4. Mittelschicht

Die Vorfahren hatten häufig eine soziale Stellung «zwischen unten und oben». Sie waren zwischen der dörflichen Oberschicht (Grossbauern, Amtsträger, Wirte) und der Unterschicht (Taglöhner, Knechte, Mägde, Proletariat der Störhandwerker) in der gesellschaftlichen Mitte angesiedelt. Einige Vorfahren waren aber auch Angehörige der ländlichen Oberschicht und andere gehörten als Taglöhner und Störhandwerker der Unterschicht an.

4.1. Definition von Mittelschicht bzw. Mittelstand

«Unter der Sammelbezeichnung Mittelschicht, die in der Schweiz auch Mittelstand genannt wird, versteht man diejenigen Bevölkerungsgruppen, die innerhalb eines sozialen Schichtungs-Modells in der Sozialstruktur zwischen einer Oberschicht und einer Unterschicht angesiedelt sind.» (1)

In den Wirtschaftswissenschaften wird unter Mittelschicht bzw. Mittelstand, vor allem diejenige Vermögensgruppe verstanden, die sich in Bezug auf ihr Einkommen oder ihren Besitz weder als reich noch als einkommensschwach oder besitzlos einstufen lässt. Einkommensstatistisch wird der Teil der Bevölkerung, der über ein Netto-Äquivalenzeinkommen in einem engeren und weiteren Bereich um einen mittleren Wert (Median) herum verfügt, als Mittelschicht (Durchschnittsverdiener) bezeichnet.

Der Mittelstand ist in der Schweiz die mit Abstand grösste Gesellschaftsschicht. Man zählt ca. 60% der Bevölkerung dazu. Zur Mittelschicht zählt, wer zwischen 70 und 150 Prozent des durchschnittlich verfügbaren Äquivalenzeinkommens verdient. (2)

Es gibt auch Definitionen, die neben den wirtschaftlichen und sozialen Komponenten noch zusätzliche Merkmale wie Bildung, eine spezifische Lebensführung und ein bestimmtes Gesellschaftsbild berücksichtigen. «Mit den Begriffen Mittelstand und Mittelschicht werden jene Gruppen bezeichnet, die aufgrund wirtschaftlicher und sozialer Merkmale wie Selbständigkeit, Beruf, Einkommen und Bildung eine mittlere Stellung in einer Gesellschaft einnehmen. Als soziopolitische Kategorie werden dem Mittelstand eine spezifische Lebensführung und Mentalität, spezifische moralische und politische Wertvorstellungen und ein bestimmtes Gesellschaftsbild zugeschrieben. Als typisches Merkmal des Mittelstands gilt auch dessen Überzeugung, eine staatstragende Funktion auszuüben.» (3)

Der Begriff «Mittelstand» fand ab ca. 1770 im Deutschen Eingang in die politisch-soziale Sprache. (4)

Das Ideal «der Mitte» geht auf Aristoteles zurück. Er vertrat die Überzeugung, dass der Weg der Mitte, der Weg also, der zwischen den Extremen liegt, sowohl der tugenhafteste sei als auch jener, der der sozialen bzw. politischen Natur des Menschen am ehesten entspricht. (5)

Politisch galt «der Mittelstand hierzulande bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein als das staatstragende Element schlechthin. Der Mittelstand füllte den abstrakten Liberalismus mit Leben, er verkörperte die Überzeugung, das Schicksal in den eigenen Händen zu haben.»(6)

Die politische Bedeutung, die man dem Mittelstand zuschrieb, kam aus der Aufklärung. «Aufgeklärte Schriftsteller sahen im Mittelstand das dynamische Element in der Gesellschaft und schrieben seinen Angehörigen besondere geistige und sittliche Fähigkeiten zu. Der Mittelstand wurde zu dem Teil der Gesellschaft, der das spezifisch Nationale verkörperte, zum Volk schlechthin….Johann Heinrich Pestalozzi beispielsweise sprach vom Mittelstand als dem «Mark des Landes» und machte ihn zum Träger der wieder zu entwickelnden republikanischen Tugenden.» (7)

4.2. Historische Entwicklung

Bis Ende des 18. Jahrhunderts gab es eine ständische Aufteilung in Adel, Klerus, Bürger und Bauern. (8) Unsere Vorfahren, die auf dem Land lebten, gehörten dem Bauernstand an. Im Feudalismus des Mittelalters waren die politischen Herrschaftsverhältnisse zwischen Oben (mächtig und reich) und Unten (arm und abhängig) noch ausgeprägter gewesen. Vier Herkunftsorte der Vorfahren standen unter der Herrschaft von Klöstern. Es waren: Bönigen (Kloster Interlaken); Trub (Kloster Trub); Mönchaltorf (Kloster St. Gallen) und Küttigen (Komturei des Johanniterordens in Klingnau). Gansingen gehörte der Reihe nach zur Burg Bernau, zu den Burgundern und ab 1477 stand es unter österreichischer Herrschaft. Signau war im Herrschaftsbereich der Freiherren von Signau und gelangte später an die Familien von Diesbach. In Wattenwil hatten die Grafen von Kyburg Oberhoheit. Später gehörte das Dorf zum Herrschaftsgebiet der Burgunder. Mit Ausnahme von Gansingen, das unter österreichischer Herrschaft stand und Mönchaltorf, das 1408 an die Stadt Zürich verpfändet wurde, kamen die übrigen Orte zwischen dem 14. und dem Jahrhundert endgültig unter bernische Herrschaft. Bollodingen stand schon im 13. Jahrhundert unter Bernischer Landeshoheit. 7 Vorfahren-Familien blieben bis zum Untergang der Alten Eidgenossenschaft politische Untertanen der Stadt Bern bzw. der Stadt Zürich.

Im sozialen Bereich begann sich etwa seit der Reformation die «niedere Schicht» bestehend aus Bauern, Bürger, Bettelmann sozial und wirtschaftlich auszudifferenzieren. Vor allem in den Städten entstand gestützt auf kaufmännische Gilden und handwerklich – städtische Zünfte das Bürgertum, der vierte Stand. (9) Gelegentlich wurde die Mittelschicht in eine obere, mittlere und untere Mittelschicht unterteilt. (10)

Auch auf dem Land wurden die Standesunterschiede und die feudalen Schichtgrenzen mit der Zeit durchlässiger. Gewisse feudale Strukturen bestanden jedoch in den Dörfern weiterhin. In Trub z.B. hat die Obrigkeit von Bern auch nach der Reformation die Abgaben und Rechte gegenüber dem früheren Kloster Trub einfach übernommen. Die Familie Rentsch vom Rentschhüsli war nach wie vor dem ursprünglichen Lehenhof «Zürcherhusgut» abgabepflichtig. Die Feudalabgaben wurden erst nach 1798 abgelöst. «Bis 1830 hatten fast alle Güter diese Abgaben abgelöst. In dieser Zeit hatte man auch auf die persönlichen, einkommensabhängigen Steuern umgestellt.» (11)

An der Spitze der sozialen Hierarchie in den Dörfern standen die Grossbauern, die Amtsträger, die Wirte und die Müller. Häufig waren die Grossbauern zugleich Amtsträger, z.B. Chorrichter oder Säckelmeister. Besitz und politische Macht waren also in einer Hand. Ulrich Mühlemann (1687 – 1763) von Bönigen war z.B. ein Vertreter der ländlichen Oberschicht. Er stammte aus einer angesehenen Burgerfamilie. Als Landesstatthalter hatte er das höchste Amt inne, das einem Nicht- Adeligen offenstand. Auch wenn rechtlich in den Dörfern die kleinen und mittleren Bauern den Bauernaristokraten gleichgestellt waren, gab es doch ein Machtgefälle. Gerade durch die Koppelung von Besitz und politischer Macht waren die Grossbauern privilegiert und konnten ihre Interessen besser durchsetzen. In Zeiten der Pestepidemien, wenn die Dorfbevölkerung stark dezimiert wurde, konnte es zwar auch einmal vorkommen, dass ein Mann aus der mittleren oder unteren Schicht in ein politisches Amt aufsteigen konnte. (12) Das war aber eher die Ausnahme. Meist stammten die Amtsträger aus einflussreichen Familien. Die mittlere Stufe in der Hierarchie bildeten die «mittelgrossen» Bauern und gewisse konzessionierte Handwerker wie Schmiede etc. Mit dem Titel «zwischen unten und oben» möchte ich darauf hinweisen, dass unsere Vorfahren als Bauern und als konzessionierte und sesshafte Handwerker oft diesem mittleren sozialen Bereich, also der Mittelschicht angehörten.

Die Unterschicht im Dorf bestand aus Kleinbauern bzw. Taglöhnern, dem Proletariat der kleinen Störhandwerker, Knechten und Mägden. Einzelne Vorfahren gehörten zeitweise der Unterschicht an, wie z.B. Rentsch als Taglöhner, Schlumpf und Jaussi als Störhandwerker. Auch der Landschullehrer Schlumpf ist der Unterschicht zuzuordnen. Die Vorfahren sind manchmal «zwischen unten und oben» sozial auf- und abgestiegen. Im Kapitel 5.2. «soziale Mobilität» werde ich mich noch eingehend mit der sozialen Position und dem Auf- und Absteigen der Vorfahren beschäftigen.

4.3. Soziale Schichten in der Neuzeit

Nach dem Untergang der Alten Eidgenossenschaft wurde das Ständische Gesellschaftsmodell abgelöst. Adel und Klerus verloren an Bedeutung, das aufstrebende Bürgertum gewann an Einfluss. Innerhalb der städtischen Bürgerschaft bzw. Einwohnerschaft hatte sich neben der Ober- und Führungsschicht eine Mittelschicht entwickelt. «Mit ihren kleinen und mittleren Vermögen bildeten die kleinen Kaufleute, Krämer, Handwerker, Freiberufler und Beamten oder städtische Bediensteten bis ins 19. Jahrhundert in den meisten Städten den Kern der Mittelschicht. Eher zur oberen Mittelschicht gehörten die mittleren Ränge der Kaufmannschaft, nicht mehr im Handwerklichen verankerte Unternehmer oder Verleger, Handwerker mit starker Handelskomponente, Stadtschreiber, Notare sowie Advokaten. Unselbständige Handwerker, Handwerksgesellen und Handelsdiener bildeten den fliessenden Übergang zur Unterschicht.» (13) Im 19. Jahrhundert setzte sich durch die Einführung der Gewerbefreiheit, der Aufhebung der staatlichen Regulierungen zugunsten des Markt-, Konkurrenz- und Leistungsprinzips eine liberale Wirtschaftsordnung durch. Diese und die Industriealisierung bewirkten einen tief greifenden Strukturwandel: «Ganze Handwerks- und Gewerbezweige verschwanden oder konnten nur noch als Zulieferer – oder Reparaturbetriebe weiterexistieren. Der aufkommende Kapitalismus bedrohte… nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die soziale Stellung des gewerblich-handwerklichen
Mittelstands.» (14)

Das soziale Schichtmodell auf dem Land blieb nach meiner Einschätzung auch im 19. Jahrhundert noch weitgehend bestehen. Z.B. wurde Urs Mühlethaler, der 1820 das traditionsreiche Wirtshaus zum «Weissen Rössli» in Hermiswil gekauft hatte, als Wirt automatisch Mitglied des Gemeinderates und gehörte fortan zur dörflichen Oberschicht. Eine Zugehörigkeit zur Burgergemeinde begünstigte in vielen Fällen nach wie vor eine privilegierte Stellung innerhalb der Dorfgemeinschaft. Auf dem Land waren in vielen Dörfern die Burgergemeinden bis ins 20. Jahrhundert einflussreich. Durch die Vergabe und den Verkauf von Bauplätzen bestimmten die Burger sowohl die wirtschaftliche als auch die bauliche Entwicklung. Die Burgergemeinde von Bönigen z.B. blieb bis nach 1945 die prägende Kraft im Dorf. (15) Wie Beispiele aus «dem Leben der Vorfahren» gezeigt haben, waren die Schichten durchlässig und die Menschen konnten in der sozialen Hierarchie auf- und absteigen. Auch auf dem Land bahnten sich mit der Zeit im Verlaufe des 19. Jahrhunderts Veränderungen an. Ich gehe davon aus, dass die Einführung der Gewerbefreiheit und die Aufhebung der staatlichen Regulierungen tüchtigen Handwerkern und Gewerblern auf dem Land ermöglicht haben, die unternehmerischen Freiräume auszunützen, mehr Geld zu verdienen und sozial aufzusteigen.

4.4. Angehörige des Mittelstandes

Im 20. Jahrhundert gehörten die Vertreter der 8 Familien mit einer Ausnahme der Mittelschicht bzw. dem Mittelstand an. Die Familie Schlumpf ordne ich der Unterschicht zu. Sie waren besitzlos. Bis zu der Urgrosseltern- und zum Teil der Grosseltern-Generation waren die Vorfahren Teil des sogenannt «alten» Mittelstandes bestehend aus selbständig Erwerbenden aus Gewerbe, Handwerk, Dienstleistung und Bauernstand. Unsere Eltern- und teilweise die Grosseltern gehörten dem «neuen» Mittelstand an, der sich aus Angestellten und Beamten zusammensetzt. (16)

Unsere Vorfahren im 19. und 20. Jahrhundert fühlten sich den bürgerlichen Werten verpflichtet. Für sie galt der Grundsatz der Unantastbarkeit des Eigentums. Sie lehnten den Klassenkampf ab. Wichtige Werte waren: Leistung, Arbeit, Selbstverantwortung, Eigeninitiative, Fleiss, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Sparsamkeit, Bildung und die Solidarität innerhalb der Familie. Bei den Vorfahren galten die Devisen: «Einsatz und Arbeit lohnen sich», «Spare in der Zeit, so hast du in der Not», «Hilf dir selbst, so hilft dir Gott».

Auch nach harten Schicksalsschlägen und misslichen Lebenssituationen, z.B. Senn – Vorfahren nach dem Brand von Galten (1829) haben sie sich aufgerafft und sich aus eigener Kraft wieder eine neue Existenz aufgebaut. Der Leitspruch der Familie Mühlemann «Tout bien ou rien» («Mach es gut, oder lass es bleiben») weist darauf hin, dass für die Familienmitglieder Leistung und Selbstverantwortung eine wichtige Rolle gespielt haben. Das Beispiel von Christian Mühlemann und Elisabeth Zürcher, die als arme Kleinbauern ihren Nachkommen ein kleines Vermögen hinterlassen haben, zeugt zum Einen für ihren Fleiss, ihre bescheidene Lebensweise, ihre Sparsamkeit und zum Andern auch für einen gewissen Stolz, im Alter niemandem zur Last zu fallen. Beispiele von familiärer Solidarität und Unterstützung finden wir bei Martha Schenk, die als Witfrau beim Bau ihres Einfamilienhauses auf die Bürgschaften von Familienangehörigen zählen konnte. Auch Hans Mühlemann hat seinem Bruder Alfred für den Kauf eines Bauernhofes mit einem Kredit geholfen. Witfrauen, wie Bertha Senn-Wehrli und Martha Schenk-Jaussi waren trotz kleinem Vermögen im Alter darauf angewiesen, dass ihre Nachkommen sie zum Teil unterstützt haben.

Quellenangaben:

1 «Mittelschicht», Wikipedia
2 (s. 1)
3 «Mittelstand», verfasst von Tanner Albert, 25.08.2009, Historisches Lexikon der Schweiz
4 (s. 3)
5 Kleve Heiko «Aristoteles ‹ praktische Philosophie als praktische Begründung der Sozialarbeit/Sozialpädagogik» in Zeitschrift für Sozialpädagogik Heft 1/2003
6 «Der Mittelstand ist zur Mittelschicht verkommen», Neue Zürcher Zeitung vom 15.05.19
7 (s. 3)
8 «Bürgertum» Wikipedia
9 (s. 1)
10 (s. 3)
11 Minder Hans, mdl. Infos.
12 Meier Bruno, «Gott regier mein Leben», S. 264
13 (s. 3)
14 (s. 3)
15 «Unser Dorf – Geschichte» (www.boenigen.ch/unser-dorf/geschichte)
16 (s. 3)