7. Morgen?

Die Generationenfolge geht weiter. Jetzt stehen unsere erwachsenen Kinder mit den Jahrgängen: 1977, 1981 und 1984 im aktiven Erwerbsleben. Und die übernächste Generation mit den Jahrgängen: 2011, 2013, 2014, 2017 und 2020 ist auch schon da.

Der goldene Ball

Was auch an Liebe mir vom *Vater ward,
Ich hab’s ihm nicht vergolten, denn ich habe
als Kind noch nicht erkannt den Wert der Gabe
und ward als *Mann dem Manne gleich und hart.

Nun wächst ein *Sohn mir auf, so heissgeliebt
wie keiner, dran ein *Vaterherz gehangen,
und ich vergelte, was ich einst empfangen,
an *dem, der mir’s nicht gab – noch wiedergibt.

Denn wenn *er *Mann ist und wie Männer denkt,
wird *er, wie ich die eignen Wege gehen,
sehnsüchtig werde ich, doch neidlos sehen,
wenn *er, was mir gebührt, *dem Enkel schenkt.

Weithin im Saal der Zeiten sieht mein Blick
dem Spiel des Lebens zu, gefasst und heiter,
den goldnen Ball wirft *jeder lächelnd weiter,
und *keiner gab den goldnen Ball zurück!

(* für mich ist die weibliche Form mitgemeint, z.B. Mutter, Tochter, Enkelin)

Börries von Münchhausen (1)

Der «goldene Ball» im Gedicht symbolisiert die Liebe und Zuwendung, die eine Generation an die nächste weiter gibt. Für die nachfolgende Betrachtung möchte ich das Bild erweitern und den «goldenen Ball» für Errungenschaften und Probleme verwenden, die meine Generation der nächsten und übernächsten weiterreicht. Es gibt positive und negative Seiten.

7.1. Positive Seite der Hinterlassenschaft

Auf der positiven Seite der Hinterlassenschaft an die nächste Generation kann man hervorheben: Die Schweiz gehört weltweit zu den reichsten, freiesten, sichersten Ländern. Sie ist unbestritten eine Wohlstandsinsel. Die Schweizerische Bevölkerung hat es durch Fleiss, einer stabile Politik und auch etwas Glück weit gebracht. Die günstige geographische Lage in Westeuropa trug das Ihre zum wirtschaftlichen Erfolg bei. Im Detail lassen sich neben der strategisch günstigen Lage und der politischen und wirtschaftlichen Stabilität weitere Standortvorteile unseres Landes auflisten: z.B.

  1. Rechtssicherheit
  2. Kulturelle Vielfalt, 4 Landessprachen
  3. Gute Lebensqualität: sichere Städte, relativ intakte Umwelt, grosses kulturelles und sportliches Angebot, erstklassige Gesundheitsversorgung
  4. Führender Technologiestandort: enge Vernetzung von Forschung und Wirtschaftspraxis – Qualifizierte Arbeitskräfte: praxisorientierte Grundausbildung; Universitäten und Fachhochschulen mit Forschung von Weltruf; motivierte, loyale und gute Arbeitskräfte; umfassender Schutz des geistigen Eigentums
  5. Erstklassige Infrastruktur: Dichtes Strassen- , Schienen-, und Luftverkehrsverbindungsnetz; Sichere Versorgung mit Energie, Wasser- und Kommunikationsdienstleistungen. (2)

In vielen internationalen Rankings belegt die Schweiz Spitzenplätze. Im Better Life Index der OECD, bei der materielle Bedingungen für Lebensqualität z.B. Einkommen, Wohnsituation und immaterielle Bedingungen z.B. Gesundheit, Bildung, Umwelt, Sicherheit, Bürgerbeteiligung und Work-Life-Balance dazugehören, schneidet die Schweiz im Vergleich zu andern Ländern in vielen Messgrössen der Lebensqualität sehr gut ab. Auf einer Skala von 0 bis 10 gaben die Einwohner aus der Schweiz 2015/2016 einen Zufriedenheitsgrad von 7,5 an, was über dem OECD-Durchschnitt von 6,5 liegt. Die durchschnittliche Lebenserwartung in der Schweiz gehört zu den höchsten im OECD-Raum. Sie liegt bei rund 84 Jahren, vier Jahre mehr als der OECD-Durchschnitt. (3)

Die Nachkommen können von dieser positiven Hinterlassenschaft profitieren. Sie müssen sich aber dafür einsetzen, dass die Schweiz dieses hohe Niveau erhalten kann und nicht in die Mittelmässigkeit absinkt.

7.2. Negative Seite der Hinterlassenschaft

Es gibt aber auch negative Seiten der Hinterlassenschaft:

7.2.1. Altersvorsorge

Ein dringendes Problem, für das die Politik noch keine Lösung gefunden hat, ist z.B. die Sanierung der Altersvorsorge. Die immer älter werdende Bevölkerung und die niedrige Geburtsrate haben zu einer finanziellen Schieflage sowohl bei der AHV als auch bei der beruflichen Vorsorge geführt. Bei der letzteren kommen noch die Negativzinsen dazu, die den gesetzlichen Umwandlungssatz von 6,8% heute eigentlich nicht mehr erlauben würden. (4) «Heute findet eine Umverteilung von Jung zu Alt statt. Die Versprechen aus der ersten und der zweiten Säule sind ohne zunehmende Belastung der jungen Generation nicht mehr finanzierbar. In der zweiten Säule ist eine Umverteilung von jung zu alt gar nicht vorgesehen. Die Pensionskassen müssen mit jenen Gewinnen, der den Berufstätigen zustünde, die Renten der Pensionierten nachfinanzieren – weil man ihnen zu hohe Renten versprochen hat. – Politikerinnen und Politiker haben nicht erkannt, welche Sprengkraft das Thema der Generationengerechtigkeit birgt.»(5) Wir leben heute auf Kosten der jungen Generation. «In der Politik scheinen wir bereit zu sein, Entscheide mitzutragen, die wir uns im Privaten nicht erlauben würden. Keinem Vater käme es in den Sinn, seiner Tochter mehr abzunehmen, damit er sich länger ein arbeitsfreies Leben gönnen kann. Genau darauf läuft aber die Rentenpolitik der Schweiz hinaus, auch wenn das viele nicht wahrhaben wollen. Die Jüngeren sollen mehr bezahlen, damit die Älteren weiterhin spätestens mit 65 in Rente gehen können.» (6) Junge Berufstätige, auch unsere erwachsenen Kinder, machen sich zu recht Gedanken darüber, wie dereinst ihre AHV und Rente aussehen werden. Damit die Jungen nicht aus dem Generationenvertrag aussteigen, sind Reformen dringend notwendig. Das Rentenalter muss für Mann und Frau schrittweise erhöht werden, der Umwandlungssatz in der zweiten Säule muss gesenkt werden. Allenfalls müssen neue Finanzierungsquellen erschlossen werden, die aber nicht vor allem zu Lasten der Jungen und des Mittelstandes gehen sollten. Auch die Wirtschaft ist gefordert, dass sie ältere Arbeitnehmer weiterhin beschäftigt und nicht durch jüngere billigere Arbeitnehmerinnen aus dem Ausland ersetzt. Menschen, die körperliche Arbeit leisten, sollten früher in Rente gehen dürfen. Die Nachkommen sind jetzt finanziell noch zusätzlich belastet durch die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie.

7.2.2. Verlust von Arbeitsplätzen durch Digitalisierung?

Der Verlust von Arbeitsplätzen infolge der Digitalisierung erachte ich für die Nachkommen nicht so als ein grosses Problem. Zwar werden Arbeitsplätze verschwinden, aber es werden auch neue entstehen. Man kann es auch als Chance sehen, dass repetitive Arbeit in Zukunft noch häufiger durch Computer oder Roboter verrichtet werden kann. «Der technologische Fortschritt hat die Welt laufend verändert. Ängste, er könnte Arbeit überflüssig machen und Armut und Massenarbeitslosigkeit erzeugen, hat ihn von jeher begleitet. Diese Befürchtungen haben sich bisher nie bewahrheitet.» (7) Neue Technologien schaffen neue Arbeitsplätze und neue Berufe. Wichtig ist ein leistungsfähiges Bildungs- und Weiterbildungssystem, wobei das schweizerische duale Bildungssystem Vorteile aufweist. «Die Bildungsanstrengungen müssen auf Bereiche fokussiert werden, in denen die Menschen der Maschine überlegen sind. Unabdingbar wird die Fähigkeit sein, mit der digitalen Welt umzugehen und die Digitalisierung zur Problemlösung zu nutzen.» (8) Gute Handwerker und Fachkräfte in der Pflege und im Betreuungsbereich wird es auch in Zukunft brauchen. Eigentlich gehe ich davon aus, dass im Dienstleistungsbereich zusätzlich neue Berufe und neue Arbeitsplätze vor allem im psychosozialen Bereich entstehen werden. Es wird nach meiner Einschätzung mehr Therapie-, Beratungs-, Betreuungs- und Freizeitangebote brauchen, die den Menschen helfen, einen Ausgleich zur Technologisierung des Lebens zu finden und ihre zwischenmenschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Die menschlichen Grundbedürfnisse nach sozialem Kontakt, Nähe, Austausch und Beziehung sind die gleichen geblieben, wie bei unseren Vorfahren. Diese konnten sie vermutlich in der Taverne, auf dem Jahrmarkt, beim Brunnen auf dem Dorfplatz etc. direkter und besser befriedigen, als dies bei den heutigen Menschen z.B. in den sozialen Medien, beim Online-Einkauf, in der Anoymität der Grossstadt etc. der Fall ist.

7.2.3. Klimaerwärmung

Die Klimaerwärmung und andere Umweltprobleme belasten uns zwar alle, aber sie gehen vor allem zu Lasten der jüngeren Generation und der nachfolgenden Generationen. Meine Generation (Nachkriegsgeneration) und die folgenden haben weltweit in den Industrieländern über ihre Verhältnisse gelebt und auf Kosten der nachkommenden Generationen Ressourcen verbraucht und Schadstoffe und Treibhausgase produziert.

Die extremen Klimaereignisse zu Beginn des 19. Jahrhunderts (s. 1. Kapitel Senn unter «Naturkatastrophen») lassen sich mit der heutigen Klimaproblematik nicht vergleichen. «Der UN-Klimarat (IPCC) bestätigt in einem Bericht von 2018, dass natürliche Faktoren bei der derzeitigen Klimaerwärmung kaum eine Rolle spielen. Heute sind menschliche Aktivitäten die Hauptursache des momentanen Temperaturanstiegs.» (9) In der Schweiz liegen die Ursachen für die Erderwärmung vorwiegend im Verbrauch von fossilen Brennstoffen und in der Landwirtschaft. «Diese trägt vor allem durch die Viehzucht zu einer Anreicherung von Treibhausgasen wie CO2, Methan und Lachgas in der Atmosphäre bei.» (10) Die innerhalb der Schweiz 2017 ausgestossene Menge an Treibhausgas beträgt 5,6 t pro Kopf (davon CO2 4,5 t). Als Vergleich der Ausstoss pro Kopf beträgt in den USA und in Kanada 16 t. Jedoch liegt der sogenannte Treibhausgas – Fussabdruck der Schweiz deutlich über dem weltweiten Durchschnitt von knapp 6 t CO2, wenn man die durch Importgüter im Ausland verursachten Emissionen hinzu addiert. Das Total der Pro – Kopf – Emission beträgt dann in der Schweiz 14 t CO2. (11) Der hohe Treibgas – Fussabdruck der Schweiz ist die Kehrseite der Medaille unseres Wohlstandes.

Welche Auswirkungen hat die Klima – Erwärmung auf das Leben unserer Nachkommen? Es wird deutlich wärmer werden. Extreme Wetterereignisse mit katastrophalen Folgen werden häufiger. In den Bergen sind die Folgen der Klimaerwärmung im Zusammenhang mit dem Gletscherschwund und dem Auftauen des Permafrosts noch viel gravierender: «Die Bergflanken bröckeln. Es gibt mehr Murgänge, Steinrutsche und Felsstürze. Bergdörfer und Strassen sind gefährdet. Die Klimaänderung beeinträchtigt das Wasserschloss Europas, z.B. grosse Flüsse wie den Rhein und die Rhone. Nach häufigeren und stärkeren Hochwasserereignissen können Wasserengpässe folgen. Die langfristige Trinkwasserreseve, gebunden im Gletschereis, ist gefährdet.» (12) Die Klimaänderung führt zum Verlust der Artenvielfalt: Pflanzen – und Tierarten sterben aus. Auch das ganze Waldökosystem wird destabilisiert und bereits vorhandene Schäden vergrössern sich dadurch. Der Tourismus in den Alpen steht vor grossen Herausforderungen. (13) Zwar könnten die Nachkommen in der Schweiz in einer 3 – 4 Grad wärmeren Umwelt (über-) leben, aber die Folgen wären gravierend. Sie müssten extreme Anpassungsleistungen erbringen und es wäre mit extrem hohen Kosten
verbunden. (14)

Die schlimmsten Folgen der Erderwärmung sind jedoch die drohenden Gletscherschmelzen in Grönland und der Arktis. Das würde zu einem Anstieg der Meeresspiegel führen mit dramatischen Folgen. Bevölkerungsreiche Länder wie Bangladesch, Ägypten, Pakistan; Indonesien und Thailand mit einer ohnehin armen Bevölkerung könnten teilweise überschwemmt werden. Millionen von Menschen könnten als Klimaflüchtlingen auch bedingt durch Dürre und Wasserknappheit nach Europa kommen, auch in die Schweiz. Das wäre eine grosse Gefahr für unser soziales und politisches System und würde in einem Chaos enden.

Auch im günstigeren Fall, wenn es der Staatengemeinschaft gelingt, die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen, nämlich die Erderwärmung bei 1,5°C zu stoppen, hat dies weitreichende Folgen für die Schweizer Bevölkerung: Die Schweiz müsste spätestens bis 2050 die Treibhausgasemissionen – netto – auf Null senken. Ob dieses Ziel durch technische Massnahmen, Innovationen und durch Lenkungsabgaben allein erreicht werden kann, ist eine offene Frage.

Wir hinterlassen unseren Nachkommen ein schwieriges Erbe.

7.3. Eine Zukunft in Freiheit, Sicherheit, Würde, Wohlstand

Wie sieht die Zukunft für unsere Nachkommen aus? Können die nachfolgenden Generationen auch noch in Frieden, Freiheit, Sicherheit, Würde und gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen leben? Was würde es dazu brauchen?

Ob die Nachkommen in Frieden und Freiheit leben können, hängt unter anderem auch vom Welt – Geschehen ab. Zur Lösung vieler Probleme wie z.B. Klimaerwärmung, Migration, Bewältigung der Pandemie braucht es eine internationale Zusammenarbeit. Darauf näher einzugehen, würde den Rahmen meiner Arbeit sprengen. Ich beschränke mich hier auf einige Aspekte, die unser Land betreffen.

7.3.1. Balance zwischen Freiheit und staatlicher Fürsorge

Nach meiner Einschätzung kommt der Mittelstand zunehmend von zwei Seiten unter Druck: Zum einen von der neoliberalen Doktrin der Markliberalisierung und der schrankenlosen Globalisierung; zum andern durch den Staat, der je länger je mehr reglementiert und kontrolliert und sich in Richtung eines Versorgungs- und Kontrollstaates entwickelt. Die extreme Marktliberalisierung vermindert die Sicherheit und Würde des Einzelnen, z.B. am Arbeitsplatz. Die schrankenlose Globalisierung führt zu wirtschaftlicher Abhängigkeit und zum Verlust der Versorgungssicherheit. Extreme Marktliberalisierung und Globalisierung haben zur Folge, dass der Mensch nicht mehr als Subjekt sondern als Objekt wahrgenommen wird, das beliebig austauschbar ist. Auf der andern Seite schränkt der Versorgerstaat, der die Menschen von der Wiege bis zur Bahre betreut und bevormundet, die Freiheit und den Gestaltungsraum des Einzelnen ein.
Nach meiner Auffassung müsste zwischen diesen erwähnten Extremen ein vernünftiger Zwischenweg gefunden werden. Es braucht eine Balance zwischen Freiheit, Individuum, Markt, Selbstverantwortung auf der einen Seite und Staat, Solidarität, Sicherheit etc. auf der andern Seite.

Einer extremen Marktliberalisierung müssen Leitplanken gesetzt werden: «Jeder Schritt der Liberalisierung und Globalisierung muss begleitet werden von sorgfältig austarierten sozialen Schutzmassnahmen und – heute noch vermehrt von ökologischen Kompensationen und Schutzmechanismen». (15) Immaterielle Werte wie der Erhalt einer intakten Umwelt, der Pflege und dem Erhalt unserer kulturellen Werte und Traditionen, der Bewahrung der freiheitlichen und demokratisch politischen Kultur, der Eigenverantwortung und der lokalen Selbstbestimmung, des Erhalts des zivilgesellschaftlichen Engagements etc. müssten den gleichen Stellenwert haben, wie der Erhalt des wirtschaftlichen Wohlstandes.

Als Gegengewicht zu einer freien Marktwirtschaft braucht es gut ausgebaute Sozialwerke, die durch progressive Steuern solidarisch finanziert werden. Die Sozialpartnerschaft und die Gesamtarbeitsverträge sind wichtige Voraussetzungen für den sozialen Frieden. Es ist «jener Gesellschafts – und Sozialvertrag, dem die Schweiz neben ihrem Wohlstand auch ihre soziale Kohäsion weitgehend verdankt.» (16)

Eine Balance zwischen freiheitlichen und solidarischen Werten muss immer wieder neu ausgehandelt werden. Wie die Probleme bei der Umverteilung von den Jungen zu den Rentnern bei der Altersversicherung und der Einwanderung von Migranten in unser Sozialwesen zeigen, muss das System immer wieder austariert werden. Beim Letzteren braucht es einen Schutz unseres eigenen erfolgreichen Sozialmodells. Nur in einem überschaubaren Territorium mit festgelegten Grenzen gegen aussen, kann eine Solidargemeinschaft auf Dauer bestehen. (17) Dies gilt auch für die Löhne. Es braucht einen Lohnschutz des Schweizer Gewerbes.

Der Sozialstaat sollte meiner Auffassung nach nur noch moderat, aber nicht zu einem Versorgerstaat ausgebaut werden. Der Anstieg der Sozialausgaben am BIP stieg in den letzten Jahren stark an: «Von 15,7% 1980 auf 26,1% 2017». (18) Ein weiterer Ausbau des Wohlfahrt-Staates würde zu einer Unterfinanzierung und zu einer weiteren Verschuldung führen. Dies ginge zu Lasten der Nachkommen. Die kommenden Generationen müssten bezahlen. Der Handlungsspielraum unserer Enkel würde dadurch eingeschränkt. (19)

Ein bedingungsloses Grundeinkommen, wie immer wieder gefordert wird, erachte ich nicht als eine gute Lösung. Der «Burgernutzen» im 19. Jahrhundert in der Gemeinde Wattenwil (s.18. Kapitel Jaussi), der einem bedingungslosen Grundeinkommen entsprach, war nicht erfolgreich. Die Bevölkerung verfiel in Lethargie und versank in sozialer Verelendung. Wenn schon müsste ein Grundeinkommen an Bedingungen geknüpft sein, z.B. an einen Sozialdienst. Aus meiner Sicht sind Selbsthilfeprojekte z.B. im Wohnungsbau oder in der Mobilität (Car-sharing) gute Möglichkeiten, um mit andern zusammen Ziele zu erreichen. Wir wohnen seit vierzig Jahren in einer Wohnbaugenossenschaft. Der private Erwerb des Wohneigentums erfolgte im Baurecht und ist mit einer automatischen Mitgliedschaft in einer Genossenschaft verknüpft. Selbstverantwortung und Eigeninitiative sind wichtige Werte, die auch den nachfolgenden Generationen eine erfolgreiche Zukunft versprechen.

7.3.2. «Erfolgsmodell Schweiz» beibehalten

Zum «Erfolgsmodell Schweiz» gehören die Konkordanz, die (halb-)direkte Demokratie, der Föderalismus und die politische Kultur, die von Freiheit, Liberalismus, zivilem Engagement und Demokratie geprägt ist. (20) Die Vorfahren haben davon profitiert. An diesem «Erfolgsmodell Schweiz» sollten sich auch die Nachkommen orientieren. Es ermöglicht ihnen nach meiner Auffassung eine freie Entfaltung und ein gelingendes Leben. Die politischen Rechte auf Gemeinde- Kantons- und Bundesebene sind auch in Zukunft eine grosse Chance für die Schweizer Bürger und Bürgerinnen.

Menschen aus dem Mittelstand haben weder wirtschaftliche noch politische Macht. Die politische Mitbestimmung ist deshalb ihre einzige Möglichkeit, das soziale Umfeld mitzugestalten. Im Gegensatz zu den Menschen in Frankreich, die seit Wochen (2019) wegen einer Rentenreform von Macron auf die Strasse gehen und protestieren, können die Bürger und Bürgerinnen in der Schweiz an der Urne über Reformen und z.B. das Rentenalter abstimmen. Zu diesem Mitspracherecht der Bürger und Bürgeinnen sollte man Sorge tragen, damit auch die Nachkommen dereinst wichtige Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, selber fällen können. Im Hinblick auf das Rahmenabkommen mit der EU ist eine eingehende Interessenabwägung angezeigt. Ob ein wirtschaftlicher Gewinn durch einen erleichterten Zugang zum EU Binnenmarkt, einen teilweisen Souveränitätsverlust rechtfertigt? In einer sorgfältigen Analyse vom 2.7.2019 kommt Rudolf Strahm, der ehemalige Preisüberwacher zum Schluss: «Die Arbeitspolitik der Schweiz würde in vielen Bereichen in die Europäische Union ausgelagert.» Zu einer dynamischen Auslegung des Rahmenabkommens würde auch die Übernahme der Unionsbürgerrechtslinie und damit ein erleichterter Zugang von Migranten in unser Sozialsystem gehören. In Zukunft könnten auch die staatlichen Beihilfen z.B. Subventionen für den Wohnungsbau und Staatsgarantien für Kantonalbanken etc. unter Druck geraten. Die längerfristigen Konsequenzen dieser Integration in die EU-Gesetzgebung und die EU – Rechtssprechung sind offen. Sicher ist aber, dass der Prozess der Übertragung von Teilen der schweizerischen Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik an Brüssel weitergehen wird….Auch alle künftigen Abkommen werden vorauseilend dem Rahmenabkommen und seinem Sanktionsmechanismus unterstellt.»(21) In den besagten Bereichen würde das EU – Recht über dem Schweizer Recht stehen und bei Uneinigkeiten zwischen der EU und der Schweiz würde in letzter Instanz der Europäische Gerichtshof abschliessend entscheiden. Der Schweizer Historiker Oliver Zimmer, der Professor für moderne europäische Geschichte an der University of Oxford ist, sagt zum Rahmenabkommen: «Mit dem Rahmenabkommen würde die Schweiz faktisch zu einem EU-Mitglied ohne Stimmrecht. Sie würde sich verpflichten, bestehendes und neues Unionsrecht dynamisch zu übernehmen…. Die direkte Demokratie (und teilweise die parlamentarische) stellt im Kontext des EU-Rechtscodes einen systemwidrigen Störfaktor dar.» (22)

7.3.3. Mündige Bürger und Bürgerinnen

Die zunehmend komplexeren gesellschaftlichen Verhältnisse stellen hohe Anforderungen an jeden einzelnen Menschen. Zur Bewältigung der daraus resultierenden Herausforderungen sind nach meiner Auffassung freie, kritische Persönlichkeiten gefragt. Jeder und jede Einzelne benötigt geistige und seelische Fähigkeiten und den Willen zum Handeln, damit er oder sie als mündiger Bürger bzw. Bürgerin eigenverantwortlich am gesellschaftlichen und politischen Leben teilnehmen kann. Manchmal braucht es auch Verzicht auf einen kurzfristigen Gewinn oder auf ein Konsumvergnügen, um eine langfristige und nachhaltige Perspektive zu schaffen.

Mündige Bürger und Bürgerinnen sollten für Probleme, wie z.B. Klima, Folgen der Migration etc. die Konsequenzen bedenken und vorausschauende Lösungen suchen. Es wäre zu wünschen, dass die Nachkommen sich eine differenzierte Meinung bilden könnten und in der Lage wären, unabhängig von Ideologien eine Balance zu finden zwischen Marktliberalisierung, Globalisierung und nationaler Solidarität. Als Stakeholder (Teilhaber) müssten sie sich für einen Paradigmenwechsel in Richtung schonendem Umgang mit den Ressourcen und den Menschen einsetzen. Auch die profitbedingte Auslandabhängigkeit von wichtigen Gütern, wie z.B. Medikamente, Schutzmasken etc. müsste neu überdacht werden, wie die aktuelle Krise zeigt.

Es ist zu hoffen, dass die Nachkommen dem Konformitätsdruck standhalten und sich für die freie Meinungsäusserung, für Wettbewerb der Ideen und für eine öffentliche Debatte auch mit abweichenden Meinungen einsetzen, die in einer Demokratie zentral sind. Die Menschen sollten sich gegen den gesellschaftlichen Druck in der Lebensplanung zur Wehr setzen. Jedes Paar sollte z.B. selber entscheiden, welches Familienmodell es wählen möchte ohne benachteiligt zu werden; welche Betreuungsform es für seine Kinder im Vorschulalter wählen und in welche Schule es seine Kinder schicken möchte (freie Schulwahl). Eine Fähigkeit, die auch die Nachfahren brauchen werden, ist die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen. Bei den zunehmend komplexeren Problemen braucht es den Verstand, um den Sachverhalt zu analysieren, die Vernunft um tragfähige Lösungen zu finden, aber auch den Willen zum Handeln. Z.B. nützt es nichts, wenn eine Mehrheit der Bürger eine nachhaltigere Landwirtschaft mit strengeren Regeln fordert, aber die Menschen dann nicht bereit sind für 1 Liter Biomilch 40 Rp. mehr zu bezahlen als für die herkömmliche. (23)

Eine gute Bildung und Ausbildung ist für die Nachfahren zentral. Besonders für Menschen aus dem Mittelstand ist eine gute Bildung ihr soziales Kapital, auf dem sie aufbauen können, um ein erfolgreiches, erfülltes Leben zu führen. Es gibt in der Schweiz verschiedene berufliche Ausbildungswege. Die meisten Jugendlichen wählen die berufliche Grundbildung, die 3 bis 4 Jahre dauert (Lehre) mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis EFZ als Grundausbildung nach der obligatorischen Schule. Die duale Berufsbildung ist ein wichtiger Standortvorteil der Schweiz. Im Gegensatz zu früher, ist heute das Berufsbildungs-System durchlässiger und verbessert die Chancengleichheit. Wer einen Lehrabschluss und eine Berufsmatur hat, kann an einer Fachhochschule studieren. Mit einem einjährigen Programm mit Zusatzprüfung (Passerelle) nach der Lehre oder einer Aufnahmeprüfung kann die Person ein Studium an einer Universität machen. Umgekehrt können Gymnasiasten nach der Matura noch eine (oft verkürzte) Lehre absolvieren. Ein Jugendlicher mit einer beruflichen Grundausbildung mit eidgenössischem Berufsattest (EBA) kann nach zwei Jahren Zusatzausbildung das eidgenössische Fähigkeitzeugnis erwerben. (24) Darüberhinaus ist eine Lebenslange Weiterbildung für die Nachkommen eine Notwendigkeit.

Eine gute Bildung beinhaltet aus meiner Sicht aber mehr als eine gute Vorbereitung für das Berufsleben. Natürlich soll die Schule grundlegende Fertigkeiten und Wissen vermitteln. Können und Wissen gehören zusammen. Wer nichts kann, kann auch nicht kreativ sein. Dies reicht aber nicht aus. Eine gute Bildung ist eine ganzheitliche Bildung, wo alle Kräfte im Menschen ausgebildet werden. Die drei Seiten der Menschenbildung, die Heinrich Pestalozzi unterschieden hat: Ausbildung des «Kopfes» (intellektuelle Bildung), des «Herzens» (sittliche Bildung) und der «Hand»(Handfertigkeit, Körperkultur) haben nach meiner Auffassung auch heute noch Gültigkeit. (25) Um mündige Menschen zu erziehen, muss der mittlere Bereich, das Gemüthafte, die Seele besonders beachtet und gepflegt werden. Mit dem Zusammenhang zwischen einer ganzheitlichen Bildung und politischer Mündigkeit hat sich der aus Beromünster LU stammende Ignaz Paul Vital Troxler (1780 – 1866) auseinandergesetzt. Er war Arzt, Pädagoge und massgeblicher Architekt des neuen schweizerischen Staatsgebildes von 1848. Auf ihn geht das Zweikammer-System zurück. Für Troxler war «echte Menschenbildung» die Voraussetzung, dass die Menschen mündig wurden und im neu geschaffenen Bundesstaat, in welchem die kantonale Souveränität und die nationale Einheit in einem Gleichgewicht waren, Verantwortung übernehmen konnten. «Echte Menschenbildung setzt voraus, dass der junge Mensch (Zögling) durch Unterricht und Erziehung in seiner Gesamtheit angesprochen wird. Sowohl seine sittliche…als auch seine geistige und körperlichen Kräfte müssen ihre Pflege erfahren. Denn, wenn nicht alle seine Anlagen geformt und gefördert werden, wird er kaum zu einer allumfassenden und vollendeten Selbstheit und Freiheit seines Wesens und Lebens gelangen. Erst auf dieser Freiheit und Selbständigkeit gründet jedoch die wahre Entfaltung der menschlichen Würde… Eine Erziehung, die den Menschen zu innerer und äusserer Selbständigkeit führen will, darf nicht auf Zwang gründen. Freigelassen werden muss der Mensch doch einmal…. Er muss Gesetz und Antrieb des Handelns in sich selbst finden.» (26)

Für die Zukunft der Nachfahren scheint mir das Hauptanliegen von Troxlers humanistischer Pädagogik: «das Heranbilden eines freiheitlichen, selbständigen Denkens und Handelns beim jungen Menschen» nach wie vor aktuell zu sein.

Auch Thomas Hürlimann betont die Bedeutung von mündigen Bürgern in der Demokratie. Er stellt die These auf, dass Theater und Demokratie ursächlich miteinander verbunden sind. Hürlimann sagt: «Die Demokratie, die gemeinhin als eine Herrschaft der Mehrheit verstanden wird, hat ihren Ursprung im Einzelnen, im Individuum, im «mündigen Bürger». Auf ihn kommt es an. Er war’s, der sich der berauschten Masse gegenüberstellte und das Wort ergriff. Teils mit dem Chor, teils gegen den Chor ging es um seine Sache, um die Götter, um Gesetze, um die Wahrheit, und stets ging es antagonistisch zu, das heisst unversöhnliche Gegensätze wurden zur Sprache gebracht.» (27)

Auf den mündigen Bürger, auf die mündige Bürgerin wird es in Zukunft vermehrt ankommen! Es ist zu hoffen, dass Menschen aus dem Mittelstand in der Schweiz sich in die politische Debatte einschalten, das Wort ergreifen und sorgfältig abwägen werden, wenn es um das Aufgeben von demokratischen Rechten zugunsten von supranationalen Organisationen geht.

Quellenangaben:

1 v. Münchhausen Börries «Der goldene Ball»
2 Switzerland Global Enterprise (S-GE), ehemals Schweizerische Zentrale für Handelsförderung (OSEC)
3 OECD: Better Life Index
4 Sieber Frank «Acht Antworten zur Altersvorsorge in der Schweiz, in NZZ vom 5.07.2019
5 Eling Martin, Ökonom, Vorsorgeforum: Das Portal zur beruflichen Vorsorge der Schweiz, 10.09.2019
6 Schäfer Fabian, Vorsorgeforum, «Nach uns die Milliardenflut» NZZ vom 5.07.2019
7 Villiger Kaspar,2017 «Die Durcheinanderwelt» – Irrwege und Lösungsansätze, NZZ Libro, S. 51
8 (s. 7) S. 67/68
9 www.greenpeace.de/themen/klimawandel/verursacht der mensch die erderwärmung? Stand 02.2019
10 (s. 9)
11 BAFU «Klima: Das Wichtigste in Kürze», 16.04.2019
12 www.gletscherarchiv.de
13 (s. 11)
14 Knutti Reto, Prof. an ETH, UNO-Klimakonferenz «Die Emissionen steigen-die Erfolgschancen sinken» , srf.26.11.2019
15 Strahm Rudolf «Die Globalisierung – zerstört durch ihre Anhänger», Bund, 28.12.2019
16 Zimmer Oliver «Wer hat Angst vor Tell», S. 48/49
17 (s. 7) S. 90
18 Bundesamt für Statistik
19 Geissbühler Simon, 2014 «Die Schrumpf-Schweiz -Auf dem Weg in die Mittelmässigkeit» , S. 73
20 (s. 19) S. 11
21 Strahm Rudolf «Was selbst EU – Experten verwirrt», Bund vom 2.07.2019
22 (s. 16) S. 157
23 SRF «10 vor 10» vom 15.01.2020
24 Schmid Reinhard «Wegweiser zur Berufswahl»
25 Reble Albert, Geschichte der Pädagogik: «Heinrich Pestalozzi» S. 220
26 Widmer Max/Lohri Franz, 2016 «Ignaz Paul Vital Troxler, Schweizer Arzt, Philosoph, Pädagoge und Politiker», S. 288/89
27 Hürlimann Thomas «Demokratie jenseits der Mehrzahl»,in Neuer Zürcher Zeitung vom 17.07.2017