17. Simon Friedrich Schenk (17.12.1883 – 4.9.1928), Coiffeur (6. Generation)

17.1. Vollwaise mit 15 Jahren

Als Sohn eines Schmiedes wurde Simon Friedrich am 17.12.1883 in Wattenwil BE geboren. Er wurde Fritz genannt. 1885 kam sein jüngerer Bruder Ernst auf die Welt. Dieser wanderte später nach Amerika aus. Ernst hatte 5 Kinder. Einer seiner Söhne soll im 2. Weltkrieg vor Japan gefallen sein. Es besteht heute kein Kontakt mehr zu der Verwandtschaft in Übersee. Schon während der Schulzeit zeigte sich bei Fritz eine besondere Begabung für das Zeichnen, die aber nicht gefördert wurde.

Die zwei Knaben verloren früh ihre Mutter. 1896 verstarb Rosina Schenk-Niederhäuser in Wattenwil. Ihre Söhne waren damals 13 Jahre bzw. 11 Jahre alt. Zwei Jahre später wurden Fritz und Ernst Vollwaisen. Ihr Vater starb am 4. Juli 1898 in Bern. Warum war der Vater Schenk nach Bern gezogen? War er vielleicht gesundheitlich angeschlagen und suchte deshalb in der Stadt eine leichtere Arbeit? Die zwei Knaben blieben vermutlich bei Verwandten mütterlicherseits in Wattenwil, um da ihre Schulzeit fertig zu machen. Nach dem Schulaustritt zog Fritz weg und erlernte in Biel den Coiffeur-Beruf. Danach arbeitete er als Geselle in der Fremde, um sich besonders als Damen-Coiffeur zu vervollkommnen. Auf seinen Wanderjahren hat Fritz auch eine Zeitlang als Coiffeur im Kurpark von Wiesbaden, im deutschen Kaiserreich gearbeitet. Dies hat mir meine Schwiegermutter erzählt, als wir einmal gemeinsam in Wiesbaden den Kurpark besucht haben. „Wer nichts wagt, gewinnt nichts! Und Fritz Schenk wagte. Er gründete mit seiner jungen Frau in Adelboden ein Coiffeur-Geschäft“. (1)

17.2. Adelboden, ein verschlafenes Dorf im Berner Oberland

Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Adelboden ein „verschlafenes“ Bergdorf:
„Adelboden höchst gelegenes Pfarrdorf des Kantons Bern (1356 Meter über M.). trägt seinen Namen wahrscheinlich von seinem grossen Reichtum an edlen Futterkräutern (Adelgras). Auf einem hohen Plateau gelegen, umgeben von einem majestätischen Kranze schneebedeckter Berge, inmitten grüner Matten, dunkler Tannenwälder, murmelnder Bäche, wird Adelboden mit vollem Rechte das lieblichste Bergdorf des Berner Oberlandes genannt („Nebenstübli der Welt“). Adelboden heisst eigentlich die ganze im oberen Engstlithale weitverstreute Kirchgemeinde.» (2) Das Dorf mit Kirche heisst Inner-Schwand. Ausserdem gehören noch 4 Bäuerten dazu: Ausser-und Stiegelschwand, Boden, Hirzboden, entsprechend zum Teil den Thälern in welches das Engstligenthal sich verzweigt….Adelboden oder Engstligenthal ein Seitenthal des Kanderthales, eingeschlossen von der schieferreichen Niesen- und Lohnerkette, beide vom Wildstrubel ausgehend, durchflossen von der wilden Engstligen mit vielen Nebenbächen.“ (3)

Lange lebten die Adelbodner oder die „Waldleute“, wie sie früher genannt wurden, in völliger Abgeschiedenheit. Der holprige Weg war schlecht, er zog sich hoch über dem Engstligenbach auf der Ostseite unterbrochen von steilem Auf und Ab über Achseten nach Frutigen. Erst 1884 wurde eine neue Strasse erbaut. Adelboden war erreichbar in 5 Stunden von Spiez über Frutigen mit der Postkutsche; von der Gemmi aus in 3 ½- 4 ½ Stunden (mit Führer); über den Rothkummegletscher in 6 – 8 Stunden; von Lenk in 4 Stunden über das Hahnenmoos; von Kandersteg über Frutigen oder in 5 – 6 Stunden über die Bonderkrinde. (4).

Um 1900 umfasste die Bevölkerung in Adelboden 1700 Seelen. Die Menschen waren in der Viehzucht und Alpwirtschaft tätig. Es gab viele Arme. Ein Zehntel der Bevölkerung war „armengenössig“ bzw. unterstützungsberechtigt. Eine ungenannte Zahl weiterer Bewohner des Tales vegetierte am Rande des Existenzminimums. „Der Milchkonsum nimmt eher ab als zu, da die hohen Milchpreise es den ärmeren Leuten unmöglich machen, für ihre Familien Milch zu beschaffen.» (5)

Im Buch von Josy Doyon „ im Schatten des Lohners“- Aus dem Leben einer hundertjährigen Adelbodnerin – wird auf eindrückliche Art das entbehrungsreiche Leben einer Bergbauernfamilie (Hari) zu dieser Zeit in Adelboden beschrieben: Kinderreiche Familie; Todesfälle von Kindern und von Rösi Haris Mutter wegen Krankheit und Erschöpfung; täglicher Kampf ums Überleben, Mangel überall, einseitige Ernährung; Verlust des Heimwesen wegen Bürgschaft in den Kriegsjahren; aber auch ein starker unerschütterlicher Glaube. Wie in andern Bergfamilien versuchten auch Haris neben der Landwirtschaft ein sehr bescheidenes Zubrot mit Heimarbeit durch die Herstellung von Zündholzschachteln und später durch Seidenweberei zu erzielen. „In der Stube… brannte jeden Abend die Petroleumlampe bis tief in der Nacht. Ausser dem Rösi (dem jüngsten) und den kleinsten Kindern sassen alle um den Tisch herum und halfen dem Vater beim „Trücklen“ (Anfertigung von Zündholzschächtelchen aus dünnen Holzspänen)… Die Kinder im Alter von 3 Jahren lernten schon mithelfen, in dem sie die feinen Späne am Boden zusammenlasen, die von Vaters Hobel herunterfielen. Die Grösseren bestrichen die Späne mit Kleister, stanzten Trückliböden und bepinselten sie mit roter Phospormasse, während die Mutter die Trückli formte. Die schwarze Schieferplatte auf dem Trittofen war mit fertigen Spantrückli überlegt, die dort über Nacht in der Wärme trocknen mussten. So gegen zehn Uhr abends gab die Mutter jedem ein „Chächti“ schwarzen Kaffee, und dann wurde noch ein bis zwei Stunden gearbeitet.“ (6)“ „Tausend Trückli galten 70 Rappen; später einen Franken, sofern das Holz vom Heimarbeiter geliefert wurde. Eine Familie mit 3-4 Kindern brachte es bei grossem Fleiss auf 8000-10000 Trückli pro Woche: Wochenlohn 8-10 Franken. Alle Donnerstage musste in Frutigen in der Zündhölzchenfabrik abgeliefert werden. Das war ein Weg von 3-4 Stunden. Bei schlechtem Wetter oder im Winter bei hohem Schnee war es doppelt schwierig, die in Säcke verpackten und auf Hutten gebundene „Truckleni“ diesen weiten Weg zu tragen. Bargeld gab es wenig. Meistens mussten die Trücklileute wohl oder übel ihr Guthaben im Krämerladen des Fabrikanten in Lebensmittel sowie Leim und Farbe für die Trückli umrechen lassen. Oft mussten sie noch Schulden machen, wenn ein „Tschuppeli“ Kinder daheim waren oder gar noch jemand krank lag…..In Adelboden wurde bis ungefähr 1910 oder 1915 „trücklet“. (7)

Ab 1870 wurde Adelboden ein Fremdenkurort. “ Um diese Zeit entstanden die ersten Pensionen und Hotels – „in einem bezaubernd schönen blumenreichen Tal, voller Stille, Duft und Glanz…“ (8)

17.3. Aufblühen des Tourismus

Die „neue Zeit“ brachte eine enorme Entwicklung mit sich, die nicht immer unproblematisch war. Es gab zwei Parallelwelten: Auf der einen Seite die bäuerliche Bergbevölkerung und daneben Hoteliers und Gewerbler der aufstrebenden Fremdenindustrie. Im ersten Reiseführer von Adelboden heisst es: „Adelboden, Fremdenkurort seit Anfang der 1870er Jahre – Eine der einzigen Sommerfrischen des Berner Oberlandes, die noch frei ist vom Lärm und Rauch der Eisenbahnen. Vielbesucht von Erholungsbedürftigen, Nervenleidenden und Blutarmen u.s.w. Herrliche, ozonreiche, total staubfreie Bergluft regt den Appetit an und stärkt die ganze Konstitution. Tages-Frequenz ca. 600 Personen in der Hochsaison. Viele bequeme Spazierwege und Gelegenheit zu mannigfaltigen äusserst abwechslungsreichen Spaziergängen, Berg- und Gletschertouren. Viele lauschige, stille Ruheplätzchen in den Wäldern, Ruhebänke, keine Bettelei, da solche durch den Verkehrsverein unterdrückt und durch Wohltätigkeits-Konzerte, Kollekten überflüssig gemacht wird.“ (9)

Die Bevölkerung vermehrte sich zwischen 1900 und 1910 um 33 Prozent. „In nur 8 Jahren ist eine zweihundertprozentige Zunahme von Läden und Dienstberufen festzustellen. Kritisch meinte damals ein Engländer auf einer Bergtour zu seinem Träger, Adelboden sei leider zu einem “Ladenboden“ geworden. (10) 1901 gab es die erste Wintersaison in Adelboden. Ein Chronist schildert es so: „In bewimpelten Rennschlitten führten Pferdegespanne mit farbigem Aufputz und klingendem Geschelle im Dezember 1901 die ersten Engländer zum erneuerten Hotel Wildstrubel. Sie brachten Skier, Curlingsteine und Bobleighs mit. Bald wussten auch die „Eingeborenen“ mit diesen Dingern umzugehen. Schon 1904 massen viele am alpinen Skirennen ihre Kräfte mit Konkurrenten aus Grindelwald und Kandersteg oder gar vom Norden. Immer mehr Gaststätten öffneten ihre Pforte.“ (11) Im Winter 1912/13 gab es schon 42 000 Übernachtungen. Es setzte eine überstürzte Entwicklung ein, die eine Planung im Dorf vermissen liess.(12) 1912 fuhren im Sommer täglich 4 Postkutschen-Kurse in beide Richtungen. Im Winter wurde ab 1916 ein dritter Kurs eingeführt. „ Im Sommer finden in der Postkutsche bis fünf Reisende und im Winter höchstens 3 Passagiere Platz.“ (13)

„Die Vertreter des Gastgewerbes und das Hirtenvolk hatten Mühe sich zu verstehen. Mit Kopfschütteln betrachteten die alten Bauern das Treiben im Sonnenbade und auf den Eisbahnen und Eisruns. An Gemeindeversammlungen kam es zu hitzigen Auftritten…“ (14) In Adelboden gab es viele religiöse Gemeinschaften. Die Kluft zwischen den „Frommen“ und den „Modernisten“ verschärften noch zusätzlich die Gegensätze in der Bevölkerung. Auch unter den Hoteliers gab es verschiedene Fraktionen; dies zeigte sich anhand von Austritten von „prominenten Hotelbesitzern“ aus dem Kur-und Verkehrsverein und im Streit über die Höhe der Kurtaxen, den Bettentaxen und über den Standort der englischen Kirche. Wie unterschiedlich die Lebenswelten und Auffassungen zwischen der Bauernbevölkerung und den Vertretern des Tourismus waren, lässt sich auch aus einem Brief aus der Gründungszeit des „Kur- und Verkehrsvereins Adelboden“ vom 17. Juni 1902 an den Gemeinderat erahnen: „Es muss etwas geschehen, um die Strassen und Wege in besserem Zustande zu erhalten. Der jetzige Zustand ist ein geradezu erbärmlicher: Jeder wirft nach Belieben, wie es ihm gerade passt, Holz, Steine, Sand oder dgl. auf die Strasse: Bauholz, Laden, Sägespane werden einfach auf der öffentlichen, sowieso engen Dorfstrasse abgelagert…. Welch jämmerlicher Eindruck macht nur die Strasse beim Schulhaus bis zur Kirche: mehrere Zoll hoher Schmutz (1 Zoll=gute 2 Zentimeter) Pfützen, Löcher, Lumpen und dgl. Dass der Fremde so einen sehr schlechten Eindruck von Adelboden mitnimmt, ist selbstverständlich.» (15)

Trotz negativer Begleiterscheinungen brachte der Tourismus Verdienst in das Bergdorf. Die grosse Armut der Bevölkerung konnte überwunden werden. Die Gemeindesteuern nahmen sprunghaft zu von Fr. 14’650 (1897) auf Fr. 49’511 (1913) bei gleichem Steuerfuss ohne Bäuert. (16) Die Infrastruktur im Dorfbereich wurde auch mit Hilfe des Verkehrsvereins (Einnahmen: Kurtaxen, Bettensteuer) verbessert: Errichtung eines Telegrafenbüros (1886), Verbesserung der Telephonverbindung (1902); Aufstellen von Hydranten und Versorgung mit sauberem Trinkasser (1902); Elektrischer Strom im Dorf; Verbesserung von Strassen insbesondere Korrektur der Dorfstrasse und Erstellen von neuen Wegen; Erstellung einer Kanalisation: das gesamte Abwasser der ganzen Ortschaft wird in einem grossen Kanal in die Engschtligen geführt, (ca. 1902); Erbauung der Oey-Eisbahn (1907); 3. Postkutschenkurs im Winter (1905); Bau von neuen Schulhäusern (1906 und 1909); Geruchsbekämpfung (1913): Der KVVA finanziert Jauchenkasten-Vergrösserung in der Oey um das Austragen der Jauche im Winter zu vermeiden (Eisbahn); Bau einer katholischen Kirche, Einweihung 1913 etc. (17)

Die wichtigste Touristengruppe waren die Engländer. Die Engländer wurden sehr umworben. In einem Protokoll des Verkehrsvereins Adelboden vom 3. Sept. 1905 heisst es: „Die Schlacht um England beginnt: Herr S.S. und Cie Ltd. in London wird benachrichtigt, dass wir beabsichtigen, die Prospekte unseres Kurortes in der besseren englischen Gesellschaft massenhaft zu verteilen und insbesondere für den Winteraufenthalt Propaganda zu machen. Der VVA wünscht 10 000 Adressen aus folgenden Gesellschaftskreisen: Clubs, Professoren und Lehrer ((Oxford, Cambridge), Richter, Aerzte, Grossindustrielle, Fabrikanten, Pfarrer, aus den „Upper Ten“. Er bietet per 1000 Adressen eine Entschädigung von 10 Pfund 6 Schilling.“ (18) Es wurden im Sept. 1905 beim Orell Füssli Verlag 10 000 englische, 2000 deutsche und 1000 französische Winterprospekte bestellt. Auf alten Fotos sieht man, dass viele Geschäfte Einrichtungen auf Englisch angeschrieben waren: „Boot-shop“, „Skihed, Village Run“ (Schlittelbahn) etc. Vor allem zum Jahreswechsel war Hochbetrieb: „Nun herrscht auf allen Wegen, Strassen und Matten ein reges Leben und Treiben. Englisch ist auf diesen Plätzen die Hauptsprache, nur in Gaststätten, Kramläden und Ställen hört man noch vereinzelt den Adelbodner Dialekt.“ (19)

In den Vorkriegsjahren bestand ein Mangel an einheimischen Arbeitskräften. Unterländer und Ausländer mussten einspringen. „Unwillkürlich gedenkt man der babylonischen Sprachenverwirrung, wenn man die Tiroler, Italiener, Franzosen, Tessiner, Walliser und Uechtländer hört. Besonders eine Rotte Uechtländer ist durch ihr indianisches Kriegsgeheul der Schrecken der alten Mandli, Frauen und Kinder geworden.“ (20) Auch Fritz Schenk und seine Frau gehörten zu den Zuwanderern aus dem Unterland.

17.4. Geschäfts- und Familiengründung

Am 12. März 1908 hatte Fritz Schenk seine Jugendfreundin Martha Jaussi von Wattenwil geheiratet. Das junge Paar zog nach Adelboden. 1910 und 1911 kamen dort ihre zwei Töchter auf die Welt. Fritz Schenk und Martha Jaussi profitierten von der wirtschaftlichen Aufbruchstimmung in Adelboden in der Vorkriegszeit und konnten sich dort eine Existenz aufbauen. Vermutlich arbeitete Fritz Schenk zuerst in einem Coiffeursalon als Angestellter. Es gab um 1910 schon 2 Coiffeurgeschäfte in Adelboden, Inhaber waren: S. Zryd u. A. Bächtold (21). Auf einer Postkarte von 1910 sieht man das Coiffeurgeschäft von A. Bächtold an der Dorfstrasse. Vor der Haustür des Geschäfts lehnt sich ein schlanker Mann in einem langen weissen Berufsmantel an die Mauer. Er schaut zur gedeckten von zwei Pferden gezogenen Postkutsche, die vor dem Postgebäude bereit zur Abfahrt steht. (22) Aufgrund von Hinweisen aus der Verwandtschaft und von Foto-Vergleichen, gehe ich davon aus, dass es sich bei diesem Mann um Friedrich Schenk handelt, der 1910 Angestellter bei A. Bächtold war.

1912 liess Fritz Schenk ein eigenes Wohn- und Geschäftshaus (Grundstück Nr. 228) an der Dorfstrasse bauen. (23) Er hatte das Grundstück, ein Stück Garten – und Wiesenland, in Innerschwand Adelboden am 28.12.1911 von Herrn Johannes Allenbach für Fr. 13 500.- erworben. Fritz Schenk musste eine Anzahlung von Fr. 6 500.- leisten; die übrigen Fr. 7 000.- lieh im die Kantonalbank Bern, Fililale Thun zu einem Zins von 5%. (24) Aus einer Art Gebäudeschatzung vom 10.01.1913 geht hervor, dass der Bauwert nach Mass auf Fr. 54 540.- geschätzt wurde. (25) Das Wohn- und Geschäftshaus der Familie Schenk stand – es gibt es heute nicht mehr – in bester Lage: an der Dorfstrasse, vis-à-vis vom Dorfplatz. Aufgrund einer mir vorliegenden Ansichtskarte habe ich den Eindruck, dass das schöne, grosse Haus für die damalige Zeit (Belle Epoque) modern war. Es war kein Chalet. Die unteren zwei Stockwerke waren gemauert. Im Erdgeschoss befanden sich der Coiffeursalon und ein Kiosk. Beim Coiffeursalon war ein Schild angebracht mit der Aufschrift: «Damen Friseur, Coiffeur pour Dames et Messieurs» und beim Kiosk: hiess es «Basar Berna». Daneben gab es noch Keller und eine Waschküche. Der zweite und dritte Stock waren aus Holz, event. bemalt. Der Dachstock war ausgebaut. In der Dachwohnung gab es grosse Fenster. Mindestens zwei Wohnungen befanden sich über der Geschäftsetage. An der Front waren zwei Balkone angebracht mit je zwei Balkontüren, der eine mit Eisengeländern, der obere mit einem Holzgeländer. Seitlich befand sich ein grosser Erker über das erste und zweite Stockwerk. Das steile Giebeldach war mit Ziegeln bedeckt. Die abgerundete Tür für die Wohnetagen war seitlich mit einer «Cement» Rampe mit Geländer. Das leicht vorstehende, erkerartige Treppenhaus mit Fenstern hatte eine eigene Krüppelwalmdachgaube. Im Haus gab es: elektr. Lichtleitungen; Kalt- und Warmwasserleitungen; 2 Boiler in den Küchen, Warmwasserheizung. Vor dem Geschäft war ein «Cementtrottoir» (26)

Nach Familienerzählungen florierte das Geschäft. Schenks beschäftigten mehrere Angestellte; oft waren es Verwandte, die später anderswo selber ein Coiffeur-Geschäft aufbauten. Im Nachruf (27) wird hervorgehoben, dass das Unternehmen vor allem dank Fritz Schenks „Umsicht“, „Grosszügigkeit“ und „Tüchtigkeit“ rasch aufblühte, aber auch dank der Mithilfe seiner jungen Frau, die vor allem im Kiosk bediente. Neben Zeitungen und Ansichtskarten wurden dort den reichen Gästen auch Zubehörs für die Bälle verkauft, z.B. Masken, Federn und Gestecke für die Haare etc. Dieser Geschäftszweig scheint sehr profitabel gewesen zu sein. Da Fritz Schenk ein künstlerisches Flair hatte, lagen ihm sicher kunstvolle Damenfrisuren, wie sie damals Mode waren. Auf zwei mir vorliegende Fotografien aus der Belle Epoque sieht man solche phantasievolle Haargebilde: Die eine Dame trägt am Hinterkopf gelocktes aufgestecktes Haar mit Schmuckspangen und auf dem Kopfscheitel einen Federnschmuck. Auch auf dem andern Bild sind die gewellten Haare der jungen Schönheit mit einem geflochtenen Kranz und vorn aufstehenden, weissen, flauschigen Federn geschmückt. Ich stelle mir vor, dass Fritz Schenk viele Damen der besseren Gesellschaft, vor allem Engländerinnen, mit solchen aufwändigen, eleganten Frisuren für die Bälle verschönert hat. Auch die Herren brauchten regelmässig einen perfekten Haarschnitt und kamen vermutlich täglich zur Rasur.

17.5. 1914: Auf einen Schlag bleiben die Touristen fern

Der Erfolg schien gesichert. „Da kam der Krieg und der belebte Kurort wurde plötzlich leer und öde. Stille wurde es in dem neu erbauten Geschäft. Das junge Paar aber verzagte nicht, wo andere die Segel strichen. Mit allen Mitteln suchte der Mann seine Familie durchzubringen, und er tat es auch. Die internierten Franzosen brachten dann wieder einiges Leben in das stille Bergdorf.“ (28)

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges muss wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel gewirkt haben. „Die Gäste stoben davon. Die Fensterläden der Fremdenzimmer schlossen sich für Jahre. Die Dorfstrasse verödete. Die taugliche Mannschaft eilte an die Grenzen. Kein Dienstausfall schützte die auf einen Taglohn angewiesenen Familien. Mancher Hausvater begab sich nach auswärts auf die Arbeitssuche. Die Preise kletterten empor, die Löhne wurden gedrückt, Zinse und Steuern blieben. Viele Geschäftsleute standen vor dem Ruin und rissen ihre Verwandtschaft und Bürgen hinein.“ (29) In der „Aufzeichnung einer hundertjährigen Adelbodnerin“ wird auf eindrückliche Art eine solche Familientragödie beschrieben: „In dem Schreiben wurde binnen kürzester Frist die gesamte Bürgschaftssumme gefordert, für welche Peter und sein Vater in den letzten Jahren mehrmals unterschrieben hatten. (Man hatte den Bauersleuten immer versichert, ihre Unterschrift sei eine blosse Formalität, Anm. T.R.) Anscheinend stand das Hotel, an dem der Bruder beteiligt war, vor dem Bankrott. Die Summe, die in dem Bankbrief für die Bürgschaft genannt wurde, war so unwahrscheinlich hoch, dass die beiden glaubten, es müsse sich um einen Irrtum handeln. Nur zu bald wurden sie darüber aufgeklärt, dass die Sache schon ihre Richtigkeit hatte. Und falls kein Geld auf der Bank vorhanden sei, so müsse halt das Heimet mitsamt den Weiden versteigert werden. Die zwei Unglücklichen baten um Aufschub. Man könne doch nicht einfach eine Familie mit 8 Kindern auf die Strasse stellen! Noch dazu im Winter! Die Herren von der Bank hoben nur bedauernd die Schultern. Das hätten sie sich halt alles überlegen sollen, bevor sie die Bürgschaft unterschrieben, hiess es. Man könne in Geldgeschäften auf der Bank wirklich nicht den Pestalozzi spielen. Diese Antwort erhielten alle Adelbodner, die ihre Heimetli damals „als blosse Formsache“ auf eine Bürgschaft gesetzt hatten.“ (30)

Wie genau Friedrich Schenk und seine Familie diese schwierigen Kriegsjahre wirtschaftlich überstanden haben, weiss ich nicht. Ich vermute, dass Friedrich Schenk aus gesundheitlichen Gründen keinen Militärdienst leisten musste und deshalb die Möglichkeit hatte im Zusammenhang mit den Internierten Geld zu verdienen. Möglicherweise brachte die Vermietung von Zimmern zusätzliche Einnahmen.

Die Familie Schenk- Jaussi hatte zwei Töchter: Ottilie Martha, geboren am 28. Mai 1910 und Ellen Martha, geboren am 2.08.1911. Ein erstes Kind war 1909 gestorben. Die beiden Mädchen erlebten eine geborgene Kindheit. Der Krieg ging vorüber, das Geschäft blühte wieder auf und die Töchter wuchsen heran. Friedrich Schenk war den Töchtern „ein ernster, aber liebevoller Vater, der für ihre Fortbildung kein Opfer scheute und ein wackerer Vorkämpfer zur Gründung einer Sekundarschule in Adelboden war.“ (31) In der Familie wurde die Musik gepflegt. Friedrich Schenk sang im Männerchor mit. In der Stube stand ein Klavier. Die Töchter erhielten Unterricht. Nach der Sekundarschule trat Ottilie ins Lehrerinnenseminar Thun ein. Ellen, die wie ihr Vater zeichnerisch begabt und ein „Vaterkind“ war wollte Goldschmiedin werden. Der Vater hatte versprochen, ihr eine Lehrstelle als Goldschmiedin in Genf zu suchen. Es sollte nicht dazu kommen. Sie besuchte später ein privates Kindergärtnerinnenseminar.

17.6. Hobby – Maler

Während der wirtschaftlichen Flaute der Kriegsjahre entdeckte Friedrich Schenk seine Freude an der Malerei. Er hatte schon während der Schulzeit gerne gezeichnet. „Durch die Bekanntschaft mit einem Maler, der als Internierter nach Adelboden gekommen war, erwachte in ihm, der nie einen richtigen Zeichen- und Malunterricht genossen hatte, der Drang und die Liebe zur Malerei empor. Was er an Elementarem erraffen und abschauen konnte, tat er, und das Uebrige errang er sich selbst. Bild reihte sich an Bild. Immer sicherer wurden Hand und Auge und Maler von Fach und Ruf, wie Waldemar Fink und Fritz Brunnhofer lobten seine Arbeit.“ (32) Fritz Brunnhofer wird oft als „Aarauer Spitzweg“ bezeichnet. Er hat während Jahrzehnten Bilder der Stadt Aarau gemalt. „Über seinen Aquarellen schwebt der Geist der Kleinmeister und des Biedermeiers.» (33) Waldemar Fink hat am 21.4.1914 auf einem Stein auf dem Höchsthorn bei Adelboden den Text aufgemalt: „Waldemar Fink – Der Maler der Alpen“. Der Berner Kunstmaler war damals knapp 31 Jahre alt. Zwischen 1909 und 1922 lebte Fink vorwiegend in Adelboden. Er malte die Bergwelt von Adelboden. Fink soll während dieser Zeit im Boden im Bauernhaus Allenbach gewohnt haben. (34) Eine Verwandte hat jedoch erzählt Waldemar Fink habe (auch) bei Familie Schenk-Jaussi ein Zimmer gemietet und dort gegessen. Weil er die Miete oder das Kostgeld aus Geldmangel nicht bezahlen konnte, habe er mit einem Bild bezahlt. Auf der Suche nach Fink Bildern im Internet sind mir seine Winter-Nachtbilder aufgefallen: z. B. «Nächtliche Heimkehr in Adelboden» Auf dem Bild stehen zwei Bergbauern mit dem Rücken zum Betrachter im Schnee; im Hintergrund Schneeberge, leicht vom Mond beschienen und die Schatten von zwei Bauernhäusern. Der grössere Mann hält eine Stalllaterne in der Hand, die etwas Licht verbreitet; die zwei scheinen nach Hause zu kommen und sich zu verabschieden.“ (35) Das Bild erinnert mich an Winterbilder von Giovanni Segantini.

Von Friedrich Schenks Bildern befinden sich nur noch drei in der Verwandtschaft. Mir liegen Farbfotos davon vor. Aufgrund der schlechten Bildqualität lässt sich nur vermuten, dass es sich um Oelbilder handelt. Die „konkreten“ Darstellungen zeigen ein Portrait der jüngeren Tochter; eine Abendlandschaft am Luganersee und eine sonnenbeschiene Häuserfassaden in einem südlichen Dorf. Von den drei Bildern gefällt mir das letztgenannte am besten. Es strahlt Wärme und Farbigkeit aus. Die Tatsache, dass sich nicht mehr Bilder in der Verwandtschaft erhalten haben und dass sie auch nicht aufgehängt wurden, deutet daraufhin, dass seine nächsten Angehörigen seine Kunst nicht all zu hoch eingeschätzt haben. Ob Friedrich Schenk zu Lebzeiten in Adelboden Bilder verkaufen konnte, entzieht sich meinen Kenntnissen. Was ich aus Familienerzählungen heraushöre: Der Spagat zwischen den Anforderungen des Geschäfts und seiner Malerleidenschaft war nicht einfach zu bewerkstelligen. Wer kümmerte sich um das Geschäft, wenn er in der Natur beim Malen war oder sich in den Süden zur Kur begab?

Das Coiffeur-Geschäft scheint nach dem Ersten Weltkrieg einen neuen Aufschwung genommen zu haben. Offensichtlich bot Friedrich Schenk während der Touristen-Saison sogar am Sonntag seine Dienstleistung an. Am 9. Januar 1919 wurde eine Anzeige des Landjägers R. Burkhardt gegen Friedrich Schenk, Coiffeur hier, eingereicht: „ Wegen Offenhaltung des Geschäfts an Sonntagen“….. und ein Eröffnungsverfahren durchgeführt, „da das Vergehen eine Widerhandlung gegen das Sonntagsruhe-Reglement der hiesigen Gemeinde bedeutet.“ (36)

17.7. Krankheit und früher Tod

Schon mit vierzig Jahren zeigte sich bei Friedrich Schenk eine Krankheit, von der er sich nicht erholen sollte. „Ein heimliches Nierenleiden warf ihn im Frühjahr 1923 aufs Krankenlager. Er erholte sich scheinbar und suchte öfters Genesung im Süden. Den ärztlichen Rat, sich vom Geschäft zurückzuziehen, konnte er nicht befolgen. Die Arbeit mit künstlerischem Auge erfasst, war ihm Lebenselement, auch wenn er sie unter grossen Schmerzen verrichten musste. Rasch neigte sich nun sein Leben zur Neige und unerwartet schnell entwich am 4. September seine goldlautere Seele.»(37)

Friedrich Schenk starb am 4.09.1928 und hinterliess seine Gattin und seine zwei unmündigen Töchter, die 18 Jahre bzw. 17 Jahre alt waren. Unter der Rubrik «Bernerland», wo der Nachruf in der Berner Woche erschien, stand ein Brustbild von Simon Friedrich Schenk, gew. Coiffeur in Adelboden. Es zeigt einen gepflegten, städtisch wirkenden mit Krawatte und Kittel gekleideten hübschen Mann mit feinen Gesichtszügen und einem Schnäuzchen. Seine dunklen Augen blicken ernst. Die fülligen dunklen Haare trägt er mit einem Mittelscheitel.
„Ein stiller, ernster Mann ist von uns gegangen, und wenn die Gäste aus allen Ländern das Dörfchen Adelboden in der kommenden Saison wieder füllen werden, sehen sie ihn nicht mehr, den Meister in seinem Fache als Coiffeur, den Maler und den geraden Mann. Die Freude des Wiedersehens bei der Ankunft in den Ferien wird nun ausbleiben.“…..“Eine zahlreiche Trauerversammlung gab ihm das Geleite und reiche Blumenspenden zeugten von der allgemeinen Teilnahme. Der Männerchor, dessen eifriges Mitglied er war, sang an seinem Grabe, und mit einem letzten Gruss nahm ein Freund Abschied von seiner Hülle.
Er ruhe sanft.“ (38)

Quellenangaben:

1 Aus dem Nachruf in der «Berner Woche» vom 29.09.1928
2 Der kleine «Führer durch Adelboden», 1898 herausgegeben vom Verschönerungsverein Adelboden
3 (s. 2)
4 Aellig Jakob «Kur-und Verkehrsverein Adelboden» 1888-1988, S. 60
5 (s. 4) S. 46/47
6 Doyon Josy «Im Schatten des Lohners» Aus dem Leben einer hundertjährigen Adelbodnerin, S. 14
7 Mettler Käthi «Trückle», in Adelbodner Heimatbriefe, Nr. 35, S. 5 u. ff.
8 Aellig Jakob «100 Jahre Kur- und Verkehrsverein Adelboden 1872-1972, S. 46-48
9 (s. 2)
10 (s. 8) S. 23
11 Bärtschi Alfred «Adelboden – Streflichter aus seiner Geschichte», Heimatbuch Bern Haupt 1966, S. 23
12 (s. 4) S. 45
13 Legende zu einer Ansichtskarte
14 (s. 11) S. 23
15 «Aus der Gründungszeit des Kur- und Verkehrsvereins Adelboden», Adelbodner Heimatbrief Nr. 31, S. 4
16 (s. 8); S. 24
17 Aus den Protokollen des Kur- und Verkehrsvereins von Adelboden von 1901-1914
18 (s. 15) S. 10
19 (s. 8) S. 26
20 (s. 8) S. 24/25 Zeitungsbericht von 1910
21 (s. 2)
22 Postkarte von 1910
23 Gemeinderatprotokoll von 1912
24 Kaufvertrag vom 25.01.1912
25 Lagerbuch Band IV Folio 33, Gebäude No 617 E von 1913
26 (s. 25)
27 (s. 1)
28 (s. 1)
29 (s. 11) S. 23/24
30 (s. 6) S. 64
31 (s. 1)
32 (s. 1)
33 «Fritz Brunnhofer», www.kunstbreite.ch/Kuenstlerwerdegänge
34 «Waldemar Fink – Maler der Alpen», Adelbodner Heimatbrief Nr. 65, 2005, S. 18 u. ff.
35 www.artnet.de/künstler/waldemar-theophil-fink
36 Aus dem Gemeinderatsprotokoll von Adelboden vom 15. Nov. 1920
37 (s. 1)
38 (s. 1)