15. Hans Werner Rentsch – Schenk (2.11.1908 – 8.4.2001), Lehrer, Musiker (9. Generation)

15.1. Idyllische Kindheit und Jugendzeit auf dem Bauernhof

Eine Bleistiftzeichnung vom Bauernhof „Gommenmatte“ steht auf dem Deckblatt der Broschüre mit dem Titel „Jugenderinnerungen“ von Hans Rentsch. Sie kam 1979 als Separatdruck im „Unteren Emmentaler“ heraus. Es ist das Elternhaus von Hans Rentsch. Er schreibt dazu:
„Ich wurde am 2. November 1908 in der Gommenmatte bei Huttwil geboren. Meine Eltern bewohnten das mittelgrosse Bauerngut, das…an der Huttwil-Eriswil-Strasse im schönen Talgrund der Langeten liegend, 20 Jucharten Land und 2 bis 3 Jucharten Wald umfasste…Das Haus gefiel mir immer ausnehmend gut. Es kam mir gross und geräumig vor. Der Rundbogen auf der Südseite gab ihm eine stattliche Note…Die grünen Fensterläden verliehen ihm ein freundliches Aussehen. Wenn die Hofstatt in voller Blüte stand, wenn die Linde duftete, wenn im Sommer der Blumensteg auf der Terrasse voll leuchtender Geranien prangte, wenn die Fuchsiastöcke ihre weiss-roten Glocken hangen liessen… und im August die ersten Dahlien und Herbstblumen über den Gartenzaun grüssten, wenn die grüne Bank vor dem Haus zur Ruhe einlud, das war schön, beglückend schön!…Bei der Einfahrt lockte ein mächtiger Nussbaum zum Klettern, und im Weidli tummelten sich Hühner, Schweine und Kälber.“ (1)

Hans hatte drei ältere Geschwister: die Schwestern Klara (1903) und Hedwig (1905) und den Bruder Fritz (1907). 1910 kam noch eine jüngere Schwester dazu; diese hiess Margarethe. Die wirtschaftliche Situation war für die siebenköpfige Familie nicht einfach. Zwar war das Land zusammenhängend und leicht zu bebauen, aber nicht durchwegs gut, die Matte am Bach zum Teil recht wässrig. Der Vater brauchte einen Knecht, die Mutter benötigte in den ersten Jahren eine Magd. Der Hof war ohne Dienstbotenhilfe für damalige Zeit zu gross, aber, um eine genügend grosse Rendite herauszuwirtschaften zu klein. „Man kann nicht sagen, dass Schmalhans bei uns zu Gast war, aber die Eltern mussten doch in allem sehr sparsam vorgehen.“ (2)

Hans Rentsch beschreibt in seiner Broschüre neben vielen Erlebnissen auch das einfache Leben auf einem Bauernhof. Zur damaligen Zeit kamen noch Handwerker auf die Stör: „In unser Haus kam von Zeit zu Zeit die Näherin auf die Stör. Meist blieb sie eine ganze Woche lang. Man musste ihr eine Bettflasche ins Bett legen, wenn sie oben in der ungeheizten Stube übernachten wollte. Wir Kinder durften ihr nicht zu nahe kommen. Sie nahm es mit der Arbeit sehr genau…. Am letzten Abend, wenn sie mit allem fertig war, vergnügte sie uns, indem sie aus den vielen Abfallresten die Holzfiguren eines Kegelspiels in drollige Puppen verwandelte. Es sah dann sehr lustig aus. Es schien, wie wenn die Figuren lebendig wären. Das ergötzte uns sehr. Die gute Jungfer war abergläubisch und wollte Dinge gesehen haben, die ein gewöhnlicher Mensch nicht sah. Wie sie einmal gegen Abend zu uns kam, behauptete sie, sie hätte unter der Strasse am Gräbli einen Mann ohne Kopf gesehen. Bei ihrem Herannahen sei er in der Wasserröhre verschwunden. Begreiflicherweise hatte ich nun von dieser Wasserröhre Angst….“ (3)

Die Bauernkinder hatten kaum Spielsachen. Hans erzählt von „Zwölfhefterli“, einer Monatszeitschrift für Kinder, die er von seinen Tanten bekommen hatte: „Dieses „Hefterli“ und das rote Büchlein mit den schönsten Märchen von Andersen waren meine geistige Kost, die ich mit Heisshunger unzählige Male genoss.“ (4) Hans und seine Geschwister spielten mit den Hühnern und Kaninchen und mit Naturmaterial. Auf dem Bauernhof mussten schon die Kinder arbeiten. Da Hans wegen einer körperlichen Behinderung für schwere körperliche bäuerliche Arbeiten nicht zu gebrauchen war, musste er vor allem das Vieh hüten:
„Zu jener Zeit gab es noch keine elektrischen Viehhüter… Bei schönem Wetter, und wenn die Gusti nicht wild taten, war es wohl zuweilen ein Vergnügen. Wenn aber der Teufel in sie fuhr und sie wie gestochen mit erhobenen Schwänzen den Abhang hinunterrannten, hatten wir (Hans und Margarethe) unsere liebe Not. Da musste man wehren und rufen, aufbegehren und rennen, oft auch dreischlagen. Der Weideplatz für das Vieh war abgegrenzt. Wir sollten es nicht Gras, das zum Mähen bestimmt war, fressen lassen. Wir mussten aufpassen, dass die Kälber keine Äpfel verschluckten oder in den Klee gerieten. Da wir aber im Gebüsch des Waldrandes eine wunderschöne mit Moos ausgepolsterte Stube eingerichtet hatten und diese bei jeder Gelegenheit aufsuchten oder bei einer zugestopften Wespere lauerten und mit einer langen Bohnenstange in einem fingierten Einschlupfloch die getäuschten Stecher erdrückten, oder wirklich im Nebel nicht alles sahen, geschah es, dass die Tiere an verbotener Stelle grasten. Ein Rind erstickte beinahe an einem Apfel, ein geblähtes Gusti musste gestochen werden. Da waren wir klein und hässlich und versuchten es mit Ausreden…..».(5)
„Im Sommer sammelte ich Wolfszähne im Roggenfeld. Die giftigen Körner brachte ich in die Apotheke und konnte aus dem Erlös einen neuen Schultornister kaufen. Darauf war ich nicht wenig stolz.“ (S. 6) Vermutlich meint er Mutterkorn, im Volksmund wurde es auch Wolfszahn genannt. Der Mutterkornpilz ist ein Parasit, der schlimme Vergiftungserscheinungen hervorrufen kann, bis hin dass Gliedmassen brandig werden und amputiert werden müssen. Die Mutterkornvergiftung kann schlimmstenfalls zum Tode führen. In der Medizin wurde das Mutterkorn bei der Geburtshilfe als Wehenmittel eingesetzt. (6)

Die Schule besuchte Hans im alten Schulhaus Nyffel und später in der Sekundarschule in Huttwil. Er hatte gute, engagierte Lehrerkräfte. In der Unterschule war Rosette Bärtschi seine Lehrerin. Sie konnte ausgezeichnet erzählen und war eine anerkannte, geschätzte Erzieherin. „Jedes Jahr brütete eine Amsel in einem Nest auf dem vordersten Fenstergesimse. Wenn es so weit war, klebte die Lehrerin ein Papier auf das Festerglas, damit die Vogelfamilie nicht gestört wurde. Das war für uns Kinder tätiger Vogelschutz.“ Hans empfand auch grosse Achtung vor dem Lehrer Anliker, weil dieser mit seinen Schülern so schöne, mehrstimmige Lieder sang. Der Knabe lauschte manchmal dem Gesang, indem er sich unter dem Fenster an die Hausmauer drückte. Dass Hans später Klavierspielen lernen konnte, verdankte er einem Sekundarlehrer. Schon als Drittklässler hatte der empfindsame Knabe den heimlichen Wunsch, später selber einmal Lehrer zu werden. Das kam so: Er musste seine jüngere Schwester Margarethe, die als Erstklässlerin sehr schüchtern war und sich den Schulweg am Nachmittag nicht alleine zutraute, in den Handarbeitsunterricht begleiten. Die Lehrerin musste Hans irgendwie beschäftigen. „Sie machte den Vorschlag, ich könnte den Mädchen doch eine Geschichte vorlesen…Sie hiess mich auf das Lehrerpult sitzen und die aufgeschlagene Geschichte vorlesen. Welch beseligendes Gefühl mich beschlich, auf dem geweihten ersten Platz zu sitzen, von dem aus die geliebte Lehrerin die Klasse regierte….Damals wurde in mir der Wunsch geboren Lehrer zu werden.“ (7)

Im bäuerlichen Leben sind die wiederkehrenden Feste im Jahresverlauf von grosser Bedeutung:
„Grosse Freude und ein grosses Fest war jeweils die Sichlete nach der Ernte. Ein Strauss aus schweren Aehren, schönen Feldblumen und ersten Dahlien schmückten den Tisch und die Stube. Für so etwas hatte die Mutter einen guten Sinn. Das saftige gelbe Voressen, der Kartoffelstock, die Fleischplatte, die Bohnen und das sonstige Gemüse, die Achtpfünderzüpfe, welche stets in der Mühle gebacken wurde, und zuletzt die süssen Birnen, die in einem herrlichen Saft schwammen, das war wirklich ein Festessen!… und dann der Wein! Wir Kinder erhielten Sirup, höchsten mit einem Schluck roten Weins vermischt. Das Anstossen mit den Gläsern, wenn es so schön klang, machte mir Eindruck, und ich dachte, es müsste mit dem Wein etwas Besonderes sein…. Es war Brauch, dass die Grossen aufstanden, wenn die Hauptmahlzeit vorüber war und einen Spaziergang ums Haus herum oder auf die Felder hinaus antraten. Einmal stahlen wir zwei Jüngste uns zurück in die Stube und leerten aus mehreren Gläsern die Weinresten. Es dünkte uns vielleicht nicht gut, aber wir wollten es den Grossen nachtun. Irgendwie war ein Genuss dabei, wahrscheinlich der des Verbotenen. Beide waren wir zuletzt leicht beschwipst und mussten uns auf das Ruhbett legen zum grossen Gaudi der Familie. (8)

Eine Besonderheit war auch die Fastnachzeit, wenn die Mutter „küchelte“: „Wenn der Teig ausgewalzt war, formte sie tellergrosse Stücke ab und breitete sie auf einem mit einem frischen Tischtuch belegten Bett aus. So füllte sie zwei bis drei Bettdecken. Wenn das Fett im ehernen Häfeli brodelte, warf sie die „Chneublätze“ hinein, dass sie sich wanden und zusammenwellten. Nach gegebener Zeit fischte sie die Geplagten mit einer Schaumkelle aus dem heissen Bad, liess sie abtropfen und erkalten. So gab es manchmal zwei bis drei Körbe voll knusperiger Küechli.“ (9)

15.2. Schwierige Zeiten

Eine schwierige Zeit für die Bauernfamilie war die Grenzbesetzung während des Ersten Weltkrieges (1914-1918). Der Vater von Hans musste oft einrücken als Kanonier und Wachsoldat. Dazu kamen noch ein schlechtes Kartoffeljahr, Schädlinge auf dem „Kabisplätz“ und die Teuerung. Da hatte die Mutter oft Sorgen, was sie auf den Tisch bringen sollte. Die Familie hat anderseits von der Teuerung auch ein wenig profitiert, dank der Hühner: „Während der Teuerung im Ersten Weltkrieg erhielt die Mutter längere Zeit 50 Rappen für ein Ei. Das war in damaligem Geldwert sehr viel. Sie konnte mit dem Hühnergeld unsere Auslagen für die Schule bezahlen. Von freien Lehrmitteln und Materialien wusste man noch nicht viel. Unsere Bildung haben wir sozusagen den Hühnern zu verdanken und den Zichorien, welche wir pflanzten und nach Huttwil in die Fabrik lieferten.“ (10)

15.2.1. Seuchen- und Grippenepidemie

Böse Tage brachte die Seuchenzeit: „Es hiess, die Seuche würde übertragen, verschleppt. Unser Haus lag direkt an der Landstrasse. Der ganze Verkehr Huttwil-Eriswil wickelte sich an unserem Haus vorbei ab. Wir lebten in grösster Sorge, vom Unglück betroffen zu werden. Man musste die Hühner einsperren, die Katzen schier gar anbinden und grösste Vorsicht walten lassen. Jedes musste die Schuhe mit einer Lysollösung abbürsten, wenn es nach Hause kam. Vor der Haustüre stand ein Becken mit einer Bürste. Als der Vater eines Morgens feststellte, dass in der Futtertenne ein Uebernächtler gelegen hatte, erwarteten wir den Ausbruch mit Gewissheit. Auf mehreren Gehöften mussten ganze Viehbestände notgeschlachtet werden. Uns geschah wunderbarerweise nichts, wir blieben verschont.“ (11)

Noch schlimmer war es in der Grippezeit (1918). Auf einer Karte über die grippenbetroffenen Gebiete in der Schweiz gehörte Huttwil zu den schwärzesten auf dem Plan: „Wir waren mitten drin. Von überall her wurden Todesfälle gemeldet. Es wurden vor allem jüngere Leute befallen. In Nyffel waren in der gleichen Woche zwei Tote in einem Haus. Es wurde von schrecklichen Leiden erzählt. Offenbar herrschte die unsinnige Meinung, die Kranken könnten gerettet werden, wenn man ihnen jegliche Tranksame vorenthielte…… Bei uns liess der Vater abends die ganze Familie in der Wohnstube antreten, und jedes von uns musste rohe Zwiebeln schlucken. Mit Todesverachtung taten wir das, und es ist möglich, dass mit starkem Glauben an die Wirksamkeit dieses rabiaten Mittels und dessen tatsächlicher Polizeifunktion im Körper niemand von uns erkrankte. Wir betrachteten es als Wunder.“ (12)

Ganz verschont von Krankheiten blieb die Familie jedoch nicht. Im Jahre 1910 erkrankte Hans als Zweijähriger an Kinderlähmung (Poliomyelitis) . Sein rechter Arm blieb gelähmt. Er schreibt in seinen Jugenderinnerungen unter der Ueberschrift:

15.2.2. Polyomyelitis

„Möglicherweise blieb deswegen unser Haus von Seuche und Grippe verschont, weil wir schon so genug hatten…In meinem zweiten Lebensjahr erkrankte ich an Kinderlähmung. Ein Fieber, wie manches andere. Nach einiger Zeit zeigte sich die Lähmung, da war es zu spät…“ (13)
Vieles wurde versucht, um den gelähmten Arm zu heilen. Man behandelte den kleinen Hans u.a. im Spital in Bern mit Elektroschocks, bis er nicht mehr sitzen konnte. „Als alles nichts half, nahm man mich nach Hause. Ich war jetzt ein Sorgenkind. Was das in einem Bauernhaus bedeutet, wo man mit jedem Kind natürlicherweise als einer zukünftigen Arbeitskraft rechnet, kann nur ermessen, welcher die Denkweise der Bauern kennt, deren Vorfahren je und je nur dem Bauernstand angehörten. Von der Mutter wurde ich gewiss mit vermehrter Liebe und Sorgfalt umhegt. Beim Vater glaubte ich stets eine gewisse Scheu zu spüren, wenn er mich so betrachtete und bedachte….“ (14)
Auch die zwei ledigen Tanten Bertha und Frieda, Schwestern der Mutter, kümmerten sich um das Kind und suchten Kräuterdoktoren und andere Wunderheiler auf. Hans erzählt in blumiger Sprache die Besuche beim Kräuterdoktor Spahr in Wynigen; bei der Biberistfrau; bei einem Arzt in Lörrach. „Am längsten dauerte die Behandlung mit einer etwas sonderbaren Salbe. Die Tanten hatten von einem Allerweltsdoktor im Solothurnischen vernommen, ihn ohne mich aufgesucht und ein langes Rezept erhalten: Hundeschmalz, Murmeltierfett, verschiedene Kräuter, u.a. Ringelblumen, Schöllkraut, isländisches Moos, Heublumen. Ein ganzes Register von Mitteln musste man zu einem Sud in einer Pfanne einkochen lassen. Höchst wirksam sollte die Salbe werden, wenn man in das brodelnde Gebräu einen lebendigen Frosch oder eine Kröte warf. Vielleicht sollte der gefangene Lebensstoff auf das kranke Glied überspringen. Ob die Tanten sich zu dieser Quälerei durchringen konnten, habe ich nie mit Sicherheit erfahren… Vor mir stand schliesslich ein Topf mit einer grauen gut gelierten Masse. Es war noch eine Bedingung dabei. Eigenhändig musste ich aus buchenen Scheitern Späne hobeln und diese im Herd zu einem Feuer anfachen. Ich zog mein Hemd aus, setzte mich auf den Deckel des hintern Feuerlochs, brachte etwas Salbe in einem Löffel über der Glut zum Schmelzen, hielt dann den Arm quer über das offene Feuerloch und rieb die Salbe ein….Eine wohlige Wärme durchdrang meine Seite, und die Hoffnung auf Besserung lebte immer wieder auf. Ob die Salbe und die Behandlung eine Wirkung taten, kann ich nicht sagen. Ich glaubte zu spüren, dass die Muskulatur durch die Wärme und die Massage belebter wurde. Jedenfalls blieb der Arm doch in seinem Wachstum nicht zurück, was ein Glück war.“ (15) Ein letzter Heilungsversuch wurde mit Hans noch gemacht, als Emile Coué (franz. Apotheker u. Autor, sowie Begründer der modernen, bewussten Autosuggestion) ins Land kam. Die Tanten nahmen ihn mit an eine Vorführung in Langenthal. Als Schauobjekt vor vielen Leuten in die Mitte zu treten, sich begucken und befühlen zu lassen, widerte den Knaben an. Coué konnte bei diesem physischen Leiden auch nicht helfen. Hans bekam aber durch die Begegnung mit Coué eine Ahnung, dass die innere Einstellung Einfluss auf das Befinden des Menschen haben könnte.(16)

Zum Handicap mit dem lahmen Arm kam noch ein anderes Übel dazu. Hans hatte rote Haare. Nicht etwa schöne dunkelrote, sondern feuerrote . So fiel der Knabe durch zwei Dinge auf. Er litt darunter: „Was aus dem Rahmen fiel, wurde belächelt, bespöttelt und vorgehalten. Das erfuhr ich mehrmals während der Schulzeit und es traf mein empfindsame Gemüt aufs tiefste.“ (17) Hans fand es auch höchst ungerecht, dass in vielen Geschichten und Bühnenstücken die Bösewichter und Verräter oft mit roten Haaren dargestellt wurden.

15.3. Was soll aus dem Knaben werden? – Die Musik als Kraftquelle

Der Knabe hatte in der Sekundarschule einen guten Singlehrer. Hans war für Musik empfänglich und sang in den Stunden eifrig mit. Neben den herkömmlichen Schulliedern aus dem Gesangbuch machte der Lehrer die Schüler mit der klassischen Musik bekannt, z.B. mit Liedern von Schubert. Diese Musik berührten den sensiblen Knaben: „Das war für mich eine neue ungeahnte Welt. „Schlafe, schlafe, holder, süsser Knabe“, die Lieblichkeit und Innigkeit des Bildes ergriffen mich. „Das Wandern ist des Müllers Lust“, die wunderbare Bewegung in der Begleitung erregten meine Fantasie. „Rauschender Strom, brausender Wald“ liess mich erschauern. Beim Erlkönig geriet ich schier ausser mir. Die Leidenschaft, die Kraft und Eindringlichkeit, die musikalische Gewalt trafen mich. Es war etwas ganz Neues. Ein Tor wurde aufgestossen. In mir war etwas geweckt worden, das mein Gefühl und meine Empfindsamkeit ansprach…..Ich fühlte mich gehoben, verzaubert, von einer Macht angezogen, wie gebannt“ von dieser Musik. (18)

Offenbar machten sich die Lehrer Gedanken über die Zukunft ihres Schülers: Was sollte aus dem Knaben mit dem lahmen Arm werden? Der Singlehrer, Herr Althaus gab auch Physikunterricht. Er war ein Bastler und Pröbler und stellte die meisten Einrichtungen und Apparate selbst her. Über die Funktionsmöglichkeiten von Hanses Arm und seiner Finger hatte er nachgedacht. Als die Mutter und Hans ihm einmal am „Esel“ begegneten, hielt er sie an:….“Könnte man nicht die Sehnen und Muskeln durch Training zum Erstarken bringen? Sie sind ja da, sind nur infolge Nichtgebrauchs zurückgeblieben und kraftlos geblieben.“ Herr Althaus schlug vor, Hans Klavierspielen zu lehren, das könnte helfen. Er führte auch dessen Musikalität ins Feld. „Das war nun ein Gedanke, der in mir glühte und der Mutter zu denken gab. Es fügte sich, dass das „Unmöglichscheinende“ Wirklichkeit wurde. Herr F. Utz,… der ein feiner Musiker war, anerbot sich nach einiger Zeit, mir Klavierunterricht zu erteilen, völlig gratis. Ich durfte am Dienstagnachmittag bei ihm üben und konnte auch bei einem Kameraden… spielen. Ich erinnere mich gut an die erste Stunde. Ich sass am Klavier und sollte mit den Fingern der rechten Hand die Tasten herunterdrücken. Die Finger waren so schwach, dass ich es fast nicht fertig brachte. Erst nach Wochen erstarkten sie. Weil ich mit Feuereifer hinter die Sache ging und auch eine gute Auffassungsgabe hatte, kam ich rasch vorwärts. Daheim übte ich auf dem Tisch und auf dem Ruhbett. Das Jauchenloch war mit langen und halblangen Laden bedeckt. Das waren für mich Tasten. Ich hopste darauf herum und sang Töne und Melodien. Nach langem Plangen, Hoffen und Wünschen kam ein altes Klavier für 300 Franken in unser Stübli. Das war nun mein Reich!“ (19)
Mit Eifer tauchte Hans in die Welt der Musik ein. Sein Wille war so stark, dass er jegliche Ermüdung überwand und täglich stundenlange am Instrument sass und übte. Schon bald konnte er anspruchsvolle Stücke z.B.von Schumann („Träumerei“), von Mozart (A-Dur-Sonate) und einige Salonstücke (Abschied vom Oberhof, Veilchen aus Abbazia, Le lac de Cômte, der Bummel-Petrus) spielen.

15.4. Lehrerseminar in Hofwil

Am Aufnahmeexamen ins Seminar konnte er die „Träumerei“ von Schumann präsentieren. „Der alte Lehrer, Hans Klee (Vater von Paul Klee), welcher die Prüfung abnahm, stand neben mir, sah, welche Mühe ich aufwenden musste, spürte mein Mitfühlen und die Fähigkeit, ausdrucksvoll zu gestalten. (20) Über seine Spieltechnik schreibt Hans: „Die Fingermuskulatur wurde bald straffer und kräftiger, so dass man einen Unterschied im Anschlag zur linken Hand kaum hörte. Hingegen blieb die Muskulatur des Oberarms unentwickelt. Deshalb kann ich den Arm nur bis zu einer gewissen Höhe heben. Alle Läufe machen mir Mühe, Arpeggien und Sprünge kann ich nur schwer ausführen. Das Gewicht des Arms muss ich mit einem Finger auf eine Taste stützen können, wobei es beim Spiel ständig von einem Finger auf einen andern hinüberwechselt. Das geschieht unbewusst. In dieser Beziehung kam mir das Orgelspiel sehr gelegen, da dort das Legatospiel gegeben ist und Akkordgriffe mir keine Mühe machen.“ (21) Hans litt darunter, dass ihm durch die Behinderung im musikalischen Ausdruck Grenzen gesetzt wurden: „Das Leidenschaftliche bei Schumann, das Abgründige bei Reger, das Schöne bei Mozart, die Grösse bei Beethoven, das Spielerische, Glanzvolle in so manchen Stücken hätte ich gerne in grösserem Masse ausgeschöpft. Ich hatte Gestaltungskraft und Geschmack, aber ich musste mich oft mit einem Versuch begnügen. Das Goethesche Wort: „Entbehren sollst du, sollst entbehren“, musste ich in allen Phasen durchkosten.“ (22)

Das Lehrerseminar war für Hans ein Glücksfall. Er bekam dort die ersehnte Bildung und er konnte Freundschaften und Beziehungen aufbauen, die ein Leben lang anhielten. Die ersten zwei Jahre lebte er im Internat in Hofwil. Später war er bei einer Pensionsmutter in Bern untergebracht. Er verehrte Mme Bachmann sehr. Wie er mir später erzählt hat, war er von einer Lehrerpersönlichkeit besonders begeistert und wurde von ihr im positiven Sinn beeinflusst. Es war Professor Friedrich Eymann, der am Seminar den angehenden Lehrern Religionsunterricht erteilte (von 1924–1938). Friedrich Eymann war auch Professor für Ethik an der theologischen Fakultät der Universität Bern (1928-1944). In seiner früheren Pfarrstelle in Eggiwil war er ein grosser Kulturförderer gewesen. Es ging Eymann um wahre Menschenerkenntnis und wahre Menschenbildung: „Was ist der Mensch? – Wie antwortet die Naturwissenschaften auf diese Fragen? Wie antworten Philosophen, Dichter und Denker der Vergangenheit und Gegenwart? Welche Ansichten ergeben sich aus den vorchristlichen Religionen und aus dem Christentum? Wie antwortet die Mystik, die Theologie?“ Dies waren Fragen, denen er mit interessierten Menschen in Arbeitsgruppen nachging. (23) Bei Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie fand Eymann das umfassenste Menschenbild vor. Steiners Philosophie liess sich mit dem Gedankengut des deutschen Idealismus, in dem Eymann stark verwurzelt war, verbinden. Damit war die Voraussetzung gegeben für eine Menschenbildung, wie sie Pestalozzi vorgeschwebt hatte. Mein Schwiegervater hat mir gegenüber geäussert, dass ihn vor allem das vertrauenserweckende Menschenbild Eymanns sehr angesprochen habe. Nicht der Mensch als armer Sünder im „irdischem Jammertal“ wie dies in der damaligen Theologie gelehrt wurde, sondern der Mensch als höchstes Wesen der Schöpfung. „Eine Ahnung von der Grösse und Wirksamkeit der Kräfte, die keimhaft verborgen im Menschen schlummern und darauf warten, aufgeweckt zu werden; das Bild eines sich in die Zukunft hinein immer umfassender entwickelnden Menschen …; ein wachsendes Vertrauen in die langsam erwachenden eigenen Kräfte, in die menschlichen Kräfte überhaupt; in diejenigen des Erkennens und in die Möglichkeit, die Erkenntnisgrenzen zu erweitern; in die moralisch schöpferischen Fähigkeiten des Menschen…. mit einem Wort: das Bild eines Menschen, das wohl die Abgründe des Bösen nicht ignoriert, aber doch baut auf das absolut Erste und Ursprüngliche, den göttlichen Funken, den höheren Menschen im Menschen…“ (24)
Ein Schüler des Seminars beschreibt den Unterricht bei Eymann, wie folgt: „Nach und nach wurden wir inne, in welchem Masse der Religionsunterricht in die Breite, in die Tiefe und Höhe wuchs und sämtliche Lebensgebiete zu erfassen begann…Eymann dozierte nie als unbeteiligt Referierender, man spürte, dass er intensiv zentrale Glaubensfragen in Erkenntnisfragen umwandelte und deshalb Eigenes geben konnte…. (25) „Wir standen unter dem Eindruck eines ungeheuren Reichtums, der uns durch die Person unseres Lehrers unablässig entgegenströmte. Keine unserer Fragen ging ins Leere; wir lernten dabei erst richtig zu fragen. Wir fühlten uns, gerade so, wie wir jetzt waren, bejaht…“ (26) Hans Rentsch blieb Eymann auch nach der Seminarzeit verbunden. Er hatte die Monatszeitschrift „Gegenwart – Blätter für freies Geistesleben“ abonniert, die Eymann nach seinem erzwungenen Rücktritt gegründet und herausgegeben hat.

15.5. Erwachsenenleben

Nach der Patentierung wurde Hans Rentsch an die Primarschule Köniz gewählt. Er hatte grosses Glück! Nur die wenigsten jungen Lehrer und Lehrerinnen fanden damals eine Stelle; viele blieben jahrelang stellenlos.

15.5.1. Beruf

Hans unterrichtete an der 3./4. Klasse. Damals erfolgte der Übertritt in die Sekundarschule nach der 4. Klasse; demzufolge musste er die Kinder auf den Übertritt vorbereiten. Manchmal war es schwierig, die Eltern davon zu überzeugen, dass ihr Kind für die Sekundarschule nicht geeignet sei. Im Grossen und Ganzen genossen die Lehrer früher ein grösseres Ansehen als heute und wurden als Autoritäten respektiert. Hans war ein engagierter Lehrer und Volkserzieher. Gerade aufgrund seiner eigenen Behinderung konnte er sich gut in Kinder hineinversetzen, die Schwierigkeiten oder eine Behinderung hatten. Er versuchte die Kinder zu integrieren, um in ihnen nicht das gefährliche Gefühl einer Zurücksetzung aufkommen zu lassen. Als ich junge Lehrerin war – damals (1972) stand die Kreativität im Vordergrund, das Diktat-Lernen z.B. war verpönt -, hat er mir den Rat gegeben, mit den Schülern viel zu üben. Bei ihm mussten die Schüler schwierige Wörter so lange üben, bis sie diese fehlerfrei schreiben konnten. Im Heimatkundeunterricht hat er nicht nur von den Helvetiern und Pfahlbauern etc. erzählt, sondern mit den Kindern auch die nähere Umgebung erkundet. Er folgte mit ihnen dem Könizbach bis zur Quelle bis im Gummersloch im Köniztal.

15.5.2. Heirat und Familie

In den ersten Jahren seiner Berufstätigkeit bildete sich Hans berufsbegleitend im Klavier- und Orgelspiel aus und schloss diese Ausbildung mit dem Organisten–Diplom ab. Er sang im Lehrergesangsverein. Dort lernte er seine zukünftige Frau kennen, Ottilie Schenk. Die Heirat fand 1935 statt. Im gleichen Jahr konnte das Paar in das neu erbaute Haus an der Landorfstrasse 57 einziehen. Drei Kinder wurden dem Paar geschenkt: Annemarie 1937, Hans 1939 und Christoph 1943.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Hans Rentsch zum Oberlehrer gewählt, weil viele seiner Kollegen in den Militärdienst einrücken mussten. Er hätte selber auch gerne Dienst geleistet. In seinen Jugenderinnerungen schreibt er: “Das „Untauglich“ im Dienstbüchlein trug nicht zur Hebung des Selbstgefühls bei“……“Ich bin überzeugt, dass der Dienst mit ein Grund ist, dass es in unserem vielgestaltigen Land mit so vielen verschiedenen Köpfen immer wieder geht, weil man sich kennt, versteht und schätzt“…..“ Mir gefällt die gesunde Männlichkeit, die aus einem zufriedenen Soldaten spricht, die mancher nur im Dienst erlangt“…..“Als Argument gegen die Dienstverweigerer führe ich das Jesuswort aus Lukas 11,21 an: „Wenn ein starker Gewappneter seinen Palast bewacht, so bleibet das Seine mit Frieden“, welchen Text Brahms in einer Motette in eindrücklicher Weise wundervoll vertont hat. Jedenfalls für unser Land hat sich die Richtigkeit dieser Verheissung erwiesen.“ (27)
In der Kriegszeit hatte Hans Rentsch wichtige Aufgaben im zivilen Bereich zu erfüllen. Er war u.a. verantwortlich für die Herausgabe der Rationierungskarten und Marken. Es war eine Art Heft mit „Fächlein“, wo die Marken für Seife, Brot-Mehl, Butter-Käse, Fett-Oel, Eier-Teigwaren, Milch, Zucker-Konfi, Fleisch, Reis-Hafer, Fleisch Konserven, Mahlzeit etc. hineingesteckt werden konnten.

15.5.3. Musik

Seine eigentliche Berufung fand Hans Rentsch in der Musik. Er war von 1934 – 1973 Organist (einer von zwei) an der Kirche Köniz. 1935 gab es eine Neugründung des Kirchenchors. Hans Rentsch wurde zum Leiter gewählt. Nach dem Ersten Weltkrieg war von Deutschland ausgehend eine Singbewegung entstanden. Der Drang nach Aufbau einer neuen, befreienden Kultur machte sich geltend. Im Liedgut der alten Volkskunst entdeckte man Quellen wahrer Gesundung. Auch die Kirche in der Schweiz wurde von dieser starken Bewegung ergriffen. Die Bestrebungen zur Schaffung eines neuen Kirchengesangbuches erhielten von hier entscheidende Anstösse. Der Kirchenchor Köniz stellte sich von Anfang an bewusst auf diese Pionierarbeit ein.. Hans Rentsch führte die liturgische Feier ein, dies war für Köniz etwas Neues. Am Karfreitag 1935 hatte der Kirchenchor sein erstes Auftreten. „Man stellte den Passionsbericht aus Johannes ins Zentrum des Gottesdienstes, unterbrach ihn an passenden Stellen, liess Chor, Gemeinde oder Instrumente das Geschehen bekennend betrachten und schloss die Feier mit Gebet und Dankchoral.“ (28) Später leitete Hans Rentsch manchmal auch die Vereinigten Kirchenchöre der Gemeinde Köniz: Köniz-Liebefeld, Spiegel, Wabern, Niederscherli, Oberwangen. Im Nachlass meiner Mutter, die damals im Kirchenchor Spiegel mitsang, habe ich ein Programm gefunden zum Gottesdienst am 24. Juni 1973. Hans Rentsch leitete die musikalische Umrahmung des Gottesdienstes . mit den Vereinigten Chören, einem Streichorchester, Trompeten, Posaunen, Oboe, Fagott, Flöte, Orgel. Werke von P. Müller (komp. 1956), J. Mann (1935), H. Schütz (1585-1672), J.S. Bach (1685-1750) kamen zur Aufführung. (29) Die vielen Konzerte und liturgischen Feiern in der Kirche Köniz, manchmal auch mit einem ad hoc gebildeten Kinderchor stellten eine grosse Bereicherung des kulturellen Lebens in Köniz dar. Manchmal kamen auch eigene Kompositionen des Dirigenten zur Aufführung.

Hans Rentsch hat unzähligen Kindern und Jugendlichen im Musikzimmer im Einfamilienhaus an der Landorfstrasse Klavier-und Musikunterricht erteilt. Die musikalische Erziehung der Kinder war ihm eine Herzensangelegenheit. Er hat nur ein bescheidenes Entgelt verlangt, so dass sich auch Familien aus einfachen wirtschaftlichen Verhältnissen Klavierstunden für ihre Kinder leisten konnten. Auch in der eigenen Familie wurde die Musik sehr gepflegt. In späteren Jahren konnten auch die Grosskinder vom Musikunterricht profitieren.

Daneben besuchte Hans Rentsch, zusammen mit seiner Frau, während Jahren den von ihm mitgegründeten Berner Kammerchor, den er viele Jahre präsidierte. Das Ehepaar Rentsch war mit dessen Leiter Fritz Indermühle und seiner Gattin Adelheid Indermühle (Pianistin) befreundet. Für Hans Rentsch waren die persönlichen Begegnungen mit dem Kirchenmusik-Komponisten Willy Burkhard und dem Musiker und Seminarlehrer Hans Studer sehr wichtig.
Dass Hans Rentsch sich mit so viel Kraft für das Musikleben in Köniz einsetzen konnte, wurde ihm dank der selbstlosen Unterstützung durch seine Ehefrau ermöglicht, die sich intensiv dem Haushalt und den Kindern widmete. (30)

15.6. Späte Jahre

Die Pensionierung als Lehrer erfolgte 1973. Man hatte nicht den Eindruck, dass Hans Rentsch schulmüde sei, er blieb bis zum Schluss ein engagierter Lehrer und Volkserzieher. Fast gleichzeitig trat er auch als Organist und Kirchenchordirigent zurück. In seinen Jugenderinnerungen schreibt er am Schluss:
„Meine Mutter hatte mir einen starken Glauben an das Gute und den Hort der Kirche mitgegeben. Das gab mir Sinn und Kraft, mich neben der Schule 40 Jahre lang als Organist und Kirchenchorleiter einzusetzen…Durch manche Fährnis und Enttäuschung wurde ich spürbar geführt, das darf ich bekennen. Die Familie und was mir mit den anvertrauten Pfunden in meinem Amt zu wirken vergönnt war, sind mein Wohlgefallen hier auf Erden. Für das ewige Leben gibt mir Richtung, Zuflucht und Trost der, den wir im Glaubensbekenntnis anrufen.“ (31)

Aber auch nach seiner Pensionierung blieb Hans Rentsch aktiv. Er war Mitbegründer der Musikschule Köniz. Sie lag ihm sehr am Herzen. Er präsidierte den Verein in den Anfangsjahren. Nach wie vor besuchte er sehr viele Konzerte. 1979 schrieb er seine „Jugenderinnerungen“, die als Separatdruck herauskamen. 1991 gab er ein SJW-Heftchen heraus „Mississippi aufwärts… und andere Erlebnisse eines Schweizer Auswanderers“.(32) Pfarrer Kasser hatte alte Briefe des Berners Johann Jakob Balsiger aus den Jahren 1847 und 1848 gefunden und sie ihm weitergegeben. Diese waren in alter Schrift geschrieben. Hans Rentsch hat sie in unsere Schrift übersetzt. Er war im Seniorenclub Köniz sehr aktiv; ganz besonders nach dem Tod seiner Frau im Jahre 1981. Er fand dort einen Kreis von Gleichgesinnten, in dem er sich sehr wohl fühlte, und wo er sich mit seinen musikalischen Kenntnissen einbringen konnte. Mit dem Seniorenclub unternahm er Bildungsreisen ins Ausland und „amtete“ als Reisechronist. Den Haushalt hat er selbständig geführt, (einmal pro Woche kam eine Putzfrau) und seine Gäste oft mit Gerichten aus den „wasserlosen“ Pfannen bewirtet.

Neben seiner Vorliebe für Musik hatte Hans Rentsch auch Freude an Gedichten. Er sammelte Gedichte und schrieb sie in ein Buch ab. In der Einleitung seiner Gedichtsammlung schreibt er 1984: dies sind „Gedichte, die mich mein ganzes Leben lang begleitetet haben.“ Die Grosskinder, die heute alle im Erwachsenenalter sind und selber schon wieder Kinder haben, können sich gut daran erinnern, dass Grossvati, wenn er auf Besuch, zum Hüten oder für eine Klavierstunde kam , ein in Leder eingebundenes Buch mitbrachte. „Grossvati, weisch no es Värsli?“ hiess es dann. (33) Und alle, auch die damals schon Erwachsenen, denken gerne daran zurück, wenn Grossvati die Geschichte von „Igel Bethlis Ma“ rezitierte. Auch sein Sinn für Humor kam zum Ausdruck, wenn er z.B. die Geschichte vom Huhn und vom Karpfen vortrug. Jedesmal, wenn das Huhn ein Ei legte „kakelte, mirakelte, spektakelte (es), als ob’s ein Wunder sei“, während der Karpfen im Teich, der jährlich eine Million Eier legt, stummblieb. Moral von der Geschichte: „was gäb es für ein Geschrei, wenn er für jedes Ei..“ Er war ein liebevoller, geduldiger, humorvoller Grossvater.

Im Jahr 1992 erlitt Hans Rentsch einen Hirnschlag. Auf offener Strasse brach er zusammen. Bis jetzt hatte er sich einer guten Gesundheit erfreut. Leider hat er sich nach dem Schlaganfall nicht mehr richtig erholt. Er blieb einseitig gelähmt. Hans Rentsch fand Aufnahme und vorzügliche Pflege im Krankenheim Gottesgnad in Köniz, einige Meter hinter seinem Wohnhaus. Er ertrug seine Lähmung mit vorbildlicher Geduld. Er klagte nicht, sondern schickte sich in Unabänderliche. Er freute sich über die Besuche und schätze es, wenn man ihm vorlas. Die letzten Wochen waren mühevoll, da er kaum noch sprechen und lesen konnte. Er verstarb am Palmsonntag 2001 in seinem 93. Lebensjahr.

„Singt ihm ein neues Lied“ steht auf seinem Grabstein. Es ist eine Zeile aus dem Psalm 33:
„Ihr Gerechten, jubelt vor dem Herrn;
für die Frommen ziemt es sich, Gott zu loben.
Preist den Herrn mit der Zither,
spielt für ihn auf der zehnsaitigen Harfe!
Singt ihm ein neues Lied,
greift voll in die Saiten und jubelt laut!“ (34)

Quellenangaben:

1 Rentsch Hans «Jugenderinnerungen», Separatdruck im Unteren Emmentaler 1979, (2. erweiterte Auflage 1986) S. 1
2 (s. 1) S. 1
3 (s. 1) S. 2
4 (s. 1) S. 2
5 (s. 1) S. 5
6 «Wolfszahn»/» Mutterkorn» , www.botanikus.de
7 (s. 1) S. 3/ 4
8 (s. 1) S. 7/ 8
9 (s. 1) S. 8
10 (s. 1) S.4/ 5
11 (s. 1) S. 6
12 (s. 1) S. 7
13 (s. 1) S. 11
14 (s. 1) S. 11
15 (s. 1) S. 13
16 (s. 1) S. 13/ 14
17 (s. 1) S. 12
18 (s. 1) S. 14
19 (s. 1) S. 14/ 15
20 (s. 1) S. 15
21 (s. 1) S. 15
22 (s. 1) S. 16
23 Bärtschi Christian/Müller Otto «Friedrich Eymann», S. 9
24 (s. 23) Eltz H. S. 34/ 35
25 (s. 23) Saurer R., S. 28/ 29
26 (s. 23) Saurer R. S. 31
27 (s. 1) S.16
28 «Kirchenchor Köniz-Liebefeld 1935-1985», 50 Jahre Kirchenchor Köniz-Liebefeld – Ein Rückblick von Rentsch Hans, S. 2
29 «Mit trompeten und Posaunen jauchzet vor dem Herrn dem Könige» Psm 98, Erinnerungen an das Singen der fünf Kirchenchöre von Köniz, Leitung: H. Rentsch, 24. Juni 1973
30 Lebenslauf ,verfasst von A. Jesse
31 (s. 1) S. 19
32 SJW Nr.1924 «Mississipi aufwärts…» und andere Erlebnisse eines Schweizer Auswanderers
33 Rentsch Hans, Abschrift seiner Gedichte für den Familiengebrauch. (Es gibt im Buchverlag Fischer Druck AG 3110 Münsigen ein Büchlein mit Kinderverslein: Grossvatter, weisch no es Värsli? )
34 Psm 33, 1-3