Rauch im Oberdorf gewahrte, so dass ich im ersten Moment meinte, es sei bei der Grossmutter und ich habe es angerichtet, da ich das Mittagessen auf dem Ofen hatte. In allem Galopp sprang ich die Gasse hinauf und bei Zimmermanns sah ich, dass es nach dem grossen Haus wo der grosse Brunnen ist direkt neben Kaufmanns lichterloh brannte und dazu ein starker Wind das Feuer Richtung Grossmutters Haus trieb. Ich sprang in’s Haus, zum Glück war Papa in der Stube und wollte soeben beim Fenster sehen, wo es brenne. Er ging sofort auf den Brandplatz, um zu sehen, ob es gefährlich werde. Die Hebamme kam mit einem Arm voll Kleider gerannt und sagte, es brennen schon 3 Gebäude. Da warf ich unsere Sachen, wie ich sie gerade fand in den Koffer, stellte es beim Brunnen im Scherm an den Boden, sprang wieder hinein, sagte der Grossmutter, ich müsse sie ankleiden. Die Arme war ausserstande das Geringste zu tun. Ich musste sie wie ein kleines Kind anziehn, auf den Beinen endlich fiel sie mir auf den Liegestuhl. Ich fragte sie nach den Wertsachen, packte alles in eine grosse Tasche, die ich im Schrank fand, und wollte die Grossmutter auf dem Arm in die Matte ob dem Hause tragen. Ging, als ich Vater Zimmermann durch das Strässchen kommen sah zu ihm und er konnte mir gottlob sagen, dass wahrscheinlich weitere Gebäude nicht mehr gefährdet seien. Die Motorspritze vom Flugplatz wurde dem Feuer dann Meister. Eine kranke Frau aus einem angrenzenden Haus hatte sie im Hemd hinausgetragen. Eine andere hatte einen Nervenzusammenbruch, konnte kein Wort mehr sagen, zitterte am ganzen Körper, mussten sie in’s Spital überführen. Es ist die Mutter von dem 6jährigen Knaben, der angeblich das Feuer verursacht hatte. Wenn es dann schlimmer gekommen wäre, hätte ich die Obermatratze und Kissen für die arme Grossmutter auch in die Matte getragen….“ (42)

Christian verstarb am 19. Mai 1944 im Alter von 76 Jahren. Seine Frau Elisabeth wurde 80 Jahre alt und starb am 17. Juni 1947.
Die Urgrosseltern führten ein sehr bescheidenes, arbeitsames Leben. Am Schluss haben sie ihren sechs überlebenden Kindern ca. Fr. 30’000.- hinterlassen. Hans, mein Grossvater schreibt in einem Brief 1948 an meine Mutter:
„Ich habe nun endlich mein Erbteil von der Grossmutter her beim Notar in Interlaken in Empfang nehmen können. Es war ein schöner Betrag, der mir zufiel, es machte nämlich fast 5’000 Franken aus. An diesem Geld klebt viel Mühe und Schweiss. Du kannst dich noch erinnern, wie schwer der Grossvater und die Grossmutter gearbeitet haben, um ihren Kindern einmal etwas zu hinterlassen. Ehre ihrem Andenken.“(43)

Quellenangaben:

1 «Bönigen», Wikipedia
2 «Unser Dorf – Geschichte» (www.boenigen.ch/unser-dorf/geschichte)
3 (s. 1) Bönigen»
4 (s. 2) «Unser Dorf»
5 (s. 2) «Unser Dorf»
6 Dubler Anne-Marie, «Bönigen», Historisches Lexikon
7 (s. 2) «Unser Dorf»
8 (s. 2) «Unser Dorf»
9 Mühlemann Alfred, «Chäneller», schriftl. Info.
10 (s. 9)
11 Steiner Peter «Seckelmeister», Historisches Lexikon
12 «Historischer Häuserweg», Plan von Bönigen-Iseltwald Tourismus
13 Michel Paul, «Wie Bönigen ein Kurort wurde, Zusammenstellung überreicht vom Verkehrsverein, Heimatverein von der Gemeinde Bönigen, S. 105
14 (s. 13), S. 105
15 (s. 12)
16 Brief von Ulli Mühlimann d. 18 ten Mey 1712. Das Original befindet sich im Privatbesitz von Paul Michel, Bern. Briefabschrift im Jahresbericht 2012 vom Heimatverein Bönigen «Alte Pinte»
17 «Reisgeld der Truppen im Alten Bern» , Zeitschrift der Fourier, Bd 15 (1942) «Vom Reisgeld der Truppen im Alten Bern»
18 Petimermet Roland «Schweizer Uniformen 1700-1850», Hrsg. Historischer Verein des Kantons Bern, S. 30
19 Senn Hans, 2009 «Militärwesen» im Spätmittelalter und früher Neuzeit, Historisches Lexikon
20 «Salat» Schweizerisches Idiotikon
21 Kauw Albert «Stilleben» in «Berns mächtige Zeit, Das 16. und 17. Jahrhundert neu entdeckt»,Hrg. André Holenstein,, S. 540
22 Lau Thomas «Der zweite Villmergerkrieg, 1712», Historisches Lexikon der Schweiz
23 (s. 22)
24 «Der Villmergerkrieg von 1712» in Helvetische Militärzeitschrift, Bd 5, 1838, S. 153
25 «Von Krieg und Frieden», Bern und die Eidgenossen bis 1800, in Glanzlichter aus dem Bernischen Historischen Museum, S. 21
26 (s. 18), Tafel 17
27 Studer Barbara «Interlaken», Kloster, Amtsbezirk, Historisches Lexikon
28 Studer Barbara «Die Organisation des bernischen Territoriums», in «Berns mächtiger Zeit. Das 16. u. 17. Jh. neu entdeckt» Hrg. André Holenstein, S. 79 u. ff
29 «Kloster Interlaken», Wikipedia
30 de Capitani François, de Weck Hervé «Bannerherr (Venner)» Historisches Lexikon der Schweiz
31 Feller Richard «Zur Geschichte des Berner Oberlandes», Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde Bd 20 , 1958, S. 7
32 (s. 12)
33 Michel Paul «Vom täglichen Brot», aus der Böniger Dorfgeschichte, Heimatverein Bönigen, S. 5
34 (s. 9)
35 «Bönigen – Alte Ansichten 1800-1939», Dorfmuseum Bönigen 1989, S. 18
36 Schaffhauser Intelligenzblatt ,»Rubrik aus Stadt und Land» vom 30.12.1916
37 Mühlemann Alfred, mdl. Angaben
38 (s. 35) S. 32
39 (s. 35) S. 10
40 (s. 13) S. 111
41 (s. 1)
42 Brief von Luise Mühlemann-Schlumpf undatiert vermutlich 1947
43 Brief von Hans Mühlemann an seine Tochter Vreni vom 6.09.1948