14. Marie Rosalie Rentsch geb. Mühlethaler (16.10.1873 – 15.1.1951) Bäuerin, (6. Generation)

14.1. Tochter einer Gastwirtfamilie

Marie Rosalie Mühlethaler wurde am 16.10.1873 in Hermiswil geboren. Ihre Eltern führten den Gasthof zum „Weissen Rössli“. Marie hatte 5 ältere Geschwister: 3 Brüder und 2 Schwestern; und 2 jüngere Schwestern. Die älteste Schwester war mit 2 Jahren gestorben. Aus Maries Kindheits- und Jugendzeit ist wenig bekannt. Sie besuchte 9 Jahre lang das alte Schulhaus zwischen Hermiswil und Riedtwil. Obschon es Dienstboten gab, gehe ich davon aus, dass Marie und ihre Geschwister im Gasthaus und auf dem Bauernhof mithelfen mussten. Viel Freizeit blieb den Kindern vermutlich nicht. Sicher hat Marie die nähere Umgebung von Hermiswil erkundet und die Findlinge und das katholische Kirchlein von Steinhof waren ihr bekannt. Hans Rentsch, ihr Sohn besuchte später mit seiner Mutter die Findlinge und das Kirchlein: „Auf dem nahen Steinhof bestaunten wir den riesigen Eiszeit-Findling, den erratischen Block aus Arkesingneis vom Rhonegletscher aus dem Val de Bagne her getragen. Viele Jahre später entdeckte ich im Wald zwischen Riedtwil und Grasswil mehrere solche imposante Steinriesen. Mit Ehrfurcht traten wir in das stille Kirchlein (von Steinhof) der solothurnischen Enklave und betrachteten ganz aus der Nähe das Marienbild über dem Altar.“ (1) Als Marie 8 Jahre alt war, starb ihr Vater 1881. Die 2 jüngsten Kinder waren 6 bzw. 3 Jahre alt. Dieses tragische Ereignis war ein markanter Einschnitt und eine grosse Belastung für die Familie. Von jetzt an musste die Mutter, Magdalena Mühlethaler geborene Jost für die Familie sorgen und den Gasthof führen. Sicher mussten die älteren Geschwister 15, 14, 13 und 12-jährig schon tatkräftig im Betrieb mithelfen. Die älteste Tochter Anna (1868 – 1947) hat ja dann später bis ca. 1917 den Gasthof weitergeführt. Was Marie nach dem Schulaustritt gemacht hat, ist nicht genau bekannt. Hat sie ein Welschlandjahr gemacht und später in der Stadt Bern gearbeitet?

14.2. Mutter und Bäuerin

Aufgrund der Tatsache, dass Marie Mühlethaler als 30-jährige Frau Eduard Rentsch am 5.6.1903 in Bern geheiratet hat, gehe ich davon aus, dass sie damals in der Stadt eine Arbeitsstelle hatte. Wenn ihr Wohnsitz noch in Hermiswil gewesen wäre, hätte die Trauung dort oder an einem andern Ort im Oberaargau oder im Emmental stattgefunden. Marie war schwanger und im Herbst wurde ihre älteste Tochter Klara Johanna (17.9.1903) in Hermiswil geboren. Gemäss Auskunft einer Verwandten soll das Paar den zum Gasthof gehörenden Bauernhof bewirtschaftet haben. Auch die zweite Tochter Hedwig Elisabeth kam am 31.8.1905 dort auf die Welt. Die Pacht eines Bauernhofes im Loch auf der Oschwand war nur ein kurzes Intermezzo. Dort wurde Fritz Wilhelm am 13.5.1907 geboren. 1908 zog die Familie auf den eigenen Hof in der Gommenmatte bei Huttwil. Die beiden Jüngsten der Familie: Hans Werner, geb. 2.11.1908 und Margarethe, geb. 18.1.1910 kamen in der Gommenmatte auf die Welt.

Marie war Mutter von 5 Kindern und Bäuerin. Ihr Sohn Hans schildert später in seinen „Jugenderinnerungen“ den Bauernhof auf der Gommenmatte als stattlich und schön. Für die Bäuerin und Hausfrau war das Bauernhaus im Alltag wohl weniger idyllisch: „Fast in allen Räumen fehlte es an genügend Licht. Die Küche war wohl gross, aber finster und nicht sonderlich gut eingerichtet. Im Gang war keine Lampe, über der Treppe auch nicht. Wenn man in den obern Gang hinaufsteigen wollte, stolperte man gewiss über einige Paar Schuhe und stiess auf dem Treppenabsatz an halbgefüllte Futtermittelsäcke. In den oberen Stuben war lange keine elektrische Beleuchtung, man musste sich mit Petrollampen begnügen.“ (2) Die 5 Kinder, das Bauernhaus, der Garten und der Pflanzplätz gaben viel Arbeit. Als die Kinder klein waren, brauchte Marie eine Magd.

14.3. Aufbesserung des Familieneinkommens: 50 Rappen für 1 Ei im Ersten Weltkrieg

Der Hof warf nicht viel ab, deshalb musste Marie sparsam sein und das Geld gut einteilen. Wie das bei Bauernfamilien üblich war, hat sie mit der Kleintierhaltung Geld erwirtschaftet zur Aufbesserung des Familieneinkommens. Mit dem Eiergeld – in der Teuerung im Ersten Weltkrieg erhielt sie längere Zeit 50 Rappen für ein Ei – konnte sie die Auslagen für die Kinder in der Schule bezahlen. Daneben war das Gemüse, das Marie auf dem „Pflanzplätz“ anpflanzte wichtig für die Selbstversorgung. Marie trug mit ihrer Arbeit einen wesentlichen Teil zum Einkommen der Familie bei. Die Abwesenheit ihres Mannes während des Ersten Weltkrieges war eine grosse Belastung für die Bäuerin. Eduard musste oft einrücken. „Da musste die Mutter schauen, wie sie mit allem «Zschlag» kam.» (3) Es galt eine 7- köpfige Familie und 2 Dienstboten zu ernähren. „Während des Krieges hatte die Mutter gewiss oft Sorge, was sie auf den Tisch stellen könnte. Einmal war ein schlechtes Kartoffeljahr. Alle Spaser waren angefault. Ein andermal frassen die Kohlweissraupen sozusagen den ganzen Kabisplätz. Und dann war eben Teuerung. Die Mutter buk aus Mais Kuchen. Wir rissen uns eben nicht darum, weil uns Mais für die Hühner und Schweine bestimmt schien, was wir täglich sehen konnten. Auf jeden Fall blieb es bei dem Versuch. Auch über das Zichorienpulver im Kaffee rümpften wir zuerst die Nase, bis wir uns daran gewöhnt hatten.“ (4) Die Familie hat während des Krieges Zichorien angepflanzt und nach Huttwil in die Fabrik geliefert.

14.4. Tradition und Offenheit für Neues: ein Klavier in der Bauernstube

Marie hatte Sinn für Traditionen. Sichlete (Erntedank) war ein wichtiges Ereignis im bäuerlichen Jahreslauf. Die Mutter verstand es, den Tisch festlich zu decken und mit einem schönen Feldblumen- Dahlien-und Ährenstrauss zu schmücken. Bei der Sichlete ging es fast zu und her wie bei den bäuerlichen Festessen, die Jeremias Gotthelf so eindrücklich schildert, z.B. das Taufessen in der «Schwarzen Spinne». Weitere Höhepunkte waren die „Metzgete“ und Festsonntage. Geburtstage wurden nicht gefeiert. Im Alltag war das Essen sehr einfach. Die Familie lebte von dem, was der Hof, der Garten und den Pflanzblätz hergaben. „Am Abend löffelte man gemeinsam aus einer Platte Rösti, dazu gab es Kaffee und Brot.“ (5)

Jeden Sommer wurde in Hermiswil der Schnittersonntag gefeiert. Marie zog es auch im Erwachsenenalter mit ihren Kindern zu diesem Fest. Sie pflegte Kontakte zu ihren Schwestern und besuchte sie anlässlich der Wanderung nach Hermiswil. Elise (Tante Hofer) lebte mit ihrer Familie auf einem Bauernhof bei Thörigen. „Bei der Tante Hofer, der älteren Schwester meiner Mutter wurden wir freundlich empfangen. Mit dem Onkel und den Kindern standen wir immer aufs beste. Wenn wir die Kinder, die Hühner, die Schweine und sonst alles besichtigt hatten, gab es drinnen in der Stube einen herrlichen bezuckerten Eiertätsch und Kaffee…“ (6) Die 2 jüngeren Tanten waren ledig und wohnten im Stock neben dem Gasthaus in Hermiswil. Die Kinder durften dort gelegentlich Ferien verbringen. Frieda war Posthalterin und Bertha versah Barrierenwärterdienst bei der SBB. An Hermiswil rasten die Eisenbahnzüge vorbei.

Hans Rentsch beschreibt seine Mutter als eine liebevolle, gemüthafte, offene Frau, die ihm einen starken Glauben an das Gute und den Hort der Kirche mitgegeben habe. Hans war wegen seinem gelähmten Arm ein Sorgenkind. Die Mutter umhegte ihn mit vermehrter Liebe und Sorgfalt, aber ohne ihn zu verwöhnen oder zu verziehen. Ein Verdienst von Marie Rentsch war, dass in der einfachen Bauernstube ein Klavier stand; dies war aussergewöhnlich für die damalige Zeit. Sie ermöglichte damit ihrem Sohn Hans den Klavierunterricht und später den Übertritt ins Lehrerseminar. Sie hatte auch ein Herz für andere Menschen und nahm während des Krieges oder kurz nachher, zur Zeit der österreichischen Inflation ein bleiches mageres Mädchen aus Wien in die Familie auf.

Die letzten Lebensjahre verbrachte das Ehepaar Eduard und Marie Rentsch-Mühlethaler getrennt. Marie lebte bei der Familie ihrer Tochter Hedwig Leuenberger–Rentsch auf dem Bauernhof in der Matte bei Huttwil. Eduard war bei der Familie seiner Tochter Margarethe Fiechter-Rentsch im Städtchen Huttwil untergebracht. Ob dies aus finanziellen Überlegungen geschah, oder ob noch andere Gründe eine Rolle spielten, ist mir nicht bekannt. Marie Rentsch geborene Mühlethaler verstarb am 19.01.1951 in Huttwil.

Quellenangaben:

1 Rentsch Hans «Jugenderinnerungen», Separatdruck aus dem Unter-Emmentaler, erweiterte Auflage 1986, S. 11
2 (s. 1) S. 3
3 (s. 1) S. 8
4 (s. 1) S. 10
5 (s. 1) S. 10
6 (s. 1) S. 11