19. Martha Schenk geb. Jaussi (1.3.1884 – 7.12.1962) Telefonistin, Geschäftsfrau (7. Generation)

19.1.Kindheit und Jugend auf der Gaugglern

Martha Jaussi wurde am 01.03.1884 als achtes Kind von Christian Jaussi und Anna Maria geb. Kobel auf der Gaugglern geboren. Nach ihr kamen noch zwei Mädchen (Lina und Bertha) auf die Welt, die jedoch im Säuglings- oder Kleinkinderalter verstarben. Martha hatte vier ältere Schwestern und drei Brüder. Die Zweitälteste, Maria war als knapp 7-jähriges Kind 1877 verstorben. Martha wuchs demnach als Jüngste mit sechs älteren Geschwistern auf.

Marthas Vater war Sager in der Sägerei auf der Gaugglern. Die Sägerei gehört zur Gemeinde Burgistein. Burgistein besteht aus verschiedenen Siedlungen, Weilern, Hofgruppen und Einzelhöfen. Einige davon liegen in der Gürbetalebene, andere im voralpinen Hügelland. Die Häuser auf der Gaugglern gehören zum Talgebiet. Neben der „Sagi“ standen im Weiler Gaugglern ein Bauernhaus, ein Stöckli, eine Mühle mit Wohnhaus, Stall und Tenn. Diese Gebäude gehören zur Gemeinde Wattenwil. Jaussis wohnten vermutlich im hölzernen Anbau der Säge, also in der Gemeinde Burgistein. Ganz sicher ist dies nicht, denn Christian Jaussi-Kobel, Sager, Gaugglern figuriert im Staatsarchiv mit seinem Wasserwerksvertrag als wohnhaft in Wattenwil. Vielleicht nahm man es mit der Gemeindezugehörigkeit im 19. Jahrhundert nicht so genau. Es ist davon auszugehen, dass die Familie zur Selbstversorgung noch einen kleinen Bauernbetrieb führte mit ca. zwei Kühen, einem oder zwei Schweinen und Hühnern. Gemüse wurde in einem grossen Garten und auf einem Pflanzplätz angepflanzt. Der Sagibach, der von der Gürbe abgezweigt wurde, betrieb die Wasserräder der Mühle und der Sägerei. Etwas weiter unten wurde das Wasser wieder in die Gürbe umgeleitet. Falls Jaussis im Wohnhaus der Sägerei gewohnt haben, dann lebten die Eltern mit den sieben Kindern und einem Knecht auf sehr engem Raum. Es gab im Erdgeschoss eine Küche und zwei Stuben und im oberen Stockwerk zwei Gaden. Seitlich war ein Stall und auf der Rückseite befand sich die Heubühne. Das Leben war sehr bescheiden und arbeitsreich. Schon die Kinder mussten kräftig mit anpacken. Sie mussten im Garten und im Stall helfen und vor allem die Mädchen mussten Handreichungen machen bei der arbeitsintensiven Wäsche draussen hinter dem Haus. Eine Verwandte erzählt, dass eine lange Wäscheleine zwischen den Bäumen aufgespannt wurde, um die vielen Wäschestücke aufzuhängen. Falls es überschüssige Milch gab, hatte eines der Kinder die Aufgabe, die Milch in die Käserei zu tragen. In der Freizeit spielte Martha mit ihren älteren Geschwistern und den Kindern vom Müller Gurtner, der die Mühle auf der Gaugglern betrieb. Ich vermute, dass es noch weitere Spielkameraden im Weiler gab z.B. auf dem Bauernhof. Die Umgebung mit den hohen Holzbeigen, dem Bach und dem Teich als Wasserreservoir, dem grossen Garten und den Feldern bot den Kindern viele Spielmöglichkeiten.

Martha besuchte die ersten Primarklassen vermutlich in der Schule in Burgiwil (Gemeinde Burgistein). Sie hatte einen ca. 20-minütigen Schulweg. Eine Verwandte wusste zu berichten, dass Martha als junge Primarschülerin in einem Winter, als viel Schnee lag, vom Knecht in einer „Hutte“ zur Schule getragen wurde. Die Oberstufe besuchte Martha in Wattenwil. Dort gab es eine „erweiterte Oberschule“ als Vorgängerin der Sekundarschule. Lehrer war ein Herr Mühlethaler. In Wattenwil lernte Martha ihren späteren Mann Fritz Schenk kennen.

Nach der Schule und vermutlich einem Welschland-Jahr ergriff Martha den Beruf einer Telefonistin.

19.2. Telefonistin in Kandersteg

Telefonistin war ein neuer Frauenberuf. Das Telefon war erst in den 1870er Jahren erfunden worden. Es war nicht die Erfindung einer einzelnen Person, sondern die Summe verschiedener. Bell war allerdings der erste, der 1876 ein Patentbegehren für ein Telefon gestellt hatte. Ab 1877 entwickelte sich das Telefon in den USA als Verkaufsschlager.

In der Schweiz wurde das erste Telefonnetz um 1880 in Betrieb genommen. In den Telefonzentralen wurden fast ausschliesslich Frauen angestellt. Eine Telefonistin ist eine Mitarbeiterin im Fernsprechverkehr. Ihre Aufgabe ist es, Telefongespräche anzunehmen und an die gewünschten Teilnehmer zu vermitteln. Warum wurden Frauen angestellt? Es wurde damit begründet, dass die weibliche Stimme besser verstanden werde und dass Frauen im Gegensatz zu männlichen Angestellten mehr Geduld und Feingefühl im Umgang mit den Kunden hätten. Die Anforderungen an eine Telefonistin bringt ein Buchtitel auf den Punkt: «Sanft wie eine Taube, klug wie eine Schlange und verschwiegen wie ein Grab.» (1)

Bis zur automatischen Telefonvermittlung (ab 1920) mussten die telefonischen Verbindungen noch manuell hergestellt werden. „Die Abonnenten wählten zuerst die Nummer der nächsten Telefonzentrale, wo die Telefonistinnen die Anrufe entgegennahmen und die gewünschte Verbindung an ihren Vermittlerpulten herstellten. Dazu steckte sie die Leitung des Anrufers, an deren Ende ein Stöpsel befestigt war, in die entsprechende Vertiefung…Teilweise musste der Kunde auch über mehrere Telefonzentralen weitergeleitet werden, bis die gewünschte Verbindung hergestellt war. Anhand von aufleuchtenden Lämpchen sah die Telefonistin, dass das Gespräch beendet war und trennte die Verbindung.“ (2)

Wie kam Martha dazu, diesen relativ „neuen“ Beruf zu ergreifen? Ende 19. Jahrhundert wurde in Wattenwil ein Telegraphenbureau (1870) und eine Telefonstation (ca. 1890) eingerichtet. Ich vermute, dass Martha von der Technik und den neuen Kommunikationmöglichkeiten fasziniert war. Vielleicht hat sie auch in Wattenwil gesehen, wie und was eine Telefonistin arbeitet. Auf jeden Fall scheint sie von diesem neuen Frauenberuf angetan gewesen zu sein. „ An die Interessentinnen wurden relativ hohe Anforderungen gestellt. So war die Kenntnis einer zweiten Amtssprache und teils Englisch Voraussetzung, um Telefonistin zu werden. Des Weiteren wurden genaue Geographiekenntnisse verlangt, weil die Arbeit in den Telefonzentralen ein schnelles Finden der Telefonnummern voraussetzte, die nach Regionen und Ortschaften geordnet waren. Auch mathematische Kenntnisse wurden vorausgesetzt, um die Taxen für die jeweiligen Telefonate korrekt zu berechnen. Darüber hinaus mussten die Anwärterinnen eine hohe Belastbarkeit aufweisen können, um aufgenommen zu werden. … Die Eignung für die Arbeit in den Telefonzentralen wurde durch eine Aufnahmeprüfung getestet. Diese Prüfung umfasste: ein Aufsatz in der Muttersprache, ein Diktat in einer Fremdsprache, die Übersetzung eines Textes in die Muttersprache, und allgemeine Fragen zur Geographie sowie Mathematikaufgaben». (3) Die einjährige Lehrzeit beinhaltete einen praktischen Teil: die Lehrtochter musste unter Aufsicht einer erfahrenen Telefonistin in einer Telefonzentrale arbeiten. Zur Ausbildung gehörte auch ein theoretischer Teil. Hier ging es vor allem darum, die zahlreichen Dienstvorschriften auswendig zu lernen und die Geographiekenntnisse zu erweitern. Bevor sie als Telefonistin arbeiten konnte, musste die Lehrtochter am Ende der Lehre eine Abschlussprüfung bestehen. Wo genau und wann Martha ihre Lehre gemacht hat, ist mir nicht bekannt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam Martha nach Kandersteg, um als Telefonistin zu arbeiten. Kandersteg liegt im Berner Oberland zuhinterst im Kandertal auf 1174 m ü. M. Seit alters her hatte Kandersteg eine Bedeutung als Durchgangsort für die Alpenüberquerung über die Gemmi oder den Lötschenpass ins Wallis und weiter nach Italien. Um die Jahrhundertwende war Kandersteg schon ein blühender Kurort. Das älteste Hotel war das Hotel Ritter, gegründet 1789 als „Säumertaverne“. Ab 1856 hiess es Hotel Victoria-Ritter; der heutige Teil Victoria wurde 1895 erbaut. Nach der Eröffnung der Spiez-Frutigen-Bahn 1901 wurden für die zunehmende Zahl von Gästen weitere Hotels gebaut, z.B. das Kurhaus (1902) und das Grand Hotel Belvédère (1903). Eine gute Adresse für die gehobene Gesellschaft war aber nach wie vor das zentral gelegene Hotel Victoria-Ritter mit seinem Speisesaal im Jugend-und Victorianischen Stil. Man bekommt eine Ahnung vom gesellschaftlichen Leben und der Mode der damaligen Zeit, wenn man in der letzten Januarwoche die „Belle Epoque-Woche“ in Kandersteg besucht: Damen und Herren flanieren dann in eleganten Jugendstil-Kleidern auf der Dorfstrasse, fahren Schlittschuh, gehen auf die Rodelbahn und feiern am Abend rauschende Bälle. Etwa so könnte es zu Marthas Zeit in Kandersteg ausgesehen haben. Für die ausländischen Gäste war die Telefonverbindung mit ihren Heimatländern wichtig. 1900 war eine Hand-Telefonzentrale errichtet und der Telegrafendienst im Haus vis-à-vis dem Hotel Victoria in Betrieb genommen worden. (4) Dies war der Arbeitsort von Martha. Die Bedeutung des Telefonverkehrs nahm noch zu als 1906 mit dem Bau des Lötschbergtunnels (07.03.1907-03.06.1913) begonnen wurde. Da veränderte sich auch das Gesicht von Kandersteg: In der Spitzenzeit lebten hier mehr als 3000 italienische Arbeiter und ihre Familien, ein Vielfaches der 455 Einheimischen, die der Ort Anfang 1906 zählte. Zwischen Dorf und Baustelle entstand eine provisorische Siedlung, ein „Italienerdorf“. 31 Gebäude wurden errichtet: Werkstätte, Depots, Büros, Spital, Schule, Wohnbaracken. Heute erinnern nur noch zwei mehrgeschossige Häuser an diese Zeit. Mit den italienischen Arbeitern und ihren Familien waren auch andere Berufsleute gekommen: Händler, Wirte, Bäcker, Barackenwirte, Friseure und Schuhmacher. Nonnen pflegten die Kranken im Bauspital und unterrichteten die Kinder in der italienischen Schule. Nähere Beziehungen zwischen Einheimischen und Italienern scheinen selten gewesen zu sein. Nur sechs Schweizerinnen nahmen einen Italiener zum Mann und kein einziger Einheimischer eine Italienerin zur Frau. Die Sittenpolizei warnte im Amtsanzeiger: „Mädchen vom Kandertal! Nehmt euch in dieser gefährlichen Bauperiode hübsch in Acht! Ein einziger Fehltritt kann euch fürs ganze Leben ins grösste Unglück stürzen.“ (5) Martha soll auch im Baubüro des Lötschberg-Tunnelbaus (heutiges Pfadiheim) gearbeitet habe. Dort war sie mit den Leitern des Tunnelbaus, mit Schweizern und Franzosen in Kontakt. Die Verantwortung für den Tunnelbau war einem Baukonsortium «Entreprise Générale du Lötschberg (EGL)» übertragen worden. Zur Zeit der tragischen Unfälle beim Bau des Lötschbergtunnels lebte Martha schon nicht mehr in Kandersteg. Auf der Südseite des Tunnels waren im Februar 1908 25 Menschen bei einer Lawine in ihrer Baubaracke ums Leben gekommen; am 23.07.1908 wurden bei einer Sprengung im Stollen 26 Arbeiter verschüttet und getötet.

19.3. Maskenverkauf an reiche Engländer

Martha Jaussi heiratete am 12.03.1908 ihren Jugendfreund Friedrich Schenk aus Wattenwil. Der Ort der Verehelichung ist unbekannt. Das Paar zog nach Adelboden. Das erste Kind, ein Mädchen, starb 1909. Am 28.05.1910 kam die Tochter Ottilie auf die Welt und am 02.08.1911 die jüngere, Ellen.

Mit den Lebensbedingungen in Adelboden zu Beginn des 20. Jahrhunderts und der Geschäftsgründung habe ich mich ausführlich in der Biographie von Friedrich Schenk beschäftigt. Friedrich Schenk und Martha Schenk geb. Jaussi haben in den Boom-Jahren vor dem 1. Weltkrieg in Adelboden ein Coiffeurgeschäft mit Kiosk aufgebaut. Martha hat im Geschäft mitgeholfen. Sie hat Haare gewaschen und Handreichungen gemacht und wenn ihr Mann nicht im Geschäft war die Angestellten überwacht. Ein grosser Teil des Umsatzes wurde mit dem Verkauf von Kioskartikeln erzielt: Zeitungen, Ansichtskarten Masken, Süssigkeiten etc. Martha hat ihren Nachkommen erzählt, wie die reichen Engländer ins Geschäft kamen, um Masken für die Maskenbälle zu kaufen. „Sie habe da vor lauter Angst plötzlich Englisch sprechen können. Die Engländer hätten das Schweizer Geld nicht so genau gekannt und hätten oft ein grosszügiges Trinkgeld gegeben, manchmal sogar einen Fünfliber.“

Wie die Familie die Kriegsjahre 1914-1918 wirtschaftlich überlebt hat, als auf einen Schlag die Touristen ausblieben, ist mir ein Rätsel. Nach dem ersten Weltkrieg ging es dann wirtschaftlich wieder aufwärts. Für den Haushalt hatte die Familie ein Dienstmädchen angestellt. Neben der Betreuung der Kinder und der Mithilfe im Geschäft und vermutlich auch der Verköstigung der Angestellten, oft waren es Verwandte und den Malerfreunden ihres Mannes hat Martha sich auch noch um weitere Familienangehörige gekümmert. So hat sie z.B. ihren Bruder Hans Rudolf Jaussi, der technischer Assistent des Gaswerks der Stadt Zürich war, in Adelboden „mit grosser Liebe gepflegt. Er war 1921 während einer Grippenepidemie erkrankt und starb im selben Jahr trotz guter Pflege an Schlafkrankheit». (6) Die Leidenschaft als Hobbymaler von Friedrich Schenk und seine schleichende Krankheit brachten es mit sich, dass er oft abwesend war im Coiffeursalon. Da musste seine Ehefrau die Verantwortung für das Geschäft übernehmen. Das gab Spannungen. Ich nehme zwar an, dass Friedrich Schenk vor allem in der Zwischensaison seinem Mal-Hobby frönte, aber trotzdem war sein Fehlen im Geschäft ein Problem. Seit 1923 litt Friedrich Schenk an einem Nierenleiden und war oft krank. Er war häufig zur Kur im Tessin. Sein Tod am 04.09.1928 kam aber doch schnell und überraschend.

19.4. Witwe mit eingeschränkter Handlungsfähigkeit – Zustimmung der Gemeinde erforderlich

Mit 44 Jahren wurde Martha Schenk geb. Jaussi Witwe. Die zwei Töchter waren noch unmündig. Zu der Zeit war Ottilie schon im Seminar Thun und lebte unter der Woche vermutlich bei Verwandten in Thun. Neben der seelischen Belastung durch den Verlust des Ehemannes ging es auch um existenzielle Fragen: Es gab damals noch keine Witwenrente. Wovon sollte die Familie leben? Wie sollte es mit dem Geschäft weitergehen? Wo sollte in Zukunft der Lebensmittelpunkt sein? Die Witfrau entschloss sich, das Geschäft zu verkaufen und nach Thun zu ziehen. Es dauerte aber mindestens zwei Jahre, bis sie die Umzugspläne umsetzen konnte. Offensichtlich übernahm die Gemeinde Adelboden gemäss Gemeinderatsprotokollen eine Beistandsschaft gegenüber den minderjährigen Töchtern: „Am 29. Okt. 1928 wurde namens der minderjährigen Kinder Ottilie und Ellen Schenk ein Erbschaftsinventar aufgenommen.“ Am 3. Juni 1929 wird vom Gemeinderat von Adelboden dem „zwischen der Wwe. Frau Martha Schenk geb. Jaussi und der Ersparniskasse Adelboden AG abgeschlossene Kaufvertrag und Kaufrechtsvertrag … namens der unmündigen Töchter der Verkäuferin Ottilie und Ellen Schenk die Genehmigung erteilt.“ Martha Jaussi konnte also das Geschäft, das in bester Lage war, an die Ersparniskasse Adelboden AG verkaufen. (7) Im Kaufvertrag vom 13.03.1931 wird der Verkaufspreis auf «Fr. 140’000.- festgelegt. Es bestand noch eine Hypothekarschuld von Fr. 31’840.20. Die «Besitzung» bestand aus einem Wohn – und Geschäftshaus auf dem Platz, vorhalb der Kirche in Innerschwand und dem Gebäudeplatz, Garten und Umschwung, laut Steuerregister zusammen im Halte von 7,5 Aren. Für die Geschäftseinrichtung und das Geschäftsmobiliar wurde ein Kaufpreis von Fr. 30’000. festgesetzt. Die bestehenden Mietverträge mussten gekündigt werden.» (8)

Martha Schenk geb. Jaussi wollte ihren Wohnsitz nach Thun verlegen. Vermutlich spielte bei ihren Überlegungen die besseren Ausbildungsmöglichkeiten in der Stadt für ihre Töchter eine ausschlaggebende Rolle. Sie hat in Thun bei der Blüemlimatt AG Bauland gekauft. Gegenüber der Spar- und Leihkasse Thun mussten namens der minderjährigen Töchter für Fr. 13’500.- Bürgschaftsverpflichtungen eingegangen werden. „Als Bürge wird Oskar von Ow-Jaussi, Coiffeur in Gunten aufgeführt. Als Mitbürgen haben sich die Herren Simon Jaussi, Sägereibesitzer in Burgistein und Hans Imhof, Schlosser in Freiburg verpflichtet.“ (9). Die Gemeinde Adelboden musste namens der unmündigen Kinder auch „die Einwilligung und Zustimmung zum Kauf des Baulandes von der Blüemlimatt AG in Thun gemäss Art. 148 Ziff. 2 E.G.zZGB erteilen“. Dies tat sie mit einem Beschluss vom 2. Dez.1929. Am 19. Mai 1930 hat der Gemeinderat der Aufnahme eines Baukredites von Fr. 50’000.- bei der Spar-und Leihkasse in Thun zugestimmt. Am 2. Dez.1930 hat die Gemeinde „auf Gesuch des Notars A. Itten Thun Frau Wwe. Schenk als handlungsfähig erklärt“. Namens der minderjährigen Ellen Schenk wurde dem reduzierten Schuldbrief auf Fr. 30’000.- an die Hypothekarkasse des Kantons Bern, sowie zu allen diesen Cession und Kapitalveränderung betreffenden Rechtshandlungen gemäss Art. 148 Ziff. 2 E.G die Zustimmung erteilt». (10)

Diese Einträge aus den Gemeinderatsprotokollen von Adelboden zeigen auf, wie wichtig verwandtschaftliche Beziehungen für die Witfrau waren: Oskar von Ow-Jaussi, Coiffeur von Gunten war der Mann einer Nichte. Er und seine Frau hatten früher in Schenks Coiffeurgeschäft in Adelboden gearbeitet und event. hatten sie dort sogar ihre Ausbildung gemacht. Simon Jaussi, Sägereibesitzer, war ein Bruder von Martha. In welcher Beziehung Hans Imhof zur Familie stand ist mir nicht bekannt. Weil ihre Töchter noch minderjährig waren, war Martha in ihrer Handlungsfreiheit stark eingeschränkt und musste bei ihrem Bauvorhaben jeden einzelnen Schritt durch die Gemeinde absegnen lassen.

Der nächste Lebensabschnitt von Martha Schenk Jaussi und ihren Töchtern fand in Thun statt. Ottilie war zu Beginn noch im Lehrerinnenseminar Thun. Ellen machte in einer privaten Institution eine Ausbildung als Kindergärtnerin. Das neu erbaute Haus am Blüemlimattweg war in zentraler Lage in Thun am Hang zwischen dem „Lauitor“ und dem heutigen Kunstmuseum. Es gibt eine Foto von diesem Haus: Darauf sieht man ein grosses schönes Einfamilienhaus auf einer Blumenwiese abgebildet.

Wie hat Martha Schenk als Witwe gelebt? Wie kam sie finanziell über die Runden? Offensichtlich hatte sie nicht nur Vermögen, sondern auch von irgendwoher Einnahmen. Eine Verwandte meinte, Martha habe vielleicht in ihrem grossen Haus Zimmer vermietet. Sie wusste auch zu berichten, dass Martha sehr belesen war und Betreuungsaufgaben in der Familie übernahm: z.B. habe ihr Patenkind Martha Jaussi, Tochter der Schwester Rosa, zeitweilig als Pflegekind bei ihr gewohnt.

19.5. Als Grossmutter in der Familie Rentsch in Köniz

Im Jahr 1943 hat Martha Schenk geb. Jaussi ihr Haus in Thun verkauft und ist zu ihrer verheirateten Tochter Ottilie Rentsch-Schenk nach Köniz gezogen. Dort hat sie Geld in das Einfamilienhaus ihres Schwiegersohns an der Landorfstrasse 57 investiert. So konnte der Dachstock ausgebaut und 3 Zimmer, eine Küche und ein Bad eingerichtet werden. Auch die zweite Tochter Ellen Oehrli-Schenk erhielt Fr. 20’000.-, als Beitrag an einen Hauskauf im Gwatt. In Köniz konnte sich Martha nun intensiv den Grosskindern widmen: Annemarie war damals 6 und Hannes 4 Jahre alt. Im September 1943 war Christoph auf die Welt gekommen. Martha hat ihre Tochter im Haushalt und bei der Kinderbetreuung unterstützt. Die Grossmutter habe morgens und abends für sich gekocht, am Mittag habe sie mit der Familie gegessen. Da Ottilie im Kirchenchor Köniz bei ihrem Mann und im Kammerchor unter der Leitung von Fritz Indermühle mitsang, war sie sicher froh, wenn sie am Abend eine Babysitterin im Haus hatte. Martha Schenk ging aber auch regelmässig nach Gwatt, um dort ihre drei Grosskinder: Simon, Lisebeth und vor allem Meieli zu hüten. Christoph erinnert sich gerne an seine Grossmutter. Sie sei mit ihm und den Geschwistern in den Wald gegangen und sei der ruhende Pol in der Familie gewesen. Als Gymnasiast habe er manchmal bei ihr Aufgaben gemacht und z.B. Gedichte auswendig gelernt. Das Auswendiglernen sei ihm schwer gefallen, die Grossmutter habe ihn geduldig abgehört. Eine Zeitlang hat Christoph sogar in einem Stübchen in der Wohnung der Grossmutter gewohnt.

In späteren Jahren machten sich Altersschwächen bemerkbar und Martha konnte nur noch sitzende Tätigkeiten ausführen: Rüsten, Flicken, Socken Stricken gelegentlich Bügeln. Sie hat viel gelesen, vor allem klassische Literatur. Im Alter litt Martha zunehmend unter Atem- und Herzproblemen. Häufig musste der Arzt kommen, der ihr zur Stärkung Spritzen verabreichte. Dies verursachte Kosten. Gemäss dem Tagebuch von Martha überreichte ihr die Tochter Ellen ca. alle zwei Monate Fr. 100.- Mir ist nicht bekannt, ob die Töchter ihre Mutter von Anfang an finanziell unterstützt haben, oder ob das erst während der Krankenphase der Fall war, als hohe Arztkosten anfielen.

In ihrem letzten Lebensjahr 1962 hat Martha Schenk-Jaussi in einem Taschennotizkalender Aufzeichnungen gemacht. Ihr Schwiegersohn, Hans Rentsch hat die Notizen abgeschrieben. In der Einleitung schreibt er: „Begabt mit hellem, kritischen Geist verfolgt Mutter Schenk von ihrer Stube aus, ihren geschwächten Zustand und das Leben um sie herum. Sie weiss, wie es um sie steht, schreibt sie doch:“….ich bin ein schwaches Rohr, …. ich möchte am liebsten sterben, dann wäre es auf einmal still.“ Die Todessehnsucht bricht immer wieder durch: „Diese ewige Spritzerei verlängert nur um Tage mein Leben, richtig „zweg“ kann er mich nicht mehr machen. Ihr schwerstes Leiden vertraut sie dem Büchlein an. Mit Teilnahme verfolgt sie was vorgeht im Haus an der Landorfstrasse und im Haus in Gwatt. „Hier geht es ein und aus wie in einem Bienenhaus, ……mir würde das Leben verleiden, immer ein solcher Betrieb.“ Sie sorgt sich um die Kümmernisse der Angehörigen, vor allem der Jungen, freut sich aber herzlich über ihre Erfolge. …. Man vernimmt täglich etwas über das Wetter, dann folgen die Beobachtungen. Diese sind mit Sentenzen, Aussprüchen, Zitaten u.a. aus der Literatur gespickt, man merkt, dass Mutter Schenk sehr belesen war. Auch ihr charakteristischer Humor bricht hie und da durch.“ (11)

Dank Marthas Schilderungen bekommt man einen guten Eindruck vom bewegten Leben der Familie Rentsch an der Landorfstrasse. Da gingen Verwandte, Freunde und junge ausländische Gäste, welche von den erwachsenen Kindern eingeladen worden waren, täglich ein und aus. Das Bild vom Bienenhaus ist sehr treffend. Am meisten haben mich jedoch Marthas Schilderungen von ihrem Leiden und ihre Auseinandersetzung mit dem Sterben berührt. Hier ein paar Auszüge aus ihren Notizen im Jahr 1962:
„Und Hiob starb alt und des Lebens satt.“ (19. Januar)
„Ein Christ kann ohne Kreuz nicht sein.“ Pauluswort (Sonntag, 21. Januar)
„Spät auf, früh underi, und gleichwohl nur Schlotterbeck.“ (12. Februar)
„Ach, wenn ihr wüsstet, wie mühselig ich mich noch herumschleppe, ihr würdet meine Sehnsucht nach dem Tod begreifen“ (14. Feb.)
„Ich wäre so gerne eingeschlafen, aber alle kommen immer mit lieben freundlichen Gesichtern und rufen mich wieder ins Leben zurück.“ (18. April)
„Es blüht, es ist eine Pracht. Mich wundert, dass ich es noch einmal erlebte mit meinen Kräften.“ (8.Mai)
„Ich möchte nur noch Christophs Matur erleben, dann ade du böse Welt.“ (8. Sept.)
„O, wie bin ich müde und matsch und doch immer noch da, zu bös um abzutreten.“ (1. Oktober)
„Diese Schwäche ist unheimlich, aber da bin ich immer noch und kann nicht mit dem Leben fertig werden.“ (10. November)
Martha scheint eine gläubige Frau gewesen zu sein. Sie fand Trost in der Bibel und in christlichen Liedern:

  • „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“. (4. März)
  • „Der Mensch lebt und besteht nur eine kleine Zeit,
    und alle Welt vergeht mit ihrer Herrlichkeit.
    Es ist nur einer ewig und an allen Enden
    Und wir in seinen Händen.“ (11. März)
  • „Ich liege Herr, in deiner Hut und schlafe sanft im Frieden.
    Dem, der in deinen Armen ruht, ist wahre Rast beschieden.
  • Du bist`s allein, Herr, der stets wacht zu helfen und zu stillen,
    wenn mich die Schatten finstrer Nacht mit jäher Angst erfüllen.
    Dein starker Arm ist ausgestreckt, das Unheil mich verschone
    Und ich, was auch den Schlaf noch schreckt, bestimmt und sicher wohne.
    Du hast die Lider mir berührt. Ich schlafe ohne Sorgen.
    Der mich in diese Nacht geführt, der leitet mich auch morgen.
    Abendlied von J. Klepper (12)

Am Freitag den 7. Dezember 1962 ist Martha Schenk in den Armen ihrer Tochter an Herzversagen gestorben. Am 11. Dezember war die Beerdigung.

Quellenangaben:

1 Bühlmann Yvonne, Zatti Kathrin «Sanft wie eine Taube, klug wie eine Schlange und verschwiegen wie ein Grab», Frauen im schweiz. Telegrafen-und Telefonwesen 1870-1914
2 «Telefonie», Wikipedia
3 «Telefonistin», Wikipedia
4 Sammlung U. Junger, Kandersteg
5 Krebs Peter «Die Nomaden des Tunnelbaus», Bund vom 07.09.2013
6 Rentsch Hans «Lebenslauf von Martha Schenk-Jaussi»
7 Gemeinderatsprotokolle vom 29.10.1928/3.06.1929/13.03.1931
8 Kauf-Vertrag beglaubigt durch den Amtsschreiber am 24.03.1931
9 Spar- und Leihkasse Thun, 16.09.1929 «Bürgen»
10 Gemeinderatsprotokolle vom 2.12.1929/19.05.1930/2.12.1930
11 Rentsch Hans, Anmerkungen zu den Notizen
12 Aufzeichnungen im Taschennotizkalender