12. Eduard Rentsch (27.7.1876 – 12.5.1951), Bauer (8.Generation)

12.1. Ein überzähliger Sohn

Eduard, Sohn des Friedrich Rentsch und der Marianne geb. Sommer heimatberechtigt von Trub wurde am 27.07.1876 als älterer Sohn in Schmidigen geboren. Schmidigen, 795 m ü.M. gehört zur Gemeinde Walterswil und wird geographisch dem Emmental und manchmal dem Oberaargau zugeordnet. Es ist ein Weiler mit einigen Bauernhäusern und dem Gasthof zum „Wilden Mann“. Dort gab es schon im 17. Jahrhundert eine Weinschenke. Ich kenne den Gasthof zum „Wilden Mann“ als eindrückliche Kulisse für Freilichttheater-Aufführungen. Über Eduards Kindheit und Jugendzeit ist nichts bekannt. Ich vermute, dass er in Walterswil die Schule besucht hat. In der Familie kann man sehr wenig über diesen Grossvater berichten. Eduards Vater hat später einen grossen Bauernhof im Untersteckholz in Kleinroth in der Nähe von Langenthal gekauft. Nach Bernischem Erbrecht hat sein jüngerer Bruder Gottfried Rentsch (1878-1938) den
väterlichen Hof geerbt und Eduard ging leer aus.

12.2. 7- köpfige Familie

Eduard heiratete 1903 Maria Rosalie geb. Mühlethaler (16.10.1873–15.01.1951) aus Bollodingen wohnhaft gewesen in Hermiswil. Sie war die Tochter von Ferdinand Mühlethaler, Wirt in Hermiswil und der Magdalena Jost. Die Ehe von Eduard und Marie wurde auf dem Zivilstandsamt in Bern am 5.06.1903 geschlossen. Getraut wurde das Paar am 5.06.1903 im Münster durch Pfarrer Strahm. Welchen Bezug Eduard und Maria Rosalie zu Bern hatten, weiss ich nicht. Hatte Maria event. in der Stadt eine Stelle in einem Haushalt oder einem Gastgewerbe? Eduard war der ältere Sohn und konnte nicht auf dem väterlichen Hof bleiben. Sein jüngerer Bruder Gottfried übernahm den Betrieb. So weit mir jedoch bekannt ist, war Eduard immer als Bauer tätig, zuerst als Pächter. Eine Verwandte hat vermutet, dass er eine Zeitlang mit seiner Frau den Bauernhof bewirtschaftet habe, der zum „Weissen Rössli“ in Hermiswil gehörte. Die 2 älteren Kinder: Klara Johanna (geb. 17.09.1903) und Hedwig Elisabeth (geb. 31.08.1905) wurden in Hermiswil geboren. Das Paar hatte 5 Kinder. Der nächste in der Geschwisterfolge war Fritz Wilhelm geb. 13.05.1907. Er kam im Loch auf der Oschwand auf die Welt. Die Familie soll von 1906 bis 1908 einen Hof auf der Oschwand in der Gemeinde Seeberg gepachtet haben. Oschwand ist ein Weiler in den Buchsibergen auf 626 M.ü.M. 1908 kaufte Eduard mit finanzieller Hilfe seines Vaters die „Gommenmatte“ bei Huttwil. Die zwei jüngsten Kinder: Hans Werner, geb. 2.11.1908 und Margarethe geb. 18.01.1910 kamen dort auf die Welt. Vom Leben auf dem Bauernhof «Gommenmatte» werde ich ausführlich im Kapitel 15 „Hans Werner Rentsch“ erzählen. Hier nur ein paar ergänzende Angaben:

12.3. Bauernhof «Gommenmatte»

Der Hof hatte wirtschaftlich gesehen eine kritische Grösse. Er war zu gross, um ihn ohne Dienstboten zu bewirtschaften. Eduard brauchte einen Knecht und Marie als die Kinder klein waren eine Magd. Der Hof war aber zu klein, um 9 Personen zu ernähren und noch etwas Geld herauszuwirtschaften. Die Bauersleute mussten mit allem sehr sparsam umgehen. Sie betrieben Viehwirtschaft und Ackerbau. Eduard führte noch eine Zuchteberstation. Wenn im Städtchen Huttwil Kleinviehschauen waren, führte Eduard dort die Eber zur Prämierung vor. Eine schwierige Zeit für die Familie war die Grenzbesetzung während des 1. Weltkrieges, wo der Vater oft lange als Kanonier und Wachtsoldat abwesend war. Es ist anzunehmen, dass während Eduards Dienstzeit wenigstens der Knecht freigestellt war für die Arbeit auf dem Feld und im Stall. Die ältesten Kinder waren zu Beginn des Krieges 11 und 9 Jahre alt und wären noch nicht in der Lage gewesen als vollwertige Arbeitskräfte einzuspringen.

Auf der „Gommenmatte“ hielten sie zuweilen Pferde: „Pferde, die nicht in die erste Klasse eingereiht werden konnten. Zwei zu halten war für den kleinen Hof zu kostspielig, ein Pferd allein genügte nicht. Mit Kühen als Zugtiere mochte sich der Vater nicht abplagen. Er focht lieber noch mit Ochsen, was dann einen merkwürdigen Zug gab. Nun hatten wir einst ein Pferd, so einen älteren Klepper, ein liebes, gutmütiges Tier, das aber nicht sehr gelenkig war. Eines Sonntags gab’s eine Ausfahrt auf dem Rytwägeli ins Roggengratbad bei Wyssachen….Mit dem schwerfälligen, gemütlichen Gang erregten wir nicht etwa Aufsehen wegen rassiger Fahrt. Alle Zurufe und Ansporne mit dem Leitseil vermochten den Gaul nicht aus seinem gemächlichen Trab herauszubringen. Im Städtli , an der Bahnhofstrasse bei der Eintracht, stand ein uns bekannter Fatzikus auf dem Trottoir an sein Fahrrad gelehnt, hob beide Hände auf Kopfhöhe bewegte sie schön im Takt nach dem Gang unseres Vorspanns und spottete lachend: Tschiptschap, tschiptschap, tschipitschap – bis wir ihm entschwunden waren. Wir mussten herzlich lachen.“ (1)

Bei den Bauern ist die Grösse des Miststocks und des „Bschütiloch“ von Bedeutung, weil diese Auskunft geben, wie viele Tiere auf einem Bauernhof sind und wie „hablich“ ein Bauer ist. „Wie Jakobeli im Annbäbi Jowäger“ liess Eduard „als er sich seiner Vaterwürde bewusst wurde, die“ Bschüttilöcher“ vergrössern und ausbessern. Das Jaucheloch in der «Gommenmatte» gegen die Strasse hin trägt die Jahreszahl 1910.“ (2) Einmal gab es mit der Jauche fast eine Katastrophe: „Ein ungewöhnliches Vorkommnis im Bauernbetrieb, welches uns sehr erschreckte und lange weitherum Gesprächsstoff bildete…Es war Februar, der Boden gefroren und mit Schnee bedeckt. Ein Wetterumschlag meldete sich. Eines Morgens stellte man mit Bestürzung fest, dass während der Nacht die Jauche im grossen Loch ausgelaufen war. Sie war dem Bahndamm gefolgt, hatte sich bei der ersten Unterröhre durchgedrängt, schwerflüssig wie sie war, langsam quer über die Matte gewälzt und in den Bach ergossen. Das war eine Gewässerverschmutzung schlimmster Sorte. Es entstand beträchtlicher Schaden. Viele Forellen wurden getötet, und man fand sie im Wasser bäuchlings obenauf schwimmen. Das Fischrecht hatte ein Wirt im Städtchen gepachtet. Es gab eine Klage und eine Untersuchung. Dass der Stöpsel sich von selbst gehoben oder Temperaturwechsel Einfluss gehabt haben könnte, war kaum anzunehmen. Am Tage vorher war nichts gezogen worden. Der Vater vermutete eine böswillige oder eine Strolchentat, die leicht hätte ausgeführt werden können. Die Sache blieb unaufgeklärt. Einen Schaden hatte wir mit der ausgeflossenen Jauche. Die Spuren sah man noch lange.“ (3)

12.4. Bauer durch und durch – ein fürsorglicher Familienvater

Da ich nur über so wenige Informationen verfüge, ist es schwierig, ein Bild von Eduard zu zeichnen. Er war ein Bauer durch und durch. Seit Generationen gehörten seine Vorfahren dem Bauernstand an. Dies hat auch seine Denkweise geprägt. Kinder auf dem Bauernhof wurden damals als zukünftige Arbeitskräfte betrachtet. Als sein Sohn Hans Werner nach der Kinderlähmung einen gelähmten Arm hatte, war er für die bäuerliche Arbeit nicht mehr zu gebrauchen. Ich glaube nicht, dass der Vater seinem Sohn, diese „Minderwertigkeit“ direkt so vermittelt hat. Hans Werner war für ihn ein Sorgenkind. Was sollte einmal aus diesem Bub werden? Der Sohn spürte diese Unsicherheit: „Beim Vater glaubte ich stets, eine gewisse Scheu zu spüren, wenn er mich so betrachtete und bedachte.“ (4)

Wie ich zwischen den Zeilen aus den „Jugenderinnerungen“ von Hans Rentsch herauslese, war Eduard ein umsichtiger, fürsorglicher Haus- und Familienvater. Das zeigte sich z.B. während der Seuchenzeit (Maul- u. Klauenseuche) und der Grippen-Epidemie, die im Gebiet von Huttwil schlimm wütete. Um die Abwehrkräfte aller Familienmitglieder zu stärken, zwang er sie, jeden Abend eine ganze rohe Zwiebel zu essen. Vermutlich hat diese rabiate Kur mitgeholfen, dass niemand von der Familie krank wurde. Eduard hat mit diesem einfachen Mittel versucht, die Seinen vor dem Schlimmsten zu bewahren.

«Die Pandemie der Spanischen Grippe 1918-1919 war eine der schlimmsten Katastrophe in der Schweizer Geschichte. Rund 25 000 Menschen starben, die Hälfte der Bevölkerung hatte sich infiziert. Die tödlichste (zweite) Welle wurde im Oktober 1918 verzeichnet.» (5) Die Grippewelle erfasste zuerst die Soldaten an der Front: «Es war Anfang Juli 1918 als Schweizer Frontsoldaten in der Nähe des jurassischen Dorfes Bonfol erstmals mit der Spanischen Grippe infiziert wurden. Die Schweizer Grenze traf dort auf die deutsch-französische Frontlinie. Zwischen 40 und 80 Prozent der stationierten Soldaten wurden krank. Die Soldaten wurden nach Hause geschickt und verbreiteten dort die Grippe unter der Zivilbevölkerung.» (6) In allen Kantonen, ausser im Tessin, waren die Männer unter den Toten übervertreten. 60% aller Toten waren zwischen 20 und 40 Jahren alt. Inwieweit auch sozioökonomische Faktoren das Mortalitätsniveau beeinflusst haben, bleibt umstritten.» (7) Die Militärspitäler und das öffentliche Gesundheitswesen waren überfordert mit dem neuartigen Virus. Allein Bern verzeichnete für die paar Landesstreiktage im November 1918 158 tote Soldaten und Pflegepersonen. (8) «Die Medizin hat am Ende des 19. Jahrhunderts dank der Entdeckungen der Bakteriologie einen Siegeszug gegen die Infektionskrankheiten angetreten. Die Ärzte galten damals als moderne Helden, gegen das Influenzavirus der spanischen Grippe waren sie machtlos.» (8) Zum Schutz der Bevölkerung haben die Behörden Einschränkungen und besondere Massnahmen angeordnet. «Im Juli 1918 mussten die Strassenspritzer in Huttwil mit ihrem Wagen häufiger ausrücken. Im Städtchen waren die Strassen damals noch nicht geteert. Damit bei trockenem Wetter nicht alles unter Staub versank, wurden die Strassen befeuchtet. Nun hatte der Gemeindepräsident angeordnet, dass wegen der Epidemiegefahr häufiger gespritzt werden musste. Anfangs Oktober 1918 erliess der Regierungsstatthalter von Trachselwald ein Versammlungsverbot, von dem besonders auch die Tanzveranstaltungen betroffen waren.» (9) Die Menschen wurden aufgefordert zu Hause zu bleiben. Grippenkranke und ihre pflegenden Angehörigen sollten sich in Quarantäne aufhalten. Schon damals haben vor allem die Jungen unter diesen sozialen Einschränkungen gelitten, wie Verse zum Thema «Längwiligi Zitte» zeigen:

«Niene isch Chilbi u niene isch Tanz
deheim ums Hus um versuret me ganz.
I ha mer scho mängisch der Chopf fasch veränkt
was ächt no wär z’mache, dass Zyt umegeit.

Wär gwanet isch z’gumpe und z’tanze, o je
däm düe halt die Süche-Verordnige weh.
E jede muess säge, churzwilig isch’s nit
No bsunders für ledigi, lustigi Lüt.»……….(10)

Neben seiner strengen Arbeit auf dem Bauernhof fand Eduard Rentsch gelegentlich Zeit, um Handorgel zu spielen. Am Sonntag trug er eine Halbleinene Kleidung. Er bewahrte in seinen Gilet- und Rocktaschen Kleingeld auf. Seinem Sohn imponierte es, dass sein Vater nur in die Tasche recken musste und gleich Geld in der Hand hielt.

Mein Mann kann sich nur noch vage an seinen Grossvater erinnern. Dieser habe kaum mehr Zähne gehabt und stets auf einem Stumpen herumgekaut. Er sei auch schon dement gewesen. In den 1950er Jahren wurde der Bauernhof «Gommenmatte» verkauft. Keines der Kinder hatte den Hof übernehmen wollen. Eduard lebte am Schluss bis zu seinem Tod bei seiner Tochter Margarethe und deren Familie im Städtlein Huttwil. Dort ist er am 12.05.1956 verstorben. Seine Frau lebte bei einer anderen Tochter in der Matte bei Huttwil und war schon 1951 gestorben.

Quellenangaben

1 Rentsch Hans «Jugenderinnerungen», Separatdruck aus dem «Unter-Emmentaler» 1979, S. 8, erweiterte Auflage
2 (s. 1) S. 3
3 (s. 1) S. 9
4 (s. 1) S. 14
5 Hunt Julie «Als die Spanische Grippe die Schweiz heimsuchte», www. swissinfo.ch 8.10.2018
6 (s. 5)
7 Sonderegger Christian, 2017 «Spanische Grippe», Historisches Lexikon der Schweiz
8 von Bergen Stefan «Spanische Grippe in Bern Der konfuse Kampf der Behörden gegen die Epidemie», 18.03.2020 www.berneroberlaender.ch
9 Rettenmund Jürg «Spanische Grippe in Huttwil. Als der Tod die Schlachtfelder verliess», Jahrbuch des Oberaargaus (JbO) 2018, S. 252 u. ff.
10 Bantiger Post, 71. Jahrgang Nr. 15, 7.04.2020 «Längwiligi Zitte» , von Lina Wisler-Beck, 22.06.1920 – ein Vers original vom Grosi