5. Eugen Senn (14.07.1913 – 10.06.1994) KV- Lehre, Eidgenössischer Beamter (9. Generation)

5.1. Kindheit und Jugend in einer mittelständischen Familie

Eugen wurde am 14. Juli 1913 in Bern geboren. Sein Bruder Karl war 9 Jahre älter, so dass Eugen eigentlich wie ein Einzelkind aufwuchs. Er verbrachte seine Kindheit mit seiner Familie am Mezenerweg im Breitenrainquartier in Bern. Von Eugen gibt es zwei Bilder aus dem frühen Kindesalter. Beide wurden von einem Fotografen namens Jean Kölla in Bern aufgenommen. Das eine zeigt ihn als sonniges Kleinkind in einem Spitzenhemdchen auf einem Fell sitzend. Auf dem andern Bild ist er ein hübscher kleiner ca. 4-jähriger Knabe. (Foto) Klein-Eugen ist herausgeputzt mit seitlichem Scheitel und trägt ein uniformartiges Kleidchen mit Kittel und Hose. Am Hals bildet ein Spitzenkragen mit Schleife den Abschluss. Der original grosse Spielzeugdackel und das Holz-Pferdchen gehörten vermutlich zu den Requisiten des Fotografen. Die Aufnahme wurde zur Zeit des Ersten Weltkrieges gemacht.

Als Kind scheint mein Vater relativ viele und schöne Spielsachen gehabt zu haben. Eine grosse gefleckte Kuh mit Hörnern, vermutlich aus einer Brienzer Schnitzler Werkstatt stammend, befindet sich heute in meinem Besitz. Daneben besass er u.a. ein hölzernes Pferdchen und eine schöne Burg mit vielen Bleisoldaten. Er hat erzählt, wie er stundenlang die Spielzeugsoldaten der verschiedenen Armeen zu Fuss oder zu Pferd aufmarschieren und in Formationen kämpfen liess.- Das reale Militär genoss damals in der breiten Bevölkerung ein viel höheres Ansehen als heutzutage. Im Breitenrainquartier befinden sich noch heute die Kaserne, die Pferdestallungen und die Grünanlagen, wo die Pferde zugeritten werden. Ich bin sicher, dass mein Vater als Knabe den Soldaten und den Bereitern des Öftern zugeschaut hat. Manchmal gab es auch am Sonntag im Rosengarten ein Konzert der Kavalleriemusik. – Das Meccano mit dem Eugen als Knabe technische Gebilde konstruiert hat, gehört heute seinem ältesten Enkel. Eugen besass als Knabe unter anderem auch eine Dampfmaschine, mit dem er mechanische Einrichtungen antreiben konnte; eine Eisenbahn zum Aufziehen und einen Baukasten. Offensichtlich konnte sich die Familie die teuren und qualitativ hochstehenden Spielsachen leisten. Eugens Vater arbeitete als Prokurist in einer alten Berner Firma. Eugen konnte auch draussen spielen. Es gab damals noch kaum Verkehr, die Quartierstrassen waren ungepflastert und boten den Kindern viele Spielmöglichkeiten. Mein Vater hat vor allem vom Murmelspiel «Märmelispiel» erzählt. Dies war besonders im Frühling beliebt. Im Erdboden wurde mit dem Schuhabsatz ein faustgrosses Loch gegraben und der lockere Boden darum herum wieder festgestampft. Die Spieler stellten sich etwa 5 bis 8 Schritte hinter einer gezogenen Linie auf. Die Reihenfolge wurde festgelegt, z.B. mit einem Abzählreim. «Danach wirft jeder nun 3 oder mehr Murmeln nach dem Loch. Je nach der Entfernung der Murmeln (Klicker) vom Loch wird nun weitergespielt. Der Spieler, der die meisten bereits im Loch unterbrachte oder derjenige, dessen Klicker dem Loch am nächsten liegen, beginnt. Er spickt die am Boden liegenden Kugeln mit den Fingern ins Loch. Verfehlt er, ist der nächste an der Reihe. Wer alle seine Kugeln als erster einlocht, oder wer die letzte Kugel ins Loch spielt ist Sieger und erhält entweder alle Murmeln oder einen zuvor ausgehandelten Einsatz.» (1) Es gab neben dem Lochspiel noch viele weitere Spielvarianten. Eugen bewahrte seine Murmeln in einem ledernen, zuschnürbaren Beutel auf. Meist waren die Murmeln aus Glas oder Ton. Je nach Durchmessergrösse und nach Innenleben hatten sie unterschiedlich viel Wert im Spiel. «Die sogenannte Lättpolle galt nur einen Punkt, der Steinmärmel zwei, der Gledel je nach Grösse fünf bis zwanzig und die Stahlmärmel zehn. Jeder Gledel ist aus Glas. In manchen sind gedrehte rote, grüne und gelbe Fäden aus Glas.» (2)

Eugen besuchte die Primar-und die Sekundarschule im Quartier. Aus seiner Schulzeit gibt es drei Klassenfotos. In der Primarschule waren die Klassen gemischt. Die Sekundarschule Viktoria war damals eine reine Knabenschule. Eugen soll ein sehr guter Schüler gewesen sein. Was er jedoch überhaupt nicht konnte, war singen. Schon sein älterer Bruder Karl war vom Singlehrer als „Brummler“ geplagt und abgeschrieben worden. Dieser Singlehrer, Herr Sch. muss ein Sadist gewesen sein. „ Er hat bei nichtigen Anlässen den Schülern „Tatzen“ gegeben, d.h. mit dem Lineal auf die ausgestreckte Hand geschlagen. Mich hat er als „Senneli“ verhöhnt und vor den andern bloss gestellt. Der Lehrer ist sehr jähzornig gewesen und hat Hefte und andere Gegenstände entweder den Schülern an den Kopf oder zum Fenster hinausgeworfen.“ Eine Episode hat mein Vater immer wieder erzählt. Sie muss Balsam für seine verletzte Seele gewesen sein. Der Anfang der Geschichte ist mir nicht mehr präsent: „Es ist ein Handwerker im Übergewand mit seiner Handwerkskiste auf dem Schulareal gewesen. Vielleicht hat er einen Gegenstand aufgehoben, der zum Fenster hinausgeflogen kam? oder er hat sich nach Meinung des Lehrers zu unrecht vor dem Singsaal aufgehalten? – Auf jeden Fall hat Herr Sch. zwei Schülern befohlen, diesen Handwerker herein zu zitieren, um ihm die Leviten zu lesen. Dieser ist gekommen, hat seinen Werkzeugkasten abgestellt, kurz den Schimpftiraden des Lehrers zugehört und ihm dann eine schallende Ohrfeige verabreicht. Offensichtlich hat er den Lehrer von früher her gekannt. Die Schüler haben vor Begeisterung mit den Füssen gestampft und gejohlt. Die Singstunde wurde abgebrochen.“ Die Schulferien hat Eugen oft bei seinen bäuerlichen Verwandten im Aargau verbracht. Er war sehr angetan von seinen vielen Vettern und Basen. Besonders gefallen hat ihm, wenn er von Küttigen aus mit dem Fuhrwerk mit nach Aarau auf den Markt fahren durfte. Dort haben die Bauersleute ihre Kirschen zum Verkauf angeboten.

5.2. Der frühe Tod des Vaters

Eugen hatte eine sehr innige Beziehung zu seinem Vater. Es war für den sensiblen Knaben sicher sehr schwierig, dass er gelegentlich auf Geheiss der Mutter, den Vater im Wirtshaus abholen musste. Soweit mir bekannt ist, hatte der Grossvater kein „Alkoholproblem». Er hat das gesellige Zusammensein mit Kollegen genossen und gerne einen „Jass geklopft“. Eugen hat, vermutlich als Konsequenz aus dieser Erfahrung, sich später geweigert, Karten zu spielen und hat praktisch kaum Wein getrunken. Der Tod des geliebten Vaters muss für den14 jährigen Knaben ein schrecklicher Verlust gewesen sein. Es brach für ihn eine Welt zusammen. Nicht nur hat er eine geliebte Bezugsperson verloren, sondern auch die wirtschaftliche Existenz der Restfamilie war gefährdet. Ein Besuch des Gymnasiums und ein Studium, vermutlich der Jurisprudenz, lagen finanziell nicht mehr drin. Eugen musste möglichst bald einen Beruf erlernen. Wie sein Vater und sein älterer Bruder wurde er Kaufmann. Als jüngerer Sohn war Eugen schon immer „Mutters Liebling“ gewesen. Die besonderen Umstände haben Mutter und Sohn noch enger „zusammen geschweisst“.

5.3. Junger Erwachsener

Eugen besuchte in der Johanneskirche den Unterweisungsunterricht. Im Nachlass habe ich sein Unterweisungsheft gefunden. Im Unterricht wurden die zukünftigen Konfirmanden auf ein christliches Leben vorbereitet. Damals herrschten andere Vorstellungen über Sexualität und das Zusammenleben der Geschlechter als heutzutage. Ein Thema im Unterricht, das behandelt wurde, lautete: „Unser Leib ein Heiligtum»: «Unser Leib gleicht einem Tempel, (1. Korinther 6.19) alles an ihm ist wunderbar, darum halte ihn heilig! Schände ihn nie durch 1.Trunksucht…….2. Unzucht: Hüte dich vor leichtfertigen Liebeleien. Die Liebe zwischen einem Jüngling und einer Tochter, zwischen Mann und Frau, das Vater und Mutter werden ist etwas Heiliges. Junge Leute sollen untereinander Freundschaft pflegen, aber sich dabei in Zucht halten. Nicht Freude haben an schamlosen Witzen und Gesprächen. Solche Kameraden, Bücher, Bilder und Filme meiden. Wer ausschweifend lebt, wird geschlechtskrank. Das sind fürchterliche Krankheiten, die oft noch nach vielen Jahren wieder ausbrechen (Syphilis) 3. Müssiggang: Müssiggang ist aller Laster Anfang. Arbeit macht das Leben süss…. Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen (Paulus, 2. Thess. 3.14)»

Eugen wurde am Palmsonntag, den 17. März 1929, in der Johanneskirche konfirmiert. Sein Konfirmationsspruch lautete: „Wie wird ein Jüngling seinen Weg unsträflich gehen? Wenn er sich hält nach deinen Worten.( Psalm 119.9) Als junger Erwachsener gehörte mein Vater der Jungmannschaft der Johanneskirche Bern an. (Foto)

Nach der obligatorischen Schulzeit absolvierte Eugen eine kaufmännische Lehre mit gleichzeitigem Besuch der Handelsschule des kaufmännischen Vereins. Ich habe Unterlagen gefunden, die darauf hinweisen, dass er die Lehre bei der Firma G. Holliger AG, Schwanengasse 7, Bern gemacht hat. Es muss ein grösserer Handelsbetrieb gewesen sein. Es waren vor allem Tapezierer- und Sattlerartikel, die verkauft wurden: Moquette und Möbelstoff / Bettfedern und Flaum / Barchent und Carcenette / Wollene Bettdecken / Reise- und Auto-Decken /Tisch- und Divan-Decken / Dekorationsstoffe / Haare, Wolle, Kapok / Matratzen- und Storendrilche / Molton und Oeltücher / Segeltücher und Zwilche / Wachs- und Ledertücher / Auto-Verdeck-Stoffe/ Kautschuck für Betteinlagen / Zupfmaschinen. Daneben gab es Spezial-Abteilungen für Teppiche, Vorhänge, Vorhangstoffe und fertige Deckbetten. Mein Vater hat erzählt, wie er als KV-Stift am Samstagnachmittag noch in der Teppichabteilung aushelfen musste. Die Angestellten durften (um 17 Uhr?) nach Hause gehen. Eugen musste noch bleiben und dem Chef zur Hand gehen. Die schweren Perser Teppiche, die für die Kunden zwecks Besichtigung umgeschlagenen worden waren, mussten wieder geordnet werden. Eugen hat sicher sehnsüchtig auf den Feierabend gewartet. Ob er damals schon mit seinem engen Freund W.B. auf Touren in die Berge ging? Auf jeden Fall sind sie später am Samstagabend noch ins Oberland oder ins Wallis gefahren und zu einer Hütte aufgestiegen. Am andern Tag haben sie dann zu zweit oder in einer Gruppe eine Bergtour gemacht. Eugen war Aktiv-Mitglied der Alpinen Vereinigung Bern. Er war auch Mitglied des SACs. Nach Lehrabschluss verblieb Eugen noch einige Jahre in der gleichen Firma.

Nach der Rekrutenschule hat Eugen 1934 die Unteroffizierschule in Basel gemacht. Auf Wunsch seiner frommen Mutter, die nicht wollte, dass er eine Waffe trug, war er bei der Sanität.

5.4. Aktivdienst (1939 – 1945): zwei Jahre im Dienst

„Krieg! Am Spätnachmittag des 28. August 1939 beschloss der Bundesrat auf Grund der Ereignisse im Welttheater die Grenztruppen aufzubieten… Am 1. September wurde die Kriegsmobilmachung angeordnet. Erster Mobilmachungstag war der 2. September». (3) Mein Vater war Korporal bei der Stabskp. Geb. Füs. Bat. 36. Sein Bataillon mit über 1000 Mann versammelte sich am 2. September in Thun. Der Stadtpräsident Kunz, als Vertreter der Thuner Behörden, ermahnt zur Ablegung des Eides. Der Bataillonskommandant ist Oberstleutnant Fritz Erb (Kdt. Geb. Füs. Bat. 36, 1939 – 1940) „Mit dem Blick hinauf in die reinen Firnen und das darüber liegende Himmelsblau und noch höher mit den Schwurfingern kraftvoll und gläubig über entblösstem Haupt, mit der linken Faust den Karabiner eisern umklammert, so ertönt es mannhaft stark aus tausend Kehlen: Ich schwöre es.!“ …Sich bis zum Tod zu verpflichten für sein Vaterland. (4)

Als begeisterter Bergsteiger hat Eugen in diesem Gebirgsbataillon mit Oberländer Soldaten Dienst geleistet. Es sind Naturburschen: viele Bergbauern, Älpler , Bergführer, aber auch andere Berufsleute aus Brienz, Gadmen. Guttannen, dem Bödeli, aus dem Jungfraugebiet etc. Als Sanitäter gehörte Eugen der Stabskompagnie an. Offensichtlich wurden die Sanitätler von den andern Soldaten etwas belächelt. Bei einer Beschreibung des Vorbeimarsches der 4 Kompagnien des Bataillons heisst es: „Voran auf hohem Ross oder mit langen Schritten ihr Kommandant… Hinter ihm schritten dann die verschiedenen Züge der Stabskompagnie vorbei mit ihren Infanteriekanonen, Minenwerfern…Hintennach kamen die viel verlästerten Sanitätler, die unter ihren Bahren oft erbarmungswürdig daherkeuchten……»(5) Nach der Vereidigung wurde der Hauptharst der Kompagnien ins Wallis in verschiedene Grenzabschnitte verlegt. «Von Brig aus marschierte die Stabskompagnie zu Fuss nach Simplon-Gondo. Der Weg ging von Brig zu den Visperterminen über den Gibidumpass und den Bistenenpass auf den Simplonpass. Eine lange Kolonne zog sich durch die Landschaft, auch Säumer mit ihren Tieren, Stockungen entstanden, „Handorgeln“ welche sich rückwärts fortsetzen bis an den Schluss der kilometerlangen Riesenschlange von Einerkolonne». Unterwegs wurde biwakiert. Am andern Tag: „die gestrigen ungewohnten Strapazen zehren immer noch an unseren Kräften. Man sitzt ab, wo es einem grad zu Boden drückt…. Lässt sich vorn in der Kolonne einer fallen, folgen hinten ein halbes Dutzend seinem Beispiel. Fluchend „reiten“ die Offizier die Front ab und versuchen hier mit ermunternden, nicht mehr mit bösen Worten, dort wie barmherzige Ritter einzugreifen…Sanitäter keuchen mit Spritzen versehen zu einem wie voll Blei hingesunkenen Kameraden.“ (6) Die Soldaten tragen die Vollbepackung auf dem Rücken. Der „Aff“ wiegt 32 kg, zusätzlich ist noch der Karabiner aufgeschnallt. Der Gebirgssoldat ist ein Lastenträger. Im Verlauf des Aktivdienstes mussten die Gebirgstruppen bei Wind, (Regen-)Wetter und Schnee im Gebirge gewaltige Märsche absolvieren. Die Geb. Füs. Kp.I/36 legte z.B. eine Distanz von 1 651 km zurück, überwand im Aufstieg 57 680 m und stieg 58 430 m den Berg hinunter (7)

Gemäss einer Zusammenstellung (8). hat mein Vater während dem Aktivdienst (1939-1945) 690 Diensttage geleistet; zusammengezählt sind das zwei Jahre seines Lebens. Manchmal war er auch im Dienst beim Stab der Gebirgsbrigade 11. (Absender der Feldpost) Er war oft auf dem Simplonpass. „Am Simplonmassiv,…. waren gegen einen Angriff aus dem Süden die Probleme der Abwehr nicht leicht zu lösen. Erschwert wurden sie zudem durch die Tatsache, dass der Simplontunnel mit seinem Südportal im Ausland liegt und deshalb einer besonders sorgfältigen Überwachung bedurfte…Die Hochgebirgsnatur des Abschnitts zwischen Matterhorn und Grimsel stellte ziemlich grosse Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Truppe.“ (9) Mein Vater hat von diesem Simplondienst oft erzählt. „Sie hätten den Feind von Italien her erwartet und Wach-und Beobachtungsposten gehabt. Die Soldaten seien im Hospiz untergebracht gewesen. In dieser weltabgeschiedenen Gegend sei es sehr langweilig gewesen. Wenn seine Kollegen die freie Zeit mit Jassen verbracht hätten, sei er allein spazieren gegangen.“ Der Steinadler auf dem Simplonpass ist ein Symbol dieser Wachsamkeit: „In der Freiheit der Berge steht es , ein wuchtiges Mal aus hartem Granit. Ein Gedenken treuer Pflichterfüllung, ein Sinnbild harter Manneszucht, ein dauerndes Mahnen willig und wach zu sein für unsere Freiheit.“ (10)

Neben der Gebirgs- und Gefechtsausbildung, dem Ausbau der Stellungen und der Überwachung – es gab auch Wachposten im Tunnel, wo des Nachts die italienischen und deutschen Güterzüge durchrollten – waren weitere Aufgaben der Gebirgstruppen der Wegbau, z.B. für Verwundetentransport: „Wir müssen einen Weg finden, auf dem unsere Sanität Verwundete nach rückwärts bringen kann.“ (11) und der Unterhalt und die Schneeräumung der Passtrassen, um die Verkehrswege für den Nachschub und die Post offen zu halten. Die Soldaten mussten im Hochgebirge auch für ihren eigenen Unterhalt sorgen, z.B. Unterkünfte bauen, Holz suchen. Die Holzknappheit war oft ein Problem. Als Sanitäter hatte Eugen bei den langen Märschen viel zu tun: „Still seitab im Schatten einer Tanne sitzen zwei Sanitätler…Jod fliesst, Salbi wird gestrichen und Verbandstoff abgeschnitten. Nachtmärsche durch dunkle Wälder und weglose Gegenden. Ein Tross in der Nacht wie ein Spuk.“(12) Es gab auch ein Krankenzimmer, in dem die Sanitäter ihre kranken Kameraden pflegten. 1942 z.B. hatten Soldaten das „Ohrenmüggeli“ (Mumps), im Juli 1944 gab es Fälle von Kinderlähmung. Die Schwerkranken wurden ins Spital Brig evakuiert. Zwei Soldaten des Bataillions starben an dieser Krankheit.

Im Nachlass habe ich Feldpostbriefe von meinem Vater an meine Mutter, seine damalige Freundin, gefundenen. Sie geben einen zusätzlichen Einblick in den Soldatenalltag: „Gestern sind wir an unserem vorläufigen Unterkunftsort angekommen. Zum Glück müssen wir nicht in Zelten schlafen, da es seit gestern regnet. Wir sind hoch oben auf einer Alp in unserem Abschnitt in Stellungen…. Ich denke so viel an Dich (Vreni), namentlich auch nachts, wenn wir auf Patrouillen sind…Licht haben wir keines. (13 )- „Heute am Bettag haben wir zum ersten Tag frei. In der Woche ist immer erst um 1900 abtreten. Vom Verpflegungsort bis zur Unterkunft ist ca. ½ Stunde zu marschieren. Wenn wir dort ankommen, ist es gewöhnlich schon dunkel. In unseren Baracken, wo wir schlafen, ist leider kein Licht. Am Morgen haben wir schon um 05 Uhr 00 Tagwacht. Über den Mittag haben wir ebenfalls keine Zeit zum Schreiben. Heute hatten wir Feldgottesdienst und nach der Inspektion um 1300 abtreten bis 1800. Ausgang haben wir aber nur auf der Alp, wo wir untergebracht sind. Das sind nur ein paar Alphütten und unsere 2 Militärbaracken…..Ich kann Dir nicht schreiben, wie ich mich nach Dir sehne. Alle Tage denke ich viel an Dich, so immer beim Einschlafen, d.h. ca. gegen 2100.» (14) – “Ich bin gestern gut an meinen Einrückungsort angelangt. Mein Wunsch auf einen Posten versetzt zu werden, ist vorläufig ins Wasser gefallen. Vielmehr musste ich heute als Bureauordonnanz sog. Kuli, auf einem Bureau antreten… Schlafe im Schloss (Stockalperpalast) in einem riesigen Saal (8 m Höhe) mit 2 andern Uofs. Jeder hat seine Schlafstätte in einer Ecke.“ (15)

Seine Aktivdienstzeit verbrachte Eugen meistens im Wallis. Offenbar sahen italienische Pläne zu Beginn des Krieges einen Einmarsch ihrer Truppen über die Pässe Splügen und Simplon vor. 1940 entwarf General Guisan den Plan zur Verteidigung des „Reduits“: Bei einem allfälligen Einmarsch der deutschen Wehrmacht wäre das Mittelland mangels schlechter Ausrüstung und mangelnder Schlagkraft der Schweizer Armee nicht verteidigt worden, sondern nur das strategisch wichtige Alpengebiet, vor allem die Alpenübergänge. (16) Der Simplonpass gehörte zu diesen wichtigen Alpenübergängen. „Während des Aktivdienstes kam es zu 80 Teilmobilmachungen, die der Ablösung, aber auch der Übung, Vereinfachung oder Beschleunigung von Truppenaufmärschen dienten.“ (17)

Am 24. Okt. 1944 schreibt mein Vater aus dem Feld: “Seit letztem Freitag haben sich bei uns die Ereignisse überstürzt. Ich bekam von einer Stunde auf die andere den Befehl, von Brig zu meiner Kompagnie zurückzukehren, da Teilkriegsmobilmachung. Nachtfahrt Blausee – Spiez – Thun – Bern (Durchfahrt 0200) – Lyss – Solothurn – Olten – Baden – Dittikon (Zürich). Von dort Marsch nach Bonstetten. Seither sind wir in den Manövern. Seit letzter Donnerstagnacht nie mehr im Bett. Etwa 1 – 3 Stunden Schlaf in einer Scheune oder draussen und weiter marschieren. Seit Donnerstag nicht mehr rasiert bis heute, denk dir welchen Bart. Ich denke des Nachts beim Marschieren, wenn wir totmüde sind, so viel an Dich mein Liebling?“ (18)

Was war in der Welt geschehen? U.a. zunehmende schwere Bombardierungen der deutschen Städte durch die alliierten Flieger – Hitler befiehlt die Organisation des deutschen Volkssturmes – Aachen in der Hand der Alliierten – Französische Truppen erobern Delle – Durchbruch durch die Burgunder-Pforte – Maginotlinie nordöstlich Nancy durchbrochen – Deutsche Gegenoffensive zwischen Hohem Venn und Nord-Luxemburg – Beginn der russischen Winteroffensive. ((19) Es war eine Zeit erhöhter Alarmbereitschaft, wie schon am 10. Mai 1940 (zweite Mobilmachung). Damals war der deutsche Vormarsch durch Holland und Belgien erfolgt. 1944 befürchtete man offenbar durch den Vormarsch der französischen und alliierten Truppen, dass die deutschen Truppen in die Schweiz abgedrängt werden könnten. Das könnte ein Grund gewesen sein, dass das Geb. Füs. Bat. 36 in die Nordostschweiz verlegt wurde. Daneben gab es dort grosse Divisons- und Korpsmanöver. Dieser Dienst dauerte 81 Tage.

Am 14. Juni 1945 war der Entlassungstag der Soldaten der Geb. Füs. Bat. 36. Die Worte des Bataillonskommandanten, Major Häni an die Sechsunddreissiger haben sicher auch Eugen bewegt: „ Der Grossteil der Angehörigen unseres Bataillons hat seit dem Jahre 1939 mehr als 2 Jahre Dienst geleistet. Fast für jeden von Euch haben sich daraus Schwierigkeiten ergeben, sei es, dass er in seinem Beruf oder Geschäft in Nachteil geriet, sei es, dass durch sein Fernsein von der Familie er den so erstrebenswerten Kontakt mit ihr zeitweise verlor. Wenn auch der Einzelne Nachteile in Kauf nehmen musste, so hat doch das Ganze, d.h. die Gemeinschaft aller Schweizerbürger zusammengefasst in unserem demokratisch-schweizerischen Bundesstaat, von unserem Wirken Nutzen gezogen. Unsere Arbeit und unser Einsatz waren nicht vergeblich, unser Vaterland ist vom Krieg frei geblieben. Diese Tatsache muss uns mit Stolz erfüllen, wir wollen uns dabei bewusst sein, dass das Wertvollste, das wir dadurch bewahren konnten, nicht unser Leib und Leben, sondern unsere Freiheit war, und zwar sowohl die Freiheit des Staates wie diejenige des einzelnen Bürgers. Diese weiter zu erhalten und zu festigen, muss auch in Zukunft unser Ideal und höchstes Ziel sein.“ (20)

5.5. Eidgenössischer Beamter, Einfamilienhausbesitzer

1939 hatte Eugen die Stelle gewechselt und war fortan bis zur Pensionierung 1978 beim Bund auf der Militärversicherung tätig. Die Militärversicherung ist im SUVA-Gebäude untergebracht. Zuerst war er Angestellter und später Eidgenössischer Beamter. In den letzten Jahren vor der Pensionierung war er Kreisleiter.

Auf der Militärversicherung hat er ca. 1942 Vreni Mühlemann, meine Mutter kennen gelernt. Nach und nach hat sich eine Liebesbeziehung ergeben. In einem Brief vom 30. August 1944 zeigt sich Eugen sehr begeistert von einem Besuch bei Mühlemanns auf der Windegg, dem kleinen Bauernhaus, wo die Familie die Ferien verbrachte : „Ich bin am Sonntag gut in Bern angekommen. Auf der ganzen Reise dachte ich an den so schön verbrachten Tag. Ich habe mich sehr gefreut, auch deine liebe Grossmutter kennen zu lernen. Leider habe ich keine Grossmutter mehr. Die liebe gute Frau hat mich sehr an meine liebe Grossmutter mütterlicherseits erinnert. Es war schön auf der Windegg, sie ist mir ganz ans Herz gewachsen. Ich möchte speziell noch einmal Deiner Mutter für alles von Herzen danken. Sie und die Grossmutter hatten ja so Arbeit an einem Sonntag, alles meinetwegen.“ (21) (Foto) Eugen und Vreni haben am Wochenende oft gemeinsame Ausflüge in die Berge gemacht. Die Ferien habe sie jedoch getrennt verbracht, er mit seiner Mutter, sie mit ihren Eltern. Am 1. August 1945 schreibt Eugen: „Es war ja jetzt das letzte Mal, dass wir die Ferien getrennt verbringen mussten. Nächstes Jahr gehen wir dann in den Tessin auf die Hochzeitsreise. So können wir uns doch jetzt schon beide freuen. Ich denke schon so viel an diese, hoffentlich glückliche Zeit.“(22)
Auch nach dem Krieg musste Eugen noch oft Militärdienst leisten und hat von dort aus Briefe geschrieben. Im Gegensatz zu Vreni hat er sich auf den Einzug ins eigene Haus an der Gurtengartenstrasse 1 sehr gefreut. „ Freue mich schon jetzt sehr auf die Entlassung. Bald können wir dann in unser Häuschen ziehen. Es gibt dann dort für uns beide Arbeit, bis alles ist, wie wir es wünschen. Denke nur an das „Jäten“. Die Zimmer wollen wir dann recht häuslich einrichten. In der Wohndiele die schöne Uhr vom Vater, dazu kaufe ich Dir dann noch eine gediegene schmiedeiserne Lampe, ohne Stoffschirm, damit ich unbehelligt Pfeife rauchen kann.“ (23)

1944 hat mein Vater das Bürgerrecht von Bern erworben. So wie ich ihn gekannt habe, hat es ihm nicht behagt, dass sein ursprünglicher Heimatort, Gansingen, AG früher zu Österreich gehört hatte. Er war sehr patriotisch eingestellt und wollte ein „richtiger alter Eidgenosse» sein.

Am 24. Mai 1946 haben Vreni und Eugen geheiratet. Sie zogen dann in das Einfamilienhaus im Spiegel ein. Am 19. November 1948 kam ich auf die Welt. Ich war das einzige Kind. Ich hatte eine engere Beziehung zu meiner Mutter. Sie ging eher auf meine kindlichen Bedürfnisse ein und liess mir mehr Freiheiten als der Vater. Er war streng und manchmal etwas pedantisch. Wehe, wenn man vergass das Licht auszuschalten, oder wenn einem unabsichtlich ein Fehler unterlief. Da gab es lange Strafpredigten. Mein Vater war immer sehr korrekt gekleidet, wenn er ausser Haus ging. Stets hatte er frische Bügelfalten an seiner Hose, er trug eine Kutte, eine Krawatte und einen Hut. Wenn er von der Arbeit nach Hause kam, ging er als erstes seine Mutter begrüssen, und anschliessend wechselte er in der Mansarde seine Kleider. Als jüngeres Kind war ich gerne bei ihm im Klempnerraum (Bastelraum) und schaute ihm zu. Er hat dort in seiner Freizeit allerlei gewerkelt. Wenn ich ein Paar neue Schuhe bekam, hat mein Vater hinten und vorn ein „Iseli“ zum Schutz der Sohlen aufgenagelt. Beim Herumlaufen gab es laute metallene Geräusche. Neue Schuhe zu bekommen war etwas Besonderes. Im Schuhgeschäft in Wabern gab es einen Röntgenapparat; dort konnte man seine Füsse hineinstecken, um zu sehen, ob die neuen Schuhe passten. Man hat das mehrmals gemacht; niemand hatte Bedenken wegen der Röntgenstrahlen. Am Sonntagmorgen während dem die Mutter den Sonntagsbraten vorbereitet hat, machte mein Vater mit mir oft Spaziergänge im Gurtenwald.

So weit ich mich erinnern kann, hat mir mein Vater nur einmal ein Märchen erzählt. Es ist mir aber bis heute in Erinnerung geblieben. Er hat mir das Märchen im Zusammenhang mit dem Käseessen erzählt: „Es war ein junger Senn (Hirt), der wollte gerne heiraten und kannte drei Schwestern, davon war eine so schön wie die andere, dass ihm die Wahl schwer wurde und er sich nicht dazu entschliessen konnte, einer davon den Vorzug zu geben. Da fragte er seine Mutter um Rat, die sprach: Lad alle drei ein und setz ihnen Käs vor, und hab acht, wie sie ihn abschneiden.“ Das tat der Jüngling. Die erste aber verschlang den Käs mit der Rinde; die zweite schnitt in der Hast die Rinde vom Käs ab, weil sie aber so hastig war, liess sie noch viel Gutes daran und warf das mit weg. Die dritte schälte ordentlich die Rinde ab, nicht zu viel und nicht zu wenig. Der Hirt erzählte das alles seiner Mutter, da sprach sie : “Nimm die dritte zu deiner Frau.“ – Das tat er und lebte zufrieden und glücklich mit ihr.“ (24)

Eugen hat ein Lohnjournal geführt. Die finanziellen Verhältnisse waren am Anfang sehr bescheiden. 1940 verdiente er von Januar – Juli: Fr. 10.- pro Tag, von August bis Dezember: Fr. 12.- Dazu kam eine Weihnachtszulage von Fr. 50.- Wenn er im Militärdienst war, erhielt er nur 50% vom Lohn. Dafür zahlte die Ausgleichskasse Fr. 4.45 pro Tag. Zum Vergleich 1940 kostete: 1 Liter Milch 34 Rp., 1 Kg Ruchbrot 47 Rp. 1 kg. Kartoffeln 24 Rp., 1 Ei 19 Rp., 1kg Kristallzucker 73 Rp., 1kg Rindfleisch Fr. 3.30, 100 kg Kohle Fr.16. 80, ein Vestonanzug, engl. Stoff, Konfektion kostete ca. Fr. 210.- (25). Das heisst, dass ein grosser Teil des Lohnes für Nahrungsmittel und Heizung verwendet werden musste. Wer Militärdienst leistete, hatte einen finanziellen Nachteil. Mein Vater erhielt 1942 während dieser Zeit keine Ortszulage und keine Teuerungszulage. Er kam auf einen Jahreslohn von Fr. 4346.80. 1946 im Jahr der Verheiratung hatte er einen Grundlohn pro Monat von Fr. 456.90 dazu eine monatliche Ortszulage von Fr. 30.- bzw. Fr. 40.- und eine monatliche Teuerungszulage von Fr. 151.85 bzw. nach der Heirat von Fr. 161.85. Dazu kam eine Herbstzulage von Fr. 270. Er kam auf ein Jahreseinkommen von Fr. 8479.- inkl. Heiratszulage von Fr. 400.- An die Ausgleichskasse gingen 2%, an die Pensionskasse 5% und an eine Stabilisierungsfond pro Monat Fr. 3.25. Für die Steuern liess er sich 11 x Fr. 50.- abziehen. So hatte er nach Abzug der Steuern einen Nettolohn von Fr. 7454.60 zur Verfügung. Ab 1949 bekam er eine Kinderzulage für mich von Fr. 17.50. Meine Eltern mussten am Anfang das Einkommen sehr gut einteilen. Meine Mutter bekam Haushaltungsgeld, mit dem sie auskommen musste. Um das Geld für den Bus zu sparen, ist sie z.B. mit mir im Kinderwagen vom Spiegel zu Fuss in die Stadt marschiert. Nach Hause fuhren wir dann mit dem Bus. Sie war froh, dass der Vater im Herbst die Rechnung für die vom Bauern gelieferten Kartoffeln, Äpfeln und Birnen, die eingekellert wurden, bezahlt hat. Das hat ihr Budget etwas entlastet. Später hat sich die finanzielle Situation meiner Eltern deutlich verbessert. 1968 hatte mein Vater nach monatlichem Abzug von F. 300.- (für die Steuern und Sparen) einen Netto-Jahreslohn von Fr. 21 960.- In den folgenden Jahren stieg sein Lohn markant. 1988 nach seiner Pensionierung hatte er aus der Pensionskasse und der AHV nach Abzug von den monatlichen Fr. 300.- Fr. 62 320.20 zur Verfügung.

Meine Eltern lebten das traditionelle Familienmodell. Der Mann war das Haupt der Familie. Dies entsprach auch dem ZGB von 1912, das erst in den 70-er, 80-er Jahren revidiert wurde. (26) Meine Mutter hat aber ihr Erbe (Haus, Aktien) selber verwaltet. Obschon mein Vater ein „Patriarch“ war, war er von Anfang an für das Frauenstimmrecht.

5.6. Die Liebe zu den Bergen – Fahrt über die Pässe mit dem VW-Käfer

Das Hobby von Eugen war das Bergsteigen. Er machte mit seinem Freund W. B. am Wochenende manchmal Touren. Mit Vreni machte er Wanderferien im Wallis und im Engadin. Er las auch gerne Bergbücher, z.B. von Erstbesteigungen. Er hatte eine ganze Bibliothek von schönen Bildbänden u.a. vom Himalaja. Er hat Sponsorenbeiträge an Himalaja-Expedition bezahlt und bekam als Gegenleistung von den Teilnehmern (Hilary ?, Tenzing Norgay ?) eine Ansichtskarte mit Unterschriften und einem Kreuz vom Sherpa. Sobald ich selbständig marschieren konnte, gingen wir oft Samstag, Sonntag in eine Berghütte, die der Alpinen Vereinigung Bern gehörte. Die Hütte hiess «Rischerli» und war im Kiental. Ich kann mich erinnern, wie steil und wie anstrengend der Aufstieg war. Aller Proviant musste hinauf geschleppt werden. Im Winter versank ich manchmal bis zu der Brust im Schnee. Als vier, fünf-jähriges Mädchen musste mein Vater mich dann das letzte Stück hinauftragen. Ab 1957 hatten wir im Winter auf der Griesalp eine Stube und eine primitive Küche in einer Alphütte gemietet. Im Sommer brauchte der Bauer die Hütte während der Sömmerung mit dem Vieh selber. Ab 1961 waren wir ganzjährig auf dem Silberbühl bei Oberwil im Simmental in einem «Hüttli» namens «Margritli» zur Miete. Es gab dort zwei Stuben, eine Küche mit Holzherd und draussen ein Plumpsklo. Das Wasser musste draussen beim Brunnen geholt werden. Im Bauernhäuschen Margritli befand sich zudem eine Heubühne und unten ein Stall. Diese Einrichtungen benutzte die Bäuerin Leni Bühler für ihr Vieh. Mit ihr pflegten wir einen herzlichen Kontakt. Ich war oft bei ihr im Stall und wollte während meiner Gymerzeit Tierärztin werden. Ca. alle 14 Tage fuhren wir für das Wochenende ins Simmental auf den Silberbühl. Dort haben wir intensiv am Leben der Bauersleute und ihrer Tiere teilgenommen. Oft verbrachten wir auch Ferien auf dem Silberbühl. Sobald wir ein Auto hatten, zuerst einen VW-Käfer, machten wir fast jeden Sonntag eine Ausfahrt. Mein Vater war glücklich, wenn er über möglichst viele Pässe fahren konnte, z.B. Grimsel – Furka – Susten. Die Sommerferien verbrachten wir meistens in den Bergen, z.B. auf der Bettmeralp oder im Bündnerland; im Winter in der Lenk oder in Mürren. Einige Male fuhren wir auch ans Meer nach Italien oder Spanien.

Eugen las gerne Kriegsbücher, vor allem über den Zweiten Weltkrieg. Er interessierte sich auch für Sport. Ab und zu besuchte er einen Eishockeymatch oder ein Fussballspiel. Jeden Donnerstagabend traf er sich mit seinem Freund in der Stadt.

Auch nach Vaters Pensionierung haben meine Eltern sehr viele Reisen in der Schweiz und in Europa unternommen; meistens mit dem eigenen Auto manchmal aber auch in einer Gruppe mit dem Car.
Mein Vater war ein guter, liebevoller Grossvater. Er hat mit den 3 Grosskindern im Garten gearbeitet, mit ihnen gespielt und hat ihnen z.B. im Winter Iglus gebaut.

Seine Krebskrankheit in seinen letzten zwei Lebensjahren ertrug er tapfer. Er konnte dank der guten Pflege von Vreni bis 2 Wochen vor seinem Tod mit 81 Jahren in seinem geliebten Heim verbleiben. „Am 27. Mai 1994 musste er ins Zieglerspital eintreten. Trotz guter Pflege verschlimmerte sich sein Zustand. Eine schwere Lungenentzündung brachte den endgültigen Zusammenbruch. Mit Vertrauen auf Gott und Stütze sowie Begleitung durch seine Angehörigen durfte Eugen Senn am Freitag den 10. Juni 1994 nachmittags friedlich und ruhig einschlafen.“ (27). Er wurde auf dem Friedhof in Köniz begraben.

Quellenangaben:

1 «Murmelspiel», Wikipedia
2 Schädelin Klaus 1955, «Mein Name ist Eugen», S. 61
3 Bat. 36 «Erinnerungen aus dem Aktivdienst» S. 8
4 Bat. 36 (s. 3.) S. 9
5 Bat. 36 (s. 3) S. 11
6 Bat. 36 (s. 3) S. 22
7″Erinnerungsschrift der Geb. Füs. Kp.I/36″ S. 102
8 Bat. 36 (s. 3) S. 243
9 Oberstl. i. Gst Kaeser, in Simplon Brigade, S. 45
10 Der Kommandant der Gebirgsbrigade 11, in Simplon Brigade, S. 42
11 Bat. 36 (s. 3) S. 33
12 Bat. 36 (s. 3) S. 109
13 Brief: «Im Feld 15.09.1943»
14 Brief «Im Feld 19.09.1943»
15 Brief: Brig, 17.10.1944, 19 Uhr
16 «Die Schweiz im 2. Weltkrieg», Wikipedia
17 «Mobilmachung», Historisches Lexikon der Schweiz
18 Brief «Im Feld 24.10.1944»
19 Geb. Füs, Kp I/36 (s. 7), S. 86
20 Bat. 36 (s. 3) S. 226
21 Brief: 30.08.1944″
22 Brief vom 1.08.1945
23 Brief, Thun, 27.02.1946
24 Gebrüder Grimm (KHM155) «Die Brautschau», Märchen aus der Schweiz, in Kinder- und Hausmärchen
25 Der Warenkorb der Nation, Bundesamt für Statistik
26 Frauen im Zivilrecht: Zur Geschichte der Gleichstellung in der Schweiz von 1848 – 2000
27 Lebenslauf, verfasst für die Abdankung von Vreni Senn-Mühlemann