5. Geographische und soziale Mobilität

In diesem Kapitel befasse ich mich mit Entwicklungen in der Generationenfolge. Es geht dabei um geographische und soziale Veränderungen.

5.1. Geographische Mobilität

Unsere Vorfahren sind nicht nach Übersee ausgewandert. Sie blieben in der Schweiz. Einige Familien waren eher sesshaft, andere wechselten häufiger den Wohnort.

Fünf Familien blieben bis Ende 19. Jahrhundert anfangs 20. Jahrhundert mehr oder weniger am ursprünglichen Ort wohnen: z.B. die Familie Mühlemann in Bönigen BE. Erst mein Grossvater Hans Mühlemann (10. Generation) hat den Ort verlassen, um als Polizist in verschiedenen Berner Dörfern Polizei-Dienst zu leisten. Im Alter zog es ihn wieder zurück in die Nähe seines Heimat-und Geburtsortes Bönigen nach Goldswil bei Interlaken. Es gibt Nachkommen der Familie Mühlemann, die noch heute in der Landwirtschaft in Bönigen tätig sind.

Ähnlich war es bei der Familie Senn von Gansingen AG. Sie lebten zuerst in Gansingen und dann im Weiler Galten, der zu Gansingen gehört. Als dieser Weiler niederbrannte, liessen sie sich im Schlatt nieder. Das heisst, sie waren immer als Bauern in Gansingen und Umgebung tätig. Hier war es auch wieder mein Grossvater Gottfried Senn (8. Generation), der seinen Heimatort verliess und sich als Kaufmann mit seiner Gattin in Aarau und später in Bern niederliess. Nachkommen der Familie Senn bewirtschaften noch heute zwei Höfe im Schlatt.

Auch die Familie Wehrli von Küttigen AG war sesshaft. Die Wehrlis wohnten als Handwerker in Küttigen. Vorübergehend betrieben die Urgrosseltern Rudolf und Anna Wehrli-Hofer (8. Generation) einen Bauernhof auf dem Benken bei Oberhof AG im Süden der Region Fricktal. Später kehrten sie dann wieder nach Küttigen zurück und bewirtschafteten dort einen Bauernhof. Erst ihre Tochter Bertha Senn geb. Wehrli (9. Generation) verliess im 20. Jahrhundert den Kanton Aargau und liess sich mit ihrer Familie in der Stadt Bern nieder. Ein entfernter Wehrli Nachkomme führt noch heute einen Bauernhof in Küttigen.

Die Familie Jaussi von Wattenwil BE war ebenfalls ortsgebunden. Zwar wechselten die Jaussi – Vorfahren, die während Generationen Schneider in Wattenwil waren, oft ihre Adresse im Dorf. Sie hatten keinen Hausbesitz und waren Mieter. Die Urgrosseltern Jaussi Christian und Anna Maria geb. Kobel (6. Generation) führten die Sägerei Gauggleren in Wattenwil bei Burgistein. Ihre Tochter Martha Jaussi (8. Generation) zog als Telefonistin nach Kandersteg und später zusammen mit ihrem Mann nach Adelboden. Noch heute betreibt ein Jaussi-Nachkomme die Sägerei weiter.

Die Familie Mühlethaler von Bollodingen war über Generationen im Önztal wohnhaft. Urs Mühlethaler (4. Generation) zog ins Nachbardorf nach Hermiswil. Er hatte 1820 das Wirtshaus «Rössli» in Hermiswil gekauft. Von jetzt an war Hermiswil der Wohnort. Marie Rosalie Rentsch geb. Mühlethaler (6. Generation) zog mit ihrer Familie auf einen Bauernhof in der Nähe von Huttwil. Geographisch recht mobil war die Familie Schlumpf. Zu Beginn wohnten sie in Mönchaltorf ZH. Felix Schlumpf (4. Generation) verliess den Ort und war Landschullehrer in Tann Gemeinde Dürnten ZH. Er starb in Rütti. Sein Sohn liess sich in Pfungen ZH nieder. Die Urgrosseltern Heinrich Schlumpf und Luise geb. Roschi (6. Generation) zogen von Pfungen nach Bern und später nach Thun, wo sie mehrmals die Adresse wechselten. Man hat den Eindruck, dass es wirtschaftliche Not war, die diese «besitzlose» Unterschichtfamilie zu häufigem Wohnortwechsel veranlasste.

Auch die andern 2 Familien wechselten oft ihren Wohnort, aber im begrenzten Raum. Interessant ist diesbezüglich die Familie Rentsch von Trub BE. Sie wohnten bis und mit der 8. Generation (Eduard Rentsch) im Raum Emmental. Da nur ein Sohn den kleinen Bauernhof (Rentsch-Hüsli) in Trub erben konnte, mussten die andern Nachkommen als Tauner oder Pächter ihr Auskommen finden. Sie lebten im Radius von ca. 1-2km in der Gegend von Trub. Oft haben sie mehrmals in ihrem Leben ihre Wirkstätte gewechselt. So war z.B. Johann Rentsch (5. Generation) zuerst Knecht in der Häuslimatt, dann im Brandösch und schliesslich Tauner auf der Milchmatt, ab 1820 Mitbesitzer des Bauerngutes oberer Schwarzentrub. Alle Bauernhöfe liegen in der Gemeinde Trub. Später vergrösserte sich der Wohnradius und Rentsches (6. Generation) wohnten in Schmidigen (Unter-Emmental) und Untersteckholz im Oberaargau (7. Generation) . Eduard Rentsch und Maria Rosalie geb. Mühlethaler (8. Generation) bewirtschafteten nach Pächterjahren in Hermiswil und auf der Oschwand den Bauernhof Gommematte in Huttwil. Hans Rentsch (9. Generation) hätte als jüngster Sohn den Bauernhof übernehmen können. Die Landwirtschaft kam aber für ihn nicht in Frage, zum Einen wegen seinem lahmen Arm, zum Andern weil er andere Interessen hatte. Er wurde Lehrer und Musiker und wohnte mit seiner Familie in Köniz. Der Bauernhof wurde verkauft.

Oft umgezogen sind die Schenk-Vorfahren von Signau: Schon Johann (Hans) Schenk (1. Generation) war geographisch mobil. Von Signau aus zog er für einige Jahre mit seiner Familie in die Stadt Bern. Um ca. 1731 wurde er in Steffisburg Pulvermacher. Jakob Schenk (3. Generation) war Wagnermeister in Schüpbach bei Signau. Sein Sohn Ulrich Schenk (4. Generation) arbeitete als Bäcker in Zäziwil und später in Oberburg Schachen. Sein Sohn Friedrich Schenk (5. Generation) war Schmied in Wattenwil BE. Simon Friedrich Schenk (6. Generation) führte zusammen mit seiner Frau nach den Gesellenjahren im Ausland ein Coiffeurgeschäft in Adelboden.

5.2. Soziale Mobilität

«Von sozialer Mobilität wird dann gesprochen, wenn sich Menschen im sozialen Positionsgefüge bewegen und ihre Positionen wechseln- zum Beispiel ihren Beruf, ihren Betrieb, ihre Stellung innerhalb eines Betriebes oder ihre soziale Schicht.» (1)

In der vormodernen Zeit waren viele unserer Vorfahren Bauern. Ihre soziale Position hing davon ab, ob sie durch besondere Tüchtigkeit, Erbschaft, Einheirat oder durch Kauf zu einem eigenen Bauernhof kamen. Je nach Landesregion waren die Erbverhältnisse unterschiedlich: im Berner Gebiet erbt(e) der jüngste Sohn den Hof; im Fricktal gab es eine Realteilung, d.h. dass der Hof bzw. das Land auf die verschiedenen Erben aufgeteilt wurde. Im 20. Jahrhundert war die berufliche Ausbildung ein Schlüsselmerkmal für die soziale Position.

«Generationenmobilität wird definiert als das Ausmass, in dem sich Personen in Bezug auf eine Reihe von Schlüsselmerkmalen und Ergebnissen von ihren Eltern unterscheiden» (2) Bei der Generationenmobilität geht es um den Positionswechsel in der Generationenfolge: Sind die Kinder im Vergleich ihrer Eltern sozial auf- oder abgestiegen (=Vertikale Mobilität)? Oder gab es keine Besser-oder Schlechterstellung (Horizontale Mobilität)? (3) Im Folgenden versuche ich, soziale Veränderungen zwischen den Generationen – sofern sie sichtbar werden – innerhalb der einzelnen Familien zu beschreiben.

5.2.1. Senn

Bei der Familie Senn AG war es, soweit ich erkennen kann, eine horizontale Mobilität mit absteigender Tendenz. Die Senn – Vorfahren waren Kleinbauern in Gansingen. Dank der Realteilung ging der Bauernhof nicht an einen einzigen Erben, sondern das Land wurde aufgeteilt. So konnten im Prinzip alle Nachkommen Landwirtschaft betreiben. Die Folge war, dass die Bauernbetriebe sehr klein waren. 1888 waren im Bezirk Laufenburg 91,6% der Betriebe kleiner als 5 ha. (4) Ich nehme an, dass die Bauernbetriebe nach jeder Teilung weniger Ertrag abwarfen und die Bauern tendenziell verarmt sind. Es kam aber auch vor, wie berichtet wurde, dass ein Bauernsohn die «Erbtochter» eines Bauernhofes geheiratet hat, dann gab es diese absteigende Tendenz nicht. Josef Senn und Theresia Senn geb. Obrist (6. Generation) verloren beim Brand von Galten 1829 ihr Bauerngütlein. Sie haben dann im Schlatt ein neues gemauertes mit Ziegeln gedecktes Bauernhaus gebaut. Wie haben sie das finanziert? Es gab sicher eine Entschädigung durch die Brandversicherung, Spenden in Form von Geld und Naturalien kamen zusammen; wahrscheinlich musste sich aber die Familie stark verschulden. Es ist zu vermuten, dass sie im Schlatt mehr Ackerland hatten und langfristig sich die wirtschaftliche Situation der Vorfahren verbessert hat. Später hat Joseph Senn, ein Bruder von Gottfried Senn, (8. Generation) im Schlatt noch einen zweiten Bauernhof , den «Teuberhof» gekauft. Auch hier ist unklar, wie er zu den finanziellen Mitteln kam. Zwei Söhne hatten aber nun eine ausreichende Existenz. Im 20. Jahrhundert kam es im Kanton Aargau zu Güterzusammenlegungen. Das Erbrecht verhinderte fortan eine Betriebsteilung bei Höfen, die eine lebensfähige Grösse hatten. (5) Gottfried Senn (8. Generation) war als Kaufmann, der in der Stadt lebte, zwar durch seinen Beruf sozial aufgestiegen; aber er hatte keinen Grundbesitz. Sein früher Tod brachte seine Familie an den Rand des wirtschaftlichen Abstiegs. Es gab damals noch keine AHV und es ist unklar, ob seine Witwe eine kleine Rente bekam. Dank grosser Anstrengungen und gegenseitiger Hilfe in der Familie konnte das Absinken in die Armut vermieden werden.

5.2.2. Wehrli

Die Vorfahren Wehrli von Küttigen AG waren während Generationen Landhandwerker, z.B. Schmiede und Wagner. Schmiede gehörten zu den besser gestellten Handwerkern. Die Ehaft des konzessionierten Gewerbebetriebs bot ihnen Schutz vor missliebiger Konkurrenz. Der Handel mit Alteisen ermöglichte den Schmieden ein Zusatzeinkommen. In der sozialen Hierarchie des Dorfes gehörten sie sicher mindestens zum «mittleren» Stand. Auch Adam Wehrli als Wagnermeister (4. Generation) übte ein für die Dorfbevölkerung wichtiges Handwerk aus und scheint Ansehen genossen zu haben. Ich gehe davon aus, dass die Wehrli – Vorfahren sich sozial mehr oder weniger auf der gleichen mittleren Stufe bewegten. In der 8. Generation stiegen Rudolf Wehrli und Anna Wehrli geb. Hofer sogar sozial auf. Sie wurden Grossbauern auf einem Hof auf Benken. Anna Hofer war bei dem kinderlosen Besitzerpaar Jakob Senn und Anna Maria Senn geb. Wehrli aufgewachsen. Vermutlich handelte es sich um Verwandte. Gemäss Vertrag war die Hofüberschreibung ein Mittelding zwischen Abtretung und Verkauf. Sie kamen also dank verwandtschaftlichen Beziehungen zu diesem Hof. Die Familie Wehrli-Hofer blieb aber Küttigen während der ganzen Zeit verbunden. Die Kinder besuchten dort die Schule und zum Gottesdienst ging die ganze Familie über den Benkenpass in die Kirche Kirchberg bei Küttigen. 1914 erwarben Rudolf und Anna Wehrli Hofer einen Bauernhof an der Hauptstrasse 32 in Küttigen. Den Benkenhof haben sie später verkauft. Küttigen ist ein Vorort von Aarau. Wie man in der Familie erzählt hat, konnten Nachkommen in den Boomjahren Land teuer als Bauland verkaufen. Bertha Senn geb. Wehrli (9. Generation) hat vermutlich beim Tod ihrer Eltern eine Erbschaft gemacht. So konnte sie durch ihre finanzielle Beteiligung, den Hauskauf ihres Sohnes Eugen im Spiegel ermöglichen. Als Gegenleistung konnte sie gratis im Haus wohnen.

5.2.3. Mühlemann

Mühlemann ist ein Burgergeschlecht von Bönigen. Die Familie gehörte seit der Reformation zu den führenden Geschlechtern im Dorf. Schon frühere Vorfahren Mühlemann hatten öffentliche Ämter wie Landweibel oder Landesseckelmeister bekleidet. Ulrich Mühlemann (4. Generation), Verfasser des Villmerger Briefs von 1712, wurde ca. 1751 Landesstatthalter. Er besass ein Wappen und ein Siegel. Landesstatthalter war das höchste Amt, das ein nichtadeliger Landbewohner erreichen konnte. Schon zuvor war Ulrich Lieutenant, Siechenvogt und Landesvenner gewesen. Was im Einzelnen seinen sozialen Aufstieg ermöglicht hatte, lässt sich heute nicht genau feststellen. Es könnte sein, dass er sich im Militär, event. im Zweiten Villmergerkrieg, erste Verdienste für den Staat Bern erworben hatte. Ich vermute, dass er die auszugspflichtigen Männer von Bönigen angeführt hat. Ulrich Mühlemann war dreimal verheiratet. In dritter Ehe war er mit einer Elsbeth Seiler verheiratet. Seiler gehörte wie Mühlemann zu den einflussreichen Dorf-Geschlechtern. Wie weit verwandtschaftliche Beziehungen bei seinem Aufstieg ins höchste Amt eine Rolle gespielt haben könnten,ist ungewiss. Ulrich Mühlemann war ein einflussreicher, angesehener und vermögender Mann. Davon zeugen sein schönes, repräsentatives Haus aus dem Jahr 1715 mit der selbstbewussten Hausinschrift, das er mit seiner zweiten Ehefrau Anna Buri bauen liess und der herrschaftliche Schrank mit der Inschrift: «Ullrich Mülimann und Anna Buri sein HF im 1735 jar», der heute im Dorfmuseum steht. Er wurde auch oft als Pate in den Taufrodeln erwähnt. Der älteste einzige Sohn aus erster Ehe, Christen Mühlemann (1712-1799), trat in seines Vaters Fussstapfen und wurde ebenfalls ein hoher Verwaltungsbeamte im Mitarbeiterstab des Landvogts. Von ihm und seiner Ehefrau Anna Sterchi kann man noch heute einen historischen Käsespeicher im Dorf bewundern: «Christis Spycher 1746». (6) Mein direkter Vorfahre war der jüngste Sohn aus zweiter Ehe. Peter Mühlemann (5. Generation) war mit Barbara Seiler von Bönigen verheiratet. Es gibt zwar keine Angaben darüber, was er beruflich gemacht hat, aber es ist naheliegend, dass er Landwirtschaft betrieben hat. Das Paar hatte vier Kinder: drei Mädchen und einen Knaben. Peter Mühlemann starb jung mit 35 Jahren. Seine Kinder waren bei seinem Tod zwischen zwei und neun Jahre alt. Die Ehefrau hat nicht mehr geheiratet. Sie starb mit 51 Jahren als Witwe. Es kam in der 5. im Vergleich mit der 4. Generation zu einem sozialen Abstieg verbunden mit einem Statusverlust. Wie die Witwe ihre vier Kinder durchgebracht hat, ist nicht bekannt. Von den drei Mädchen haben zwei geheiratet, vom dritten gibt es keine Angaben. Der Sohn Peter (6. Generation) hätte nach geltendem Erbrecht den Bauernhof, falls er (noch) vorhanden war, geerbt. Er war mit Anna Michel verheiratet. Zusammen hatten sie 9 Kinder. Ob Peter mit so einer grossen Familie aus eigener Kraft wieder sozial aufsteigen konnte? Interessant ist, dass zwei seiner Töchter ins Welsche geheiratet haben: nach Payerne VD und nach Coppet VD. Ein Sohn wurde Waisenvogt, bekleidete also wieder ein Amt in der Gemeinde. In der 8. Generation verstarb der Vater, Christian Mühlemann wieder sehr jung. Von den vier Kindern überlebten nur zwei. Dass die Familie verarmt war und zur Unterschicht gehörte, ist anzunehmen. Auch die 9. Generation lebte in prekären Verhältnissen: Christian Mühlemann und Elisabeth geb. Zürcher waren Kleinbauern und lebten mit ihren sieben Kindern in sehr engen, ärmlichen Wohnverhältnissen. Christian musste noch auswärts einer Arbeit nachgehen. Er war Fuhrmann. Die Eheleute waren sehr arbeitsam und sparsam. Bei ihrem Tod haben sie ihren sechs überlebenden Kindern Fr. 30 000.- vererbt. Das war 1948 ein schöner Batzen Geld. In der 10. Generation ist Hans Mühlemann als Polizist und Bezirkschef sozial wieder in die Mittelschicht aufgestiegen. Er verfügte über Grundbesitz und hatte sich durch geschickte Geldanlagen ein (kleines) Vermögen erworben.

Auf die Familie Mühlemann trifft die Überschrift «zwischen unten und oben» besonders zu. Auf den Aufstieg in die höchste Position erfolgte der Abstieg in die Unterschicht und es bedurfte grosser Anstrengungen der Nachkommen, um wieder in die soziale Mittelschicht aufzusteigen. Über die Bedingungen für den sozialen Aufstieg konnte nur spekuliert werden: Einflussreiche Familie, eventuelle Verdienste im Kriegsdienst, Einheirat in angesehene Familie, spezielle Fähigkeiten. Beim sozialen Abstieg spielte sicher der frühe Tod des Ernährers und Hausvaters eine entscheidende Rolle. Zudem war die Nachkommenschaft zu gross und das Erbe zu klein, und ausserhalb der Landwirtschaft gab es zu wenig berufliche Möglichkeiten, als dass alle auf einen grünen Zweig kommen konnten. Öffentliche Ämter konnten nur einzelne Mitglieder der Sippe übernehmen. Faktoren, die wieder zu sozialem Aufstieg führten, waren persönlicher und sozialer Art: Fleiss, Bescheidenheit, Sparsamkeit und Solidarität zwischen den Familienmitgliedern.

5.2.4. Schlumpf

Die Familie Schlumpf war aus meiner Sicht durchgängig eine Unterschichtfamilie. Die Männer waren u.a. Störmetzger, Landschullehrer, Schuhmacher und Securitaswächter. Die Kindersterblichkeit in dieser Familie war gross. Auch die erwachsenen Familienmitglieder sind jung verstorben. Die Familie scheint kein eigenes Haus oder Land besessen zu haben. Deshalb waren sie auch geographisch recht mobil. Heinrich Schlumpf und Luise geb. Roschi (6. Generation) sind aus dem Kanton Zürich in die Stadt zuerst nach Bern dann nach Thun gezogen, um dort ein besseres Leben zu suchen. Sie hatten viele Kinder, die allerdings z.T. früh gestorben sind. Auch in Thun sind sie mehrmals umgezogen. Die erwachsenen Kinder haben mit Ausnahme des Jüngsten keine Berufsausbildung gemacht und waren ihrerseits auch wieder in Hilfsberufen tätig. Interessant ist auch, dass heute keine Kontakte zu Mitgliedern der Familie Schlumpf in Mönchaltorf bestehen. Ich führe das auf die geographische Mobilität der Vorfahren zurück. Heinrich Schlumpf und Luise geb. Roschi hatten keine Ersparnisse. Im Todesjahr – beide starben 1929 mit 58 Jahren – fielen vermutlich hohe Kosten für Spitalaufenthalte an. Kurz vor seinem Tod wurde Heinrich Schlumpf armengenössig. Die Unterstützungspflicht wurde durch die Heimatgemeinde Mönchaltorf ZH anerkannt. Bevor Leistungen erbracht wurden, starb Heinrich im Spital in Thun an Halskrebs. Die zwei Töchter des Paares: Luise und Rosa stiegen dank Heirat in die Mittelschicht auf.

5.2.5. Rentsch

In der 1. und 2. Generation waren die Vorfahren Rentsch anfangs 17. Jahrhundert Unterpächter des «Rentschhüsli» in Fankhaus Gemeinde Trub. Das «Rentschhüsli» war ein eigenständiges Heimwesen. Es war eine Erbpacht. Wenn die Pächter die Abgaben dem Stammhof (Zürcherhusguet) bezahlen konnten, übertrug sich die Pacht auf die Erben. Ursprünglich waren alle Bauern in Trub Pächter des Klosterlandes. Nach und nach wurden die grossen Stammhöfe mit den dazugehörenden kleinen Heimwesen aufgeteilt und verkauft. Auch das «Rentschhüsli» ging später in den Besitz der Familie Rentsch über. Ulrich Rentsch (2. Generation) war der jüngste Sohn. Nach Berner Erbrecht erbte der jüngste Sohn den Hof. Obschon das «Rentschhüsli» ein kleiner Bauernhof mit nur einer Jucharte, ca. 36 Are (3600 m2) Land war, würde ich die zwei ersten Rentsch-Generationen noch zur «unteren Mittelschicht» rechnen: Sie waren selbständig, konnten sich selber versorgen und waren eigentlich rechtlich den Grossbauern gleichgestellt. Der soziale Abstieg erfolgte in der 3. Generation. Da sein jüngerer Bruder das «Rentschhüsli» erbte, war Daniel Rentsch ein überzähliger Sohn. Er musste den Hof verlassen. Wo er mit seiner Familie gelebt hat, ist nicht bekannt. Ich vermute, dass er und seine Familie Tauner waren, wie dies bei der 4. und 5. Generation der Fall war. Tauner waren Kleinstbauern, die zwar Felder besassen und bewirtschafteten, aber davon keine Familie ernähren konnten. Sie mussten sich noch als Arbeiter bei einem Grossbauern verdingen und im Taglohn arbeiten. Hans Ulrich Rentsch (4. Generation) hat erst mit ca. 45 Jahren geheiratet. Möglicherweise konnte er sich vorher eine Familie nicht leisten. Er und Anna Salfinger wohnten zuerst im Schnepfennest, das zum Zürcherhusgut gehörte und später im Breiten Folz (Fankhausgut). (7) Es gab höchstens Land für eine Kuh und etwas Anbaufläche für Getreide und Gemüse. Die Familie hatte 11 Kinder und es ist davon auszugehen, dass sie in Armut gelebt haben. In der 5. Generation zeichnet sich wieder ein sozialer Aufstieg ab. Zuerst war Johann Rentsch genannt Hans, Knecht auf der Häuslimatt. Nach der Heirat war er mit seiner Frau Magdalena geb. Beer auf Brandösch vermutlich als Tauner tätig. Sie hatten für eine 11 köpfige Kinderschar zu sorgen. Eine weitere Wirkstätte für die Taunerfamilie war die Milchmatt, ein Kleinbauernhaus, das zum Heimwesen «Hintere Hütte» gehörte. In einer nächsten Phase war Hans Rentsch vermutlich Pächter auf dem «Oberen Schwarzentrub». (8) 1833 kauften er und sein Bruder Peter den stattlichen Hof. Sie waren jetzt wieder zum «Mittelstand» aufgestiegen. Ich vermute, dass die Brüder den Hof dank der Erbschaft von Tante Salfinger kaufen konnten. (9) Innerhalb seines Lebens stieg Hans Rentsch vom Knecht zum Tauner, zum Pächter und zum Bauernhof-(mit)besitzer auf. Jakob Rentsch (6. Generation) war der jüngste, erbberechtigte Sohn. Er hat seinen Anteil am Hof «Oberer Schwarzentrub» 1850 seinem Onkel oder dessen Erben verkauft. Er hat dann in Schmidigen, Gemeinde Walterswil BE einen Hof gekauft und bewirtschaftet. Jakob war zweimal verheiratet und hatte insgesamt sieben Kinder, wovon zwei im Kindesalter starben. Friedrich Rentsch (7. Generation) war der zweitjüngste Sohn, war überzählig und musste den Hof verlassen. Ob er event. dank Geld von seiner Frau Marianne Sommer einen grossen Bauernhof im Untersteckholz in der Nähe vom Kloster St. Urban kaufen konnte? Es ist nur eine Vermutung. Der Hof war so gross, dass die Familie viele Angestellte beschäftigt hat. Der jüngere Sohn Gottfried übernahm den Hof. Eduard Rentsch (8. Generation) war überzählig. Zuerst war er Pächter, dann konnte er mit Hilfe seines Vaters einen mittleren Hof «die Gommenmatte» in Huttwil kaufen, der allerdings eine kritische Grösse hatte: Er war zu gross, um ihn ohne Angestellte zu bewirtschaften, warf aber eigentlich zu wenig Ertrag ab, um eine 7-köpfige Familie plus einen Knecht und eine Magd zu ernähren. (10)
Bei den letzten zwei Generationen zeichnet sich ein sozialer Aufstieg ab infolge guter Ausbildung: 8. Generation: Bauer – 9. Generation: Primarlehrer – 10. Generation: Pfarrer und Dr. Chemiker.

Bei der Familie Rentsch spielte das Erbrecht eine wichtige Rolle. Überzählige Söhne hatten es schwer zu einem eigenen Hof zu kommen. Dank Tüchtigkeit und Erbschaft und event. Einheirat in eine vermögende Familie war es möglich. Im 20. Jahrhundert war bei den nicht bäuerlichen Vorfahren eine gute Ausbildung entscheidend für einen sozialen Aufstieg.

5.2.6. Mühlethaler

Von der Familie Mühlethaler sind nicht viele Generationen bekannt. Alle Mühlethaler-Männer sind früh gestorben. In der 2. und 3. Generation gehörten die Familien der Unterschicht an. Als Berufe werden Schuhmacher und Alt Bannwart genannt. Die schlechte wirtschaftliche Situation der Familien wurde durch den frühen Tod des Ernährers noch verschärft. Umso erstaunlicher ist deshalb der soziale Aufstieg von Urs Mühlethaler (4. Generation), der 1820 das Wirtshaus zum «Weissen Rössli» in Hermiswil gekauft hat. Als Wirt eines grossen, traditionsreichen Gasthofs mit Bauernhaus und Pferdewechselstation, stieg er in der sozialen Hierarchie des Dorfes auf die höchste Stufe auf. Ab 1829 war er als Wirt automatisch im Gemeinderat vertreten. Was neben seinen persönlichen Fähigkeiten dazu geführt hat, dass er den repräsentativen Gasthof kaufen konnte, lässt sich nur vermuten. Der Verkäufer des «Rösslis» war ein Johannes Übersax, Wirt und Säckelmeister. Urs Mühlethaler war «Ursens Sohn von Bollodingen und der Barbara Übersax von Thöringen». Obschon ich bis jetzt keine direkten Belege gefunden habe, gehe ich von einer entfernten verwandtschaftlichen Beziehung aus. Obschon Urs jung verstarb konnte die Familie ihre soziale Stellung halten. Dies war dank der Ehefrau Anna Mühlethaler geborene Aeberhard möglich, die den Gasthof mit Hilfe der Angestellten weiterführte. Ferdinand Mühlethaler (5. Generation), der nach dem frühen Tod seines jüngeren Bruders das «Rössli» übernahm, war mit Magdalena Jost, der Tochter eines Regierungsstatthalters verheiratet. Diese Heirat könnte auch ein Hinweis auf die gehobene Stellung der Familie sein. Nach seinem frühen Tod hat auch hier die Ehefrau Magdalena Mühlethaler geb. Jost den Gasthof weitergeführt. Später bis zum Verkauf des «Rösslis» 1918 übernahm die Tochter Anna die Leitung. Infolge neuer Verkehrswege und der Eisenbahn, die an Hermiswil vorbei raste, verlor der Gasthof langsam seine überregionale Bedeutung. Marie Mühlethaler (6. Generation) gehörte durch ihre Heirat mit dem Bauern Eduard Rentsch dem bäuerlichen Mittelstand an.

5.2.7. Schenk

Hans Schenk (1. Generation) war im 18. Jahrhundert spätestens ab 1731 Pulvermacher in der Pulvermühle Steffisburg. Es wurde dort Schwarzpulver hergestellt. Pro Pulvermühle gab es nur einen Pulvermacher. Er hatte Angestellte und Gehilfen. Es war ein angesehener, aber gefährlicher Beruf. Der Pulvermacher genoss Sozialprestige, weil er eine für den Staat wichtige Tätigkeit ausübte. Hans Schenk pflegte gute Beziehungen zu der Führungsschicht in Thun.(11) Ich würde ihn der ländlichen Oberschicht zuordnen. Wie Hans Schenk zum Amt eines Pulvermachers kam, konnte ich nicht herausfinden. Die Kirchenbücher geben keine Auskunft darüber, welchen Beruf Hans Schenk ursprünglich ausgeübt hat. Denkbar wäre, dass er wie sein älterer Sohn Ulrich Büchsenmacher war. Seine ersten vier Kinder kamen in Signau auf die Welt. Die nächsten drei Töchter in Bern. Hans Schenk lebte mit seiner Familie zwischen 1720 – 1731 in der Stadt Bern. Interessant ist, dass diese Mädchen Patrizier als Paten hatten: Bei Susanne Schenk, get. 20.12.1720 waren es Junker Emanuel von Wattenwil, Frau Elisabeth Steiger von Wattenwil und Jgfr. Susanna Kilchsberger; bei Margaretha Schenk get. 18.08.1725 waren es Niklaus von Diessbach, Margaretha von Erlach und Johanna von Graffenried; (Da diese Paten noch zu jung waren, mussten Vertreter bei der Taufe mitwirken, die aber alle aus den gnädigen Herren stammen.); bei Elisabeth Dorothea Schenk waren die Paten: Junker Bernhard von Diessbach; Jgfr. Dorothea von Fischer und Jgfr. Elisabeth von Fischer. Wie kam es zu diesen asymmetrischen Beziehungen? Hatte sich Hans Schenk gegenüber der Obrigkeit durch aussergewöhnliche Leistungen verdient gemacht und wurde deshalb später mit dem Patent als Pulvermüller belohnt? War es eine Art von Klientelismus auf der Grundlage von Leistung (Patenschaft, Patent) und Gegenleistung (Loyalität)? Der jüngste Sohn von Hans Schenk, Peter (2. Generation) kam in Steffisburg auf die Welt, als sein Vater schon Pulvermüller war. Nach dem Tod seines älteren Bruders Ulrich wurde Peter der Leiter der Pulvermühle. Er scheint begütert gewesen zu sein und konnte z.B. dem Staat Bern Land zur Erweiterung der Pulvermühle verkaufen. 1799 musste er einen Eid auf die Helvetische Verfassung ablegen. Die nachfolgenden 3. – 5. Schenk – Generationen waren Handwerker an unterschiedlichen Orten. Sie stiegen in die (untere) Mittelschicht ab. Simon Friedrich Schenk (6. Generation) gründete zusammen mit seiner Frau in Adelboden ein Coiffeurgeschäft. Er war erfolgreich: das Geschäft lief nach dem Ersten Weltkrieg gut; er beschäftigte mehrere Angestellten und besass ein schönes, grosses Haus mit Wohnungen in bester Lage. Er gehörte zum Mittelstand und konnte seinen Töchtern eine gute Berufsausbildung ermöglichen.

5.2.8. Jaussi

Die Jaussi – Vorfahren übten in der 2. – 5. Generation den Beruf eines Schneiders in Wattenwil aus. Der Schneider auf dem Land waren im Gegensatz zum Schmied, Wagner und Müller nicht angesehene Handwerker. Sein Beruf galt als weibisch. Die Schneider verrichteten ihre Arbeit oft zu Hause bei den Kunden, sie ginge auf die Stör auf die umliegenden Bauernhäuser. Die Jaussis wohnten immer in Wattenwil, aber an verschiedenen Adressen. Sie besassen offensichtlich kein eigenes Haus. Sie hielten vermutlich eine Kuh oder eine Ziege auf der Allmend und hatten einen Pflanzplätz und einen kleinen Acker zur Selbstversorgung. Jaussis hatten viele (6 – 9) Kinder. Ihre Lebenssituation war prekär. Die Jaussis gehörten zur Unterschicht. Allgemein war die Armut im Dorf Wattenwil gross. Aber offensichtlich gehörten Jaussis zu den aktiveren Dorfgenossen, die sich nicht dem Alkohol hingaben. Christian Jaussi (5. Generation) hat sich im Gemeinnützigen Verein Wattenwil mit andern Mitgliedern zusammen eingesetzt, um die Lebensbedingungen im Dorf zu verbessern. Christian Jaussi (6. Generation) und Anna Maria geb. Kobel haben in der Gauggleren Wattenwil/Burgistein die Sägerei betrieben. Anna Marie Kobel ist auf der Gauggleren aufgewachsen. Event. hatte sich aufgrund von nachbarschaftlichen oder verwandtschaftlichen Beziehungen die Möglichkeit für Christian ergeben, die Sägerei zu pachten. Die Familie konnte daneben noch Landwirtschaft betreiben. Sie sind in die Mittelschicht aufgestiegen. Ihre Tochter Martha Jaussi (7. Generation) lernte zu Beginn des 20. Jahrhunderts den damals neuen Beruf der Telefonistin. Sie arbeitete eine Zeitlang in Kandersteg. Mit ihrem Mann zusammen baute sie in Adelboden ein gut gehendes Coiffeurgeschäft auf. Neben dem Haushalt und der Kinderbetreuung half sie im Geschäft mit. Im Haushalt beschäftigte sie ein Dienstmädchen. Die Familie gehörte dem Mittelstand an. Nach dem frühen Tod ihres Ehemannes musste Martha Schenk – Jaussi schauen, wie sie finanziell über die Runden kam. Dank dem Verkauf des Geschäfts- und Wohnhauses in Adelboden konnte sie sich in Thun ein schönes Einfamilienhaus bauen lassen. Ihren Lebensabend verbrachte sie in der Familie ihrer älteren Tochter in Köniz. Ich würde nicht von einem sozialen Abstieg sprechen; aber es bedurfte der Unterstützung durch ihre Töchter,dass Martha Schenk-Jaussi ihren Lebensstandard einigermassen aufrecht erhalten konnte.

Quellenangaben:

1 «Soziale Mobilität» , in Politik/ Wirtschaft, Schülerlexikon
2 «Generationenmobilität», Gesellschaft auf einen Blick 2006 OECD Sozialindikatoren
3 «Generationenmobilität» (www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/politikwirtschaft)
4 Hugger Paul «Fricktaler Volksleben», S. 258
5 Boutellier Edi, mdl. Info.
6 «Historischer Häuserweg» , Bönigen-Iseltwald Tourismus
7 Minder Hans «Historisches Lexikon Gemeinde Trub»
8 Minder Hans, Angaben aus dem Taufrodel
9 Minder Hans, schriftl. Info , Teilung, Original in Schachtel F Teilungen, Quittungen, Verträge GA Trub
10 Rentsch Hans «Jugenderinnerungen», S. 3
11 Frank Georg «Das Schwarzpulver: die Produktion in der Pulvermühle Steffisburg»