18. Jaussi von Wattenwil BE, ab 1700, Schneider, Sager

Die Familie Jaussi ist in Wattenwil BE heimatberechtigt. Jaussis sind Burger der Gemeinde und haben ein eigenes Wappen: Blau mit einem gelben Balken unterteilt, oben zwei gelbe sechszackige Sterne und unten ein Stern. Der Name Jaussi geht auf den im Mittelalter beliebten Taufnamen Johannes oder dessen Koseform Hannes zurück. (1)

18.1. Herkunft

18.1.1. Das Dorf Wattenwil

Wattenwil BE „ist eine politische Gemeinde im Amtsbezirk Seftigen Verwaltungskreis Thun. Die Streusiedlung im oberen Gürbetal am Osthang des Gurnigels umfasst die Gemeindeteile und Schulkreise: Dorf, Mettlen und Rain. Benachbarte Gemeinden sind: Burgistein, Riggisberg, Seftigen, Blumenstein. (2)

Die Gemeinde Wattenwil hat eine Fläche von 1 452 ha. Davon sind 705 ha Wald und 616 ha landwirtschaftliche Nutzfläche. Die Siedlungsfläche inkl. Verkehrsfläche beträgt 104 ha. 27 ha sind unproduktive Fläche. Das Dorf liegt auf 603 m ü.M. Der höchste Punkt der Gemeinde liegt im oberen Gurnigelwald auf 1’310 m ü.M. , der tiefste in der Gauggleren auf 575 m ü.M. Die Gemeinde hat 2’961 Einwohner, Stand 31.12.2018. (3) Sie gehört heute zu den mittelgrossen Gemeinden des Kantons Bern. Das Gemeindewappen von Wattenwil hat eine rote Hintergrundfarbe und darauf drei goldene Flügel. Es wurde von der gleichnamigen bernischen Patrizierfamilie von Wattenwyl abgeleitet. Die Bedeutung des Wappensymbols ist ungewiss. Es könnte einen religiösen Sinn haben: «Unter dem Schatten deiner Flügel beschütze uns Herr.» Oder die drei Flügel könnten auch für die drei Bezirke «Dorf», «Mettlen» und «Rain» gelten. (4)

Die Lage von Wattenwil beschreibt Johann Friedrich Schär, Lehrer von 1865-1868, wie folgt:
„Die Gemeinde ist wie zum Obstgarten geschaffen, weil sie durch die Berge gegen Sturm und Hagelschlag geschützt ist. Die nach Osten gekehrten Berghalden sind mit kleineren Bauernhöfen übersät, die Gipfel umrahmt von grossen, gutbewirtschafteten Wäldern; über der Talsohle breiten sich die Wiesengelände des Hügelzuges, die wellig geformten mit schönen Bauernhäusern und Matten bedeckten Moränen des einstigen Gletschers; und noch weiter schweift der Blick zu dem zauberisch schönen Thunersee, darüber erheben sich die majestätischen Hochalpen, deren Silberfirne jetzt im Glanz der Mittagssonne zu uns herüber leuchten.“ (5)

Ein anderer Erzähler gibt folgendes Bild von Wattenwil im 19. Jahrhundert: „Das Kirchdorf Wattenwil liegt zuoberst im Tal der Gürbe. Das ist der Fluss, das Flüsschen, der das langgestreckte, muldenförmige Tal zwischen dem Belpberg und dem Längenberg durchfliesst. Die Gürbe entspringt in Quellen droben am Gantrisch und an der Nünenen und mündet unterhalb Belp in die Aare. In ihrem Oberlauf ist sie ein Wildbach und zwar ein gefährlicher….
Vordem schritt oder fuhr man über die alte, buckelige Brücke direkt ins Wattenwiler Unterdorf…..Unterdorf und Oberdorf gleichen sich in der Anlage….Das Oberdorf ist wohl zuerst entstanden, denn überall im Gürbetal mieden die ersten Siedler aus guten Gründen den Talboden. Bei wachsendem Verkehr ergab es sich von selbst, dass auch unten in Flussnähe gebaut wurde: zuerst die Brücke, die die Talseite ans gesicherte bergseitige Ufer führte. Dann entstanden die Häuser um den heutigen „Bären“, das Krämerhaus, die Bäckerei, die Mühle und weitere handwerkliche Häuser und Häuschen. Dem entsprachen im Oberdorf die Wirtschaft „Zum Tell“, die hochgieblige Käserei, das langgestreckte Haus mit dem Allerleiladen und dem Postbüro…Im Dorfkern, der von einem grossen eckigen Brunnen beherrscht ist, stand und steht noch das Gemeindehaus mit dem Löschgerätemagazin, dem Gemeindearchiv und dem Ortsgefangenenlokal. Im Oberdorf stehen die Kirche, das Pfarrhaus, das Doktorhaus, das Schulhaus mit der gemeinsamen Oberschule, heute Sekundarschule. (6)

18.1.2. Geschichte

Das Gemeindegebiet von Wattenwil war schon sehr früh besiedelt, was anhand von einigen Funden aus der Bronzezeit und der Römerzeit nachgewiesen werden konnte. Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes erfolgte 1226 unter dem Namen Watenwile. Später erschienen die Bezeichnungen Wattenwile (1262), Watwile (1268), Watinwile (1276) und Watenwil (1295). Der Ortsname geht auf den althochdeutschen Wato zurück und bedeutet demnach „beim Gehöft des Wato“.

Im Mittelalter unterstand das Dorf der Oberhoheit der Grafen von Kyburg und war im 13. Jahrhundert Teil des Herrschaftsgebietes der Herren von Montenach. Später gab es zahlreiche Besitzerwechsel. Bis zu der Reformation gehörte es zum Herrschaftsgebiet der Burgunder. Unter Berner Herrschaft wurde Wattenwil dem Landgericht Seftigen zugeordnet. Nach dem Zusammenbruch des Ancien Régime (1798) gehörte Wattenwil während der Helvetik zum Distrikt Seftigen und ab 1803 zum Oberamt Seftigen, das mit der neuen Kantonsverfassung von 1831 den Status eines Amtsbezirks erhielt. (7)

Wattenwil wurde 1659 zur eigenen Pfarrei erhoben und zwar wegen der „Täufer-Sekte“. Täufer waren in der Region sehr zahlreich. Sie verweigerten der Obrigkeit den Treueid. Sie trugen weder Waffen, noch waren sie bereit, Kriegsdienst zu leisten. Deshalb und nicht unbedingt wegen der Ablehnung der Kindestaufe wurden sie von der Obrigkeit verfolgt. Die Berner Regierung hatte die Absicht, mit einem Pfarrer in Wattenwil die Täufer wieder in den Schoss der Kirche zurück zu bringen. „Es sind Täufer-Schicksale aus Wattenwil bekannt, wie zum Beispiel dasjenige von Anthoni Himmelberg, Täuferlehrer aus Wattenwil, welcher in Bern im Gefängnis starb.“ (8)

Zwei historische Verkehrswege führten an Wattenwil vorbei:
Von Ost nach West der Jakobsweg. Er führt von Thun – Scherzligen – Amsoldingen nach Wattenwil. Anstelle der heutigen Kirche, gab es eine Vorgängerkirche, die noch aus «früherer katholischer» Zeit stammte. Von Wattenwil steigt der Weg steil an nach Burgistein – Riggisberg – Rüeggisberg (Klosterruine) – Schwarzenburg – St. Antoni – Tafers – Fribourg. «Das Cluniazenserpriorat von Rüeggisberg gehörte im Mittelalter zu den bedeutendsten Klosterbauten der Schweiz und war eine wichtige Station auf dem Jakobsweg.» (9) Vielleicht gab es wegen diesem Jakobsweg so viele auswärtige Bettler in der Gemeinde. Jedenfalls wird das „Stromertum als eine Landplage“ beschrieben. Die fremden Bettler wurden als Konkurrenz für die eigenen Armen angesehen. 1880 wurde ein „Hülfsverein“ für arme Durchreisende gegründet. „Wer 50 Rappen Jahresbeitrag zahlte, wurde Mitglied des selben und verpflichtete sich, die Stromer nicht mehr vor der Thür zu unterstützen, sondern dem bestellten Almosenspender zuzuweisen, der ihnen ein einmaliges Dorfgeschenk verabfolgte.“ (10) Der Jakobsweg wird noch heute rege benutzt. Jährlich passieren unzählige Pilger aus dem In-und Ausland den Weg durch Wattenwil. Der Säumerweg über den Morgetenpass (Verbindung zwischen Nord und Süd) wurde schon zur Zeit der Kyburger in Thun benutzt. Für die Stadt Bern wurden via Simmental Waren mit dem Unterwallis und dem Genferseegebiet ausgetauscht. „Man sagt, dass die Familie von Wattenwyl, die ursprünglich aus Wattenwil stammte, im Mittelalter ihr Vermögen mit der Säumerei über den Morgetenpass erschaffen habe.“ (11)

Ein dritter Weg blieb in der Planung stecken: Zur Glanzzeit des Gurnigelbades (zweite Hälfte des 19. und erste Hälfte des 20. Jahrhunderts) bestand die Absicht, den Orient-Express über das Gürbetal – Wattenwil –Stockental – Wallis zu führen. (12)
„Schwefelhaltiges Wasser begründete die grosse Bädertradition der in der Nähe von Wattenwil liegenden Region Gantrisch. Besonders das Gurnigelbad zog Touristen in Massen an.“ (13) Das Grandhotel Gurnigelbad war zeitweise das grösste Hotel Europas. Prominente Gäste waren u.a. Johann Heinrich Pestalozzi (1799) und Jeremias Gotthelf (1853). Das Grandhotel konnte zu gewissen Zeiten bis zu 600 Gäste beherbergen. Dementsprechend viele Angestellte wurden dort beschäftigt. Das Hotel war in der strukturschwachen Region ein wichtiger Arbeitgeber. Ab 1913 führte der Orientexpress Wagen mit der Beschriftung „Calais-Gurnigel“ heisst es in einer Chronik, die im heutigen Hotel aufliegt.

18.1.3. Bevölkerung

Wattenwil soll seit dem 16. Jahrhundert Zufluchts- resp. Durchreiseort für Hugenotten gewesen sein. Vor allem 1685 nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes durch den französischen König flohen viele französische Protestanten (Hugenotten) und liessen sich in der Stadt Bern und im Bernbiet nieder. Die Hugenotten waren zum Teil wohlhabend; sie kannten Handel und Handwerk und waren somit für die wirtschaftliche Entwicklung des Staates Bern wichtig. Viele Hugenotten verliessen aber die Eidgenossenschaft wieder und zogen weiter in das vom Dreissigjährigen Krieg versehrte Brandenburg. Wattenwil gilt als Herkunftsort von Hugenotten. (14) Namen wie sie in alten Kirchenrodeln von Wattenwil vorkommen wie Beler für Bähler deuten auf hugenottischen Ursprung hin. (15)

Die Armut im oberen Gürbetal war sprichwörtlich. Seit dem 17. Jahrhundert sind viele Wattenwiler Familien und Einzelpersonen aus wirtschaftlichen Gründen ausgewandert. Im 19. Jahrhundert gab es mehrere Auswanderungswellen. „Die Burgergemeinde förderte die Migration sogar, indem sie den Burgern mehrere Jahre Burgernutzen ausbezahlte, zum Teil mit der klaren Vorgabe, nicht mehr in die Heimatgemeinde zurückkehren zu dürfen, wie man sich hier heute noch erzählt. Die Auswanderer zogen hauptsächlich in die Vereinigten Staaten, wo es echte „Wattenwiler-Nester“ gab, zum Beispiel in den Staaten Pennsylvania, Ohio, Indiana, Wisconsin, Iowa etc. aber auch nach Brandenburg, Russland
und Südamerika.“(16)

Die Bevölkerung in Wattenwil hatte seit dem 18. Jahrhundert zugenommen. 1764 waren es 983 Einwohner. Um 1900 gab es einen Einbruch in der Einwohnerzahl, von 2300 (1850) auf 1989 Einwohner. Grosse Armut und eine Bevölkerungsexplosion führten zu einer weiteren Auswanderungswelle. (17) Damals war der Haupterwerbszweig noch die Landwirtschaft. Es gab zu wenig Arbeit für die zunehmende Bevölkerung. Zudem scheint paradoxerweise der „Reichtum der Burgergemeinde“, vor allem grosse Waldvorkommnisse, eher ein Hindernis für eine positive wirtschaftliche Entwicklung gewesen zu sein. „Der Burgernutzen machte die hiesigen Männer „faul und träge“. Sie gaben sich mit diesem Einkommen und dem, was die kleinen Äckerlein liefern konnten zufrieden“… Wattenwil litt lange Zeit unter dem Ruf, „nur Bettler zu produzieren“. (18) Grosse Teile der Wattenwiler Bevölkerung blieben arm bis Ende des 2. Weltkrieges. Die wirtschaftliche Situation der Menschen in Wattenwil verbesserte sich erst nach und nach, als die Fehlanreize in der Burgergemeinde aufgehoben wurden und es in Thun neue Arbeitsplätze (Selve, Hoffmann) gab. Die Menschen konnten nun ausserhalb ihres Dorfes ein Auskommen finden, oder zumindest einen Nebenerwerb zu ihrem kleinen Bauernbetrieb. Im Verlaufe des 20. Jahrhunderts stieg die Bevölkerungszahl wieder an. 1950 waren es 2357 Einwohner und heute sind es 2961 Einwohner.

In diesem beschaulichen, früher sehr armen Dorf haben die Jaussis seit Generationen gelebt.

18.2. Lebensdaten der Jaussi – Angehörigen

Ein Überblick über die Jaussi-Vorfahren befindet sich im Kp. 21.8.

In der Erzähltradition der Familie hiess es: „Die Jaussis kommen von der Sägerei in der Gaugglern von Burgistein/Wattenwil BE.“ Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass die Sägerei erst 1913 in den Familienbesitz der Jaussis kam. Der frühere Besitzer hiess Johann Gurtner; er war Müller auf der Gaugglern. Christian Jaussi (Nr.6), hatte zwar schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Sager auf der Gaugglern gearbeitet und mit seiner Familie dort gewohnt, aber offensichtlich war er nicht der Besitzer der Sägerei, sondern der Pächter.

Die Jaussis waren Burger von Wattenwil. 1879 gab es in Wattenwil 460 nutzungsberechtigte Burger. (19)

18.2.1. Älteste Vorfahren – Anzahl Generationen – Vornamen – Heiratsalter – Anzahl Kinder

Die ältesten Vorfahren, die ich gefunden habe, sind Christian Jaussi (Nr. 1) und Benedikta Duss (Dauss/Deuss/Thuss?). Sie haben zu Beginn des 18. Jahrhunderts gelebt. Sie kamen um ca. 1700 auf die Welt. „Benedikta“ (lat. Die Gesegnete) war ein unüblicher Name im Dorf. Auch eine Familie Duss findet sich nicht im Kirchenrodel von Wattenwil. Ich gehe davon aus, dass «Benedikta» eine Auswärtige war, und dass sie aus katholischem Gebiet stammte. Nähere Angaben, wie Geburts-, Hochzeits- und Todesdatum liessen sich über Christian Jaussi und Benedikta nicht herausfinden. Auch der Beruf des „Stammvaters“ ist nicht bekannt.

Bis und mit Christian Jaussi und Anna Maria Kobel, den Eltern der Grossmutter Martha Schenk-Jaussi habe ich sechs Generationen Jaussi in Wattenwil gefunden. Die Frauen, welche die Jaussi Männer geheiratet haben, stammten meistens aus Wattenwil oder der näheren Umgebung. Bei fünf Jaussi-Vorfahren war der Vorname Christian (Nr. 1, 2, 3, 5 und 6. Generation). Einer hiess David (Nr. 4). Die Männer waren bei der Heirat zwischen 20 und 28 Jahre und die Frauen zwischen 19 und 21 Jahre alt.

Die Vorfahren hatten zwischen 4 und 10 Kinder. Einige Säuglinge sind gleich nach der Geburt (obut) oder im frühen Kindesalter gestorben. Besonders viele Kinder starben in der 5. Generation. Die Eltern waren Christian Jaussi (geb. 1824) und Maria Krebs. Von ihren 8 Kindern starben 4 im Kindesalter zwischen 2 und 5 Jahren. Auch in der 6. Generation bei Christian Jaussi (1845- 1921) und Anna Maria Kobel (1850 – 1922) starben 3 von 10 Kindern.

18.2.2. Weitere Angaben – Alter der Vorfahren – Wohnorte

Je nach Pfarrherr, der die Einträge in den Kirchenrodeln geschrieben hat, gibt es mehr oder weniger Informationen: Über den Wohnort der Eltern; den Wohnort und die Verwandtschaftsbeziehungen der Paten: z.B. Bruder des Vaters; des Kindes Schwester; Beruf der Taufzeugen: z.B. Zimmermann; Wärter in der Waldau bzw. Angaben über deren Angehörige: z.B. des Weibels Ehefrau; des Gerichtsstatthalters Tochter. Jedes Kind hatte 3 Paten. Es war sicher nicht immer einfach, für so viele Kinder Gotten und Götti zu finden, so dass manchmal sogar ein Schulkind Gotte wurde. So heisst es z.B. bei einer Taufzeugin der jüngsten (Zwillings-) Tochter, Magdalena von David Jaussi (Nr.4): „Elisabeth Bähler, Daniels ein Schulkind für dasselbe Elisabeth Bähler geborene Trachsel, sin Mueter.“

Von der 1.Generation, Christian Jaussi und Benedikta Duss, sind die Lebensdaten nicht bekannt. In der 5. Generation bei Christian Jaussi (geb. 1824) und Maria Krebs (?) fehlen die Todesdaten. Die Kirchenrodel gehen bis 1875. Die Eheleute müssen nach 1875 gestorben sein.

Christian Jaussi, 1732 – 1773 (2. Generation) starb früh mit 41 Jahren. Er hatte 6 Kinder, wovon das älteste im Säuglingsalter starb. Der jüngste Sohn Daniel war beim Tode seines Vaters 2 Jahre alt. Die Witwe Elsbeth Wenger starb mit 77 Jahren.
In der 3. Generation wurde Christen Jaussi (1758 – 1838) 80 Jahre und seine Frau Anna Schober (1765 – 1833) 68 Jahre alt. David Jaussi ,1792 – 1870 (4. Generation) wurde 78 Jahre und seine Frau Elisabeth Küenzi (1796 – 1862) 66 Jahre alt. Bei der 5. Generation lässt sich keine Aussage machen. In der 6. Generation wurde Christian Jaussi (1845 – 1921) 76 Jahre alt und Anna Maria Kobel (1850 – 1922) 72 Jahre alt. Mit Ausnahme des früh verstorbenen Christian Jaussi (2. Generation) wurden die Jaussi – Männer über 70, einer sogar 80 Jahre alt. Die Frauen lebten zwischen 66 und 77 Jahren.

Die Jaussis wohnten immer in Wattenwil, aber an verschieden Orten, wie z.B. im Kehr, im Dorf, hinten im Dorf etc. Die 6. Generation lebte auf der Gauggleren in Wattenwil bei Burgistein.

18.3. Das Leben von Schneidern auf dem Land

Die Jaussis waren während Generationen als Schneider im Dorf Wattenwil tätig:

Christian Jaussi (1733 – 1810), der zweite in der Generationenfolge (Nr.2), war von Beruf Schneider. Auch seine Nachkommen (Nr.3, 4 und 5) übten den Schneider-Beruf aus.

Der Beruf des Schneiders kam erst Mitte des 12. Jahrhunderts auf. Bis zu dieser Zeit wurde Kleidung meist von der Familie selbst oder in Klöstern hergestellt. Weil die Schneider nach dem Verständnis früherer Zeiten Frauenarbeit verrichteten, waren sie jahrhundertelang dem Volksspott ausgesetzt. (20)

Wichtige Handwerksutensilien des Schneiders waren Nadel, Faden, Schere, Elle und Bügeleisen. Die Nähmaschine kam erst ab 1830 auf. Man stellt sich den Schneider vor, wie er im „Schneidersitz“ auf dem Tisch sitzt und bis spät in die Nacht an einem Kleidungsstück stichelt. Das Bild, das wir von einem Schneider aus früherer Zeit haben, ist geprägt durch Märchen und Geschichten. Am bekanntesten ist sicher das „tapfere Schneiderlein“ von den Gebrüdern Grimm. Ein Schneider, so die Vorstellung, ist ein schmächtiger Kerl, manchmal auch körperlich behindert, der nicht zu körperlich anstrengender Arbeit taugt. In manchen Geschichten wird der Schneider auch als listig und klug dargestellt. (21) Oft gilt er als ein „Aufschneider“ und Hochstapler, „Kleider machen Leute“. (22) Die Schneider wurden oft als Verliererfiguren betrachtet. Noch heute heisst es bei manchem Kartenspiel, dass derjenige einen „Schneider“ hat, der besonders wenige Punkte erreicht hat; oder, wenn man eine gewisse Punktzahl erreicht, man sei „aus dem Schneider“. Es ist erstaunlich, wie viele Zitate sich über Schneider im Internet finden lassen. Dem Schneider wird nachgesagt, dass er oft nicht ehrlich sei, dass er von dem Stoff, der ihm übergeben wurde, viel für sich behalte: „Dem Schneider ist viel unter den Tisch gefallen“; „Er hat`s wie der Schneider, der die Hosen verschnitten, es ist kein Fehler, nur neues Tuch her“. (23)

18.3.1. Allmendnutzung sichert das Überleben

Das gesellschaftliche Ansehen der Jaussis scheint im Dorf nicht hoch gewesen zu sein. Ihr Beruf galt als weibisch und wurde, wie bereits erwähnt, oft verspottet. Die Schneider auf dem Land gehörten zu den «armen» Handwerkern. Die Jaussi – Schneider gingen vermutlich auf die Stör und verrichteten ihr Schneiderhandwerk auf den umliegenden Bauernhöfen. Es ist denkbar, dass sie eher schmächtige, das heisst körperlich nicht sehr kräftige Männer waren, die sich deshalb für die landwirtschaftliche Arbeit nicht so geeignet haben.

Da Jaussis zur Miete waren, besassen sie wahrscheinlich kein eigenes Land, um darauf Landwirtschaft zu betreiben und ein zusätzliches Auskommen zu finden. Ihre Lebenssituation war prekär. Sie mussten grosse Familien ernähren. „Ich gehe davon aus, dass die Jaussi – Vorfahren, wie damals praktisch alle Wattenwiler Familien und viele Alleinstehende, eine Kuh oder eine Ziege hielten, dazu Kleintiere wie Hühner und Kaninchen, um sich zu ernähren. Die „Infrastruktur“ dazu bestand ja in Form der Allmenden, wo alle Burger, somit auch die Jaussi, ihre Tiere weiden durften. Jedes Haus hatte zudem einen Garten oder ein paar Quadratmeter auf einem „Pflanzplätz“. Die Selbstversorgung war hier gang und gäbe, wenn auch für viele mehr schlecht als recht.“ (24) Falls Jaussis einen kleinen Acker bewirtschaftet haben, säeten sie vermutlich etwas Dinkel und Haber an, wie es damals üblich war. Die Frauen pflanzten auf dem «Pflanzplätz» Mangolt, welches sie Kraut hiessen, Kabis; Spinat und vor allem Kartoffeln an; für den Hausgebrauch vielleicht auch etwas Hanf und Flachs. Über die Ernährung Mitte des 18. Jahrhunderts der Landbewohner von Burgistein, einer Nachbargemeinde von Wattenwil schreibt Emanuel von Graffenried: «Die Einwohner speisen zwar 3mal des Tages… aber jedesmal wenig, Erdäpfel, Milch und Obst sind ihre meisten Speisen, das Brot sparen sie sorgfältig als eine kostbare Tracht; viele unter den armen Leuten sehen ganze Wochen, auch Monate lang, weil das Getreid theuer ist, kein Brod auf ihrer Tafel. Fleisch essen sie sehr wenig.» (25) Die Ernährung der armen Leute in Wattenwil dürfte ähnlich gewesen sein. Neben den Kartoffeln stand noch Gemüse, z.B. Kabis vom Pflanzplätz auf dem Speiseplan.

Wie muss man sich die Kleider vorstellen, die ein Schneider im 18. Jahrhundert in Wattenwil angefertigt hat? „Die Kleidung der Manns-Personen ist einfältig und gemächlich: selbst verfertigtes Tuch deckt sie im Sommer und Winter, scharlachtene Wammis (Wamse) ausgenommen. Die Weibsbilder sind etwas prächtiger, sie tragen Seiden und Sammet an ihrem Kopfputze, sammtene Schnüre in grosser Menge, Schürze von Cotone, ja gar einige von Seiden…“ (26) Die Kleidung war auch im 19. Jahrhundert eher einfach: «Die Männer trugen „halblinige“ Hosen und Kittel. Die Frauen lange, praktische Röcke. Wichtig waren die Schürzen und vielfach auch die Kopftücher… Reichere Wattenwiler, die gab`s auch,… liessen die Kleider beim Schneider anfertigen. Teilweise gingen die Schneider auch auf die Bauernhöfe “auf die Stör“. Arme Leute kauften die Kleider häufig beim Hausierer oder „schnurpften“ sich selber „Hudle“ zusammen.“(27)

Zur Zeit von Christen Jaussi und Anna Schober (3. Generation) gab es gemäss Bürgerregister von 1798 12 Schneider und Schuhmacher im Ort. Neben 195 Bauern und 21 Zimmerleuten folgen die Schneider und Schuhmacher an dritter Stelle. Wenn man davon ausgeht, dass es mehr Schuhmacher gab als Schneider, – zur Schuhherstellung brauchte es einen Fachmann, während jedermann bzw. jede Frau nähen konnte – dann bleiben immer noch 2 oder 3 Schneider übrig, in einem Dorf mit ca. 1000 Einwohnern! Auch wenn früher jedes Kleidungsstück von Hand angefertigt werden musste, fragt man sich schon, ob mehr als ein Schneider ein Auskommen finden konnte? Es gab neben armen Handwerkern und Bauern jedoch auch „besser gestellte“ Menschen im Dorf. Gewöhnlich gehörten Wirte (1x) und Müller (2x) zu den wohlhabenderen Dorfbewohnern. Gemäss dem Bürgerregister von 1798 gab es damals zudem 11 Beamte, 1 Gemeindeschreiber, 1 Agent, 1 Doktor, 1 Distriktrichter, 1 Vikar. Diese und einige wohlhabendere Bauern hatten das Geld, ihre Kleider von einem Schneider anfertigen zu lassen. Es ist zu vermuten, dass ein Schneider, der über ein Beziehungsnetz verfügte, eher Aufträge von wohlhabenden Kunden bekam, als einer ohne Beziehungen. Ein solches Beziehungsnetz konnte event. durch die Wahl der Paten aufgebaut werden. Z.B. hatte eine Tochter von David Jaussi und Elsbeth Küenzi (4. Generation) die Ehefrau des Weibels, Maria Wenger geborene Kocher zur Gotte. Christian, geb. 16.05.1824 hatte Magdalena Zimmermann, Tochter des Gerichtsstatthalters zur Patin.

18.3.2. Armut in Wattenwil

Die Armut der Bevölkerung in Wattenwil war gross. In einem vom Wattenwiler Pfarrer Jakob Rubin verfassten Bericht von 1692 steht: «dass in jenem Jahr die Gemein sehr stark an volk gewesen, also dass uff 185 haushaltungen sin gezelt worden, aber wegen der thüren Zit viel arme darunter, so weit, dass eine gnädige Obrigkeit aus mitleiden unss eine schöne stür gegeben, nemblich 4 Mütt dinkel und 4 Mütt haber , welche wir den armen in Mähl aufzuteilen gut funden.» (28) Es gab ähnlich wie in Rüschegg viele Hausierer und Bettler in Wattenwil. Auch «fremdes Volk» trieb sich herum. Man sprach vom „Stromertum“: «Seit jeher gibt es Gaukler, Wahrsager, Taschenspieler, Musikanten, Tagträumer, Bettler oder sonst Menschen, die keiner geregelten Beschäftigung nachgehen; sie ziehen von Ort zu Ort, werden nirgends sesshaft – sind heimatlos. Fehlende Fähigkeiten resp. Arbeitsmöglichkeiten verstärken das Problem. Unter dem Sammelbegriff «Landstreicher» sind Männer, Frauen und Kinder gemeint, die ihr Leben auf diese Art und Weise fristen, daraus einen Beruf statuieren und ihn an ihre Nachkommen vererben. Insbesondere zur Zeit der Reisläuferei und späteren Militärdienste für fremde Herrscher nimmt das Landstreichertum stark zu: Kranke, verstümmelte, arbeitsscheu Söldner kehren heim, betteln und rauben, wie sie es in der Fremde gelernt haben. Diese heimatlosen Menschen werden zu einer Landplage. Auch die Wattenwiler sind in der Region für Bettelei bekannt.» (29)

Die Jaussi-Vorfahren waren sesshaft, aber arm und besitzlos. Sie besassen kein eigenes Haus und wohnten im Dorf Wattenwil an verschiedenen Orten zur Miete. Christen Jaussi (1758 – 1838) und Anna Schober (1765 – 1833) 3. Generation lebten z.B. mit ihren 8 Kindern: «hinten im Dorf», «in der Ei», «im Dorf» und «im Kehr». Ihre Wohnstätten waren äusserst einfach: «Ihre Häuser sind von Holz erbauet, ein oder zwei Zimmer beherbergen die grössten Haushaltungen, meistens ist nur eines davon geheizet, die Oefen sind von Sandstein.» (30) Bei David Jaussi (1792 – 1870) und Elisabeth Küenzi (1796 – 1862) 4. Generation gibt es einen Hinweis auf einen Vermieter. Es heisst bei der Taufeintragung des Kindes Christian am 16.05.1824 bezüglich Wohnort:»beim Dorf Meyer». Christian Jaussi (geb. 1824) und Maria geb. Krebs waren zuerst auf der «Gumm» wohnhaft. Nachher heisst es bei den Rodeleintragungen immer «Schneider im Dorf».

Neben persönlichen Schicksalsschlägen, wie z.B. der frühe Tod des Ernährers (2. Generation), waren sicher die kinderreichen Familien ein Armutsrisiko. Auch die Konkurrenz durch auswärtige Arme vergrösserte noch den Druck auf die einheimischen Armen. Generell wurde das Land übernutzt und warf deshalb nicht einen grossen Ertrag ab. Vor der Gürbe-Verbauung ab1854 beeinträchtigte «Hochwasser sowie Schilf-, Moos- und Sumpfgebiete die Besiedlung und die landwirtschaftliche Nutzung. So erstaunt es nicht, dass Armut und Schnapselend ebenso zum Gürbetal gehören wie die steten Versuche dem Wasser Herr zu werden und das Land als Ackerfläche nutzbar zu machen.» (31) Alkoholsucht, Liederlichkeit und Faulheit waren in der Bevölkerung von Wattenwil weit verbreitet. Es fehlten Nebenerwerbsmöglichkeiten. Auch Natur – und Klimakatastrophen, wie z.B. der Einsturz des Wattenwiler Jungwalds 1757, der Schaden wurde auf 10 000 Gulden geschätzt (32) und die Folgen des Ausbruchs des Vulkans Tambora in Indonesien 1816 vergrösserten die Armut. «Grosse Teile der Ernte fallen aus und die noch nicht korrigierte Gürbe überschwemmt das Talgebiet, mit Hungersnot als Folge. Die Auswirkungen spürt man noch Jahre danach.»(33) In den 1850er Jahren gab es eine weitere Hungersnot und Auswanderungen. «Zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert herrscht Not in unserem Land. Das Getreide will nicht reifen, Kartoffeln verfaulen. Harte Winter hohe Lebensmittelpreise. Ein weiteres Mal findet eine Auswanderungswelle aus Wattenwil statt, hauptsächlich nach Amerika.» (34). Ausgerechnet der Burgernutzen scheint hinderlich gewesen zu sein für eine positive wirtschaftliche Entwicklung für die Bevölkerung bzw. er hat sogar die Armut im 19. Jahrhundert vergrössert: «Unsere Gemeinde ist sehr stark bevölkert und arm. Warum? Weil diejenigen Burger, welche hier wohnen Burgernutzen haben, weil das Burgerland die Burger an die Scholle bindet, so dass viele hier wohnen und sich ergeben und nichts anderes anzufangen wissen, während sie vielleicht an einem anderen Orte eine viel bessere Existenz hätten» (35)….»Wenn sich jemand einzig auf das Burgerland stützt, dasselbe vielleicht nicht einmal gehörig bearbeitet oder sogar um halb Geld verpachtet und sonst nichts anzufangen weiss, muss er verarmen und es trifft auch das Sprichwort zu:»Burgergut ist die Quelle von Armut.»… «Das Burgerland wird zu einem grossen Teil nicht gehörig bearbeitet und in Folge dessen ist der Ertrag sehr gering. Das Land könnte oft das fünffache abtragen»(36) Das heisst mit andern Worten, dass viele Menschen zu träg waren, um das Burgerland richtig zu bebauen

18.3.3. Initiativen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation

Durch die Aufbruchstimmung der Liberalen im Kanton Bern liessen sich im 19. Jahrhundert fortschrittliche Menschen anstecken und griffen zur Selbsthilfe, um die Lebensumstände zu verbessern, so auch in Wattenwil. Der Gemeinnützige Verein Wattenwil wurde auf Anregung des jungen Oberlehrers Johann Friedrich Schär von fortschrittlichen Männern 1866 gegründet. Er stand nur Männern offen. Ziel des Vereins war es, das Gemeinwohl in der armen Gemeinde zu fördern. „Die Gemeinde…mit einer Bevölkerung von 2300 Seelen, war aus Mangel an Erwerbsthätigkeit und Verkehrsmitteln in der Entwicklung zurückgeblieben. Schwere Steuern lasteten auf der meist armen Einwohnerschaft, die überdies von Überschwemmungen der Gürbe und Hagelwetter häufig zu leiden hat….Um bessere Zustände anzubahnen, bedurfte es….der Vereinigung der tüchtigsten Elemente in der Gemeinde, die mit Einsicht, festem Willen und opferbereitem Sinn ausgerüstet, sich der Förderung des Gemeinwohls widmeten…
Folgende Fragen sollten in Zukunft gelöst werden (Thätigkeitsprogramm):
Wie kann der verderblichen Branntweinpest entgegengearbeitet werden?
Wie die Armut bekämpft und der Wohlstand gefördert werden?
Einführung neuer Industrie.
Bessere Verwertung einzelner Landesprodukte.
Verminderung der Ausgaben (Mosttrinken, Konsumverein)
Förderung der Landwirtschaft (Maschinen, Obstbaumzucht, Bienenzucht)
Wie könnte man zu einer gesunden, billigen Armenkost gelangen?
Welche Reformen bedarf das Schul-, Armen- und Kirchenwesen?
Was kann für Verbesserung der Verkehrsmittel gethan werden? (37)

Das 31. Mitglied in der Mitgliederliste war Christian Jaussi (geb. 1824), Schneidermeister. Er trat dem Gemeinnützigen Verein 1869 bei. Das 95. Mitglied in der Liste hiess Fritz Schenk, Schmied. Von ihm war im 16. Kp. die Rede.

Neben Initiativen zur Verbesserung der Lebensumstände und Kursangeboten bemühte sich der Verein auch um die Allgemeinbildung seiner Mitglieder. Engagierte Männer hielten Referate über Themen wie z.B.: „Der überhandnehmende Bettel (1868) – Das Armenwesen (1869) – Die richtige Mostbehandlung (1866) – Obstbaumzucht (1869) – Einführung der Uhrmacherei (1869) – Das Forstwesen im Allgemeinen und die hiesigen Wälder im besonderen (1870) – Der Borkenkäfer (1870) –Die Hebung des Handwerkerstandes (1869) – Die Fortbildungsschulen (1868) – Die Einführung neuer Hausindustrie (1869) – Die Gründung einer Gemeindekrankenkasse (1869) – Das ökumenische Concil zu Rom (1870) – Der deutsch-französische Krieg (1870)“ etc. (38) Ein wichtiges Anliegen des Vereins war auch die politische Bildung der Mitglieder, damit diese ihre staatsbürgerlichen Rechte wahrnehmen konnten.

Eine weitere Zielsetzung des Vereins war, das gesellige Leben zu pflegen. «Es entsprach den Grundsätzen des Vereins, wenn neben der Tätigkeit auch die Pflege der Freundschaft und Geselligkeit zu ihrem Rechte kam. Dies geschah regelmässig am Jahresschluss, wo sich die Mitglieder mit ihren Frauen zu einem gemütlichen Hasenpfeffer vereinigten, dem fröhliche Lieder, humoristische Vorträge und ernste Ansprachen, die richtige Würze verliehen.“ Später kamen noch gemeinschaftliche Ausflüge dazu.(39) Ich gehe davon aus, dass auch Christian Jaussi und seine Frau an diesen Anlässen teilgenommen haben.

Wie in andern Orten auch wurde 1868 in Wattenwil auch ein Frauenverein gegründet. Dieser stellte sich die Aufgabe, arme Kranke mit Wein (!) und kräftiger Nahrung zu versorgen. Ob Maria Jaussi geb. Krebs später auch Mitglied des Frauenvereins wurde, habe ich nicht herausgefunden. Bei der Gründung des Vereins war sie nicht dabei.

Im Gemeinnützigen Verein wurden wichtige Beziehungen geknüpft. Ich könnte mir vorstellen, dass Schneidermeister Jaussi, davon profitiert hat. Er durfte vermutlich 1866 die Hochzeitskleidung von Johann Friedrich Schär und seiner Frau anfertigen. Sie trug eine Berner Tracht und ein seidenes enganliegendes „Tschöpli“ und er einen schwarzen Gehrock mit neuem Zylinderhut. (41) Jaussi war bis 1883 gemäss Mitgliederliste einziger Schneider im Verein.

Eine weitere Massnahme, um die Armut zu bekämpfen war die Aufteilung des Wattenwiler Burgerlands 1879. Die Burgergemeinde wollte das Allmendland den einzelnen Nutzungsberechtigten um die Grundsteuerschatzung verkaufen. Jeder der 460 nutzungsberechtigten Burger sollte eine Jucharte Land erhalten. Das Land wurde in gutes, mittleres und schlechtes Land eingeteilt und verlost. Jeder losberechtigte Burger sollte eine gute und eine schlechte halbe Jucharte oder zwei mittlere erhalten. Man hoffte durch diese Aufteilung, die armen «untätigen» Menschen zum Fortgehen zu bewegen: «Viele würden ihr Land verkaufen und mit dem Mehrerlös des Landes entweder nach Amerika auswandern oder an einem andern Ort sich eine Existenz gründen, und was ebenso wichtig ist, diejenigen welche fort sind, würden nicht wieder kommen, wenn sie nichts mehr zu erwarten haben, als die zwei kleinen Lose Holz.» (41) «Das Land würde nach und nach ins Eigentum von Leuten übergehen, welche arbeiten und fleissig sind und denen es daran gelegen ist, sich rechtschaffen durchzubringen.» (42) «Das durch Gräben, Steinhaufen, Gestrüpp etc. verunstaltete Land würde nach und nach in schöne Wiesen und Äcker umgewandelt.» (43) Dem Ausscheidungsvertrag wurde am 24. Dezember 1879 zugestimmt.

18.4. Sager auf der Sägerei Gaugglern

Christian Jaussi (10.03.1845 – 09.09.1921) und Anna Maria Jaussi geb. Kobel (26.11.1850 – 10.04.1922), 6. Generation, heirateten am 06.08.1869. Fortan lebten sie auf der Gaugglern bei Burgistein. Schon zu lediger Zeit hatte Anna Maria Kobel dort gewohnt. Das Ehepaar hatte 10 Kinder, wovon 3 im frühen Alter starben. Auf der Gauggleren gab es eine Sägerei, eine Mühle, ein Bauernhaus und ein Stöckli. Die Sägerei befindet sich in der Gemeinde Burgistein. Die Mühle, das Bauernhaus und das Stöckli in der Gemeinde Wattenwil. Die Gemeindegrenze verläuft zwischen Mühle und Sagi. Als Beruf von Christian Jaussi wird im Taufrodel bei der Taufe seiner Tochter Rosina 1874, einer älteren Schwester von Martha Jaussi (Grossmutter meines Mannes) Sager auf der Gaugglern angegeben. Da die Sägerei damals noch nicht im Besitz der Familie Jaussi war, habe ich die Vermutung, dass Christian Jaussi die Sägerei entweder in Pacht hatte oder dass er dort Angestellter war. Es ist davon auszugehen, dass die Familie Jaussi-Kobel neben der Sägerei noch einen kleinen Bauernbetrieb geführt hat.

Die Sägerei musste damals schon ca. 300 Jahre alt gewesen sein. Als sie später abgerissen wurde, um einem neuen Gebäude Platz zu machen, stellte sich heraus, dass alles mit Holznägeln verbunden war. In der Sägerei wurde hauptsächlich Kundenholz für Bauern, Schreinereien und Zimmereien gesägt. Der Sager kaufte selber nur wenig Rundholz ein. Das Rundholz, vorwiegend „Trämel“ wurde im Winter mit Pferd und Schlitten auf die Säge geführt. Das Holz stammte aus dem Wattenwil-, dem oberen- und unteren Gurnigelwald. Die Sägerei wurde früher mit Wasserkraft betrieben. „Bei guter Wasserführung der Gürbe, entwickelte das Wasserrad eine Leistung von 3 – 4 PS. Diese Leistung reichte, dass in einem Tag, im Durchschnitt 3 Stämme zersägt werden konnten….Bei niedrigem Wasserstand reichte die Wasserkraft nur noch schlecht aus, um die Baumstämme zu sägen. „Man musste mit der menschlichen Kraft nachhelfen.“ (44) Im Staatsarchiv findet sich ein Hinweis auf eine Urkunde von 1899 betreffend Christian Jaussi, wonach er eine Bewilligung zur Anlage eines Wasserwerkes an der Müsche im Zihlboden bekam. (45) Im Jahr 1913 kaufte Simon Jaussi, ein Sohn von Christian Jaussi und Anna Maria Jaussi geborene Kobel, die Gauggleren Säge. Der Kaufpreis betrug Fr. 15000.-. Neben dem Wohnhaus und dem Sägegebäude gehörten noch Wiesen- und Ackerland, aber auch ein Betrag für die Wasserkraft (ca. 3,5 PS) und das alte Gürbebett dazu. Heute führt Patrick Jaussi und Co. die Firma in der vierten Generation weiter. Es existieren heute in Wattenwil nur noch wenige Jaussi-Familien. Nach Recherchen von Herrn Bähler vom Ortsmuseum Wattenwil gibt es heute viele Jaussi in den USA, aber auch im Welschland. „Dies ist ein Hinweis, dass die Jaussis zu den typischen Wattenwiler Auswanderungs-Familien gehörten. Vielfach war es eben so, dass bereits ausgewanderte Wattenwiler ihre Verwandten nachkommen liessen, was familien-intern quasi einen Auswanderungssog bewirkte.“ Die ausgewanderten Jaussis müssen es in Amerika z.T. zu Wohlstand gebracht haben. Ein Herr Jaussi, Lima (Staat Ohio) Amerika hat gemäss einem alten Kassenbuch des Frauenvereins am 06.01.1921 für arme Wattenwiler einen Betrag von Fr. 175.- gespendet. (46)

Quellenangaben:

1 «Unsere Familiennamen», www.mittelschulvorbereitung.ch unsere Familiennamen
2 «Wattenwil», Wikipedia
3 «Wattenwil», www.wattenwil.ch/portrait/zahlen-und-fakten
4 «Wattenwil Wappen» (s. 3)
5 Schär Johann Friedrich «Lebenserinnerungen», Basel 1924, S. 200
6 Bracher Hans «Wie Hansjakob Geometer wurde», Jugenderinnerungen eines Grundbuchgeometers, Münsigen 1960, S. 9 u. ff.
7 «Wattenwil», Dubler Anne-Marie, 21.04.2015, Historisches Lexikon
8 Bähler Toni, Ortsmuseum Wattenwil, mdl. Info.
9 Blum Jolanda «Jakobswege durch die Schweiz», Inventar historischer Verkehrswege, S. 105 u. ff.
10 Glur Werner «Thätigkeitsbericht des Gemeinnützigen Vereins Wattenwyl 1866-1896, S. 20
11 (s. 8)
12 (s. 8)
13 «Der Schwefel und die grosse Zeit des Gurnigelbads», Reichen Johannes in Berner Zeitung vom 6. Okt. 2017
14 https.www.hugenotten.de/genealogie/2008-04-02-dhg-akgen-herkunftorte-beuleke.pdf
15 https.www.hugenotten.de/genealogie/2015-3-namensliste-pro-gen.pdf
16 (s. 8)
17 (s. 7)
18 (s.5) zitiert von Bähler Toni
19 «Bruchstücke aus der Geschichte Wattenwils»,www.museum-wattenwil.chmiw_chronik66, «1879 Aufteilung des Wattenwiler Burgerlandes» S. 54
20 «Schneider», Wikipedia
21 Gebrüder Grimm Märchen: «vom klugen Schneiderlein» , «Das tapfere Schneiderlein»
22 Keller Gottfried «Kleider machen Leute»
23 Schneider-Zeno.org/Schneider-Sprichwörter&Redewendungen
24 (s. 8)
25 von Grafenried Emanuel «Oeconomische Beschreibung der Herrschaft Burgistein», in «Burgistein» Ausschnitt aus dessen Geschichte, S. 36
26 (s. 25) S. 37
27 Mdl. Angaben von Frau Bähler, der 90-jährigen Mutter von Herrn Bähler vom Ortsmuseum
28 Rubin Jakob, Pfarrer, 1692, Bericht im Knopf des Kirchenturms Wattenwil
29 (s. 19) «1780 Verordnung über Landsassen» S. 38/39
30 (s. 25) S. 37
31 (s. 19) «1855 Gürbegesetz von 1854. Beginn Gürbeverbauung» S. 48
32 (s. 19) «1757 Einsturz des Wattenwiler Jungwaldes» S. 37
33 (s. 19) » 1816 Folgen des Ausbruchs des Vulkans Tambora in Indonesien» S. 42
34 (s. 19) «1850er Jahre Hungersnot, weiterhin Auswanderungen» S. 44/45
35 (s. 19) S. 55
36 (s. 19) S. 56
37 (s. 10) S. 5 u. 6
38 (s. 10) S. 14
39 (s. 10) S. 35
40 (s. 10) S. 231
41 (s. 19) S. 55
42 (s. 19) S. 57
43 (s. 19) S. 58
44 Reusser Regine-Bürki nach Diktat von Walter Jaussi einem früheren Besitzer der Sägerei
45 htpp.www.query.sta.be.ch/detail.aspx?Id=58304
46 (s. 8)