Einleitung

Alle seid ihr vergangen
Spurlos
Jahre und Jahre vor mir
Wart ihr hier
Nun seid ihr
In mir
Meine Vorväter/ «Vormütter» (Anm. Th. R.)
Sagt ihr mir
Wer ich bin

Luisa Famos «Alle seid ihr vergangen», in: Ich bin die Schwalbe von einst. Gedichte aus dem Nachlass, 2004 Limmat Verlag, Zürich

Wer waren diese Vor-Väter und -Mütter? Was wissen wir über ihr Leben?

Wie haben «einfache» Menschen in der Schweiz früher gelebt? Die meisten wohnten auf dem Land. Anhand von historischen Persönlichkeiten aus 8 Familien versuche ich im Ersten Teil der Arbeit das Alltagsleben von einfachen Menschen «zwischen unten und oben» seit dem 16. bis ins 20. Jahrhundert zu beschreiben. Sie übten unterschiedliche Berufe aus. Ihre wirtschaftlichen Verhältnisse waren sehr verschieden und je nach Zeitumständen und Orten waren sie vor mehr oder weniger grosse Herausforderungen gestellt. Hier ein paar Beispiele:

  • Ein Bernischer Offizier, der im Zweiten Villmergerkrieg 1712 gekämpft und einen Brief an seine junge Frau geschrieben hat. Er wurde später Landesstatthalter von Interlaken.
  • Eine Taglöhnerfamilie aus dem Emmental im 18. Jh., die mehrmals ihre Wirk- und Wohnstätte gewechselt hat und nur mit Mühe ihre grosse Kinderschar ernähren konnte.
  • Die gefährliche Arbeit von Pulvermüllern aus Steffisburg, die anfangs 18. Jh. Schwarzpulver hergestellt haben.
  • Ein armer Landschullehrer, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zürcher Oberland zwischen 80 und 90 Schüler und Schülerinnen unterrichten und betreuen musste.
  • Wirte, die im Oberaargau in einer seit dem 17. Jh. bestehenden Taverne neben dem Ausschank und der Verköstigung der Gäste auch die Pferde der Postkutschen gewechselt haben.
  • Ein Coiffeur und seine Familie zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem aufstrebenden Tourismusort, deren neu gegründetes Geschäft gefährdet war, weil wegen dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges die ausländischen Touristen von einem Tag auf den andern fernblieben.
  • Eine bürgerliche Kaufmannswitwe, welche die Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren besonders stark zu spüren bekam. etc.

Es sind Angehörige der 8 Vorfahren – Familien von mir und meinem Mann. Die Familien sind heimatberechtigt und hatten früher Wohnsitz in: Bönigen, BE (Mühlemann); Trub, BE (Rentsch); Signau, BE (Schenk); Wattenwil, BE (Jaussi); Bollodingen, später Hermiswil BE (Mühlethaler); Küttigen, AG (Wehrli); Gansingen, AG (Senn); Mönchaltorf ZH (Schlumpf).

Vor dem Zusammenbruch der Alten Eidgenossenschaft lebten sechs der Familien als «Untertanen» im Bernischen Herrschaftsbereich. Küttigen, von wo die Wehrli-Familie stammt, gehörte damals ebenfalls zum Bernischen Untertanengebiet. Die Schlumpf-Familie als Angehörige der Zürcher Landbevölkerung wurden ähnlich, wie die Bernische Bevölkerung von der Stadt, in dem Fall Zürich und deren Obrigkeit dominiert. Gansingen, das zum Fricktal gehört hat, stand bis 1802 unter österreichischer Herrschaft. Der obrigkeitliche Einfluss auf die Senn-Familie war hier kleiner, denn das Dorf lag weit weg vom Machtzentrum in Wien. An Stelle der weltlichen Obrigkeit übte jedoch die katholische Kirche Macht aus. Seit 1803 lebten alle Angehörigen der 8 Familien auf dem Gebiet der heutigen Schweiz.

Die offizielle historische Forschung legt meistens ihren Fokus auf die Akteure des politischen Geschehens. Dies waren im Bernischen Stadtstaat die Patrizier Familien. Sie haben das Geschick des Staates gelenkt. Im Bernischen Historischen Museum hängen die vier Bernburger Generäle, die das Bernische Heer im Zweiten Villmergerkrieg von 1712 angeführt haben, in Barocken Goldrahmen an der Wand. Es sind: Johann Rudolf Manuel (1669 – 1715), Niklaus von Diesbach (1645 – 1721), Niklaus Tscharner (1650 – 1737) und Johann Samuel Frisching (1638 – 1721). Die Generäle sind in Herrscherpose abgebildet, tragen Perrücke und sind wie Fürsten gekleidet. Alle 4 haben ihre Laufbahn in französischem Kriegsdienst begonnen und machten später auch politisch Karriere, indem sie Mitglieder des Grossen Rates waren. Johann Samuel Frisching wurde 1715 Schultheiss von Bern. Diese Männer haben Geschichte geschrieben. Ihr Leben ist dokumentiert. Darüber, wie es den einfachen Soldaten und Offizieren in diesem Krieg ergangen ist, wissen wir wenig. Zum Glück hat sich ein Brief von Ulrich Mühlemann an seine junge Frau Elisabeth Ritschard aus dem Zweiten Villmergerkrieg von 1712 erhalten. Von Ulrich vernehmen wir unter anderem, dass ihn im Feldzug nach «Salat (!!!)» gelüstete, der aber leider nicht aufzutreiben war.

Nach dem Zusammenbruch der Alten Ordnung und vor allem infolge der politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen im 19. Jahrhundert bekamen auch die «einfachen Menschen» – allerdings nur die Männer – politisches Mitspracherecht. Die Landbewohner konnten die Lebensbedingungen in ihren Dörfern nun stärker mitgestalten und verbessern. Z.B. haben sich Christian Jaussi (geb.1824) Schneidermeister und Friedrich Schenk (geb.1853) Schmied im 1866 gegründeten Gemeinnützigen Verein von Wattenwil mit andern fortschrittlichen Männern zusammen für das Gemeinwohl ihrer armen Gemeinde engagiert und gegen die Armut gekämpft.

Bei der Beschreibung des Alltags der einfachen Menschen, interessieren mich Fragen wie z.B.:
Wo und wie haben sie gelebt? Was haben sie gearbeitet? Was haben sie angepflanzt? Was haben sie gegessen? Wie sah es in ihrem Dorf aus? Welche Traditionen und Bräuche haben ihr Leben geprägt? Wie war das gesellschaftliche Umfeld? Welche geschichtlichen Ereignisse und welche Katastrophen haben ihr Leben beeinflusst? Welche persönlichen und sozialen Ressourcen hatten sie? Welche Umstände führten zu einem sozialen Auf- oder Abstieg? etc.

Damit die Lebensdaten der Mitglieder der 8 Familien vergleichbar sind, habe ich sie zu Beginn jedes Kapitels nach dem gleichen Schema dargestellt.

Bei der Beschreibung des Alltagslebens ergaben sich bei jeder der 8 Familien andere Themen-Schwerpunkte:

Bei den Angehörigen der Familie Senn (Kapitel 1) ist es die dörfliche Abgeschiedenheit, die durch Traditionen und katholisches Brauchtum geprägt ist. Die Sennen waren Bauern. Infolge der Zugehörigkeit von Gansingen zum österreichischen Kaiserreich spielte der Dreissigjährige Krieg (1618-1648) im Leben einer Generation eine wichtige Rolle. Naturkatastrophen zu Beginn des 19. Jahrhunderts, der Brand von Gansingen 1814 und der Brand des Weilers von Galten 1829 haben das Leben der Menschen zu dieser Zeit stark beeinflusst. Die 5. und 6. Generation verlor wegen dem Brand in Galten ihre Existenz und musste im Weiler Schlatt bei Gansingen neu anfangen.

Gottfried Senn geb. 1873 (Kapitel 2) verliess als junger Mann zu Beginn des 20. Jahrhunderts die geschlossene bäuerlich katholische Gesellschaft, wurde Kaufmann, heiratete Bertha Wehrli, eine Protestantin und zog in die Stadt. Er erlebte als Feldweibel den Ersten Weltkrieg.

Ab Ende 16. Jahrhundert waren die Wehrlis (Kapitel 3) sesshafte Handwerker in Küttigen AG. Am Beispiel von Schmieden und Wagnern in Küttigen versuche ich das Leben und die Bedeutung der Landhandwerker darzustellen. Sie betrieben daneben auch Landwirtschaft und waren Selbstversorger. In der 8. Generation bewirtschafteten Rudolf Wehrli und Anna geb. Hofer einen grossen Bauernhof am Benkenpass. Sie lebten als Protestanten im katholischen Umfeld und schickten ihre Kinder ins protestantische Küttigen in die Schule.

Bertha Senn – Wehrli, geb. 1879 (Kapitel 4) lebte mit ihrer Familie ein bürgerliches Leben in der Stadt Bern. Die Lebensmittelknappheit während dem Ersten Weltkrieg, die Krisenjahre und die gefährdete wirtschaftliche Existenz nach dem frühen Tod ihres Ehemannes erforderten den vollen Einsatz ihrer Hausfrauentugenden, um dem sozialen Abstieg zu entgehen.

Eugen Senn geb. 1913 (Kapitel 5) wuchs in einer Mittelstandsfamilie in Bern auf. Er verlor als Jugendlicher seinen Vater. Aus wirtschaftlichen Gründen wurden seine Studienpläne durchkreuzt. Er musste eine KV-Lehre machen und arbeitete später als eidgenössischer Beamter auf der Militärversicherung. Eine wichtige Phase in seinem Leben war der
Aktivdienst 1939 -1945.

Einige Vertreter der Mühlemann Familie (Kapitel 6) gehörten im 18. Jahrhundert der ländlichen Oberschicht von Bönigen bei Interlaken an. Ulrich Mühlemann, der den erwähnten Brief aus dem Zweiten Villmergerkrieg 1712 verfasst hat, war als Angehöriger des Regiments Oberland im Feldlager der Berner in der Nähe von Lenzburg kurz vor der entscheidenden Schlacht bei Villmergen. Er war nacheinander Lieutenant, Säckelmeister, Landesvenner und schliesslich Landesstatthalter von Interlaken. Ulrich und seine Familie wohnten in einem repräsentativen Haus in Bönigen. Ein Thema in der Familie Mühlemann ist der soziale Auf- und Abstieg. Der soziale Abstieg erfolgte oft nach dem frühen Tod des Ernährers. Wie unterschiedlich die Lebenssituationen sein konnten, zeigt sich am Beispiel der 9. Generation: Christian Mühlemann und Elisabeth Zürcher lebten mit ihren 7 Kindern als Bergbauernfamilie in einfachsten Verhältnissen. Der Vater musste noch einem Nebenerwerb nachgehen. Aufstrebender Tourismusort und einfaches Bergbauerndorf, dieses Nebeneinander prägte das Leben der Bevölkerung von Bönigen seit der 2. Hälfte des 19.Jhs. bis ins 20. Jh.

Hans Mühlemann geb. 1897 (Kapitel 7) ist nicht, wie ursprünglich geplant, nach Kanada ausgewandert, um der Armut zu entfliehen, sondern er hat sein Glück in der Stadt versucht. Er wurde im 20. Jahrhundert Polizist, Bezirkschef und Gefängnisverwalter. Durch Sparen und geschickte Geldanlage brachte er es zu Grund- und Hausbesitz und
einem (kleinen) Vermögen.

Die Schlumpfs (Kapitel 8) waren Störhandwerker und gehörten eher dem ländlichen Proletariat an. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Felix Schlumpf Landschullehrer in Tann, Gemeinde Dürnten ZH. Das Ansehen der Lehrer war gering, sie gehörten auf dem Land zur Unterschicht. Felix hatte das Schulhandwerk bei seinem Vorgänger gelernt. Er hatte 80 – 90 Schüler zu betreuen. Die Schule auf dem Land stand nach wie vor unter dem Einfluss der Kirche. Durch die jährliche schriftliche Beurteilung durch den Pfarrer, der die Schulaufsicht hatte, gewinnt man Einblick in die Unterrichtsmethode, den Lehrstoff und die Schwierigkeiten im Schulalltag von Felix Schlumpf. Nach den Reformen im Schulwesen genügte er den neuen Anforderungen nicht mehr und wurde vorzeitig pensioniert.

Luise Mühlemann – Schlumpf, geb. 1897 (Kapitel 9) wuchs mit 7 Geschwistern auf, wovon 3 im (Klein-)Kinderalter verstorben sind. Auf der Suche nach einem besseren Leben waren ihre Eltern von Pfungen ZH in die Stadt Bern und später nach Thun gezogen. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie waren prekär. Der Vater übte eine Hilfsarbeitertätigkeit aus. Luise konnte keinen Beruf erlernen. Sie arbeitete im Gastgewerbe. Ein Leben lang litt sie unter dem Makel, ein uneheliches Kind zu haben. Als Frau eines Bezirks-Gefängnischefs kochte sie für die Gefangenen und beschäftigte einige davon in ihrem Haushalt.

Vreni Senn- Mühlemann, geb. 1922 (Kapitel 10) musste als Kind wegen des Berufs ihres Vaters oft den Wohnort wechseln. Besonders gut hat es ihr in Wimmis gefallen, wo ihre Familie in der trutzigen Burg wohnte. Sie war Sekretärin und hätte auch gerne nach ihrer Verheiratung weiter gearbeitet. Das entsprach jedoch nicht dem gängigen bürgerlichen Familien-Ideal. Vreni und ihre Familie konnten vom wirtschaftlichen Aufschwung in der Hochkonjunktur profitieren und sich einen bescheidenen Luxus leisten.

Bei der Rentsch Familie (Kapitel 11), deren Angehörige in Trub und Umgebung Bauern waren, werden die Folgen des Bernischen Erbrechts sichtbar. Der Jüngste erbte den Hof, die andern Söhne waren überzählig und gingen leer aus. Sie versuchten, sich als Pächter und Taglöhner; in späteren Generationen konnten sie wieder einen Bauernhof erwerben. Die Rentsch-Vorfahren lebten während Generationen im Raume Trub. Dort haben sie oft mehrmals in ihrem Leben ihre Wirkungsstätte gewechselt. So war Johann Rentsch, geb. 1764 zuerst Knecht auf der Häuslimatt, dann Tauner (Taglöhner) auf Brandösch und auf der Milchmatt und Pächter im «oberen Schwarzentrub». Schliesslich wurde er Mitbesitzer dieses stattlichen Hofes. – Die Emmentaler waren seit dem verlorenen Schweizerischen Bauernkrieg 1653 nicht gut auf die Bernische Obrigkeit und deren Vögte zu sprechen. Dies zeigte sich nach dem Untergang der alten Eidgenossenschaft durch die Plünderungen und Zerstörungen der Landvogteischlösser.

Eduard Rentsch, geb. 1876 (Kapitel 12) war der ältere Sohn. Sein jüngerer Bruder erbte den stattlichen Hof im oberaargauischen Untersteckholz in Kleinroth BE. Eduard war zuerst Pächter in Hermiswil und dann im Loch auf der Oschwand. 1908 kaufte er mit der finanziellen Hilfe seines Vaters die «Gommenmatte» bei Huttwil. Der Hof hatte eine kritische Grösse. Er war zu gross, um ihn ohne Dienstboten zu bewirtschaften, aber zu klein, um eine grosse Familie und Angestellte zu ernähren. – Die Grippenpandemie 1918 wütete in Huttwil besonders schlimm. Um seine Familie zu schützen, zwang Eduard jedes Mitglied täglich eine rohe Zwiebel zu essen. Es war ein Erfolg! Die Familie blieb verschont.

Die Mühlethaler Ehemänner und Väter (Kapitel 13) starben alle relativ jung und hinterliessen unmündige Kinder. Für die Familien war der Verlust des Vaters und Ernährers sehr einschneidend. Die wirtschaftliche Existenz der Familie war gefährdet. Wie Urs Mühlethaler, geb. 1793 im Jahre 1820 in den Besitz der traditionsreichen Taverne «zum weissen Rössli» in Hermiswil kam, lässt sich nur vermuten. Die Gastwirtschaft wurde erstmals 1639 urkundlich erwähnt. Sie lag an der früheren Heerstrasse von Bern in das aargauische Untertanengebiet. Das «Weisse Rössli» hatte überregionale Bedeutung einerseits als Gasthof bzw. als Konsum- und Begegnungsort; andererseits als Gerichtsort und als Wechselstation für Postkutschen-Pferde. Am Beispiel von Hermiswil lässt sich aufzeigen, welchen Einfluss Verkehrswege auf die Bedeutung eines Ortes haben.

Marie Rentsch – Mühlethaler, geb. 1873 (Kapitel 14) hat als Bäuerin einen wichtigen Beitrag zum Familieneinkommen geleistet. Im Ersten Weltkrieg erhielt sie für 1 Ei 50 Rp. Mit dem Eiergeld konnte sie die Schulausgaben für ihre 5 Kinder bezahlen. Sie hatte Sinn für Traditionen z.B. bei den Jahresfesten wie «Sichlete» etc. war aber auch Neuem gegenüber sehr aufgeschlossen. Sie hat veranlasst, dass ein Klavier in ihre Bauernstube kam. Damit hat sie ihrem jüngeren Sohn, der eine leichte körperliche Behinderung hatte, ermöglicht, Klavier spielen zu erlernen und später das Lehrerseminar zu besuchen.

Hans Rentsch, geb. 1908 (Kapitel 15) hat seine Jugenderinnerungen auf dem Bauernhof «Gommenmatte» in einer Broschüre veröffentlicht. Er erlebte eine einfache, aber idyllische naturverbundenen Kindheit und Jugendzeit. Infolge Kinderlähmung mit zwei Jahren hatte er einen gelähmten Arm. Er war für die Arbeit in der Landwirtschaft nicht zu gebrauchen. Dank der Unterstützung durch seine Sekundarlehrer und durch sein musikalisches Talent gelang ihm die Aufnahmeprüfung ins Lehrerseminar Hofwil. Er wurde ein engagierter Lehrer und Volkspädagoge. Seine eigentliche Berufung fand er in der Musik. Er war Chorleiter, Organist und Klavierlehrer.

Die zwei ältesten Schenk-Vorfahren (Kapitel 16) waren im 18. Jahrhundert Pulvermacher in der Pulvermühle Steffisburg. Dort wurde Schwarzpulver hergestellt. Weil sie eine für den Staat wichtige Tätigkeit ausübten, genossen die Pulvermacher ein gewisses Sozialprestige. Sie hatten Kontakt zu Patrizierkreisen und waren zum Teil recht wohlhabend. Der Beruf war gefährlich und es kam immer wieder zu tödlichen Unfällen. Die späteren Schenk- Nachkommen waren Handwerker und lebten an verschiedenen Orten im Kanton Bern.

Simon Friedrich Schenk, geb. 1883 (Kapitel 17) wurde mit 15 Jahren Vollwaise. Er erlernte den Coiffeur-Beruf und ging nachher auf Wanderschaft. Mit seiner jungen Frau zog er später nach Adelboden, das damals eine rasante Entwicklung als Tourismusort erlebte. 1912 liess Fritz Schenk ein eigenes Wohn- und Geschäftshaus an der Dorfstrasse erbauen. Darin eröffnete er einen Coiffeur-Salon. 1914 brach der Erste Weltkrieg aus und die ausländischen Gäste blieben von einem Tag auf den andern fern. Für viele Adelbodner hatte dies verheerende Auswirkungen: Viele Geschäftsleute gingen Konkurs; etliche Bergbauernfamilien, die Bürgschaft geleistet hatten, verloren ihr «Heimet». Dies verschärfte den bereits bestehenden Konflikt zwischen den auf Fortschritt bedachten «Gewerblern» und den traditionell denkenden, z.T. sehr frommen und einfachen Bergbauern. Fritz Schenk hat die Kriegsjahre wirtschaftlich überlebt. Nach dem Krieg florierte sein Geschäft und er konnte Angestellte beschäftigen. Er war ein Hobbymaler und u.a. mit Waldemar Fink, dem Maler der Alpen befreundet.

Wie die meisten Dorfbewohner von Wattenwil waren die Jaussis sehr arm (Kapitel 18). Viele Menschen haben gebettelt und sich dem Alkohol ergeben. Dies scheint auf die Jaussis nicht zuzutreffen. Sie waren nicht armengenössig. Über Generationen übten sie den Schneider-Beruf aus. Sie hatten viele Kinder und besassen kein eigenes Haus, sondern waren zur Miete. Dank dem, dass sie Allmend-Land für die Selbstversorgung nutzen konnten, haben sie überlebt. Im Zuge der Aufbruchstimmung der Liberalen entstanden im 19. Jahrhundert Gemeinnützige Vereine. Sie hatten das Ziel, das Leben der Menschen zu verbessern. Christian Jaussi, geb. 1824, Schneidermeister war Mitglied des 1866 gegründeten Gemeinnützigen Vereins Wattenwil. Das Tätigkeitsprogramm umfasste u.a. Punkte wie: der Branntweinpest entgegenarbeiten; Armut bekämpfen, Wohlstand fördern; bessere Verwertung einzelner Landesprodukte; Verminderung der Ausgaben; Förderung der Landwirtschaft; gesunde billige Armenkost; Reformen des Schul- Armen- und Kirchenwesens; Verbesserung der Verkehrsmittel etc.

Martha Schenk – Jaussi geb. 1884 (Kapitel 19) war das 8. Kind von 10. Ihr Vater betrieb die Sägerei in der Gaugglern bei Burgistein/Wattenwil. Martha erlernte den damals neuen Frauenberuf der Telefonistin. Bis zur automatischen Telefonvermittlung mussten die telefonischen Verbindungen noch manuell hergestellt werden. Sie war Telefonistin im Hotel Ritter-Viktoria in Kandersteg und hat während dem Bau des Lötschbergtunnels auch im Baubureau gearbeitet. Später verkaufte sie im Geschäft ihres Mannes in Adelboden den reichen Gästen Schönheitsartikel. Beliebt waren z.B. Masken für die Bälle. Nach dem frühen Tod ihres Mannes musste sie für ihre zwei Töchter sorgen, die noch in der Ausbildung waren. Sie hat das Geschäftshaus verkauft. Als Witfrau war ihre Handlungsfähigkeit eingeschränkt.

Ottilie Rentsch – Schenk, geb. 1910 (Kapitel 20) wuchs in einem Geschäftshaushalt mit Angestellten in Adelboden auf. Sie besuchte das Lehrerinnenseminar in Thun. Wie viele ihrer Generation hatte sie nach der Ausbildung Mühe, eine feste Lehrerinnen-Anstellung zu finden. Sie fand nach Langem eine Stelle an einer Sonderschule. Im Zweiten Weltkrieg war man froh um verheiratete Lehrerinnen, die Stellvertretungen machten. Nach dem Krieg hat man die Frauen wieder nach Hause geschickt. Ottilie war begeistert von der klassischen Musik. Sie sang im Kirchenchor von Köniz unter der Leitung ihres Mannes und gab Bambusflötenunterricht. Das offene gastfreundliche Haus beanspruchte sie sehr. Ihr Traum, gleich viel Anerkennung in der Musik zu bekommen, wie ihr Mann blieb unerfüllt. Familie und beruflicher Erfolg zu vereinbaren, waren schwierig. Ihre Cousine Nelly Jaussi, geb. 1900, konnte sich beruflich selbstverwirklichen. Sie war promovierte Juristin, Frauenrechtlerin und eine Zeitlang die höchste Bundesbeamtin. Dafür war sie ledig und kinderlos.

Im 21. Kapitel gebe ich einen Überblick über die 8 Familien.

Mein Interesse geht schon im Ersten Teil über die Vorfahren hinaus. Ich habe versucht ausgehend von exemplarischen Beispielen aus ihrem Lebensalltag und unter Berücksichtigung der Verhältnisse in den 8 Dörfern eine Alltagsgeschichte der einfachen Menschen auf dem Land zu verfassen; vor allem von Menschen, die eine soziale Stellung «zwischen unten und oben» hatten. Ein Thema dieser «Mittelschicht bzw. des Mittelstandes» sind die sozialen Auf- und Abstiege.

Im Zweiten Teil der Arbeit unter dem Titel «Reflexionen» versuche ich die Alltagsgeschichten zu reflektieren und einzuordnen.

Zudem beschäftige ich mich mit der Situation von Menschen aus dem Mittelstand heute und mit ihren Zukunftsaussichten.

In einem 1. Kapitel stelle ich die Lebensbedingungen in den 8 Herkunftsorten dar. Dabeigehe ich den Fragen nach:
Wo haben sich die Menschen in ihrem Dorf getroffen? Welche Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe gab es in ihren Dörfern? Wie waren die Dorfbewohner mit der Aussenwelt vernetzt?

Im 2. Kapitel versuche ich das Leben der Menschen aus den 8 Familien in die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zusammenhänge einzuordnen:
Vor dem Untergang der Alten Eidgenossenschaft gehörten sie als Landbewohner dem Nährstand an und waren Untertanen der Städte. Mit der Einführung der liberalen Verfassungen in den Kantonen wurde im 19. Jh. die städtische Vorherrschaft über das Land aufgehoben. Auch die Menschen auf dem Land konnten von neuen Freiheiten, wie z.B. Vereins- und Versammlungsfreiheit, Handels- und Gewerbefreiheit profitieren. Mit der Einführung der Bundesverfassung von 1848 bekamen die Männer das allgemeine Abstimmungs- und Wahlrecht. Nach und nach wurde ein Wohlfahrtsstaat aufgebaut. –
Auch wirtschaftlich kam es im 19. Jh. zu starken Umwälzungen: eine rasante Industriealisierung erfolgte; es entstanden neue Anbaumethoden in der Landwirtschaft, Maschinen wurden eingesetzt und die Bauern mussten sich auf dem freien Markt behaupten; es gab eine Verlagerung der Arbeitskräfte vom primären zum tertiären Sektor.
Im 20. Jh. waren es vor allem die 2 Weltkriege und Wirtschaftskrisen und die Hochkonjunktur, welche das Leben der Menschen stark beeinflusst haben. – In der früheren Agrargesellschaft boten der bäuerliche Jahreslauf, die Feste des Kirchenjahres und die Kirche den Menschen einen Orientierungsrahmen. Noch im 19. Jh. wurden die Naturkatastrophen als Strafe Gottes aufgefasst. Im Zuge der Aufklärung und des liberalen Aufbruchs wurden die Menschen in die Mündigkeit entlassen. Jeder und jede Einzelne musste nun selber einen Sinn im Leben finden.

Ein besonderes Kapitel (Kapitel 3) widme ich den Frauen:
In der Regel waren die Frauen bei der Heirat (in den Kirchenbüchern: Kopulation genannt) zwischen 20 und 30 Jahre alt. Oft erfolgte die Verehelichung erst nach der Konzeption. Die Kindersterblichkeit war hoch. In der untersuchten Stichprobe ist 1 Tod im Kindbett nachgewiesen, in 3 Fällen von 48 ist er wahrscheinlich. Schon im 18. Jh. gab es Frauen, die über 80 Jahre alt wurden. – Bis ins 20. Jh. gab es eine Einheit von häuslichem Leben und Erwerb: Bäuerinnen, Tauner- und Handwerksfrauen, Pulvermüllerinnen und Wirtinnen aus den 8 Familien leisteten einen wesentlichen Beitrag zum Familieneinkommen. Noch bei unserer Grosselterngeneration entsprach nur eine Familie dem bürgerlichen Familien-Ideal. – Schon seit jeher gab es mehr Witfrauen als Witwer. Rechtlich waren die Wtwen schlechter gestellt. Ihre Handlungsfähigkeit war eingeschränkt.

In einem 4. Kapitel vertiefe ich das Thema Mittelschicht, Mittelstand:
Unter Mittelschicht, in der Schweiz auch Mittelstand genannt, versteht man diejenige Bevölkerungsgruppe, die innerhalb eines sozialen Schichtungsmodells in der Sozialstruktur zwischen der Oberschicht und der Unterschicht angesiedelt ist. In Bezug auf ihr Einkommen ist sie weder reich noch einkommensschwach oder besitzlos. Der Mittelstand begann sich seit der Reformation aus dem 3. Stand bestehend aus Bauern und Bürger auszudifferenzieren. Die Angehörigen der 8 Familien gehörten in vielen Fällen dieser Mittelschicht an. Oft wird dem Mittelstand eine bestimmte Lebensführung und Mentalität, spezifische moralische und politische Wertvorstellungen und ein bestimmtesGesellschaftsbild zugeschrieben.

In einem 5. Kapitel lege ich den Fokus auf die Generationenfolge in den 8 Familien:
Generationenübergreifend beschäftige ich mit der geographischen Mobilität innerhalb der Familien. Mehrheitlich waren die Menschen sesshaft. Manchmal wohnten sie über Generationen am selben Ort; manche von ihnen haben aber mehrmals in ihrem Leben ihre Wohn -und Arbeitsstätte gewechselt. –
Bei der sozialen Mobilität geht es um die sozialen Auf- und Abstiege im Verhältnis zu den Vorfahren. In der bäuerlichen Gesellschaft wurde die soziale Stellung der Familien stark geprägt durch das Erbrecht und den frühen Tod des Ernährers. Im Bernbiet erbt der jüngste Sohn den Hof. Die älteren Geschwister gingen leer aus und sind oft sozial abgestiegen. In jüngerer Zeit spielt die berufliche Ausbildung eine wichtige Rolle für einen sozialen Aufstieg.

Welche Spuren haben die «Vorväter und Vormütter» hinterlassen? Von welchen Errungenschaften, für die sie sich eingesetzt haben, können die «einfachen» Menschen heute profitieren? Im 6. Kapitel beschäftige ich mich mit der heutigen Generation. Wie ist die Situation von Menschen aus dem Mittelstand heute? Wie geht es ihnen wirtschaftlich und sozial? Wie sieht es mit den Mitsprachemöglichkeiten heute aus?

Im 7. Kapitel wage ich einen Ausblick in die Zukunft:
Welche positiven und welche negativen Hinterlassenschaften erben unsere Nachkommen? – Ist eine Zukunft in Freiheit, Sicherheit, Würde, und Wohlstand für sie möglich?