4. Bertha Senn geb. Wehrli (20. 11.1879 – 30.08.1961) Bauerntochter, Hausfrau (9. Generation)

Von der Familie meiner Grossmutter väterlicherseits besitze ich eine Fotografie. Sie wurde bei einem Fotografen aufgenommen. Man sieht darauf das Elternpaar Rudolf und Anna Wehrli-Hofer mit seinen 4 Kindern.

Im Zentrum steht aufrecht die Mutter Anna Wehrli-Hofer. Sie trägt eine schmucke Sonntagstracht. Die zwei Mädchen, sittsam mit hochgeknöpften gleichen Röcken und Halb-Schürzen aus gutem Tuch bekleidet, sitzen vom Betrachter aus auf der linken Seite. Hinter ihnen steht mit einem Strohhut in der Hand ein Bruder. Er trägt wie der Vater einen halbleinen Kittel mit einem weissen Hemd und einer schwarzen Fliege. Rudolf Wehrli sitzt etwas erhöht auf der rechten Seite mit dem Jüngsten zwischen den Beinen. Dieser trägt ein Gewändlein mit einem weissen runden Kragen. Meine Grossmutter, Bertha geb. 20. Nov. 1879 ist die Älteste. Sie hält ein Gesangsbuch in der Hand. Vielleicht wurde die Fotografie anlässlich ihrer Konfirmation aufgenommen. Neben ihr sitzt Anna Frieda, geb. 14. März 1882. Der ältere Knabe ist der Gottlieb, geb. 29. Juli 1883. Der jüngste heisst Karl, geboren am 17. Juni 1889.

4.1. Kindheit in einer protestantischen Familie im katholischen Umfeld

Alle vier Kinder wurden auf Benken bei Oberhof AG geboren. Die Familie war protestantisch. Das Umfeld war katholisch. Offenbar waren die Eltern sehr fromm und gottesfürchtig. In einem späteren Brief vom 20. 02.1946 schreibt Bertha aus Sorge um einen Bruder über ihre Kindheit und Jugendzeit:“So weit bringt man’s ohne Gebet und ohne Gott. Denkt er auch an Benken zurück, an seine Jugendzeit und den Mahnungen unserer lieben Eltern“…..
Bertha und ihre Angehörigen gingen jeden Sonntag über das Benkerjoch nach Küttigen, in die vom Dorf abseitig auf einem Hügel stehende Kirche Kirchberg in den Gottesdienst. Ein Weg zu Fuss dauerte schätzungsweise zwei Stunden. Von der spätgotischen Kirche aus hat man einen spektakulären Ausblick auf das Aaretal. Dort steht die Nüsperli-Linde, die später Hermann Burger in seiner „Kirchberger Idylle“ verewigt hat. Bertha kannte den Platz mit der Linde: „Vorn auf dem Blattspitz des wehrhaften Kirchhofs wächst eine Linde,/Nüsperli-Linde genannt; auf einem Täfelchen steht:/“Unter dieser von ihm selbst errichteten Linde/ Ruht.. wer solcherart spricht, ist seines Nachruhms gewiss./…..Unter dem schützenden Dach der Lindenblätter geniesst man/ frei den herrlichsten Blick: Ölgrün spiegelt der Fluss/ Aaretalabwärts die silberbekrönten Auwälder bis Wildegg,/ Staufberger Hügel und Schloss Lenzburg im bläulichen Dunst….“ (1) Auf der Tafel an der Linde steht «Jakob Nüsperli v. Aarau 1781 bis 1835 Pfarrer auf Kirchberg; geb. 1756, gest. 1835, begraben unter der von ihm gepflanzten Linde. Nüsperli war zur Zeit der Helvetik ein „Freigeist“, Präsident des Aargauer Erziehungsrates und Gründer d. Baumschule im Leuenfeld. «Nüsperli „war im Kulturkanton lang eine treibende Kraft;/ Auf dem Kirchberg im Pfarrhaus versammelte sich die Elite…“ (2)

Ich glaube nicht, dass Bertha stark vom Freigeist der Aufklärung beeinflusst wurde. Vielmehr stand sie im Spannungsfeld zwischen Protestantismus und dem Katholizismus. Wenn sie nach dem Gottesdienst oder der Unterweisung über das Benkerjoch nach Hause wanderte, kam sie beim heutigen Bauernhof Bergacher an einem grossen steinernen Kreuz mit einem goldenen Christus vorbei. Es steht noch heute dort und trägt die Jahreszahl 1888. Nun war sie wieder in katholischen Landen. Umso wichtiger war für sie und ihre Familie der eigene reformierte Glaube im katholischen Umfeld. Bertha Wehrli, geb. d. 20. Nov. getauft d. 28. Dez. 1879,»wurde confirmiert d. 12. Apr. 1895 auf Kirchberg (Küttigen) von C. Schröder (?) Pfr.» Auf einem Blatt betitelt: «zur Erinnerung an den Tag der Confirmation von Bertha Wehrli“ ist in der Mitte ein Kreuz und darunter ist eine geöffnete rote Rose mit einer seitlichen Knospe abgebildet. Auf beiden Seiten stehen Sprüche. „Ich habe dich je und je geliebet, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“ Jerem. 31.3. «Bald mit Lieben bald mit Leiden kamst du Herr, mein Gott zu mir. Nur mein Herze zu bereiten, ganz mich zu ergeben dir, dass mein gänzliches Verlangen möchte an deinem Willen hangen, tausend, tausendmal sei dir, Grosser König Dank dafür!“
Der Konfirmationsunterricht scheint Früchte getragen zu haben, meine Grossmutter war später sehr gläubig.

4.1.1. Übergang über den Benkenpass: Marktfahrerinnen, Schulweg

Ob und in welchem Ausmass die Familie Wehrli Kontakt zum Dorf Oberhof hatte, weiss ich nicht. Was die Familie mit Sicherheit mitbekam, war der Verkehr über den Pass. Die alte Benkerstrasse führte an ihrem Hof vorbei. Sie sahen z.B. die Marktfahrer und Marktfahrerinnen vorbeiziehen. Bis zum 2. Weltkrieg bestand diese Tradition des Marktfahrens. Die Bauersleute aus dem Wölflinswiler Tal gingen in Gruppen mit den landwirtschaftlichen Produkten „übere Bänke uf Aarau z’Märt.“ „Den schweren Fuhrwerken wurde bis zur Passhöhe gelegentlich eine Kuh, ein Rind, ein Pferd als Zugtier vorgespannt.“ (3) Bis ein Dutzend „Märtchaisen“, robuste Kinderwagenähnliche, aber grössere Korbwagen, die gestossen wurden, wurden zusammengehängt. Die Ware wurde auch in Rucksäcken, Paketen oder Tragkörben auf dem Kopf transportiert. Die Marktfahrerinnen mussten in aller Frühe aufbrechen, damit sie um 7 Uhr ihre reichhaltigen Produkteauslagen bestehend aus Früchten, Gemüsen, Honig, Eiern, Butter auf dem Aarauer Wochenmarkt feilbieten konnten. Es war eine mehrere stundenlange Marschzeit auf staubigem Saumpfad. Im Herbst wurden Trauben angeboten und oft auch gewobene Bänder. „Auch an den Viehmarkt wurde marschiert, oft wurde man sich schon vor Aarau handelseinig und mit einem kräftigen Handschlag wechselte das Tier den Besitzer.“ (4) „In Erinnerung an die Zugehörigkeit zum österreichischen Kaiserreich umschrieben ältere Einwohner die Reise in die Kantonshauptstadt noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit den Worten: „Ich go i d Schwiz ie.“ (5)
Ich stelle mir vor, dass auch Angehörige der Familie Wehrli nach Aarau auf den Markt gegangen sind, um ihre Produkte anzubieten. Die Daheimgebliebenen haben sicher mit den zurückkehrenden Marktfahrerinne einen Schwatz abgehalten und Neuigkeiten ausgetauscht.

Ich habe lange darüber nachgedacht, wie es wohl der protestantischen Familie, insbesondere den Kindern in der Schule, im streng katholischen Umfeld ergangen ist? Aus folgenden Gründen bin ich zum Schluss gekommen, dass die Wehrli-Kinder ins protestantische Küttigen zur Schule gingen: 1. Was mir von Gansingen (Fricktal) erzählt wurde, gilt auch für das Wölflinswiler Tal: Es war eine geschlossene katholische Gesellschaft: die Geistlichkeit verbot den Kontakt mit Protestanten. 2. Die Wehrli-Familie blieb mit Küttigen stets verbunden. 3. Auch spätere Generationen gingen von Benken aus nach Küttigen zur Schule. Es scheint Tradition gewesen zu sein.
Wenn meine Annahme stimmt, dann war es für die Bertha und ihre Geschwister ein langer, anstrengender, Schulweg. Vor allem der Rückweg mit dem steilen Aufstieg von Küttigen über das Benkerjoch war für jüngere Schulkinder eine grosse körperliche Herausforderung. Wie war es erst im Winter, wenn an gewissen Tagen hoher Schnee lag?

4.1.2. Das Leben auf dem Bauernhof

Für damalige Verhältnisse war der Benkenhof mit mehr als 22 ha ein grosser Bauernbetrieb. Die Familie Wehrli gehörte wohl zu den wohlhabenderen Bauernfamilien. Trotzdem war es ein hartes Leben mit viel Arbeit. Die Bauernfamilien waren weitgehend Selbstversorger.

Der Benkenhof war ein Bauernbetrieb mit Viehwirtschaft und Ackerbau, einigen Obstbäumen und Wald. Xaver Bronner hat 1844 die Kulturen im Aargau so beschrieben: «Als Getreide wurden angebaut: 1. Dinkel (oder Spelz), sowohl Winterkorn als Sommerkorn; 2. Waizen, gleichfalls Winterwaizen oder Sommerwaizen 3. viel seltener wird Einkorn und 4. Ammerkorn gesäet, 5. Roggen; 6. Gerste…; 7. Haber, mehrere Arten. Nur selten sieht man Türkenkorn (Mais).. Buchwaizen, Hirs, Erbsen, Linsen auf Aeckern angebaut. Öfters finden sich Feldbohnen (Saubohnen, Puffbohnen) auf Äckern; man hält dafür, ihr beigemengtes Mehl treibe das Brod luftig empor, mache es aber schon am zweiten Tage spröde. Häufig wird auch das Feld mit Ölpflanzen, mit Flachs, Hanf, Rüben, gelben Rüben, gemeinem Klee, Esparsette, Luzerne u.a. besäet; am häufigsten aber gedeihen fast auf jedem Boden, die nahrhaften Erdäpfeln von allen Sorten.“ (6) Ich nehme an, dass der Anbau auf dem Benkenhof ähnlich war, wie später auf dem Hof in Küttigen. Anna Käser-Wehrli, die dort aufwuchs, schreibt mir dazu:» Es wurden „Kartoffeln, Weizen, Dinkel, Hafer, Roggen, Gerste und Klee angebaut“. Von den Früchten z. B. Kirschen brachten wir „die besten mit der „Chaise“ auf den Markt in Aarau…. Von den übrigen Früchten gab es Süssmost oder Suure Most. Auch erzeugte mein Vater im Winter Branntwein: Kirsch, Träsch und Zwetschgen für den Eigenbedarf. Auch dörrten wir Früchte zum Eigenbedarf für den Winter und lagerten sie in Stoffsäcken auf dem Estrich.“ Über den „Pflanzplätz“ schreibt sie: „Neben dem Gemüsegarten vor dem Haus hatten wir eine Pflanzplätz. Wir ernährten uns vor allem von den eigenen Produkten. … Pro Jahr wurde vom Störmetzger ein Schwein geschlachtet und in der Küche verarbeitet. Natürlich wurde alles Brot im Holzofen selbst gebacken. … Alle diese Kulturen/Tätigkeiten erforderten sehr viel Handarbeit. Mitanpacken war für alle Familienmitglieder selbstverständlich…» (7)

Sicher mussten auch Bertha und ihre jüngeren Geschwister viel mithelfen auf dem Hof. Als Älteste musste sie der Mutter zur Hand gehen und sich auch noch um die jüngeren Brüder kümmern. Das frühe Mithelfen im Haushalt hat dazu geführt, dass Bertha später eine sehr tüchtige Hausfrau wurde. Rudolf Wehrli soll auf seinem Hof Pferde gehalten und zur Erntezeit viele Taglöhner beschäftigt haben. Zweimal im Jahr sei Waschtag gewesen. Zu diesem Zweck seien Waschfrauen angestellt worden. (8) Dieser Waschprozess muss mehrere Tage in Anspruch genommen haben. Die seltenen Waschtage bedingten, dass die Menschen viel Leib- und Bettwäsche besessen haben. Natürlich haben sie die Wäsche nicht so oft gewechselt, wie wir es heutzutage tun.

Ich glaube, dass Bertha bis zur Verheiratung auf dem elterlichen Hof mitgearbeitet hat. Sie hat keinen Beruf erlernt. Auf dem Eheschein steht unter Beruf: „Landarbeiterin“. Sie brachte eine schöne, solide Aussteuer in die Ehe. Ich besitze noch heute aus ihrem Nachlass dichtgewobene Leintücher mit gestickten ineinander verschlungenen Monogrammen (BW) und mit Spitzen verziert. Bei festlichen Anlässen benütze ich diese Leintücher als Tischdecken.

4.2. Umzug in die Stadt: Heirat, Familie

Am 26. Juni 1902 hat Bertha Wehrli den Kaufmann Gottfried Senn von Gansingen AG wohnhaft in Aarau geheiratet. Die „Civiltrauung“ fand in Küttigen statt. Kirchlich getraut wurde das Paar am selben Tag in der Kirche Kirchberg von einem Pfarrer Link. (9) Die Hochzeitsfotografie zeigt ein ernstes junges Paar. Beide sind festlich schwarz gekleidet. Die Braut hat feine Gesichtszüge. Sie trägt ein weisses Blütenkrönchen im Haar und ein langes Kleid.

Das Paar lebte nach der Heirat in der Stadt Aarau. Aufgrund der überlieferten Möbel gehe ich davon, dass es ein gepflegter bürgerlicher Haushalt war. Noch heute sind mehrere Möbelstücke in unseren Familien in Gebrauch. Ich besitze nebst einer Kirschbaum-Kommode einen Spätbiedermeier-Schrank aus Kirschbaum aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts und einen schönen Sekretär aus Nussbaum aus der Gründerzeit. Weiter befindet sich die Zinnkanne von Adam und Verena Wehrli mit der Jahreszahl 1737 und sechs Bechern in meinem Besitz. Schon als Kind war ich von einer Frauenbüste aus der Jugendstilzeit fasziniert, wenn ich sie bei meiner Grossmutter sah. Diese Büste steht heute auf unserem modernen Büchergestell und erinnert an alte Zeiten.

Karl Gottfried Senn, der ältere Sohn wurde am 8.09.1904 in Aarau geboren. Später zog die dreiköpfige Familie nach Bern. Es gibt eine Familienfotografie: Sie zeigt eine gepflegte städtisch gekleidete bürgerliche Familie. Der kleine Karl steht zwischen seinen sitzenden Eltern. Alle drei schauen mit ernstem Gesicht zum Fotografen. Nach neun Jahren kam in Bern der zweite Sohn Eugen am 14.07.1913 (mein Vater) auf die Welt. Nun war die Familie vollständig. Von Eugen gibt es eine Fotografie als Kleinkind in einem weissen Spitzenhemdchen auf einem Fell sitzend. Die Familie Senn-Wehrli lebte im Breitenrainquartier am Mezenerweg 8. Das Haus steht noch heute. So viel ich aus Erzählungen weiss, erlebten die zwei Buben eine behütete, glückliche Kindheit.
Bertha Senn-Wehrli war Mutter und Hausfrau. Neben dem Haushalt hat sie genäht und gestrickt. Sie hat Früchte eingemacht und andere Lebensmittel haltbar gemacht; z.B. hat sie Bohnen auf einen Faden aufgefädelt zum Dörren auf dem Estrich. Sie hatte keine Hilfe im Haushalt, ausser am Waschtag, da kam eine Waschfrau.

Die Zeiten waren nicht einfach; auch besser verdienende Familien litten unter den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen. Der Ehemann und Vater, Gottfried Senn, war während des Ersten Weltkrieges oft im Militärdienst. „Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges war die Schweiz wohl militärisch, aber nicht wirtschaftlich darauf vorbereitet. Zudem rechnete der Bundesrat mit einer nur kurzen Dauer der Auseinandersetzungen. Als dann der Krieg länger dauerte, erging es grossen Teilen der Bevölkerung immer schlechter. Die Soldaten erhielten ausser dem Sold keine Unterstützung für ihre Familien. Das Geld wurde immer knapper…. Die Lebensmittelpreise stiegen während der Kriegsjahre sprunghaft an (10):

19141918Anstieg
1 kg Brot37 Rp.74 Rp.100 %
1 Liter Milch24 Rp.35 Rp.46 %
12 Eier1.32 Fr.6.84 Fr.418 %
100 kg Kartoffeln11 Fr.28.50 Fr.259 %
1 kg Rindfleisch1.90 Fr.4.25 Fr.223 %

Gegen Ende des 1. Weltkrieges wurden gewisse Lebensmittel rationiert. Man versteht darunter: “Die Zuteilung von beschränkt vorhandenen Gütern und Dienstleistungen in Notzeiten. Sie soll unter Ausschaltung des Markts das Verhältnis von Angebot und Nachfrage regeln und den vordringlichen Bedarf sichern, ohne eine sozial unerwünschte Preissteigerung zu bewirken.“ Es gab Lebensmittelkarten, die zum Kauf berechtigten. Es handelte sich nicht um eine kostenlose Abgabe, sondern um die Berechtigung zum Kauf. „Ab März 1917 begann die kantonale Rationierung zuerst für Reis und Zucker, später für Mais, Teigwaren, Hafer und Gerste. Im Oktober folgte die schweizerische Rationierung für Brot, Mehl, im März 1918 die für Butter, Fett und Öl, im Juni die für Käse und im Juli die für Milch….Die Massnahmen wurden zwischen September 1919 und April 1920 aufgehoben.“ (11) Ich besitze aus dieser Zeit noch Lebensmittelkarten. Interessant ist eine „Reisefettkarte“ für solche Personen, die gezwungen waren, auswärts Mahlzeiten einzunehmen, aber keine Fettkarte oder nur den Butterteil derselben besessen haben. Wie hat Bertha diese schwierige Zeit gemeistert? Ich vermute, dass ihre Hausfrauen-Tugenden wie Sparsamkeit und die Fähigkeit auch aus Resten und Abfällen noch etwas herzustellen, dazu beigetragen haben, dass die Familie diese Krise relativ gut überstanden hat.

Wie Familienfotos zeigen besuchte die Familie Senn oft die zahlreichen Verwandten im Aargau. Später konnten sie sich auch Familienferien in den Bergen leisten.

4.3. Witwe – Kampf gegen drohenden sozialen Abstieg

Die grosse Katastrophe erlebte die Familie, als der Ehemann und Vater, Gottfried Senn-Wehrli 1927 unerwartet verstarb. Im Leidzirkular steht:»Die tieftrauernden Hinterlassenen: Die tiefgebeugte Gattin Bertha Senn-Wehrli und Söhne Karl und Eugen.» Karl war wie sein Vater Kaufmann geworden und konnte vorerst für sich selber aufkommen. Berha Senn-Wehrli trug nun die ganze Verantwortung für ihren jüngeren minderjährigen Sohn Eugen. Sie musste alleine für ihn sorgen. Ob sie eine kleine Witwenrente bekam, ist mir nicht bekannt. Sie hatte vermutlich Ersparnisse und nach dem Tod ihrer Eltern (1927 und 1932) eine Erbschaft gemacht. Sie muss über etwas Kapital verfügt haben, denn später hat sie Geld in das Haus meines Vaters gesteckt. So oder so, sie musste sparen und einteilen. Sie hat einen Zimmerherrn aufgenommen. Die Familie hat offenbar auch Lebensmittel von der Familie ihres verstorbenen Mannes aus Gansingen erhalten, wie sich aus späteren Briefen schliessen lässt. Bertha Senn-Wehrli hat Kartoffeln und Äpfel vom Bauernhof eingekellert. An der Heizung hat sie gespart und ist früh mit einer Bettflasche ins Bett gegangen (Hinweis aus einem Brief). Sehr eindrücklich für mich war, als ich später ein von ihr selbst geschneidertes „Gloschli“ (=Unterrock) gefunden habe. Aus einer Wolldecke hatte sie ein Unterkleid genäht und oben ein „Göller“ daran gehäkelt. Möglichst sich warm anziehen, damit man Heizmaterial sparen kann, war die Devise. Sie war überhaupt sehr geschickt im Nähen und Flicken und hat aus den Hemdschilden neue Krägen genäht. Sie hat, wie es damals üblich war, die in der Mitte durchgelegenen Leintücher auseinandergeschnitten und wieder zusammengenäht, so dass die beschädigten Stellen am Rand waren. Für die Näharbeiten hatte sie eine schöne, alte Tret-Nähmaschine. Es kann sein, dass sie noch für andere Menschen gestrickt hat, um etwas dazu zu verdienen. Ich vermute auch, dass Karl zu Beginn zu Hause etwas Geld abgeliefert hat, vielleicht dafür, dass sie ihm die Wäsche besorgt hat. Schlimm wurde es während der Krisenzeit. Karl, der mittlerweilen geheiratet hatte, war längere Zeit arbeitslos, seine Frau Louise ebenfalls. Arbeitslosenunterstützung gab es keine. Karl und Louise zogen an den Mezenerweg. Sie haben durch das Ablesen der Gaszähler etwas Geld verdient. Es kam zu Spannungen in der Familie. Die Platzverhältnisse waren beengend. Eugen schlief in der Mansarde. Die zwei Frauen vertrugen sich nicht. Eugen musste möglichst bald auf eigenen Füssen stehen. Er konnte nicht ins Gymnasium eintreten und später studieren, wie er ursprünglich geplant hatte. Er musste eine KV-Lehre machen. Als er dann eine feste Anstellung auf der Militärversicherung beim Bund bekam, war das sicher für die Familie eine finanzielle Entlastung. Eugen hat seine Mutter finanziell unterstützt, auch später.

Der 2. Weltkrieg war eine neue Herausforderung. Schon vor dem Ausbruch des 2. Weltkrieges hatte der Bundesrat die Hausfrauen aufgefordert, Notvorräte anzulegen. (12) Bertha ist dieser Aufforderung nachgekommen: Sie hat u.a.Eier eingeweckt, Butter eingesotten und Sauerkraut eingemacht. Die blau-grauen Steinguttöpfe in unserem Gemüsekeller zeugten später davon. Sie schaffte Zucker und Mehl in grossen Säcken an. Nach ihrem Tod fanden wir im Estrich in einem Schrank einen 10 kg schweren Sack mit Zucker. Da der Zucker sich verfärbt hatte, haben wir ihn einem Imker gegeben. Beim Hausräumen entdeckte ich ein sorgfältig verschnürtes Paket. In der Annahme, es müsse sich etwas Wertvolles darin verbergen, habe ich das Paket ausgepackt. Meine Verblüffung war gross, als sich Streifen von Wolldecken darin befanden. Bertha hat diese Wolldeckenstreifen wohl aufbewahrt, um vielleicht eine Decke daraus zu nähen. Nichts wurde weggeworfen; Wertloses konnte nach ihrer Vorstellung vielleicht noch einmal gebraucht werden. Die Lebensverhältnisse waren sehr prekär; aber sie war bemüht, ihren Sohn Eugen mit dem Nötigen zu versehen. Sie schreibt ihm in den Militärdienst: „Lege Dir Mahlzeitencoupons für Brot bei, musst zum Käse doch Brot haben. Bis heute ist noch nichts von Gansingen gekommen (sie erwartete offenbar ein Lebensmittelpaket vom Bauernhof der Familie des verstorbenen Mannes), darum muss ich einteilen, dass wenn Du heimkommst nicht darben musst. Bin jeden Tag Wegmüllers erwartend (ein Bauer, der mit Pferd und Wagen Äpfel und Kartoffeln brachte) mit dem Wintervorrat». (13) Bertha muss geschickt gewesen sein, um brauchbare Gegenstände zu ergattern. „Habe bei der Holzverteilung 5 Stück Laden erhalten, die kann man brauchen am Gurten im neuen Haus im Spiegel». (14)

Vor dem Hintergrund der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse und dem gegenseitigen aufeinander Angewiesen sein, kann ich das enge Mutter-Sohn-Verhältnis besser verstehen. Eugen fühlte sich für seine Mutter verantwortlich, und deshalb hat er ein Haus im Spiegel gekauft, damit er sie aufnehmen konnte. Seine Mutter hatte ihm für den Hauskauf Geld gegeben. Sie bewohnte im ersten Stock zwei Zimmer und eine Küche. Sie hat immer für sich selber gekocht, mit Ausnahme von Weihnachten. Für Vreni (meine Mutter) war das Zusammenleben nicht einfach.

4.4. Erinnerungen an die Grossmutter

Als kleines Mädchen musste ich auf Anordnung meines Vaters jeden Abend der Grossmutter im ersten Stock einen Besuch abstatten. Meine Mutter sah das nicht gern und hat mir vorher eingeschärft, ich solle dann nicht alles erzählen, die Grossmutter sei nämlich eine „Gwundernase“. Artig und mich auch ein wenig wichtig fühlend sass ich dann neben der Grossmutter auf dem Sofa, hielt den Teddy-Bären mit der gestärkten Schleife auf dem Schoss, der normalerweise in der Sofaecke thronte, und habe mit ihr geplaudert. Ich habe sie als eine eher strenge, fromme alte Frau in Erinnerung. Sie hat mir Kissen und Vorhänglein für den Puppenwagen genäht. Manchmal habe ich auch meine Puppe zu ihr hinauf genommen. Sie hatte mich gern, ich war ihr einziges Grosskind.. „Vermisse sehr recht Theresli, es ist so still im Haus.“…. „Ja, liebes Theresli, dich vermisse ich, weißt es ist so still, darfst wieder Betrieb machen, wenn Du wieder hier bist.“ Einmal hat sie mir die vergessene Puppe in die Ferien nachgeschickt mit dem obligaten Guggelhopf: „Es ist ja doch die schönste Zeit für ein Mädchen, wenn es Bäbele kann“ (15)

Mich hat beeindruckt, wie sie noch als alte Frau auf den Knien den Boden geschrubbt hat. Mit Stahlspänen hat sie Wasserflecken vom Parkett entfernt. Dann hat sie den Boden mit Wichse eingerieben und anschliessend ein Wolltuch mit einem «Blocher» so lange hin und her geschoben bis der Boden geglänzt hat. Manchmal kamen Verwandte aus dem Aargau zu meiner Grossmutter auf Besuch. Ein Neffe hatte die reiche Tochter eines Warenhausbesitzers geheiratet. Von seiner Mutter erhielt ich einmal aus dem Warenhaus eine schöne Puppe mit echten Haaren, welche die Augen öffnen und schliessen und «Mama» sagen konnte. Auf Anraten des Hausarztes ass Bertha zum Z’nüni ein Stück Camembert und eine Schnitte Vollkornbrot, dazu trank sie ein halbes Glas Rotwein. Dies sollte als Stärkung gegen ihre Herzschwäche dienen. Sie hatte einen schwachen Magen und konnte weder Salat noch rohe Früchte vertragen. Ich kann mich noch daran erinnern, wie in den 1950er Jahren der Briefträger ihr monatlich die AHV-Rente an der Haustür ausbezahlte. Er nahm aus einer Brieftasche die Noten und aus einem grossen ledernen Geldbeutel die Fünfliber hervor. Die Minimalrente betrug 1948 Fr. 40.-(16)

Meine Grossmutter war eine fromme Frau. Jeden Sonntagmorgen ging sie in den Gottesdienst; später als es ihre Gesundheit nicht mehr zu liess, hat sie der Predigt am Radio zugehört. Am Freitag und am Karfreitag ass sie Fisch. Die letzten zwei Jahre lebte sie wegen Pflegebedürftigkeit infolge einer Herzschwäche in einem privaten Pflegeheim in Muri. Sie starb am 30. August 1961 an Herzversagen. Ihre letzten Worte sollen in etwa gelautet haben: „Es wird hell, Herr ich komme zu dir.“
Die Beerdigung war am 2. September 1961.

Quellenangaben:

1 Burger Hermann «Kirchberger Idylle», Nagel u. Kimche 2014, S. 92
2 (s. 1), S. 92
3 Bircher Patrick, 1991 «Zwei Dörfer – ein Tal: Wölflinswil, Oberhof, eine heimatkundliche Betrachtung», S. 70/71
4″Rückblende», 1976, Dorfchronik Wölflinswil und Oberhof, «Marktfahrer von Oberhof «S. 37-39
5 (s. 3) 1991, S. 71
6 (s. 4) 1995, S. 89/90
7 Brief von Anna Käser- Wehrli vom 29.07.2015
8 Anna Käser-Wehrli, mdl. Info.
9 Eintrag in der Familienbibel
10 (s. 4) 1995, S.58
11 «Rationierung», Historisches Lexikon
12 (s. 4) 1995, «Alte Zeiten, Lebensmittelrationierung im Ersten und Zweiten Weltkrieg», S.58
13 Brief vom 1.11.1944
14 Brief vom 14.02.1946
15 Briefe zw. 1953 – 1956
16 Die Geschichte der AHV, Hintergrunddokument, Bundesamt für Sozialversicherung