7. Hans Mühlemann (24.12.1897 – 9.6.1978) Polizist, Chef des Bezirksgefängnisses (10. Generation)

7.1. Mithilfe der Kinder

Hans wurde am 24. Dez. 1897 als Zweitältester in eine Kleinbauernfamilie in Bönigen hinein geboren. Seine Eltern waren Christian Mühlemann und Elisabeth Zürcher. Nach ihm folgten noch fünf weitere Geschwister. Die Kinder mussten im kleinen Landwirtschaftsbetrieb viel mithelfen. Ihr Vater ging noch auswärts arbeiten und deshalb wurden zu Hause alle Hände gebraucht. Auch in den langen Sommerferien hatten die 7 Mühlemann-Kinder nicht einfach Freizeit; sie mussten Geld verdienen. Sie zogen am Morgen früh aus und gingen in die Wälder, um dort Beeren, vor allem Heidelbeeren, zu pflücken. Diese verkauften sie in den Hotels von Bönigen und Interlaken.

Meine Mutter wusste über die Kindheit ihres Vaters Folgendes zu berichten: „In ihrer Jugend sind Fritz und Hans, die ältesten Knaben der Familie unzertrennlich gewesen. Sie waren Schlingel (Lausbuben) und haben allerlei Unfug getrieben. Hans und seine Geschwister waren nicht verwöhnt. Sie bekamen nie Schokolade zum Essen. An Weihnachten hingen jedoch am Tannenbaum „Schokolädeli“ als Baumschmuck. Dies war natürlich etwas ganz Besonderes. Hans hat von „Schibleni“ erzählt. Er und Fritz haben die Schokolädeli heimlich gegessen. Sie liessen nur noch die Papierli am Bändeli am Tannenbaum. Wenn jemand in die Nähe kam, haben er und Fritz sich mit dem Rücken vor den Baum gestellt, damit es die andern möglichst lange nicht gemerkt haben. Die enge Beziehung zum älteren Bruder wurde durch dessen Unfalltod in der Fabrik jäh unterbrochen. Dies hat Hans sehr getroffen.“

7.2. Wege aus der Armut

Hans hat nach der Schule auf einer Alp Käser gelernt. Er fand aber keine Arbeitsstelle, wo er ein ausreichendes Einkommen hätte erwirtschaften können. Deshalb wollte er, wie viele andere Bürger von Bönigen auch, auswandern. So viel mir bekannt ist, wäre sein Reiseziel Kanada gewesen.

„In der grossen Zeit der Emigration von 1816 bis 1913 zogen mehr als 400 000 Schweizer nach Übersee, zur grossen Mehrheit in die Vereinigten Staaten…1910, als das Land selber 3,75 Millionen Einwohner zählte, lebten 370 000 noch als Schweizer geltende Personen im Ausland, davon 132 000 in Nordamerika, 45 000 in Lateinamerika sowie einige tausend in Nordafrika und Asien. Recht genau die Hälfte der Ausgewanderten entfiel auf Europa. Das wichtigste Zielland war Frankreich (83’000) mit einigem Abstand Deutschland (57’000), Grossbritanien (12’000) und Italien (9’000).“ (1)

In letzter Minute hat Hans jedoch seine Pläne geändert und versucht, sein Glück in der Schweiz, genauer in der Stadt zu suchen, um der Armut zu entrinnen. Am 2. September 1918 trat Hans Mühlemann als Rekrut in das Polizeikorps des Kantons Bern ein. Er absolvierte die Ausbildung zusammen mit einem Freund. Die beiden waren so arm, dass sie zusammen nur einen Mantel besassen. Im Winter konnte am Wochenende immer nur einer von ihnen in den Ausgang gehen. Nach der Ausbildung waren für Hans die ersten Stationen als neugebackener Polizist: Büren an der Aare, Detligen, Zollikofen.

7.3. Familienvater und Landpolizist

Am 12. November 1921 hat Hans Mühlemann Luise Schlumpf, geb. 5. August 1897 von Mönchaltdorf ZH in Lauterbrunnen geheiratet. Das junge Paar wohnte zu Beginn in Zollikofen. Dort wurde am 30. März 1922 die ältere Tochter Vreneli Elisabeth geboren. Das zweite Mädchen, Ruth Hedwig, kam am 11. August 1926 in Lyss auf die Welt.

Der nächste Arbeitsort von Hans Mühlemann war Lyss im Berner Seeland. Dort verrichtete er neben dem strengen Staatsdienst (Kantonspolizei) auch noch Gemeindedienst. Die Aufgaben eines Polizisten auf dem Dorf waren sehr vielseitig: Aufklärung von Verbrechen und Prävention; Unfall-Sicherung und Aufnahme; Verkehrs- Regelung und Kontrolle; Wach- und Kontrollaufgaben etc. Hans muss ein tüchtiger Polizist gewesen sein. 1925 durfte er, nachdem er einen Dieb dingfest gemacht hatte, mit Genehmigung der Vorgesetzten eine ausgesetzte Belohnung in Empfang nehmen. Ein Gesuch an das Kommando des kantonalen Polizeikorps für die Annahme der Belohnung von Fr. 100.- unterstützte sein direkter Vorgesetzter: „Geht mit Empfehlung an Herrn Oberleutnant Brüllhardt in Biel. Mühlemann hat sich in dieser Sache grosse Mühe gegeben und sehr geschickt gearbeitet. Einzig seinem Vorgehen ist es zu verdanken, dass der Täter eruiert werden konnte.“ (2)

Vreni (meine Mutter) hat erzählt: „Wir hatten durch den Dienst meines Vaters schon früh ein Telefon. Es war ein Holzkasten, der an der Wand hing. In Vaters Büro war auch ein Telegraphengerät: täglich wurden zu einer bestimmten Zeit, Nachrichten auf Papierrollen ausgedruckt, z.B. von Verbrechern, die zur Fahndung ausgeschrieben waren. Damals ist der Polizist im Dorf noch eine Respektperson gewesen. Auch meiner Mutter ist man mit Hochachtung begegnet. Man hat sie mit Frau Korporal und später mit Frau Wachtmeister angesprochen. Mit dem Aufkommen von Autos hat der Vater im Dorf auch den Verkehr regeln müssen. Mein Vater hielt immer Hunde, die er oft mitnahm bei seinem Polizeidienst. Am Anfang waren es Deutsche Schäferhunde und später Airedale Terrier“.

7.4. Sparer – Landbesitzer – Bezirkschef und Gefängnisverwalter

Hans scheint schon in jungen Jahren Ersparnisse gemacht zu haben. 1934 hat er seinem Bruder Alfred Mühlemann, Landwirt, ein Darlehen von Fr. 1000.- gewährt. Es war ein Beitrag an den Kauf des Bauernhofs „Wanne“ in Bönigen. Im mir vorliegenden Schuldschein wird festgelegt, dass der Betrag zu 3% verzinst wird und jährlich mindestens Fr. 50.- abbezahlt werden müssen. Offensichtlich konnte der Bruder nicht immer den geforderten Betrag abbezahlen. Auch „Aepfellieferungen“ und „Holzerlohn“ wurde als Abzahlung akzeptiert. Ab 1941 musste Alfred das Kapital von Fr. 717.25 nicht mehr verzinsen. Am 29. August 1948 war die Schuld getilgt. (3)

1934 hat Hans Mühlemann die Windegg, ein Grundstück in der Gemeinde Bönigen am Brienzersee für Fr. 13000.- gekauft. Es war eine Scheune mit Umschwung, Wiese und Wald, mit insgesamt 226.80 Aren Land. Der Kaufvertrag wurde abgeschlossen zwischen „Herr Hans Mühlemann, Christians Sohn von Bönigen, Kantonspolizist in Lyss und den Erben von Frau Anna Rubin- Flück, Adolfs Witwe“. Das Grundstück wird beschrieben als „ein Stück Wiesenland und Wald zu Ehrschwanden, Windegg genannt angrenzend: Morgens und mittags an den Ehrschwandengraben…Abends an Johann Schilds und mitternachts an die Strasse“. Weiter heisst es: „Die Parteien haben den Kaufpreis festgesetzt auf dreizehntausend Franken, Fr. 13’000.- Hieran leistet der Käufer eine Anzahlung von viertausend Franken innert acht Tagen. Die Kaufrestanz von Fr. 9’000.- schreibe neuntausend Franken ist innert drei Monaten in bar abzulösen, ohne Zinsvergütung.“ Für Fr. 8300.- hat Hans bei der Hypothekarkasse des Kantons Bern ein Darlehen aufgenommen. (4)

Hans war im Herzen ein Bauersohn geblieben. Es zog ihn immer wieder zurück nach Bönigen. Im Sommer half er seinen Eltern und den Brüdern, die Landwirtschaft betrieben, beim Heuen. Die Familie Mühlemann-Schlumpf verbrachte fortan die Ferien meistens auf der Windegg. Sobald die Jüngste in der Lage war, sind sie mit den Velos von Lyss und später von Wimmis nach Bönigen geradelt. Der Hund musste nachrennen und er soll oft blutige Pfoten gehabt haben. Zum Glück war noch nicht viel Verkehr auf den Strassen. In der Scheune auf der Windegg gab es neben dem Stall ein Stübli und ein „Chucheli“, dort haben sie unter einfachsten Verhältnissen gewohnt. Vermutlich hat meine Mutter wegen den engen Platzverhältnissen bei ihren Grosseltern in Bönigen übernachtet. Das Land, das zur Windegg gehörte hat Hans verpachtet. Später anlässlich des Nationalstrassenbaus in den 1970er Jahre, musste er Land an den Staat abtreten. Sein Grundstück wurde durch die Strasse zweigeteilt. Er hat dann die Windegg verkauft.

Im Jahre 1935 wurde Hans Mühlemann zum Korporal befördert. Die Familie mit den zwei Töchtern zog für kurze Zeit in das Amtshaus in Bern, wo er Postenchef wurde. Es hat ihm dort nicht so gut gefallen, so dass er sich auf eine Stelle in Wimmis bewarb. Er wurde dort Bezirkschef und wohnte mit seiner Familie im Schloss. Die trutzige Burg aus dem Mittelalter mit Bergfried und Palas steht auf der Burgfluh. Von dort liessen sich in früheren Zeiten die Zugänge ins Simmental kontrollieren. Das Tal wurde als Durchgang zu den Alpenübergängen Rawil, Gelten und Sanetsch benützt. (5) In der Burg waren neben der Wohnung des Polizisten auch das Gefängnis und das Gericht untergebracht. Für die Töchter war das Leben als Schlossfräuleins sehr romantisch; für die Grossmutter weniger, war doch das Leben im unrenovierten Schloss sehr beschwerlich. Die Grossmutter musste neben dem aufwändigen Haushalt auch noch für die Gefangenen kochen. 1942 wurde Hans Mühlemann zum Wachtmeister befördert.

7.5. Wimmis ein Tor zum Réduit im Zweiten Weltkrieg (Zusätzliche Aufgaben der Polizei)

Während des Zweiten Weltkrieges musste die Polizei weitere Kontroll- und Schutzaufgaben übernehmen. Wegen der Pulverfabrik in Wimmis bestand ein grosses Sicherheitsrisiko. Meine Mutter hat erzählt: „Einmal gab es in der Nacht Alarm, die Kirchenglocken haben geläutet, weil angeblich deutsche Fallschirmspringer auf der Burgmatte gelandet waren, um die Pulverfabrik zu sprengen. Mein Vater hat mit andern Dorfbewohnern zusammen die Umgebung nach Eindringlingen abgesucht. Die Männer haben zum Glück keine Feinde gefunden und konnten Entwarnung geben.“… „Eine Zeitlang hat ein geflüchteter deutscher Jude bei uns im Schloss gewohnt. Die reichen Verwandten aus Basel wollten ihn nicht bei sich aufnehmen; sie haben aber ein Kostgeld bezahlt. Später ist der Mann nach Palästina ausgereist.“

Nach der Kapitulation von Frankreich war die Schweiz von den Achsenmächten eingekreist. Am 25. Juli 1940 informierte General Guisan anlässlich des Rüttlirapports sämtliche höhere Offiziere über den Plan, im Falle eines Angriffs der Achsenmächte, die Verteidigung der Schweiz auf das Gebiet der Hochalpen mit den wichtigen Passübergängen, vor allem dem Gotthardmassiv zu konzentrieren und alle Zufahrten zu den Bergen notfalls zu zerstören. Dieses Verteidigungsdispositiv beruhte auf dem Prinzip der Abschreckung: hohe Verluste für die Angreifer. (6) Wimmis war eine der Pforten zum Réduit. Für die Polizei gab es in dieser Situation Zusatzaufgaben: „Kolonnenweise sind reiche Basler mit ihren Autos vollbeladen mit Duvets und anderen Haushaltgegenständen ins Simmental gefahren, um ihre Familien ins sichere Réduit zu bringen, z.B. nach Zweisimmen, in die Lenk, nach Saanen und Gstaad. Mein Vater ist stundenlang mit seinem Hund am Strassenrand gestanden und hat jedes Auto kontrolliert. Man hat befürchtet, dass Spione das Land infiltrieren würden. Diese Arbeit hat er auch bei Regenwetter verrichten müssen. Infolge von nassen Füssen bekam er einen entzündeten Blinddarm und musste operiert werden…..» «In Spiez hat mein Vater einmal mit andern Polizisten im Bahnhof auf dem Perron Wache stehen müssen. General Guisan und Bundesrat Minger sind stundenlang im Gespräch vertieft auf dem Perron auf und ab gewandert. Die zwei Verantwortlichen für die Kriegsführung haben wohl wichtige Entscheide zu treffen gehabt.“ (7)

Ebenfalls als Bezirkschef war Hans Mühlemann in Zweisimmen und später in Langnau beruflich tätig. Es gibt eine Foto: da steht mein Grossvater Wache auf einem Perron in Zweisimmen. General Mongomery und General Guisan schreiten eine kleine Ehrenwache ab. Dieser Anlass muss wohl nach dem Zweiten Weltkrieg stattgefunden haben, vermutlich im Jahre 1946 als Bernard Law Montgomery, bekannt wegen seinem Sieg über Rommels Afrikakorps, zu Gast an der Lenk im Sporthotel Wildstrubel war. (8) Wenn in den Bergen ein Wanderer tödlich verunfallte (was öfters vorkam) oder es einen ungeklärten Todesfall gab, musste Hans mit dem Amtsarzt ausrücken, den Toten bergen und je nachdem Spuren sichern und ein Protokoll verfassen.

7.6. Mitgliedschaft bei den Freimaurern und der BGB

Man hat erzählt, Hans sei eine Zeitlang Mitglied bei den Freimaurern gewesen. Diese verstehen sich als ethischer Bund freier Menschen mit der Überzeugung, dass die ständige Arbeit an sich selbst zu einem menschlicheren Verhalten führt. Die fünf Grundideale der Freimaurerei sind Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Diese Bruderschaft der Freimaurer war schon immer geheimnisumwittert gewesen. Die Mitglieder sind dem Grundsatz verpflichtet, freimaurerische Bräuche und Logenangelegenheiten nicht nach aussen zu tragen. (8) Als Amtsperson hätte mein Grossvater wohl Schwierigkeiten bekommen, wenn seine zeitweilige Zugehörigkeit zu dieser Bruderschaft bekannt geworden wäre. Die Mitgliedschaft bei der Bauern-, Gewerbe-, Bürgerpartei (BGB) war für Hans weniger kompromittierend. Rudolf Minger hatte 1917 die Gründung der Bernischen Bauern- und Bürgerpartei angestossen. Die Wahl von Rudolf Minger 1929 in den Bundesrat war Ausdruck der Vormachtstellung der Berner Kantonalpartei. Auch die späteren BGB Bundesräte stammten aus dem Kanton Bern. 1971 wurde die BGB in SVP umbenannt. (9) Hans vertrat bürgerliches, konservatives Gedankengut. Er hat sich in der Öffentlichkeit aber politisch nicht betätigt.

7.7. Erinnerungen an meinen Grossvater

An die Zeit, als meine Grosseltern in Langnau wohnten, kann ich mich noch gut erinnern: Mitten im Dorf stand das Amtshaus mit den Büros und dem Polizeiposten und daneben das Gefängnis. Mein Grossvater war als Bezirkschef verantwortlich für den Polizeiposten, zusammen mit einem Landjäger, und für das Gefängnis. Die Gebäude waren sehr alt. Meine Grosseltern hatten ihre Wohnung nach meiner Erinnerung im selben Gebäude, wo sich der Gefängnistrakt befand. Wenn mein Grossvater im Dienst war, hatte er immer einen grossen Schlüsselbund am Gurt befestigt. Mit den grossen Schlüsseln öffnete er je weilen die Gefängnistür und nachher die einzelnen Zellen. Wenn ich bei den Grosseltern auf Besuch war, heftete ich mich mit einer Mischung aus Neugierde und Angst an die Fersen meines Grossvaters. Er brachte den Gefangenen ihre Näpfe gefüllt mit einer nahrhaften Suppe in einem Holztraggestell. Von Aussen konnte er eine Klappe herunterlassen und den Suppennapf mit einem Stück Brot durchreichen. Ihre Notdurft mussten die Gefangenen in einem Kübel verrichten, den sie, wenn der Grossvater sie für einen Spaziergang im Hof heraus liess, selbst leeren mussten. Nach meiner Erinnerung waren die Zellen sehr düster, wohl kaum geheizt und nur mit einer an der Wand befestigten Liege bestückt. Ich kann mich aufgrund von Erzählungen erinnern, dass einmal ein Gefangener meinen Grossvater beim Leeren des Kübels überwältigt und in seine Zelle eingeschlossen hat. Als er lange nicht erschien, ging meine Grossmutter nachschauen. Auf diesen Augenblick hatte der Gefangenen gewartet. Er riss ihr den Schlüssel zum Gefängnis aus der Hand, stiess die Grossmutter zur Seite und ergriff die Flucht. Die meisten Gefangenen waren aber friedlicher. Oft waren es arme Teufel, die im Herbst ein Velo geklaut haben, damit sie den Winter im warmen Gefängnis verbringen konnten. Bei guter Führung durften einzelne beim Rüsten in der Küche helfen. Ein verurteilter Schneider hat mir als kleines Mädchen einen Wintermantel genäht; ein anderer hat ein Bildnis von mir mit Kohlestift angefertigt; ein Dritter hat mir eine Puppenstube für Weihnachten gezimmert. Die Grossmutter hat dann noch Vorhänge und Kissen genäht.

Während der Amtszeit meines Grossvaters wurden in Langnau das Amtshaus, die Amtswohnungen und das Gefängnis renoviert. Von jetzt an waren die Zellen heller, jede mit einem eigenen WC ausgestattet. Mein Grossvater musste auch die Landjäger auf ihren Aussenposten besuchen. Ich kann mich daran erinnern, wie wir zu Fuss auf Postenbesuch nach Trubschachen wanderten. In den 50er und frühen 1960er Jahren gab es noch nicht so viel Verkehr. Jedesmal, wenn ich von Weitem ein Autogeräusch hörte, riss ich den Grossvater zu dessen Gaudi am Ärmel auf die Seite, weil ich einen solchen Respekt vor Autos hatte.

Hans kam regelmässig mit Gefangenen nach Bern ins Amtshaus. Im Zug konnte er sie im Gepäckwagen unterbringen. Dort gab es eine Zelle. Nachher hat er den Gefangenen mit Handschellen an sich gefesselt und ihn so zu Fuss ins Amtshaus gebracht. Es gab natürlich auch über diese Transporte etliche Anekdoten, bezüglich Fluchtversuche etc. aber auch lustige Geschichten: Einmal hat ein Welscher, der zu einer Gerichtsverhandlung nach Bern musste, meinem Grossvater sehr temperamentvoll seine Geschichte erzählt und von Zeit zu Zeit gefragt „oui“ ou „non“. Mein Grossvater, der kaum Französisch konnte, hat aufs Geratewohl „Oui“ oder „Non“ gesagt. Je nachdem hat das einen weiteren Wortschall ausgelöst.- Mein Grossvater hat mich auch mitgenommen in die Polizeikaserne zu seinen Kollegen. Ich weiss noch, dass sie mich einmal auf einen Stuhl gesetzt und fotografiert haben. Vielleicht existiert von mir noch heute eine „Verbrecherfoto“.

Schon als kleines Mädchen habe ich durch meinen Grossvater erfahren, dass es Aktien gibt und Börsenkurse. Wenn Hans nach Bern kam, blieb er immer lange vor den Tafeln mit den Wechsel- und den Börsenkursen der Nationalbank und der Kantonalbank stehen und studierte diese Daten eingehend. Er hat seine Ersparnisse in Wertpapieren angelegt und er hat auch damit gehandelt. Meine Geduld wurde ob diesem langen Studieren der Börsenzahlen auf eine harte Probe gestellt. Neben dem Börsengeschäft waren das Reparieren von alten Taschen- und Wanduhren, die Besorgung des Gartens und Kochen weitere Hobbies meines Grossvaters.

Kurz vor seiner Pensionierung kaufte mein Grossvater eine Kuh mit Namen Luste. Er gab sie seinem Bruder Gottfried, der in Bönigen einen Bauernhof bewirtschaftete in Pension. Das erste Kalb nannte er nach mir, seinem ersten Grosskind (Theres) Resi. Von jetzt an wurde ich oft mit diesem Namen aufgezogen und war dann jeweils verärgert und ein wenig beleidigt. Mit der Luste hatte mein Grossvater Pech, er musste sie vorzeitig abtun.

Weil meine Grossmutter schon lange kränklich war, liess sich mein Grossvater nach 39 Dienstjahren im Herbst 1957 frühpensionieren. Er zog mit seiner Frau ins eigene Chalet nach Goldswil bei Interlaken. Leider verstarb meine Grossmutter mit 62 Jahren am 25. Juli 1959 im Spital in Unterseen. Mein Grossvater hat ihren Tod nie ganz überwunden. Er litt zeitweise unter schweren Depressionen. Er hatte Haushälterinnen, die sich um ihn gekümmert haben. Auch meine Mutter hat sich sehr für sein Wohlergehen engagiert. Als sich sein Leiden verschlimmerte und zusätzliche Altersbeschwerden dazukamen, musste er in ein Heim eintreten.

Die letzten Jahre verbrachte er im Asyl Gottesgnad in Spiez. Am 9. Juni 1978 verstarb er dort.
„Angehörige, Freunde und ehemalige Berufskollegen nahmen am 13. Juni 1978 auf dem Friedhof seiner Heimatgemeinde in Bönigen von Hans Mühlemann für immer Abschied…….Mit Hans Mühlemann ist ein Polizeibeamte der alten Garde abberufen worden, dessen Leben im wahrsten Sinne des Wortes Arbeit und Pflichterfüllung war.“ (10)

Quellenangaben:

1 Wehrli Christoph «Als Schweizer in Scharen auswanderten», NZZ 18.07.2017
2 Brief an das Kommando des kantonalen Polizeikorps in Bern vom 29.10.1925
3 Schuldschein: Darlehen von Hans an Alfred Mühlemann vom 3.01.1934
4 Kaufvertrag vom 15.05.1934
5 Liechti Erich «Burgen, Schlösser, Ruinen im Simmental», S. 25-32
6 «Réduit», Senn Hans; Historisches Lexikon, «Réduit», Wikipedia
7 Senn- Mühlemann Vreni, mdl. Info.
8 Plakat in der Lenk «Bernhard Lord Montgomery 1946 als Gast im Sporthotel Wildstrubel»
9 «Freimaurerei», Wikipedia, «Top Secret- Die Freimaurer», Bernisches Historisches Museum
10 «BGB später SVP» Skenderovic Damir, Historisches Lexikon, «BGB», Wikipedia
11 «Polizeibeamte», Zeitung 1978 «Unsere Toten»